Einführung
I
Gestatten Sie mir zu Anfang ein paar allgemeine und organisatorische Bemerkungen. Es freut mich, daß so viele chinesische und deutsche Kollegen unserer Einladung, die doch, gerade für jene, die sich Visa und Genehmigung beschaffen mußten, relativ kurzfristig kam, gefolgt sind. So weit ich sehen kann, fehlt kein einziger von denen, die wir ursprünglich auf unserer Liste stehen hatten. Der Zuspruch war so groß, daß wir eine Reihe von zusätzlichen Anfragen, Referate halten zu dürfen, leider ablehnen mußten, weil unsere Kapazitäten erschöpft waren.
In diesem Zusammenhang gilt mein Dank dem Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie, und hier insbesondere Herrn Ministerialdirigenten Dr. Ulrich Haase, ohne dessen tatkräftige Unterstützung diese Konferenz nicht zustandegekommen wäre. Dank möchte ich auch dem DHM und seinem Direktor, Herrn Prof. Stölzl aussprechen, die diese Tagung erst möglich gemacht haben. Unsere bisherige Zusammenarbeit war für mich eine äußerst positive Erfahrung. Sie war geprägt durch Kollegialität und, so hoffe ich, Expertise. Wenn wir hier ab morgen über Kulturaustausch sprechen werden, dann muß ich sagen, bis jetzt haben die konkreten Austauschprozesse zwischen Berlin und Bayreuth, Bayreuth und Berlin, hervorragend und zu beiderseitigem Nutzen und Vorteil funktioniert. Dankeschön, Herr Dr. Hinz.
Danken möchte ich auch dem Freistaat Bayern, der die wissenschaftliche Erforschung kultureller Austauschprozesse in Tsingtau zwischen Deutschen und Chinesen an der Universität Bayreuth großzügig fördert und der die Referenten und Veranstalter morgen abend offiziell empfangen wird. Weil die Berliner Vertretung des Freistaates Bayern, die als erste aller deutschen Länder in der Bundeshauptstadt Berlin eröffnet werden wird, momentan noch im Umbau befindlich ist, werden wir diesen Empfang genau gegenüber der Landesvertretung, im Grand Hotel, durchführen.
Danken möchte ich nicht zuletzt meiner eigenen Universität. Bayreuth mag von der Berliner oder chinesischen Perspektive aus klein erscheinen, aber gerade jüngste Evaluationen haben bestätigt, daß wir uns vor den „Großen" nicht zu verstecken brauchen. Seit Jahren wird an der Universität Bayreuth die wissenschaftliche Erforschung außereuropäischer Kulturen intensiver betrieben als anderswo im Freistaat. Es ist keine Floskel, wenn ich stolz und auch dankbar feststellen darf, daß die Universität Bayreuth die Forschungen zum kolonialen Kulturkontakt zwischen Chinesen und Deutschen, Deutschen und Chinesen in Tsingtau mit voller Überzeugung und den ihr möglichen Mitteln unterstützt. Viele Kollegen wissen, wie schwierig es gerade heute geworden ist, Universitäten von der Berechtigung eines Projektes, hinter dem man zwar selbst mit Leib und Seele steht, das sich aber finanziell nicht selbst trägt und das keine Einnahmen verspricht, zu überzeugen. Daß dies in Bayreuth noch möglich ist und zwar mit Einsatz und Überzeugung, dafür, Herr Präsident Ruppert, meinen herzlichen Dank.
Lieber Herr Martin, viele die jetzt hier sitzen, wissen, daß Ihnen
eigentlich der erste Dank gebührt. Und für diejenigen, die es
nicht wissen sollten, sei klar und deutlich festgestellt: Ohne Herrn Martin
säßen die meisten von Ihnen, von uns, nicht hier. Er hat nicht
nur als erster ein Konzept für eine solche Veranstaltung vorgelegt,
er hat nicht nur die ersten Kontakte zu den chinesischen Kollegen geknüpft
und gesichert, er war der erste westdeutsche Historiker überhaupt,
der sich nach 1945 ausgiebig mit Fragen der deutsch-chinesischen Beziehungen
und insbesondere der Region beschäftigte, die uns hier interessiert.
Das war zu einer Zeit, als China im Westen Deutschlands und unter bundesdeutschen
Historikern noch keineswegs „en vogue" war. Prof. Bernd Martin hat Hindernisse
aus dem Weg geräumt und Bahnen gelegt, von denen wir alle heute profitieren
und auf denen wir wandeln. Es ist daher nur ein Zeichen historischer Gerechtigkeit,
wenn wir dies hier und heute dankbar anerkennen.
II
Böses Werk muß untergehen,
Rache folgt der Freveltat,
Denn gerecht in Himmelshöhen
Waltet des Kroniden Rat.
Böses muß mit Bösem enden;
An dem frevelnden Geschlecht
Rächet Zeus das Gastesrecht,
Wägend mit gerechten Händen.
So versucht Friedrich Schiller in seiner Ballade Das Siegesfest, geschrieben 1803, an einem Tiefpunkt der deutschen Geschichte - so schien es damals und so wurde es noch lange später gesehen - die ewige und grundsätzliche Frage nach der Gerechtigkeit in der Geschichte zu beantworten. Den historischen Frevlern droht die Bestrafung, denn, „Böses muß mit Bösem enden". Die Sicht, daß die böse Tat und der Täter an den Folgen dieser Tat zugrunde gehen wird, zumindest, daß er daran keine große Freude haben wird, findet sich in vielen menschlichen Kulturen, keineswegs nur in der deutschen oder im abendländisch geprägten Kulturkreis. Und eine solche Sicht ist auch unabhängig von religiösen Überzeugungen oder Anschauungen. Ob sie sich auch historisch rechtfertigen läßt, bleibt zweifelhaft, wenn sich auch als factum feststellen läßt, daß viele Historiker bis heute indirekt oder direkt ähnliche Vorstellungen mit ihrer eigenen Darstellung verbinden.
Keine Frage, die Art und Weise, wie Deutschland 1897 nach China kam, war, ich gebrauche bewußt eine moralische und keine historische Zuordnung, „böse". Es war eine seit langem geplante Aktion, die mit Vorsatz zu Ende geführt wurde, als sich die Gelegenheit bot. Das alles wissen wir seit langem und wir werden ab morgen die genaueren Einzelheiten, Entwürfe, Absichten und Zielsetzungen vor einem größeren Publikum besprechen und diskutieren. An dieser Bewertung ändert sich auch nichts, wenn wir bedenken, daß die sogenannten imperialistischen Mächte, allen voran Großbritannien, aber auch Portugal, Frankreich, Rußland, nicht zuletzt die asiatische Kolonialmacht Japan, ganz ähnlich vorgingen: mit Vorbedacht, rücksichts- und skrupellos eigene egoistische Interessen durchsetzend.
Bringt uns aber diese sicherlich bedauernswerte Tatsache weiter in der historischen Forschung? Die historische Genese und Zielsetzung des imperialen Ausgreifens auf China läßt sich mit solchen Kategorien und Bewertungen vielleicht hinreichend beschreiben und ausfüllen. Dies gilt wahrscheinlich auch für die Qualität der staatlichen Beziehungen zwischen einer solchen imperialen Macht und China und den Charakter der diplomatischen und politischen Beziehungen auf höchster Regierungsebene. Schwieriger wird es schon beim Versuch, die Politik der beteiligten Nationen, zumal der zugehörigen Bevölkerung, in ihrem Ganzen näher zu erfassen und zu würdigen. Ist es hin- oder ausreichend, das Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhundert pauschal als „imperiale Macht" zu kennzeichnen? Wenn imperiale bzw. koloniale Ambitionen die ganze Außenpolitik und auch die Innenpolitik dieses Landes dominiert hätten, vielleicht. Es hat Kollegen gegeben, die dies so gesehen haben (und manche sehen es immer noch so). Ihre Interpretationen gingen in die Geschichtsbücher ein und haben das gängige Bild des deutschen Kaiserreiches maßgeblich geprägt. Und am Ende: „unter der Belastung von Außen und Innen ist es dann zerbrochen", schrieb einer der maßgeblichen Vertreter dieser Sicht . Also doch: „Böses muß mit Bösem enden"?
Ich habe an einer solchen Gesamtinterpretation erhebliche Zweifel, weil es den historischen Charakter des deutschen Kaiserreiches extrem verkürzt und viele völlig entgegengesetzte Strukturen und Entwicklungen gänzlich negiert. Und Zweifel an dieser Sicht haben seit langem viele andere Kollegen, und wenn ich das richtig sehe, haben die Zweifel in den letzten Jahren eher zu- als abgenommen.
Noch größere Zweifel habe ich hinsichtlich Chinas. Ich denke es ist völlig unzureichend, die historische Bewertung des späten Kaiserreiches, der Ch’ing/Mandschudynastie, allein oder auch nur vordringlich an der - zugegebenermaßen - traumatischen Erfahrung mit den imperialen Gelüsten fremder Nationen festmachen zu wollen. Die in nahezu jedem Textbuch vorkommende Phrase von der „Schwäche" dieses Landes , seiner Regierung, teilweise sogar seiner Kultur, geht ursprünglich auf die Sicht gerade der imperialen Mächte zurück. Man hat diese Tatsache wenig hinterfragt, stattdessen die Phrase mit umgekehrtem Vorzeichen anstandslos weiterverwendet. Ich bin kein Sinologe, sondern Historiker, aber für mich sind viele andere historische Interpretationen denkbar, unter anderem auch jene, die ich hier nur anreißen kann, aber die im Kern das genaue Gegenteil von dem besagt, was ich oben geschildert habe: Dieses Land ist so groß und vielgestaltig, seine Kultur gleichermaßen so breit und elaboriert, seine historischen Erfahrungen mit fremden Eroberern und Kulturen derart ausgeprägt, daß auch diese neuen Eroberer und Kulturen ähnlich wie vorhergehende integriert, vielleicht sogar assimiliert hätten werden können, ohne Schaden für den eigentlichen Charakter Chinas. Ich bin sicher, ja ich weiß, daß solche und ähnliche Argumente und Argumentationsstränge in Kreisen von verantwortlichen Regierungsbeamten und ihren Beratern geführt wurden und daß auch in der keinesfalls erstarrten höheren Verwaltungsebene heftig um die richtige Politik Chinas gegenüber den Europäern gestritten und gerungen wurde.
Ich möchte an dieser Stelle aus unserem Bayreuther Forschungsprogramm nur einen Beleg anführen, der mir aber charakteristisch erscheint, weil er zum einen das - trotz des europäischen Imperialismus - ungebrochene chinesische Selbstbewußtsein dokumentiert und zum anderen auch belegt, wie, gerade durch den europäischen Imperialismus, auch ein Modernisierungsangebot bereitgestellt wurde, das mit Hilfe indigenisierter Innovationen auch in den Augen höchster Repräsentanten der etablierten Hierarchie Möglichkeiten friedlicher Reformen und einer behutsamen Fortschrittsentwicklung eröffnete.
Im Dezember 1902 besuchte der Gouverneur der Provinz Shandong, Tschoufu,
Kiautschou und Tsingtau. Was im deutschen Zeremoniell an einen Staatsbesuch
erinnerte, war für den chinesischen Gouverneur nur die amtliche Bereisung
eines Teiles einer ihm unterstehenden Provinz. In seiner Erwiderung auf
die Begrüßungsrede von Gouverneur Truppel äußerte
der Gouverneur von Shandong kurz aber prägnant:
China und Deutschland leben in Frieden und Freundschaft. ... Ist auch das Land von Tsingtau an Deutschland verpachtet, so ist es doch Shantung.
Im Bericht des deutschen Gouverneurs an den Staatssekretär
des Reichsmarineamtes ist eine gewisse Anerkennung für den chinesischen
Gouverneur nicht zu verkennen. Tschoufu sei trotz seiner 66 Jahre körperlich
ausdauernd. In seiner Ablehnung des Zeremoniellen wirke er ebenso modern
wie in seiner sozialen Haltung und der (laut Truppel für chinesische
Würdenträger ungewöhnlichen) Bereitschaft, auch die Beschwerden
und Klagen der niederen Bevölkerungsschichten anzuhören. Er sei
durchdrungen von der Überzeugung, die Chinesen müßten die
Errungenschaften der westlichen Technologie studieren, dann würden
sie diese ebensogut beherrschen wie die Europäer. Von Sehens-, Willens-
und Tatendurst durchdrungen, wollte der Gouverneur von Shandong
alles ... gleich in seiner Provinz beginnen oder nachmachen: Schule, Wasserwege, Landwege, elektrisches Licht, Anforstung, deutsche Polizei - und deutsche Musik; - bei allem fragte er, ob ich ihm dafür einen Beamten oder - ein Buch schicken könne.
Ganz besonders interessierte sich Tschoufu für die deutsche
Ausbildung der Polizei. Tsingtau galt als Stadt mit der niedrigsten Kriminalitätsrate
in China und der Gouverneur von Shandong wollte seine eigene Polizei in
Tsingtau nach deutschen Richtlinien und Methoden schulen lassen. Er wollte
sich gleichfalls nach deutschem Beispiel für die Zwangsaufforstung
abgeholzter Berggelände einsetzen und interessierte sich daneben vor
allem für mögliche joint ventures mit deutschem und chinesischem
Aktienkapital.
In dieser Sicht erscheint China vielleicht nicht als das Reich der
Mitte, aber doch als das der Größe, daß infolge seiner
Größe auch das Fremde, das nicht grundsätzlich Neue, auch
wenn es Böse sein mag, tolerieren und integrieren kann.
Umgekehrt wird ein Schuh draus, könnte man einwenden. Das klassische Argument: In konfuzianischer Erstarrung umfangen, hat man die eigene Größe über-, die der Fremden unterschätzt . Aber ist eine solche Argumentation nicht sehr, viel zu sehr, von Koordinaten des politischen Nationalismus, so weit wir historisch wissen, einer europäischen „Erfindung", bestimmt? Größe allein in nationalstaatlichen Dimensionen zu messen, historisch einzuordnen und zu bewerten, sind das nicht die - zu Recht - eigentlich längst überkommenen Kriterien von nationalistischer Politik und nationalistischer Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, von Treitschke und anderen?
Erst recht bringt uns die moralische Interpretation nicht weiter, wenn wir uns die kolonialen Lebenswelten vor Ort genauer ansehen. Die Kolonialgeschichte „von oben" ist seit Jahren geschrieben - aber wie steht es mit der Perspektive „von unten"? Wie in der übrigen Geschichtswissenschaft auch, sollten uns nicht auch, vielleicht sogar insbesondere, die kolonialen Erfahrungen des Alltags interessieren? Das alltägliche Leben chinesischer Männer, Frauen und Kinder im deutschen Pachtgebiet Kiautschou und ihr Kontakt mit den Deutschen (vornehmlich Männern), deren Vorstellungen, Praktiken und Verhaltensweisen - wie lief dieser Kontakt der beiden, sich zunächst wohl fremd gegenüberstehenden Kulturen ab? Ist es ausreichend, ihn nur durch die Kategorisierung „Zwangsherrschaft" beschreiben zu wollen? Gab es nicht trotz des kolonialen Ober- und Überbaus auch einen tagtäglichen Austausch der beiden Kulturen? Wenn ja, in welchen Bereichen und wie lief er ab? Ereignete er sich eher zufällig oder war er beabsichtigt? Welche Seite initiierte ihn und aus welchen Gründen? Schließlich wissen wir aus der (besseren) Erforschung anderer, aber ähnlich gelagerter Fälle, nicht zuletzt auch aus der eigenen chinesischen und deutschen Geschichte, daß es als Folge der Erfahrung mit dem Fremden immer wieder Akkulturation, Adoptionen und Adaptionen von Verhaltensweisen gegeben hat. Läßt sich ähnliches auch für Chinesen und Deutsche für den dem beiderseitigen Kontakt ausgesetzten Süden der Provinz Shandong feststellen? Inwieweit wurden Elemente, Sicht- und Verhaltensweisen der jeweils anderen Kultur übernommen? Lassen sich in solchen Fällen Begründungen und Motivationen herausfiltern und festmachen?
Für eine ganze Reihe von Ländern und Landschaften, in denen ein Kulturkontakt unter kolonialen Vorzeichen stattgefunden hat, liegen bereits Untersuchungsergebnisse vor. Für den uns hier interessierenden Fall gibt es wohl ausgezeichnete Vorarbeiten, die herangezogen werden können, die aber unter gänzlich anderen Vorzeichen erarbeitet wurden. Die oben skizzierte Fragestellung ist für das koloniale Kiautschou bzw. Tsingtau neu. Ich hoffe, daß wir in den nächsten Tagen hier einen gehörigen Schritt weiter vorankommen.
Schaue ich heute auf die deutsch-chinesischen Beziehungen, die Kontakte zwischen uns untereinander, die gemeinsamen Projekte, die Kollegialität ja Freundschaft an, dann fällt mir unwillkürlich ein häufig als Paradoxon empfundenes Wort Goethes ein.
Schillers Zeitgenosse Goethe hat sich ebenso wie dieser wie wir wissen intensiv mit dem Prinzip des Bösen und seiner Wirkung in der Geschichte auseinandergesetzt. Im I. Teil des Faust definiert sich Mephisto als
Ein Teil von jener Kraft,Ersetzen wir das zweite stets, dann mag es durchaus sein, daß wir eines Tages sagen können:
Die stets das Böse will
und stets das Gute schafft.
Der Imperialismuszurück zur Neuesten Geschichte
war ein Teil von jener Kraft,
die stets das Böse will
und manchmal doch
das Gute schafft.