BILDER AUS DER DEUTSCHEN SÜDSEE

Fotografien 1884-1914 

Hermann J. Hiery

 
                  
Bildband  Inhaltsverzeichnis



Einige Abbildungen / Some photographs   


Hermann Joseph Hiery
Zur historischen Bedeutung der Bilder.
Einige einführende Bemerkungen....................................................................... 7

 

Antje Kelm
Skurrile Exoten und liebenswerte Mitmenschen.
Ethnographische Anmerkungen zur kolonialen Südseefotografie......................... 16

 

I. Kaiser-WilhelmSLAND UND BISMARCKarchipel

Der Mensch und das Land.............................................................................. 35

Schiffe........................................................................................................... 98

Expeditionen................................................................................................ 105

Die koloniale Verwaltung und ihre Tätigkeit....................................................... 111

Die Polizei................................................................................................... 126

Widerstand und Kolonialjustiz....................................................................... 132

Schule......................................................................................................... 138

Die Mission................................................................................................. 142

Gesundheitswesen........................................................................................ 161

Arbeit, Wirtschaft, Handel und Industrie........................................................ 168

Das Leben in der Kolonie............................................................................. 180

Koloniale Metropolen..................................................................... ............. 201

 

II. Mikronesien

Marianen..................................................................................................... 211

Jap und die Westkarolinen ............................................................................ 215

Palau........................................................................................................... 221

Truk und die Zentralkarolinen.........................................................................228

Ponape und die Ostkarolinen......................................................................... 231

Marshallinseln.............................................................................................. 236

Nauru.......................................................................................................... 241

 

III. Samoa

 

Geschichte der deutschen Südseekolonien:

Ein chronologischer Überblick..................................................................... 267

Verzeichnis der benutzten Siglen............................................................. .... 277




 

Zur historischen Bedeutung der Bilder.

Einführende Bemerkungen

Hermann Joseph Hiery

 

Bilder aus der deutschen Südsee zeigen einen Ausschnitt dessen, was in Deutschland und darüberhinaus als fotografischer Nachlaß der deutschen Kolonialzeit in Neuguinea, Mikronesien und Samoa erhalten geblieben ist. Über mehrere Jahre lang wurde versucht, aus privaten und öffentlichen Sammlungen Fotografien zusammenzutragen, die die einheimischen Kulturen unter deutschem Einfluß und die koloniale Tätigkeit der Deutschen in der Südsee dokumentieren. Die meisten Bilder stammen, wie der Titel angibt, unmittelbar aus der deutschen Kolonialzeit, doch finden sich einige Abbildungen auch aus der protokolonialen Phase von vor 1884. Das früheste Bild dürfte eine Fotografie sein, die einen jungen Tolai abbildet (Abb. 23). Da der Fotograf Franz Hübner 1875 in Neuguinea verstarb, kann das Foto nicht später als in diesem Jahr entstanden sein. Nur wenige Fotos stammen aus der Zeit nach 1914. Dieser Bildband endet ganz bewußt vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, der das deutsche Kolonialreich faktisch aus der Welt schaffte. Dieser Krieg und seine Nachwirkungen wären ein eigenes, auch fotografiegeschichtlich eigenes Thema, das vielleicht später einmal bearbeitet werden kann.

Aus weit über 5000 Abbildungen, die dem Autor in Original oder Kopie vorlagen, wurden im vorliegenden Band 547 ausgewählt, weil sie entweder besonders repräsentativ oder besonders interessant erschienen. Vieles konnte wegfallen, weil ähnliche Motive, insbesondere bei den verschiedenen Missionen, immer wieder vorkamen. Andererseits fiel es gelegentlich schwer, das ein oder andere doch aufzugeben, um den Band nicht ins Uferlose anwachsen zu lassen. Bei der Auswahl der Bilder half meine Frau, die dabei ihre eigene melanesische Perspektive einbrachte. Was nunmehr vorliegt, soll das indigene wie das koloniale Leben im deutschen Melanesien, Mikronesien und Polynesien deutlicher illustrieren, soweit dies durch Fotografien, die unter kolonialem Einfluß erstellt worden sind, möglich ist. Es erscheint banal, aber auch diese Selbstverständlichkeit der kolonialen Fotografie verdient festgehalten zu werden: Fotografie war zunächst eine ausschließliche Sache der Europäer und zwar vor allem der Männer; welche Motive ein einheimischer Fotograf oder eine indigene Fotografin ausgewählt hätte, muß spekulativ bleiben. Immerhin soll darauf hingewiesen werden, daß Josef Ada (Abb. 405 u. 406), ein Sohn des einzigen Südseeinsulaners, der während der deutschen Kolonialzeit die Reichsangehörigkeit verliehen bekam, sich in Alzey einer Fotografielehre unterzog und nach seiner Rückkehr in Guam als Berufsfotograf niederließ. Ada hat dann während der japanischen Kolonialzeit typische Postkartenmotive von Guam fotografiert – Unterschiede zu einer europäischen (oder japanischen) Perspektive sind aus seinen Fotografien nicht zu erkennen. Hervorzuheben ist auch, daß Bild 490 dieser Auswahl – wie der Vergleich mit Bild 489 naheliegen läßt – ziemlich sicher von einer Nauruerin gemacht worden ist. Eine besondere indigene Sichtweise ist auch hier nicht zu erkennen. Es ist wohl auf Anordnung des Europäers fotografiert worden, eigentlich wurde nur der Auslöseknopf von einer einheimischen Frau betätigt. Bezeichnend ist jedoch, daß Bild 489, von einem Europäer gemacht, als Postkarte gedruckt und vertrieben wurde, Bild 490, das den Europäer zwar zeigt, aber formal gesehen nicht von ihm stammt, dagegen nicht.

Insgesamt wurde versucht, auf den Wiederabdruck bereits bekannter Bilder soweit als möglich verzichten und stattdessen das bislang eher Unbekannte zu präsentieren. Zu einigen wenigen Aspekten der kolonialen Tätigkeit mußte auf Fotografien zurückgegriffen werden, die bereits in der Kolonialzeit veröffentlicht worden waren - häufig allerdings an entlegenen Stellen, die, zumal im Ausland, heute nur schwierig zugänglich sind. Im übrigen läßt der Vergleich mit bereits veröffentlichten Fotografien nicht nur die damalige schlechte Wiedergabequalität erkennen. So fällt bei einigen Parkinson-Fotos auf, daß Parkinson in einzelnen Fällen kräftig retuschiert hat und wohl nicht nur, um die Qualität der Abbildungen zu verbessern. Abbildung 295 zeigt einen jungen Mann mit Trepanationsnarben, Wundmale, die nach indigenen Operationen am offenen Gehirn zurückblieben. Parkinson hat dieses Foto in seiner Darstellung deutlich nachbearbeitet. Und in Bild 80 zeigt der von Parkinson ebenfalls abgebildete Mann von der Insel Nukumanu keine der Tätowierungen, die Parkinson in einer Zeichnung betont herausstellt.

Eine ganze Reihe von Aufnahmen zeigt zum erstenmal im Bild, was bislang nur Spezialisten bekannt war. Im heutigen Papua-Neuguinea, das Reis als Hauptnahrungsmittel einführen muß, ist weitgehend unbekannt, daß es bereits im deutschen Neuguinea erfolgreiche Versuche gab, Reis im Land selbst anzupflanzen, um damit von teuren Importen unabhängig zu werden (Abb. 318-319). Auch die Ölpalme, seit einigen Jahren eine der Hauptexportartikel des Landes, wurde schon vor 1909 kultiviert (Abb. 315). Viele Personen, von denen man bislang keine bildliche Vorstellung besaß, werden hier zum erstenmal im Foto vorgestellt. So sind die Butam als eine in Neupommern beheimatet gewesene Ethnie bekanntgeworden, die während der Kolonialzeit ausgestorben ist. Abbildung 82 zeigt den letzten Überlebenden der Butam. Zu den Personen, die die deutsche Kolonialgeschichte der Südsee prägten, deren Gesichter aber im Verborgenen blieben, gehören u.a. der „abtrünnige“ Priester Constantini (Abb. 262), der kurz vor seinem Tode reumütig zur Kirche zurückfand und auf dem Missionsfriedhof in Vunapope beerdigt wurde, oder die Gruppe jener Baininger, die am 13. August 1904 zehn europäische und mindestens sieben einheimische Christen ermordete (Abb. 233).

Die Arbeit an diesem Band machte auch deutlich, daß manche Motive, die man auf Grund intensiver Beschäftigung mit der deutschen Kolonialverwaltung hätte erwarten dürfen, trotz langwieriger und mühseliger Suche in den verschiedensten Archiven, Nachlässen und Sammlungen nicht als fotografisches Dokument greifbar sind. Am ehesten nachzuvollziehen ist noch das Fehlen von Bildern der in Rabaul lebenden und arbeitenden japanischen Prostituierten. Andererseits sind in der Zeit jede Menge Fotografien mit eindeutig sexuellen Konnotationen entstanden; die Halb- und Vollakte aus Samoa (und übrigens auch des benachbarten britischen Fidschi und des amerikanischen Hawai’i) gehörten zu den am meisten nachgedruckten und verkauften Fotografien aus der Südsee überhaupt. Da sie in der Vergangenheit häufig und gerne abgebildet wurden, wurde an dieser Stelle gänzlich auf sie verzichtet. Weniger bekannt ist, daß auch in Mikronesien und selbst im kolonialen Neuguinea fleißig Aktaufnahmen hergestellt wurden – Aktaufnahmen einheimischer Frauen und, wie wir im vorliegenden Werk sehen, auch Männer. Es war durchaus die Frage, ob solche Fotos überhaupt publiziert werden sollten. Ausschlaggebend war die Überlegung, daß gerade auch die Aktfotografie eine Seite des Kolonialismus zeigt, nämlich die der sexuellen Übergriffe gegenüber der indigenen Bevölkerung, die in schriftlichen Quellen nur wenig Erwähnung findet. Auf manchen Fotografien ist die Angst der abgebildeten nackten oder halbnackten einheimischen Frauen und Mädchen vor der an ihnen vorgenommenen Prozedur deutlich zu erkennen. Besonders erkennbar wird dies in Bild 488. Verwunderlich ist, daß diese Aufnahme, die man bei genauerem Hinsehen wirklich nur als sexistisch bezeichnen kann, ziemlich sicher von einem der bekanntesten Ethnologen der Zeit, Macmillan Brown, gemacht worden ist, der seinen eigenen Fotografen, den Deutschen Günther Schumacher aus Schanghai mit einem Naurumädchen abbildet, das ganz und gar zum Objekt degradiert wird. Auf der anderen Seite steht etwa das Mädchen in Abb. 63, das einen eher ungezwungen Eindruck hinterläßt.

Zu jenen Motiven, die erstaunlicherweise fehlen, weil sie ganz offensichtlich nicht gemacht worden sind, gehört die Tätigkeit des europäischen Gouvernementsrats, sowohl in Neuguinea wie in Samoa. Wenn auch angenommen werden kann, daß Innenaufnahmen einer Sitzung aus technischen Gründen möglicherweise damals nur schwierig möglich waren – die Aufnahmen von geschlossenen Schulkassen, von Kirchenräumen und von Büros, auch wenn sie zumeist dunkel erscheinen, zeigen aber, daß es prinzipiell möglich war – so hätte man doch erwarten können, daß die Gouvernementsräte sich nach oder vor der Sitzung hätten ablichten lassen. Das war aber augenscheinlich nicht der Fall. Auf zwei Dinge ist zudem in dem Zusammenhang „fehlender Bilder“ ausdrücklich hinzuweisen: Zwar mangelt es nicht an Fotografien, die auch das Grausame, den Tod von Einheimischen und den Vollzug der Todesstrafe dokumentieren, aber zwei besonders wichtige Bereiche kolonialer Existenz scheinen für die Fotografen tabu gewesen zu sein – der Vollzug der Prügelstrafe an Melanesiern und Chinesen und der Tod der Europäer. Beides ist auffällig. Einerseits war die Prügelstrafe die gängigste koloniale Straf- und Disziplinierungsmaßnahme gegenüber einheimischen Arbeitern (und Angestellten) im deutschen Neuguinea. Und auch in Samoa war der Vollzug der Prügelstrafe bei chinesischen und melanesischen Kontraktarbeitern keineswegs selten. Andererseits war der frühzeitige Tod der Europäer im kolonialen Neuguinea, sei es durch Malaria oder irgendeine andere Tropenkrankheit, oder aber durch äußere Gewalteinwirkung, eine typische Erfahrung des kolonialen Alltags mindestens bis zur Jahrhundertwende. Im Bild festgehalten wurde das anscheinend nicht.

Fotografien über körperliche Züchtigung sind – bezeichnenderweise – erst aus australischer Zeit bekannt und auch bereits veröffentlicht worden (mit falscher Zuschreibung allerdings). Das Fehlen dieser Bilder für die deutsche Kolonialzeit kommt einer faktischen Selbstzensur der Kolonialeuropäer gleich. Hätten wir nicht mannigfache schriftliche Quellenbelege und Aussagen von Zeitzeugen, könnte das visuelle Fehlen von Belegen zu abenteuerlichen Behauptungen Anlaß geben - insbesondere auch deswegen, weil aus den afrikanischen Kolonien durchaus solche Fotografien bekannt sind, auch wenn sie nicht gerade häufig sind. Über die Gründe für das Fehlen dieser Bilder für Neuguinea und den chinesischen und melanesischen Part des kolonialen Samoa kann nur spekuliert werden. Es mag sein, daß Südseeromantik dabei eine Rolle spielte, wenngleich sofort einzuschränken ist, daß viele andere Fotografien aufgenommen wurden – und überlebt haben – die die häßliche und grausame Seite des Kolonialismus auch in der Südsee in aller drastischen Schärfe deutlich machen (vgl. etwa Abb. 27 in Die deutsche Südsee).

Zu jenen Motiven, die man normalerweise nicht fotografierte, gehörte Krankheit und Tod der Europäer. Während der Tod der Einheimischen, auch jener, die in Europa verstarben, immer wieder fotografisch festgehalten wurde (vgl. Abb. 135, 137-141 u. 465), kommt der Tod der Europäer in der Fremde im Bild nicht vor. Die Tatsache als solche, daß der Tod der Europäer in der Kolonie, insbesondere in Neuguinea, zu einem, vor allem während der Anfangsjahre, fast alltäglichem Schauspiel gehörte, mußte offensichtlich vom als objektiv gesehenen Medium Fotografie ferngehalten werden. Solche Bilder konnten keine funktionierende deutsche Kolonie darstellen, sondern nur Schrecken verbreiten, nicht nur im kolonialen Mutterland, wo man mit allen Mitteln für die Kolonien warb, sondern vor allem auch in einer Kolonie wie Neuguinea selbst, wo jedes Fieber tödlich enden konnte. Es war eben kein Zufall, daß man nicht davor zurückschreckte, entsetzliche körperliche Entstellungen durch Elefantiasis, insbesondere der weiblichen oder männlichen Geschlechtsorgane, unter Einheimischen bildlich genauestens zu dokumentieren, daß aber andererseits Aufnahmen von kranken, insbesondere an Malaria bzw. Schwarzwasserfieber erkrankten Europäern, tabu waren und tabu blieben. Von der Katastrophe, die Anfang 1891 die deutsche Bevölkerung Finschhafens durchaus nicht in einem Zug, sondern nach und nach hinwegraffte (vgl. Die deutsche Südsee, 288), existiert ebenfalls keinerlei visuelles Zeugnis. Erst recht gibt es keine Fotografien von ermordeten Europäern, selbst dort, wo eine Aufnahme aus kriminalrechtlichen Gründen vielleicht nahegelegen hätte (etwa beim sogenannten Bainingmassaker).

Der leidende oder unter den Schicksalsschlägen der Natur leidende Einheimische ist ein Thema, ein beliebtes Thema für den europäischen Fotografen. Selbst der unter anderen Menschen und sogar unter der Kolonialverwaltung leidende Einheimische ist ein Thema; Fotografien von Gefangenen (vgl. etwa Abb. 229) oder gar von Hinrichtungen (vgl. Abb. 238) sind keineswegs so selten, wie man vielleicht annehmen möchte. Fotografien, die Kannibalismus belegen, gibt es begreiflicherweise nur wenige. Abb. 143, auf den ersten Blick für Europäer wenig erschreckend, für Melanesier, denen das Foto gezeigt wurde, um so bestürzender, dürfte aber ziemlich realistisch illustrieren, wie es praktiziert wurde. Als longpela pig (großes Schwein) wird der Mensch genauso eingepackt wie das zum Kochen bestimmte Schwein – eben nicht wie ein zur regulären Bestattung bestimmer Toter.

Der leidende, ebenfalls von den Schicksalsschlägen der Natur und unter Umständen auch von der Aggressivität anderer Menschen abhängige Europäer wird dagegen fotografisch tabuisiert. Es fehlen deshalb auch – fast könnte man sagen konsequenterweise – Bilder von jenen Europäern, die nur als Alkoholiker die koloniale tropische Umwelt auszuhalten schienen. Dabei wissen wir doch aus einer Vielzahl von Quellen, daß die Trunksucht unter vielen europäischen Siedlern eher die Regel als den Ausnahmefall darstellte. Immerhin scheinen einige Fotografien den glasigen Blick noch aufgefangen zu haben, der zum Spätnachmittagsstatus vieler Südseedeutschen gehört haben dürfte. Eine gewisse Portion Selbstironie ist ebenfalls nicht zu übersehen; das Biertrinken und Kartenspielen als vorgeblich charakteristisch deutsche Eigenschaften sind von Parkinson in einem gesetzten Fotoakt durch melanesische Schauspieler karikiert worden (vgl. Abb. 347). Einige Fotografien, nach denen der Verfasser leider vergeblich gesucht hat, gelten als verschollen. So hat ihm in Samoa eine ganze Reihe von Gewährsleuten versichert, daß ein Foto existierte, welches den Abtransport von Toten der großen Influenzaepidemie auf einem Leichenwagen zeigte, das aber heute nicht mehr erhalten scheint. Da die Influenzaepidemie formal gesehen schon außerhalb des eigentlichen Betrachtungzeitraums dieses Bandes liegt, war das im vorliegenden Fall hinzunehmen.

Es ist aber ein Anliegen dieses Bandes, solche und ähnliche fehlende Bildzeugnisse, die vielleicht doch noch in privaten Sammlungen lagern, an das Licht der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zu ziehen. Besitzer solcher Bilder werden gebeten, sich mit dem Verfasser in Verbindung zu setzen. Die meisten Institutionen und privaten Sammlungen bewahren im Regelfall immer wieder die gleichen Bilder; augenscheinlich wurden Motive, die interessant erschienen, in der Zeit bedenkenlos nachgedruckt. Häufig ist es schwierig, den wirklichen Urheber bzw. Fotografen der Bilder zu bestimmen. Ein Beispiel für viele möge genügen. Bild Nr. 60, eine Aktaufnahme, stammt sicherlich von Richard Parkinson. Es ist in einem eigenen Fotoalbum von Richard Parkinson, das dieser Gouverneur Hahl zum Geschenk machte, überliefert. Erst im Rahmen der Arbeit zu dem vorliegenden Band stellte Frau Kelm fest, daß die ursprüngliche Glasplatte zu der Aufnahme von Parkinson an das Völkerkundemuseum in Hamburg abgegeben oder verkauft worden ist. Daß dies in der Tat so war, belegt der Sprung in der Glasplatte, der als Strich auf dem Abzug deutlich erkennbar ist. Jedenfalls haben Parkinson und andere offensichtlich keinerlei Grund gesehen, ihre mehrfach reproduzierten Aufnahmen nicht auch an die verschiedensten Personen und Institutionen zu verteilen, weiterzugeben oder vielleicht sogar mehrfach zu verkaufen. Wirkliche Individualaufnahmen, Fotografien, die von Einzelnen gemacht und aufbewahrt, aber nicht in größerem Maße vervielfältigt wurden, sind eher selten, schon weil das Fotografieren an sich bis vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ein sehr teures Hobby war. Wilhelm Fellmann, einer jener großen Individualfotografen der Zeit, der gleichwohl auch eigene Aufnahmen zur weiteren Verbreitung freigab, erhielt noch 1912 eine Kamera, die die Mission ein Vermögen gekostet hatte. Auch andere Missionen verfügten über eigene Missionsfotografen. So war der aus Neuötting stammende Priester Josef Oberreiter (1876-1944, vgl. Abb. 264), seit 1901 in Deutsch-Neuguinea, der offizielle Fotograf der Herz-Jesu-Mission. Es war deshalb kein Zufall, daß sowohl Fellmann wie Oberreiter mit der Verbreitung ihrer Aufnahmen keineswegs sparsam umgingen.

Das gilt erst recht für die nachgelassenen Fotografien von den typischen Touristen der Zeit, den Marinesoldaten. In deutschen Museen finden sich zahlreiche Alben, die zumeist von Marineangehörigen eines der vielen in der Südsee tätigen Kriegsschiffe herstammen. Fast immer enthalten sie Aufnahmen, die augenscheinlich vor Ort in Menge erworben werden konnten. Diese Praxis ist von Wegener bereits für das Jahr 1900 gut belegt, enthält doch schon Wegener mehr Aufnahmen, die er vor Ort erwerben konnte, als von ihm selbst hergestellte Fotografien. Der Erwerb dieser Reproduktionen war einfacher und vor allem auch kostengünstiger. Da viele dieser Aufnahmen europäische Klischees von der Südsee bildlich zu bestätigen schienen, wurden sie anscheinend immer wieder nachgedruckt. Diese Aufnahmen zeitlich genau zu datieren, erst recht, sie einem originären Fotografen zuzuschreiben, ist in den meisten Fällen äußerst schwierig. Andererseits muß auch gesagt werden, daß einige wenige Alben doch Unikate oder fast Unikate enthalten, weil entweder die darin gezeigten Motive nur kurzfristig „lieferbar“ waren oder unter Umständen sogar ganz bewußt vom Verkauf zurückgezogen wurden. Abb. 239 liefert hierfür ein gutes Beispiel. Es zeigt den Bezirksamtmann Dr. Albert Kornmajer, über den wir ohnehin nicht allzu viel wissen, bei einer Scheinexekution. Kornmajer wollte sich damit über die Angriffe von der Herz-Jesu-Mission, die nach einem möglicherweise tatsächlich bewußt antikirchlichen Urteil Kornmajers im Zusammenhang mit dem Bainingmassaker an Schärfe zunahmen, lustig machen. Das Foto war wohl käuflich zu erwerben, als ein Matrose vom Vermessungsschiff Möve Anfang 1905 in Herbertshöhe weilte. Wenig später beschlagnahmte das Gouvernement die noch vorhandenen Fotografien, der Bezirksamtmann selbst wurde von Neuguinea „wegversetzt“.

Angesichts der geschilderten Umstände ist das Verhalten einiger Institutionen, „copyright-Gebühren“ für Fotografien zu verlangen, deren Urheber heute unbekannt ist und die zudem keinesfalls Unikate repräsentieren, sondern so auch anderswo zuhauf aufbewahrt und damit benutzbar sind, mehr als fragwürdig – moralisch und rechtlich ohnehin – zumal mit der Frage, ob die Ab-, Über- oder gar nur Leihgabe der Bilder durch meist andere Personen als die Urheber der Fotografien an die Institutionen, die sie heute aufbewahren, auch wirklich die rechtliche Verfügung über die Bildinhalte miteinschließt, allzu oft mehr als leger umgegangen wird. Auf der anderen Seite ist verständlich, wenn staatliche oder kommunale Institutionen, die im Regelfall heute eben nicht oder nicht mehr über größere finanzielle Mittel verfügen, Bedenken haben, ihre Schätze, deren Bewahrung und Verwaltung sehr personal- und kostenintensiv ist, nichtwissenschaftlichen Unternehmungen und dann auch noch kostenfrei zur Verfügung zu stellen.

Noch ein paar Hinweise zur Benutzbarkeit des Bandes. Deutsch-Neuguinea ist mit den meisten Abbildungen vertreten. Das liegt in der Größe der Kolonie und der Anzahl seiner Bewohner begründet. Es wurde versucht, die in den Band aufgenommenen Fotografien nach gewissen sachlichen Kriterien zu ordnen. Daß dabei der einheimische Mensch auch quantitativ stärker repräsentiert ist, schien zunächst ein Zufall und von dem Zugang zu den vorhandenen Quellen abhängig. Nicht nur in der Nachschau erscheint dies aber auch sachlich begründbar, nicht zuletzt auch deswegen, weil Neuguinea die Heimat einer Vielzahl unterschiedlicher Ethnien bildet. Nicht alle konnten logischerweise aufgenommen werden, aber repräsentativ soll die Auswahl schon sein. Wenn man die Kontaktgeschichte der deutschen Kolonialzeit kennt, versteht es sich von selbst, warum Hochländer nicht vertreten sind. Neben dem einheimischen Mensch und seiner Umwelt gehören die Kolonialverwaltung und ihre Aktivitäten, die verschiedenen christlichen Missionen und das koloniale Leben zu jenen Bereichen, die wegen ihrer Bedeutung am ausführlichsten fotografisch dokumentiert sind. Für den Bereich Schule konnte auf vieles, weil im Grunde ähnlich, verzichtet werden. Ob die Missionsschule und die Missionsschüler aus Namatanai oder Alexishafen stammten, macht am Ende wenig Unterschied, wenn die Aufnahmen selbst keine wirkliche Differenz oder Ergänzung zur sonst üblichen Schulmethode bilden.

Die Auswahl für Mikronesien und Samoa mußte gegenüber Neuguinea konsequenterweise im Umfang geringer ausfallen. Mikronesien findet sich nach geographischen Kriterien, die auch die heutigen staatlichen Verhältnisse widerspiegeln, geordnet, folgt aber ansonsten ähnlichen Auswahlprinzipien wie jenen für Neuguinea. Bei Samoa fällt eine gewisse Motivarmut auf. Dies hat ganz wesentlich mit der Tatsache zu tun, daß in Apia im Gegensatz zu Neuguinea und Mikronesien bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts Berufsfotografen – John Davis, Thomas Andrew und Alfred John Tattersall – tätig waren, die auf die Auswahl der Bilder entscheidenden Einfluß ausübten. Neben idyllisch-pittoresken Fotografien von „typischen“ Samoanern und vor allem Samoanerinnen und ihren Dörfern gibt es nur weniges, was die samoanische Realität des Alltags, auch des kolonialen Alltags, bildlich schärfer konturieren würde. Die Fotografien des „kolonialen“ Samoa atmen schon etwas von der keimfreien „Eine-Welt-Sicht“ des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Selbst die deutsche Kolonialverwaltung ist nur in wenigen Bereichen wirklich gut fotografisch dokumentiert – etwa durch die samoanische Fitafita (Gouverneurspolizei), die eigentlich außerhalb eines nur zeremoniellen Rahmens keine besondere Rolle spielte. Ein großer Verlust ist das Verschwinden des fotografischen Nachlaßes des zweiten deutschen Gouverneurs, Dr. Erich Schultz. Mehrere Fotoalben aus seinem Besitz sind erst in den letzten Jahren auf dubiose Weise verschwunden. Immerhin konnte mit dem umfangreichen Fotonachlaß seines Vorgängers Dr. Wilhelm Solf mehr als ein Ersatz für die Zeit bis etwa zum Ende des ersten Jahrzehnts deutscher Kolonialherrschaft erschlossen werden.

Bei den Bildlegenden wird eingangs der Name des Fotografen, soweit er eruierbar war, genannt. Eine Zeitbestimmung wurde nur dort vorgenommen, wo sie einigermaßen verläßlich möglich war. Das Siglenverzeichnis ermöglicht den Nachweis der jeweiligen Quelle.

Daß das vorliegendeWerk überhaupt das Licht der Öffentlichkeit erblicken konnte, ist nur der Hilfe und Unterstützung zahlreicher Personen und Institutionen zu verdanken. Zu danken habe ich an erster Stelle Dieter Klein, der großzügig Zugang zu seiner umfangreichen Sammlung gewährte und mit zahlreichen Fotografien diesen Band zu einem erheblichem Maße prägte, sowie Dr. Antje Kelm und dem Völkerkundemuseum in Hamburg. Frau Kelm hat den notwendigen ethnographischen Blick miteingebracht und immer wieder ihre Sachkenntnis und ihr Wissen mit dem Verfasser geteilt. Dafür daß dieses Werk natürlich kein rein ethnologisches sein konnte, bitte ich auch jetzt noch einmal um Verständnis. Das Museum für Völkerkunde Hamburg hat den Zugang zu seinem reichen Bildbestand gewährt und das Unternehmen in jeder Beziehung gefördert. Auch viele andere deutsche Völkerkundemuseen haben zum Gelingen des vorliegenden Werkes beigetragen. Dafür sei herzlich gedankt. Zu danken ist auch Dr. Thomas Theye, der viele außerordentlich nützliche Hinweise gab, Gabi Krampf, die die meisten Fotos einscannte und schließlich all jenen, die ihre Sammlungen öffneten und bereitwillig Fotografien zur Verfügung stellten: der Alexander Turnbull Library in Wellington, der Macmillan Brown Library in Christchurch, dem Pacific Manuscript Bureau in Canberra, der State Library of New South Wales in Sydney, dem Lindenmuseum in Stuttgart, den Völkerkundemuseen in Berlin-Dahlem, Hamburg, Leipzig und München, der Marineschule Mürwik, der Liebenzeller und der Neuendettelsauer Mission, den Herz-Jesu-Missionaren in Salzburg-Liefering und Vunapope, den Herz-Jesu Schwestern in Hiltrup, der Steyler Mission in Rom, St. Augustin, Steyl und Wien-Mödling, schließlich P. Xaver Anninger, MSC, Dr. Michaela Appel, Sr. M. Bartholomäa, MSC, Dr. Siegfried Boettcher, Max Broadbent, Thomas Breitling, Karl Brenner, Familie Delfs-Fritz, Dr. Berthold Fellmann, Liselotte Fellmann und Dr. Ulrich Fellmann, Prof. Dr. Mathias Freund, Br. Walter Fuchs SVD, Theodor Hagedorn, P. Felix Heinz, MSC, Professor Peter Hempenstall, Susanne Hertterich, Erzbischof Karl Hesse, MSC, P. Josef Höcherl, MSC, P. Winfried Holz, MSC, Pfarrer Manfred Keitel, P. Konrad Keler, SVD, Sr. Doris Kemper, MSC, Detlev Krause, Gabriella Maillard, Dr. Marion Melk-Koch, Karin Molck-Uhde, Professor Karen Nero, Jeff Palmer, Friedrich Rose, Schwester Ilse Szaukellis, Dr. Dorothee Schäfer, Birgit Scheps, Dr. Markus Schindlbeck, Dr. Barbara Treide, Dr. Hermann Vorländer, Josef Walldorf, Arno Walter, Norbert Wenger, Klaus Wostrack und Br. Zbigniew Toczek, SVD. Schließlich verdanke ich die Umsetzung der Idee wiederum dem Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn. Zu danken ist dem Verleger, der noch kurz vor seinem tragischen Tod in einem längeren Gespräch mit dem Verfasser sein persönliches Interesse an dem Projekt deutlich machte, ebenso wie Frau Kathrin Tenge-Borowski und insbesondere dem Lektor für Geschichte und Politik, Michael Werner, der das Werk von seiner Entstehung bis zur schließlichen Veröffentlichung gewohnt umsichtig und mit vielerlei Rat und Tat begleitet hat.

 
Anschrift für Korrespondenz:

Prof. Dr. Hermann Hiery, Lehrstuhl für Neueste Geschichte, Universität Bayreuth, 95440 Bayreuth. E-mail: hermann.hiery@uni-bayreuth.de

 

 

Literatur


Zunächst ist generell auf die ausführliche kritische Bibliographie im Anhang zu dem Beitrag von Antje Kelm in diesem Band hinzuweisen. Aber auch an dieser Stelle muß die überragende Bedeutung der Arbeiten von Thomas Theye – zuletzt Ethnologie und Photographie im deutschsprachigen Raum (1839-1884), Frankfurt a. M. 2004 – noch einmal betont werden. Theye hat im Jahrbuch für Europäische Überseegeschichte (3/2003, 182-189) eine englischsprachige Monographie von Anne Maxwell, Colonial Photography & Exhibitions: Representations of the ‚Native’ and the Making of European Identities, London/New York 1999, die das Fotografieren in der kolonialen Südsee (allerdings kaum die deutsche) schwerpunktmäßig betrachtet, ausführlich und zu Recht recht kritisch besprochen. Der von Eleanor M. Hight und Gary D. Sampson herausgegebene Sammelband Colonialist Photography. Imag(in)ing Race and Place, London/New York 2002, geht in zwei Beiträgen (Michael Hayes, „Photography and the emergence of the Pacific cruise: Rethinking the representational crisis in colonial photography“, und Patricia Johnston, “Advertising paradise: Hawai’i in art, anthropology, and commercial photography”) auf die koloniale Südsee ein, Bezüge zu den deutschen Aktivitäten fehlen allerdings fast vollständig.

Zu der älteren Kolonialliteratur der Zeit, die koloniale Fotografien reproduzierte, gehört Georg Wegener, Deutschland im Stillen Ozean, Bielefeld und Leipzig 1903. Wegener war 1900 in die deutschen Südseebesitzungen gereist und hatte dabei sowohl selbst fotografiert als auch eine ganze Reihe von Fotografien, die vor Ort käuflich erhältlich waren, gesammelt und in seinem Werk abgedruckt. Wegeners insgesamt 140 Abbildungen sind nach oben deutlich zu datieren: Sie sind in keinem Falle jünger als das Jahr 1900. Trotzdem wurden viele Fotos, die wir bereits bei Wegener finden, immer wieder ohne Quellenangabe in anderen Werken reproduziert und auch deutlich später datiert als eigentlich möglich. Man kann davon ausgehen, daß eine solche Vorgehensweise wahrscheinlich dazu beitragen sollte, die zeitliche Nähe der ausgewählten Bilder zum veröffentlichten Werk zu unterstreichen (und damit das plagiathafte Vorgehen zu verschleiern). Allerdings ist auffällig, daß selbst moderne Arbeiten in der Regel dazu neigen, ältere Bilder eher später als früher zu datieren. Man geht in der Literatur offensichtlich stillschweigend davon aus, daß Fotos nicht so alt sein können, wenn sie von der Qualität her überzeugen. Die pauschale Anwendung einer solchen „lectio difficilior“ für die Fotografiegeschichte wäre allerdings fragwürdig. Dagegen muß festgehalten werden, daß schon Fotografien aus der Zeit von vor 1880 zum Teil eine Qualität besaßen, die auch heute noch erstaunlich wirkt. Das gilt selbst für Glasplatten. Wenn überhaupt, dann nimmt die hohe Qualität dieser Fotografien mit der Zeit eher ab, insbesondere nach dem kleinformatige Fotos nach Ende des Ersten Weltkrieges ihren großen Durchbruch erzielen und zum Fotografieren keine wirkliche Anleitung, schon gar nicht Ausbildung, erforderlich erscheint. So wird das Fotografieren an sich zwar einfacher – und damit, wenn man so will, auch „demokratischer“ – aber die Fotografien selbst verlieren eher an Qualität.

Neben Wegener enthält ein Sonderband der kolonialen Zeitschrift Kolonie und Heimat, der 1911 als fünfter Band („Südsee“) der Reihe Eine Reise durch die deutschen Kolonien erscheinen ist, mit insgesamt 204 Abbildungen die meisten Fotografien zur deutschen Kolonialzeit. Ergänzend für das Kaiser-Wilhelmsland sei auch noch hingewiesen auf Eugen Werner, Kaiser-Wilhelms-Land. Beobachtungen und Erlebnisse in den Urwäldern Neuguineas, Freiburg i. Br. 1911, der mit 120 Abbildungen erheblich mehr enthält als jene Werke, die sich auf wenige Textillustrationen beschränken. Für den Bismarckarchipel ist auf das Standardwerk von Richard Parkinson, Dreißig Jahre in der Südsee. Land und Leute, Sitten und Gebräuche im Bismarckarchipel und auf den deutschen Salomoinseln, Stuttgart 1907, zu verweisen. Parkinson, ein fleißiger Fotograf, hat darin knapp 200 Aufnahmen publiziert, die meisten von ihm selbst aufgenommen. Einiges wurde von ihm retuschiert, wie Belege im vorliegenden Werk verdeutlichen. Für Bougainville muß ebenfalls K. J. Schaffrath genannt werden. 74 seiner Fotografien sind unter dem Titel Südseebilder 1909 in Berlin bei Dietrich Reimer erschienen. Besonders beeindruckend ist dabei ein Foto der sonst nirgendwo abgebildeten 72 Meter langen Hängebrücke über die Rigo-Lagune im Hafen von Kieta (Bild 6). Unter neueren Werken wäre an erster Stelle zu nennen A Pictorial History of New Guinea von Noel Gash und June Whittaker, 1975 in Milton/Queensland erschienen und seitdem mehrfach nachgedruckt. Hier finden sich eine Fülle an Bildern aus der deutschen Kolonialzeit Neuguineas und des Bismarckarchipels. Manus und die nördlichen Salomonen sind allerdings deutlich unterrepräsentiert.

Weder für das deutsche Mikronesien noch für Samoa unter deutscher Kolonialverwaltung sind bislang Fotografien aus der deutschen Kolonialzeit in größerem Stile veröffentlicht worden. In dem von Francis Hezel und Mark Berg herausgegebenen Werk Micronesia. Winds of Change. A Book of Readings on Micronesian History, o.O. o.J., finden sich nur ganz wenige Abbildungen aus deutscher Zeit. Immerhin gibt es in der kolonialen Missionsliteratur einen teilweisen Ersatz für die Marshallinseln (einschließlich Naurus): H. Linckens, Auf den Marshall-Inseln (Deutsche Südsee). Land und Leute. Katholische Missionstätigkeit, Hiltrup o.J. Für Samoa kann man allenfalls zurückgreifen auf The Cyclopedia of Samoa (Illustrated). A Complete Review of the History and Traditions and the Commercial Development of the Islands, with Statistics and Data never before compiled in a single publication. Descriptive and Biographical Facts, Figures and Illustrations, Sydney 1907. Darin finden sich neben Abbildungen von Häusern insbesondere auch Fotografien von damals in Samoa lebenden Deutschen.

 


Skurrile Exoten und liebenswerte Mitmenschen.

Ethnographische Anmerkungen zur

kolonialen Südseefotografie

Antje Kelm


Nach der Erfindung der Fotografie haben Reisende die besonderen Möglichkeiten dieses neuen Mediums schnell erkannt und begeistert aufgegriffen. Das Gesehene und Erlebte konnte jetzt auch im Bild vorgezeigt werden und wurde dadurch viel anschaulicher. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Fotografie unerläßlich für die Ethnologie. Vor allem angesichts der Tatsache, daß unter dem Einfluß der Kolonialisierung viele Züge außereuropäischer Kulturen nach und nach und manchmal auch sehr schnell zu schwinden begannen, machten es sich immer mehr Ethnologen zur Aufgabe, systematisch prägnante Züge der im Verlöschen begriffenen Kulturen im Foto festzuhalten. Im 20. Jahrhundert ging es zunehmend auch darum, ganze Kulturen, bzw. deren sichtbare Ausdrucksformen, auf breiter Basis abzulichten, um sie so nicht nur unter den Zeitgenossen bekannt zu machen, sondern vor allem, um die Erinnerung an sie für die Nachwelt festzuhalten. Der bekannteste Name für diese Art ethnographischer Vorgehensweise ist sicherlich Margaret Mead.

Die Nutzung der Fotografie als Hilfsmittel der Ethnographie in dem angesprochenen Sinn basierte auf der Überzeugung, daß das abgelichtete Foto in der Lage sei, ein objektives Abbild der Wirklichkeit zu liefern. Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein waren Ethnologen bei ihrer Feldarbeit davon überzeugt, sie würden mit der Fotografie die Realität der Ethnie widerspiegeln, die sie untersuchten. Erst in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts setzte ein stärkeres Nachdenken über die Begrenztheiten ein, denen das Medium Fotografie unterworfen ist. Vorausgegangen war eine intensivere fachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fülle von ethnographischen Fotos, die sich mittlerweile in Museen und Instituten angesammelt hatten, sowie verschiedene Ausstellungen, bei denen Fotos mit ethnologischen Inhalten im Mittelpunkt des Interesses standen.

Einschränkungen in der Verwendbarkeit der Fotografie als exaktes Medium sind in erster Linie in der Person des Fotografen zu sehen. Da dieser seine Bilder auch verbreiten bzw. verkaufen will, wird er sich in der Mehrheit der Fälle auch dem Geschmack seines Publikums unterwerfen. So scheinen im 19. Jahrhundert jene Fotos besonders erfolgreich gewesen zu sein, die in dem Fremden das Exotische abbildeten. In Europa kursierten Einzelbilder oder Alben, die häufig besonders skurrile Züge von Menschen aus anderen Kontinenten zeigten. Diese Bilder, die das für das europäische Auge Außergewöhnliche präsentierten, trugen ganz wesentlich dazu bei, im Bewußtsein der Europäer „Eingeborene“ zu „Eingeborenen“ zu machen. Sie vergrößerten den Abstand zwischen den Kulturen, indem der europäische Betrachter seine zivilisatorische Überlegenheit bestätigt fand. Erst allmählich sahen europäische Fotografen auch das eher Alltägliche, das Gewöhnliche in den anderen Kulturen, und hielten es mit der Kamera fest. So formten sie nach und nach das Bild des total Fremden um in ein Bild eines zwar anderen, aber dem Europäer denn doch nahestehenden Menschen. Bei den frühen Fotografien aus der Südsee, die weiter unten vorgestellt werden sollen, ist dieser Prozeß sehr schön nachzuvollziehen.

Aber abgesehen einmal von dem Geschmack und den Sichtweisen seiner Zeit ist der Fotograf auch bestimmt von seinen eigenen Intentionen, etwa jene, ein ästhetisch ansprechendes Werk zu schaffen. Er wird aus dem Fotografierten irgendeine Art Komposition zu machen versuchen. In der frühen Zeit der Fotografie, als die Technik es noch nicht erlaubte, spontane Bewegungen festzuhalten, war das bewußte Aufstellen von Menschen zu einer Gruppe oder das Positionieren einer Einzelperson in einer bestimmten Haltung eine absolute Notwendigkeit. Ein Abbild der Realität war ein so entstandenes Foto nicht. Das Aufstellen von Menschen für ein Gruppenfoto ist im übrigen noch lange Zeit bei Ethnologen das übliche Verfahren gewesen, auch nachdem die Technik längst kurze Belichtungszeiten und damit Aufnahmen in der Bewegung ermöglichte. Mit der Kamera in der Hand kann der Ethnologe aber auch ganz bewußt Botschaften über die von ihm besuchten Menschen übermitteln, je nachdem bei welcher Handlung oder mit welchem Requisit ausgestattet er sie darstellt. Das Bild, das er zeichnet, kann so liebreizende, friedfertige Menschen vorstellen oder blutrünstige Kannibalen, deren Anblick Furcht einflößt. Selbst wenn der Fotograf darum bemüht ist, eine objektive Wirklichkeit darzustellen, so sind ihm dennoch bei seinem Vorhaben eine Reihe von Grenzen gesetzt, die verhindern, daß seine Fotos die in einer Ethnie gelebte Realität abbilden. Fotos werden immer nur einen Ausschnitt eines kulturellen Ganzen zeigen können. Nie ist mit Sicherheit gewährleistet, daß selbst ein länger bei einer Ethnie weilender Wissenschaftler immer Augenzeuge von allem wird, was sich bei seinen Gastgebern abspielt. Auch bei längerer Feldforschung müssen Ethnologen sich immer wieder Ereignisse im Leben ihrer gastgebenden Ethnie schildern lassen und geben sie so wieder, ohne sie selbst je gesehen zu haben. Die Lücken, die so in den verbalen Schilderungen auftauchen, wiederholen sich natürlich auch innerhalb der Foto-Dokumentation. Eine meines Erachtens ganz entscheidende Voraussetzung für das Zustandebringen von möglichst wirklichkeitsgetreuen Fotos liegt darüber hinaus in der persönlichen Beziehung zwischen dem Fotografen und seinen Motiven, insbesondere wenn er Menschen abbildet. Mit diesem Punkt setzt sich eine breite Palette von Publikationen auseinander, in denen z.B. nachzuweisen versucht wird, daß bestimmte religiöse Vorstellungen es Menschen schwierig machen, sich als Fotomodelle zur Verfügung zu stellen. Häufig wird die Macht des Fotografen angesprochen, der Menschen über ihr wie immer geartetes Bild für andere stets verfügbar werden läßt. Die damit angerissene Frage der Ethik beim Fotografieren ist mit Sicherheit noch nicht endgültig ausdiskutiert. Mag auch angesichts der zahlreichen Einschränkungen und Bedenken, die jetzt im Hinblick auf die Nutzung der Fotografie in der Ethnologie angeführt worden sind, der Eindruck entstehen, daß dieses Medium grundsätzlich nur mit großen Vorbehalten angewendet bzw. auch rezipiert werden dürfe, so muß bei alledem doch die Unverzichtbarkeit des Fotoapparates in der Hand des Ethnologen festgestellt werden. Jeder Feldforscher benötigt die Kamera, um erst einmal für sich selbst Dinge, die er untersucht, im Bild festzuhalten, um sie dann später als Quelle für seine weiteren Forschungen zu benutzen. Handlungsabläufe sollten so intensiv wie möglich fotografisch dokumentiert werden; denn gerade wegen der Einmaligkeit eines jeden Ereignisses bleibt sein fotografischer Beleg auch ein einmaliges Dokument.

Die Südsee geriet ab Mitte des 19. Jahrhunderts in den Blickwinkel des Interesses von Fotografen, und zwar verstärkt in dem Augenblick, als diese Region Ziel von Handelsunternehmungen und damit verbunden ab Ende der fünfziger Jahre auch Niederlassungen von Europäern, und nicht zuletzt von Deutschen, wurde. Ansichten von paradiesisch anmutenden Inseln mit sich im Wind wiegenden Palmen, von glücklich anmutenden, dort wandelnden Menschen mögen im europäischen Betrachter den schon in der Antike entstandenen Traum von den Inseln der Seligen in Erinnerung gebracht haben. Die im starken Wandel begriffenen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse im Europa um die Mitte des 19. Jahrhunderts verlangten offenbar nach Traumwelten, Welten, die zumindest in Gedanken eine Flucht aus einer immer öfter als unbefriedigend empfundenen Wirklichkeit verhießen. Da boten sich Fotos, welche die Existenz eines Paradieses auf Erden vorgaukelten, Bilder von Menschen, die im Einklang mit der Natur zu leben schienen, geradezu an. Frühe Südsee-Fotografien mit ethnographischem Inhalt zeigen deutlich die Entwicklung, welche die ethnographische Fotografie auch in anderen Teilen der Welt genommen hat. Der fotografische Blick auf den Fremden mit der ihn umgebenden „anderen“ Umwelt reicht von zunächst als „Exoten“ wahrgenommenen und vermittelten anderen Menschen mit fremdartig anmutenden Requisiten in der Hand oder neben sich, die das Außergewöhnliche, Nicht-europäische noch unterstreichen sollten, bis hin zu Menschen, die als tatsächliche Zeitgenossen in einem freilich anderen natürlichen und kulturellen Umfeld gesehen wurden. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der Person des jeweiligen Fotografen. Waren es anfänglich Reisende aus verschiedensten Berufen wie etwa Mitglieder von Schiffsbesatzungen, Kaufleute, Pflanzer, Verwaltungsbeamte oder Missionare, welche aufnahmen, was ihnen bemerkenswert erschien, kamen dann auch bald, wie z.B. in Samoa, Berufsfotografen hinzu, deren Augenmerk sich eher auf das einerseits Ungewöhnliche, andererseits aber auch auf das Schöne gerichtet haben mag. Gerade die Berufsfotografen, deren Interesse es war, möglichst viele Bilder möglichst weltweit zu verkaufen, orientierten sich bei der Auswahl ihrer Motive an den Erwartungshaltungen ihrer Kunden. Daraus erklärt sich zuallererst die große Fülle von Fotografien von Südseeschönheiten in Form von auf Pappe aufgezogenen Einzelbildern, sogenannten „cartes de visites“, Postkarten und dergleichen, die sich heute in Fotoarchiven von Museen und anderen Institutionen auf der ganzen Welt finden. Zu diesen Studiofotografen gesellten sich aber bereits recht früh Wissenschaftler wie Ethnologen, Geographen oder Mediziner. Sie wollten keine Traumwelten vorgaukeln. Ihr Blick war von Anfang an auf das Vermitteln von wissenschaftlich korrekten Tatsachen gerichtet.

Ganz wichtig war in den Anfängen der ethnographischen Fotografie, in einer Zeit, als die physische Anthropologie ein, fast möchte man sagen, dominanter Teil der Wissenschaft von den Menschen und ihren Kulturen war, das Aufnehmen von Personen beiderlei Geschlechts, möglichst nackt und von verschiedenen Seiten, nicht selten neben eine Meßlatte gestellt. Diese Fotos sollten als Forschungsmaterial dienen, anhand dessen der physische Anthropologe typische Merkmale von Rassen würde herausarbeiten können. Immer wieder ist in Publikationen zur frühen ethnographischen Fotografie auf das Entwürdigende dieses Vorgehens hingewiesen worden. In der Zeit selbst, als diese Aufnahmen entstanden, scheinen die Fotografen allerdings, überzeugt, der Wissenschaft einen wichtigen Dienst zu leisten, und sicher auch aus ihrer kolonialen Überlegenheit heraus, kaum Zweifel an ihrer Vorgehensweise besessen zu haben.

In ethnographischen Museen wie z.B. dem Museum für Völkerkunde Hamburg lagert eine Fülle von Südsee-Fotos, deren Herkunft nicht immer eindeutig auszumachen ist. Auch in Privatbesitz befinden sich immer noch Alben wie jene des ehemaligen Hernsheim-Verwalters Johannes Jacobs, die der Autorin dankenswerterweise zur Verfügung gestellt wurden. Die hier vorgestellte Landschaft aus einem der Alben Jacobs’ (Abb. 1) entspricht voll und ganz dem Stereotyp „paradiesische Südsee-Landschaft“, das bis heute in der Vorstellungswelt von Europäern präsent ist. Es ist eine vollkommen beliebige Aufnahme von einem vollkommen beliebigen Ort, an dem nur eines vorhanden sein muß: ein Strand mit Meer und Palmen. Völlig unerheblich sind dabei der Zeitpunkt der Aufnahme und der Fotograf. Reiseprospekte belegen, daß dieses Muster Tausende von Touristen ganz offenbar in einen „Traum“-Urlaub zu locken vermag. Ob der paradiesische Strand dabei in der Südsee, der Karibik oder im Indischen Ozean gesucht wird, scheint für die Urlauber eher unwichtig zu sein.

Die Aktfotografien aus demselben Album von Jacobs geben ebenfalls, wie das Stereotyp der Südseelandschaft, Traumbilder wieder, Bilder von nach europäischen Vorstellungen schönen Menschen mit klassischem Körperbau, durchaus dazu angetan, Männerphantasien anzuregen. Das junge Mädchen, das hier in einem ovalen Rahmen zu sehen ist, (Abb. 65) trägt die offenbar traditionelle Kleidung der Frauen von der Insel Durour (heute Aua), nämlich einen Lendengürtel aus Pflanzenfaserschnüren, der einen zwischen den Beinen hindurchgezogenen Schamschutz aus einem nach oben spitz zulaufenden Blatt hält. Eine Kette aus vermutlich denselben Faserschnüren ist dicht um den Hals gewickelt. Weggelassen ist bei dieser Aufnahme der für die Aua-Frauen typische Fest-Kopfschmuck aus einer Vielzahl von einzelnen Fasersträngen, die mit Seevögelfedern besetzt sind, vielleicht, um diesem Frauen-Torso das südseemäßig-Exotische zugunsten eines allgemeingültig Erotischen zu nehmen. Auch daß das Mädchen zu lächeln scheint,  macht dieses Foto für den männlichen Blick attraktiv, während Aktaufnahmen oder Halbakte von Südseeschönen, die oft einen gequälten Gesichtsausdruck darbieten, beim Betrachter eher einen bitteren Beigeschmack zurückgelassen haben dürften. Auf jeden Fall dient hier die traditionelle Kleidung des Mädchens nicht dem Festhalten von ethnographischen, dem Untergang geweihten Eigenheiten der Insel Aua; der besondere Schamschutz erhöht vielmehr die erotische Ausstrahlung ganz ungemein; der Zweck des Fotos ist eindeutig. Auch der die Hamburger Südsee-Expedition begleitende Künstler Hans Vogel, angezogen von der Schönheit der Aua-Frauen, hat diese mehrfach fotografiert und eine von ihnen später nach den Fotos auch gemalt. Er lichtet sie (Abb. 64) in einem Rock, wenn auch mit eindeutig erotisch wirkenden Brüsten ab. Die Kette von Vogels Fotomodell ist aus Perlen europäischen Ursprungs gemacht und läßt vermuten, daß zum Zeitpunkt von Vogels Anwesenheit auf Aua, im Juni 1909, der Blätterschamschurz, wenn überhaupt, dann nur noch zu besonderen Anlässen getragen wurde.

Daß es aber nicht nur weibliche Körper waren, welche die Blicke der Fotografen anzogen, beweisen zahlreiche männliche Akte in Jacobs’ Album. Zwar gibt es aus der Südsee jener Zeit, vor allem vom Sepik, wo das Nacktgehen bei Männern vielfach üblich war, eine Fülle von Bildern mit Männern ohne Kleidung, die aber völlig natürlich und absolut unerotisch wirken. Die Bilder von unbekleideten jungen Männern in Jacobs’ Album hingegen zeigen diese in gestellter, unnatürlicher Pose, wie sie zwar nicht ihre Genitalien, wohl aber ihre wohlgeformten Schenkel zur Schau stellen. Auch der Zweck derartiger Fotos, die vielleicht in Männerclubs herumgereicht worden sind, scheint eindeutig (Abb. 66).

In dem Moment, wo der in der Südsee Reisende das Ziel verfolgt, mit seinen Aufnahmen einem wissenschaftlichen Zweck zu dienen, ändert sich der Blick auf das Motiv. Der erste, der, obwohl von Hause aus kein Ethnologe, in die ferne Inselwelt ausgesandt wurde, um dort ethnographische Gegenstände und Daten über die Lebensweise der Pazifik-Bewohner zu sammeln, aber auch Fotos von den angetroffenen Menschen und ihrem kulturellen Umfeld anzufertigen, war Johann Stanislaus Kubary. Kubary, ein aus politischen Gründen aus Polen nach Berlin geflohener Medizinstudent, bot sich im Jahre 1868 dem Inhaber des Hamburger Handelshauses Godeffroy, Johann Cesar VI Godeffroy, der 1861 in Hamburg ein privates ethnographisch-naturwissenschaftliches Museum gegründet hatte, als Forschungsreisender mit Ziel Südsee an. Zunächst über Tonga nach Apia auf Samoa ausreisend, wo die Firma Godeffroy zu jener Zeit ihren Hauptsitz im Pazifik besaß, machte Kubary bald die Karolinen zum Zentrum seiner Untersuchungen. Dort fotografierte er, und zwar zunächst nach einem Muster, wie er es offensichtlich in Apia bei dort ansässigen Berufsfotografen kennengelernt hatte. So waren sowohl Landschaften als auch, in erster Linie, Menschentypen seine bevorzugten Motive. Aber obwohl die Landschaften – Abbildung 449 zeigt eine Strandpartie der Insel Tä der Mortlock-Gruppe – dieselben Bestandteile enthalten wie die oben vorgestellte Traum-Insel der Südsee, nämlich Meer, weißer Strand und Palmen, wecken sie im Betrachter nicht unbedingt den Eindruck von einem Paradies. Das mag daran liegen, daß Kubary, nach mehrmonatigem Aufenthalt auf verschiedenen Inseln, selbst inzwischen in der Realität des Lebens hier angekommen war. Sein Stranddorf mit einheimischen Häusern unter Palmen, mit Booten und angeschwemmtem Tang am Strand zeigt zwar noch Südsee-Landschaft, aber eher nüchtern realistisch gesehen. Es ist ein Ort, in dem Menschen leben und arbeiten.

Die im 19. Jahrhundert für sehr wichtig erachtete Herstellung anthropometrischer Bilder, die als Grundlage für weitere anthropologische Untersuchungen dienen sollten, hatte Kubary bereits zu Beginn seines Aufenthaltes in der Südsee auf Samoa im Jahre 1869 kennengelernt und auch selbst ausgeübt. Anthropometrische Fotos von Menschen mit einer Meßlatte neben sich hat Kubary dann auch auf den Karolinen aufgenommen. Wie im Verzeichnis der Fotografien des Museums Godeffroy vermerkt ist, sind diese Aufnahmen „nach Vorschrift“ gemäß der Anleitung zu wissenschaftlichen Beobachtungen von Neumayer entstanden. Kubary ist damals also dem üblichen und von ihm erwarteten Verfahren gefolgt. Der in Abbildung 70 vorgestellte junge Mann mit Namen Pula von den Anachoreteninseln nodwestlich von Manus (seit der deutschen Kolonialzeit: Kaniët) ist vermutlich Mitglied einer ganzen Gruppe von Menschen dieses kleinen Archipels gewesen, die mit ihrem Boot, wie viele andere Südseeinsulaner auch, von ihrer eingeschlagenen Reiseroute in der Nähe ihrer Heimatinseln abgetrieben wurden und so nach Palau gelangten. Dort pflegten zumindest einige von ihnen einen offensichtlich intensiveren Kontakt mit Kubary, ja, dieser scheint ein paar der Vertriebenen – vielleicht sogar alle –  als Dienstpersonal in seinen Haushalt aufgenommen zu haben. So kann man davon ausgehen, daß das vorgestellte Foto nicht ohne vorherige Billigung des Porträtierten, von dem es auch noch eine Seitenansicht gibt, entstanden ist. Von Pula existieren darüber hinaus weitere Aufnahmen, die ihn sowohl in europäischer als auch in traditioneller Kleidung zeigen. Eine ganze Reihe anderer Fotos, die wie das hier wiedergegebene aus dem Bestand des Museums Godeffroy stammen und nunmehr im Museum für Völkerkunde Hamburg aufbewahrt werden, zeigt weitere Einwohner von Kaniët in ihrer traditionellen Kleidung – für den Ethnologen heute einmalige Dokumente. Auf Abbildung 71 ist eine etwa 25-jährige Frau „mit lang herabhängenden, schleifenartig erweiterten Ohren“, wie es in der Bildunterschrift heißt, zu sehen. Sie trägt die mit Sicherheit noch im 19. Jh. aufgegebene Nationaltracht der Anachoreten- (Kaniët-)Frauen, einen hinten lang herabhängenden Doppelschurz, für den Kubary die Bezeichnung oahi notiert. Es kann davon ausgegangen werden, daß der polnische Forschungsreisende, inzwischen längst mit ethnographischem Blick wahrnehmend, weniger an der Ablichtung des Körpers der jungen Frau, denn an ihrem auch für ihn bis dahin unbekannt gebliebenen Kostüm interessiert war.

Wie Kubary auf den Karolinen versucht hat, für seine Aufnahmen von Menschen ein Foto-Studio nach samoanischem Vorbild einzurichten, zeigt sehr anschaulich das Bildnis eines einflußreichen Mannes von der Insel Tä der Mortlock-Gruppe (Abb. 446). Dieser sitzt auf einer mit einer geblümten Decke kaschierten Kiste vor einem wie immer aufgespannten weißen Betttuch. Seine Füße stehen auf einer geflochtenen Matte. Das ganze Arrangement scheint sich unter freiem Himmel zu befinden, wie der äußere Teil des Bildes erkennen läßt, der noch das Umfeld zeigt. Bei seinen übrigen Porträt-Fotos hat Kubary den Ausschnitt so gewählt, daß nur die bedeckte Kiste und der weiße Hintergrund zu sehen sind. Das ist etwa der Fall bei einer ganzen Reihe von Aufnahmen, die er auf Truk gemacht hat. Diese Serie zeigt einmal mehr Kubarys über das rein Anthropologische hinausgehende ethnologische Interesse beim Fotografieren, greift er doch hier das Thema „Verwandtschaft“ auf, indem er einen bedeutenden Mann namens Sope (Abb. 447) von der Ethnie Men Sopu und gleichzeitig eine seiner Frauen (Abb. 448), einen Bruder, eine Schwester und einen Sohn, jeweils im vollen Festornat, porträtiert. Möglicherweise von Kubary eher mit der Intention der Demonstration körperlicher Verwandtschaftsmerkmale aufgenommen und so vermutlich im Museum Godeffroy auch vorgestellt, bietet diese Serie dem Ethnologen heute eine Fülle von Informationen nicht nur über die traditionelle Kleidung und den Schmuck der Insel Truk, sondern sie läßt auch eine Rangabfolge unter den Porträtierten erkennen. Diese wird an der Ausstattung der einzelnen Personen im Hinblick auf Kleidung und Schmuck deutlich.

Während Kubarys Porträts und seine übrigen Aufnahmen von Menschen sein persönliches Interesse an den Personen, mit denen er umgeht und die er abgelichtet hat, erkennen lassen – er vermittelt eben auch ihre Namen und einen Teil ihres persönlichen Schicksals -, bildet die Mehrheit der Fotos von Einheimischen aus verschiedenen Regionen der „deutschen Südsee“ eher anonyme Personen ab. Diese sind noch dazu oft mit ethnographischen Objekten ausgestattet, die dem Betrachter in Europa unbekannt und von daher unverständlich scheinen müssen. So aufgenommen, dürften die jeweils vorgestellten Menschen eher noch fremder, dem europäischen Betrachter noch unvertrauter erscheinen, als sie es ohnehin schon gewesen sein mögen. Abb. 23 aus dem Museum Godeffroy, die auf keinen Fall nach 1875 aufgenommen worden sein kann, weil sie auf Franz Hübner (Abb. 24) als Fotografen zurückgeht, zeigt einen Tolai-Jüngling von der Insel Mioko (Duke of Yorkinseln). Hier besaß Hernsheim seine erste Niederlassung im Bismarckarchipel. Ein ebenfalls frühes Porträt eines Tolai, dessen Namen mit Freisink überliefert ist, stammt von dem Ethnologen und Forschungsreisenden Otto Finsch. Wie jenes von dem namenlos gebliebenen Tolai-Jüngling aus dem Museum Godeffroy dürfte auch dieses Foto des eher finster dreinschauenden jungen Mannes beim zeitgenössischen europäischen Betrachter den Eindruck eines sehr fremden, fast sogar wilden Menschen hinterlassen haben. Der Tolai Freisink, trotz seiner Jugend vermutlich schon ein einflußreicher Mann – das läßt sein breiter „Geldkragen“ erkennen – präsentiert nicht nur seinen breiten Halsschmuck, sondern auch die traditionellen Nasenverzierungen der Männer seines Volkes, die unter europäischem Einfluß dann sehr schnell verloren gegangen sind. Der „Kragen“ besteht aus zahlreichen konzentrischen Ringen von auf gespleißte Rotanschnüre aufgezogenen kleinen Nassaschneckenscheiben, die das heute noch übliche traditionelle Zahlungsmittel dieses Volkes darstellen. Museen verwahren diese Halskragen oder Teile von ihnen in beträchtlicher Fülle. Doch nur die ganz frühen ethnographischen Fotos wie jene von Finsch oder auch von Parkinson vermitteln auch, wie sie getragen wurden, und sind deshalb heute für die Fachwelt von unschätzbarem Wert.

Das gleiche gilt auch für einige weitere um dieselbe Zeit entstandene Aufnahmen von Otto Finsch von der Insel Matupi, die einen lebendigen Eindruck von dem alltäglichen Leben der Tolai bieten. Diese Ethnie, in deren Heimat derselbe Otto Finsch auf seiner zweiten Expedition im Jahre 1884 die deutsche Flagge hißte, geriet aus verständlichen Gründen sehr früh unter europäischen Einfluß und gab Teile ihres traditionellen Lebens recht schnell auf. Die Tolai sind es aber auf der anderen Seite auch, die wegen der Nähe zur deutschen Kolonialverwaltung in unserem Land das Bild „vom Südsee-Insulaner“ nachhaltig geprägt haben. Das vorgestellte Foto (Abb. 125) zeigt ein traditionelles Gehöft der Tolai mit einem länglichen Haus mit den typischen Spitzen an den beiden Enden des Firstes – diese Eigenheit weisen Tolaihäuser heute nicht mehr auf -, mit den zum Trocknen an der Wand aufgehängten Schlafmatten und mit verschiedenen Gestellen im Vordergrund, die zum Lagern der Nahrung dienen. Drei Familienmitglieder, die Finsch locker im Hof gruppiert hat, geben der Szene einen lebendigen Charakter. Vor allem wirken die Personen, so abgelichtet, nicht wie Exoten, sondern vertraut-menschlich. Typisch für Tolai-Gehöfte jener Zeit ist der Zaun aus dicht nebeneinander gesteckten Bambus- oder Rohrstäben. Solche Zäune sieht man heute kaum noch.

Ein besonders eindrucksvolles Foto von Otto Finsch mit dem Titel „Dekoration der Grabhäuser“ zeigt eine traditionelle Begräbnisstätte der Tolai (Abb. 135). Demnach wurden die Toten noch im 19. Jahrhundert in kleinen Häusern auf dem Grundstück ihrer Angehörigen bestattet, vor denen der aus Anlaß des Todesfalles von den Clanmitgliedern zusammengetragene Reichtum aufgehäuft ist. Der Verstorbene selbst mit weiß gekalktem Gesicht, mit einer Federkrone auf dem Haupt, einer Binde um den Mund, die den Unterkiefer in Position halten soll, und mit seinem breiten Geldkragen um den Hals sitzt in der Mitte des Bildes vor dem Begräbnishaus, dessen Vorderfront mit weißen Tüchern zugehängt ist. Diese Tücher, das einzige europäische Requisit in der Inszenierung, können aufgehängt sein, um dem Toten zu signalisieren, dass seine Ankunft im Jenseits willkommen ist. Noch heute existiert bei den Tolai ein Brauch, wonach Neuankömmlinge in einem fremden Dorf, wenn sie als Gäste freundlich aufgenommen werden sollen, durch das Schwenken von breiten weißen Tüchern begrüßt werden. Der Tote selbst ist weitgehend unter zahlreichen Geldringen, dazu noch unter einer Art von dunklem Tuch verborgen. Noch mehr dicke große Geldringe stapeln sich allenthalben vor der Begräbnishütte, und zwischen ihnen sitzen die Trauernden, die allerdings etwas schwer zu erkennen sind, da sie sich alle während der Dauer der Aufnahme bewegt zu haben scheinen. Weiterhin gehören zu dem aus Anlass des Todesfalles akkumulierten Reichtum zahlreiche bemalte Zeremonialschwerter, mehrere Speerbündel, die senkrecht an dünne Stämme gebunden sind, und wohl auch, links vorn im Bild, eine Keule. Schließlich sind ganz vorn verschiedene Kroton-Pflanzen zu sehen, die mit ihren rötlichen Blättern und hier noch mit abschnittsweise weiß gekalkten Stämmen stets von den Tolai dort als Dekoration verwendet werden, wo das Numinose anklingt.

Ebenfalls von Otto Finsch stammt ein Foto mit einem ähnlichen Inhalt. Es stellt eine heilige Stätte der Tolai, nämlich den „Gedenkzaun zu Ehren des verstorbenen Häuptlings Tanropale“ dar (Abb. 136). Dieser Zaun, der innerhalb eines eingezäunten Grundstücks aufgestellt ist, besteht aus dicht nebeneinander in den Boden gesteckten Stämmchen, die in ihrem oberen Teil mit einer weiß-roten (?) Zackenlinie bemalt sind und oben dann weiß gekalkt enden. In diesen Zaun hineingesteckt sind zahlreiche lange gefiederte Zweige. Die jeweils nach einer Seite von den Zweigen abstehenden Federn sind vermutlich echte weiße, schwarze und eventuell rötliche Vogelfedern – das Foto läßt das nicht so ganz genau erkennen. Zwischen diesen gefiederten Stäben sind Krotonpflanzen eingefügt – die Tolai lieben noch heute Festdekorationen aller Art aus verschiedenen, mit besonderen Seelenkräften ausgestattet gedachten Pflanzen. Ferner hängen Geldringe und vermutlich mit Nahrungsmitteln gefüllte Körbe an dem Zaun, neben weiteren bunt gefärbten Flechtwaren. Bemerkenswert an dieser Stätte sind darüber hinaus eine bunte Schlangenlinie an einem Baumstamm, ein ebenfalls farbig gestalteter Rhombus und ein weißer Kalkring an jeweils einem anderen Stamm. Diese Verzierungen, deren tiefer Symbolcharakter vorausgesetzt werden kann, betonen das Numinose des ganzen gestalteten Raumes. Finsch hat neben das Arrangement einen Menschen gestellt, der ein schräg gegen den Zaun gelehntes langes Bambusrohr hinter sich zu halten scheint. Der Zweck dieses Rohrs ist nicht ganz ersichtlich. Vermutlich dient es aber als Stütze. Zusammen mit einigen weiteren Aufnahmen von Tolai in ihren Gehöften oder Dörfern auf der Insel Matupi vermittelt Finsch ein äußerst lebendiges Bild vom Alltag dieser Ethnie in einer Zeit, als der Einfluß der Europäer hier noch sehr gering war. Bemerkenswert ist vor allem die Fülle von Details auf jedem einzelnen Foto, die sich dem Betrachter erst bei längerem Hinsehen erschließen. Sie zeigen, daß Finsch mit einem bewundernswerten Blick für das alltägliche Leben der „anderen“ ausgestattet war, sie als Mitmenschen, nicht als Exoten wahrnahm. Der sauber gefegte eingezäunte Hof mit den paar Alltagsutensilien darin, die vor der grasgedeckten Hütte hockenden Menschen wirken eher vertraut als fremdartig, besonders wenn man an ländliche Szenen im Europa des 19. Jahrhunderts denkt. Selbst das Bild mit dem aufgebahrten Toten, das auf den ersten Blick eher wie eine Theaterdekoration anmuten mag, vermittelt doch Nähe beim Anblick der neben dem Verstorbenen hockenden Trauernden.

Mehr als ein Vierteljahrhundert sollte vergehen, ehe wieder Fotografen den Bismarckarchipel bereisten, die wie Finsch in dem exotisch-Fremden auch das vertraut-Menschliche erkennen konnten. Das waren Teilnehmer der Hamburger Südsee-Expedition, die von August 1908 bis Juni 1909 in der melanesischen Inselwelt unterwegs waren. Aus der Zwischenzeit ist zwar eine Fülle von Fotos verschiedener Fotografen überliefert, aber sie sind meist Einzelstücke, herausgerissen aus ihrem kulturellen Gesamtumfeld, und sie vermitteln so, da der Fotograf das aus dem Alltag Herausragende, Besondere, wiedergeben wollte, in erster Linie wiederum ein äußerst exotisches Bild. Selbst Richard Parkinson, der seit 1882 auf Mioko lebte und ab 1883 Leiter der Plantage Ralum auf der Gazelle-Halbinsel von Neubritannien war und von daher in alltäglichem Kontakt mit den einheimischen Tolai stand, lichtete eher das Besondere ab und trug damit dazu bei, das Bild der Einheimischen als „Fremde“ in der deutschen Öffentlichkeit zu verankern.

Während die Tubuan-Masken der Tolai zweifellos zu den meistfotografierten ethnographischen Motiven Neubritanniens (des deutsch-kolonialen Neupommern) zählen, ist in Europa auch die Insel Neuirland (Neumecklenburg) durch ihre skurril wirkenden, sich durch phantastische Schnitzereien und eine grelle Farbigkeit auszeichnenden Masken, die sich freilich auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen nicht darstellen läßt, bekannt geworden. Aus der Kolonialzeit liegt eine ganze Reihe von Abbildungen in den Foto-Archiven der Museen und sicher auch in privaten Sammlungen, die neuirländische Tänzer mit sogenannten Tatanua- oder auch Kepong-Masken zeigen, die zum großen Komplex der Malagan-Totenrituale gehören. Diese sind prägender Bestandteil der dortigen Kultur. Abb. 114 zeigt ein gestelltes Foto aus der Zeit um die Jahrhundertwende, auf dem Männer besonders kunstvoll in der sogenannten Ajour-Technik geschnitzte Kepong-Masken präsentieren. Diese phantastisch anmutenden Kunstwerke und die zum selben religiösen Malagan-Komplex gehörenden holzgeschnitzten Bretter und Figuren haben sofort nach ihrem Bekanntwerden das große Interesse europäischer Händler, Siedler und Reisender gefunden, die sie noch im 19. Jahrhundert an Museen und Sammler in Europa und Nordamerika verkauften, so daß sie gleichfalls das dortige Bild von den Einheimischen im deutschen Kolonialgebiet Neumecklenburg prägten.

Frühe Bilder vom Ende des 19. Jahrhunderts, deren Fotografen allerdings zur Zeit nicht alle mit Sicherheit ermittelt werden können, besitzt das Hamburger Museum für Völkerkunde vereinzelt und etwas zusammenhanglos auch von anderen Inseln des Bismarckarchipels. So ist Aufnahme 101, die zwei Frauen bei Hausarbeiten in ihrem Gehöft auf Mioko, einer der Duke of Yorkinseln, zeigt, nur mit dem Hinweis versehen, daß sie aus dem Jahre 1895 stammt; der Name des Fotografen fehlt. Da sich auf Mioko damals eine Zentrale der Firma Hernsheim & Co. befand, kommt eine ganze Reihe von Reisenden oder dort Ansässigen als Urheber für das Foto in Betracht, u.a. auch Richard Parkinson. Von Georg Thilenius, dem späteren Direktor des Museums für Völkerkunde in Hamburg, der in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts von Neuseeland aus verschiedene Reisen in den Bismarckarchipel unternahm, stammt Abb. 84. Sie zeigt einen Mann von den Ninigoinseln mit der für diese Region wohl typischen Haatracht seiner Zeit, mit Kette, Armschmuck und einem aus europäischem Tuch bestehenden Hüftgürtel, der die Genitalien aber nur teilweise verbirgt. Der Mann steht neben einer großen Reuse. Eine weitere Reuse derselben Art liegt daneben auf dem Boden. Dieses Foto verrät durch sein sorgfältig arrangiertes Alltagsmotiv den auf das Ethnographische gerichteten Blick seines Urhebers. Nicht das Kuriose soll hier festgehalten werden, sondern das mit deutlich vermittelter technischer Perfektion hergestellte Arbeitsgerät. Da Fotos von der Ninigo-Gruppe eher eine Seltenheit darstellen, verdient Thilenius’ Aufnahme ein besonderes Augenmerk.

Zahlreich sind hingegen fotografische Belege des Alltagslebens während der späteren Kolonialzeit von der Admiralitätsgruppe. So sind mehrere Aufnahmen aus dieser Zeit Kapitänleutnant Waldemar Kölle zu verdanken, der als Kommandant des Vermessungsschiffes Planet 1913 die Insel Manus besucht hat. Seine Aufnahmen lassen freilich deutlich den Einfluß der deutschen Zeit auf die Tracht der Einheimischen erkennen. So bildet er in Abb. 73 vier Männer ab, die zwar durch ihren Hals-, Arm- und Beinschmuck ihre Zugehörigkeit zur Admiralitätsgruppe demonstrieren, die auch noch ihre altüberkommene Narbentatauierung präsentieren, die jedoch, wie der Mann aus Ninigo, auch in Teilen ihrer Kleidung auf Materialien zurückgegriffen haben, die nicht ursprünglich auf diesen Inseln zu haben waren. So verbergen drei der vier Männer ihre Genitalien hinter einem baumwollenen gewebten Gürtel, der, von hinten zwischen den Beinen hindurchgeschlungen vorn oberhalb des Penis über den Gürtel so gezogen ist, daß ein Ende lose herabhängt. Dies ist weder der traditionelle Penisschutz, der aus einer aufgestülpten Schnecke bestand, noch die später überall im Kolonialgebiet übliche Männerkleidung, ein laplap genanntes Stück Baumwolltuch. Dieses demonstriert der vierte Mann im Bild, der darüber hinaus seinen laplap in der Taille mit einem breiten Ledergürtel mit eiserner Schließe in Position hält. Ein weiteres Schmuckstück der neuen Zeit präsentiert dieser Mann in Form eines langen, aus einer metallenen Kette mit zwei daran hängenden eisernen Schlüsseln bestehenden Anhängers, der unterhalb seines Kinns durch eine traditionelle Halskette aus weißen Muschelschalenscheibchen gezogen ist. Beides dürften Indizien dafür sein, daß es sich um einen früheren Pflanzungsarbeiter handelt. Diese wurden bei Vertragsende u.a. mit Kisten voll Handelsgütern und den dazugehörigen Schlüsseln entlohnt. Langes wuscheliges Haupthaar charakterisiert alle vier Männer, jedoch nur einer hat es in der altüberkommenen Weise durch eine Bänderumwicklung hinten zu einem Zylinder zusammengefaßt. Soweit es sich erkennen läßt, besteht in diesem Fall die Umwicklung aus einem Streifen Baumwolle, während hier üblicherweise lange Ketten aus einheimischen Materialien wie z.B. farbigen oder weißen kleinen Schnecken, wie auf der nächsten Abbildung zu sehen, den Haarzylinder äußerst schmuckvoll betont haben.

Wie prächtig wirklich die Männer von den Admiralitätsinseln ihre Frisur „gestylt“ hatten – ein anderes Wort wäre hier nicht angebracht – beweist eine Aufnahme aus einem der Alben des Pflanzers Johannes Jacobs, aus dessen Besitz bereits weiter oben Fotos vorgestellt worden sind. Die Manusmänner pflegten nämlich, im Gegensatz zu den Frauen, die ihr Haar kurz schoren, das Haar lang wachsen zu lassen, um es dann mit allerlei Schmuckbändern aus den verschiedensten Materialien und in oft schillernden Farben zu helmartigen, nach hinten zu in zylinderartigen Gebilden auslaufenden Frisuren zu gestalten, die sich am Ende des langen, schweren Haarzylinders noch einmal wie zu einer Scheibe erweiterten und auch dort prächtige Schmuckumwicklungen aufwiesen (Abb. 74). Gleichzeitig mit der prachtvollen Haartracht präsentiert diese Männergruppe auch den reichen, traditionellen Schmuck aus vielerlei einheimischen Materialien wie Schnecken und Muscheln, Hundezähnen, aus Orchideenbast in verschiedenen Farben geflochtene Arm- und Beinbänder, die teilweise aber, soweit erkennbar, auch aus kleinen bunten Glasperlen europäischer Herkunft bestehen. Verschiedene, unter die Oberarmbänder geschobene Büschel aus mit einer besonderen Wirksamkeit versehen gedachten Pflanzenfasern ergänzen Kleidung und Schmuck, und einer der Männer trägt auch die gewohnte geflochtene Basttasche mit den langen Fransen. Da schon in der Kolonialzeit, wie Abb. 73 zeigt, die traditionelle Sitte in Bezug auf Kleidung und Schmuck sehr schnell von europäischen Materialien und moderneren Designs abgelöst worden ist, stellt das Foto aus dem Besitz von Johannes Jacobs einen wichtigen Beleg für die von europäischen Einflüssen unberührte einheimische Männermode dar.

Eine Tätigkeit der Bewohner Deutsch-Neuguineas, die bei den Europäern verstärkte Aufmerksamkeit geweckt hat und von der es daher mehrere Fotos auch aus Manus gibt, ist die Gewinnung von Sago. Aus dem Inneren des Stammes der Sagopalme durch Klopfen mit einem eigens dafür konstruierten hölzernen Hammer herausgearbeitet, muß das Mark des Palmstamms in einer speziellen Anlage mit reichlich Wasser durchspült werden, damit sich seine eßbaren mehligen Bestandteile von den hölzernen Markpartikeln lösen. Eine Aufnahme von Kapitänleutnant Kölle (Abb. 99) faßt die gesamte für die Sagogewinnung notwendige Ausstattung zusammen. Links von einem am Boden hockenden Mann erstreckt sich ein noch mit dem Mark gefüllter Stamm, auf dem der zum Klopfen dienende Hammer liegt. Dahinter ist ein bereits ausgehöhlter Palmstamm zu sehen. Im Foto oberhalb des Kopfes des Mannes ist, leider nicht besonders deutlich zu erkennen, die Waschanlage aufgestellt, in diesem Fall ein Stück ausgehöhlter Stamm, in dem das lockere Mark liegt, das gerade von einer Frau ausgepreßt wird. Rindengefäße zum Auffangen des die Stärke enthaltenden Wassers stehen unterhalb des Waschtrogs. Dieser hintere Teil des Bildes erschließt sich dem Betrachter dadurch nur mit einiger Schwierigkeit, weil unmittelbar neben dem Waschtrog ein Beiboot der Planet hervorschaut, mit dem Kölle und seine Begleiter hier zu der Waschstelle gelangt sind, die, wie die auf Kölle selbst zurückgehende Beschriftung des Fotos belegt, am Kelauafluß an der Südostküste von Manus aufgebaut war. Mehrere Fotos von der Sagogewinnung auf Manus sind auch in einem der Alben von Johannes Jacobs enthalten. Zwei Bilder sind der Tätigkeit des Sagoklopfens gewidmet, das hier von mehreren Männern gleichzeitig an einem Stamm ausgeführt wird. Eine Waschanlage und ein Gefäß mit der gewonnenen Stärke zeigt Abb. 100. Vor dem Waschtrog im Hintergrund, an dem eine Person mit dem Auspressen des Marks beschäftigt ist, kauert links vorn eine Frau, die mit einer Hand über die gewonnene Stärke streicht. Hinter ihr befindet sich ein kleiner Hügel der ausgepressten holzigen Teile des Marks, während rechts davon an einem Baum mehrere Beutel hängen, die wahrscheinlich die gewonnene Stärke enthalten. Aus dieser werden später die aus diesem Nahrungsmittel gewonnenen Speisen, entweder eine Art Pudding oder aber auch auf heißen Steinen gegarte Fladen, zubereitet. Zusammengenommen vermitteln die hier genannten Fotos zur Sagogewinnung auch ohne zusätzliche Wortbeschreibung einen recht genauen Eindruck von dieser für viele Völker der beschriebenen Region wichtigen alltäglichen Beschäftigung. Für den Ethnologen zu einer bedeutende Quelle werden diese Fotos noch dadurch, daß weitere, von Völkerkundlern an anderer Stelle, z.B. während der Hamburger Südsee-Expedition oder der Kaiserin-Augusta-Fluß-Expedition am Sepik aufgenommene Bilder desselben Vorgangs einen recht intensiven Vergleich ermöglichen.

Einblicke in das rituelle Leben der einheimischen Bewohner von Deutsch-Neuguinea sind eher selten auf den Fotos zu gewinnen, vermutlich, weil vieles davon sich nachts abspielt und die damalige Technik Nachtaufnahmen nicht gestattete. Umso wichtiger sind daher die wenigen Bilder, die dennoch, über das einfache, schon angesprochene Posieren von Maskentänzern vor der Kamera hinaus, einen Blick auf das reiche Zeremonialleben der einheimischen Bevölkerung gewähren. Ein solches Motiv zeigt die hier vorgestellte Abbildung aus einem weiteren Album von Johannes Jacobs (Abb. 109), die Manusmänner neben mehreren Schlitztrommeln verschiedener Größe zeigt. Dabei wird deutlich, daß diese garamut genannten Musikinstrumente, in unterschiedlichen Größen zu einer Band zusammengestellt, auf den Admiralitätsinseln bei Festen in Begleitung von Tänzen zu mehreren geschlagen werden. In diesem Fall kann eine der Trommeln auch senkrecht oder leicht schräg aufgestellt werden, wie das Foto zeigt. Die schräg gestellte garamut lehnt an einer offenbar durch eine Reliefschnitzerei verzierten Stange, die der Spieler des Instruments mit der linken Hand festhält. Die übrigen Trommeln liegen auf dem Boden und werden mit zwei, die größere auch nur mit einem Schlegel zum Klingen gebracht. Tänzer in Aktion sind darüber hinaus auf den Abbildungen 117 bis 121 zu sehen.

Was die Schwarz-Weiß-Fotos aus der Kolonialzeit nicht vermitteln können, ist die ungeheuer ausdrucksstarke Farbigkeit nicht nur der Ausstattung der Zeremonien, sondern auch einzelner Kostüme besonders mancher einheimischer Männer. In einem Brief an den damaligen Direktor des Museums für Völkerkunde Hamburg, Georg Thilenius, beschwert sich der die Hamburger Südsee-Expedition im ersten Jahr begleitende Maler Hans Vogel in ungewöhnlich scharfer Weise darüber, daß es ihm wegen einer Fülle anderer Aufgaben, zu denen er während der Expedition herangezogen werde, nicht möglich sei, in dem Maße zu malen wie es eigentlich erforderlich sei. Besonders erwähnt er dabei die Haartrachten der Männer, die unter dem Einfluß der auf den Plantagen gegebenen Erfordernisse rapide verschwänden. „Von allem diesen kann die Photographie nur einen Bruchteil des Eindrucks geben“, heißt es in Vogels Brief an Thilenius, der im Archiv des Museum aufbewahrt wird, „weil der Schmuck in allererster Linie auf Farbwirkung berechnet ist. Was giebt denn eine Photographie von mehrfarbigen Frisuren, dem Bemalen der Haut, von der Wirkung des farbigen Federschmuckes zur Haut, von der Wirkung der Armbänder, der gefärbten und bemalten Lendenschurze? Die Farben sind stets mit raffiniertem Geschmack zusammengestellt.“

Hans Vogel, der eigentlich zum Malen in die Südsee gereist war, verdankt die Völkerkunde dennoch Fotografien, die, seines künstlerischen Blickes wegen, Motive aufnehmen, wie sie vorher außer vielleicht von Finsch nur selten der Nachwelt vermittelt worden sind. Als Teilnehmer der Hamburger Südsee-Expedition in Melanesien von Juli 1908 bis Ende Juni 1909 war der damals erst 23-jährige Künstler ausgewählt worden, um, wie gesagt, die schriftlichen Ergebnisse der Wissenschaftler mit den Mitteln der Malerei und Graphik zu ergänzen. Vogel, dem die Zeit zum Malen auf der Reise also meist fehlte, half sich damit, daß er alles, was ihn interessierte, zunächst mit der Kamera festhielt, um es dann später doch noch auf der Basis des Fotos zu malen. So sind fast alle seine Illustrationen zu dem von ihm verfaßten und bereits 1911 veröffentlichten Erlebnisbericht „Eine Forschungsreise im Bismarckarchipel“ als Kohle- oder Farbzeichnungen nach Fotos entstanden. In seinen Aufnahmen hat Vogel vor allem auch immer wieder versucht, über das übliche starre Gruppenfoto hinaus Menschen in Bewegung, vor allem bei handwerklichen Tätigkeiten oder auch in Zeremonien, festzuhalten. Ein Beispiel für das Dokumentieren eines in Melanesien seltenen Handwerks ist sein Bild (Abb. 103) einer Weberin auf Squally bzw. Emirau (in der deutschen Zeit auch Sturminsel genannt), einer Insel der St. Matthias-Gruppe, die von den Mitgliedern der Hamburger Südsee-Expedition 1908 besucht wurde. Diese Inselgruppe ist die einzige Region in Melanesien, in der in voreuropäischer Zeit die Weberei bekannt war. Als Material für die Stoffe, die zu Taschen und Frauenröcken verarbeitet wurden, dienten Bastfasern, und zwar Fasern vom Scheinstamm einer Bananenart und solche, die aus Panadanusblättern gewonnen werden konnten.

Da der junge Maler eine ganze Sequenz von Aufnahmen gemacht hat, die verschiedene Handbewegungen der Weberin zeigen, läßt sich auch der Ablauf dieser Tätigkeit verfolgen. Vogels Fotografien von dieser Arbeit, die darüber hinaus die Hingabe der Weberin an ihr Tun deutlich werden lässt, stellt somit nicht nur für Ethnologen, sondern auch für die Einheimischen selbst ein einzigartiges Dokument eines vermutlich längst in Vergessenheit geratenen Zweiges des Weberhandwerks dar. Ähnliche Bilder verdanken wir Vogel auch von anderen der bereisten Inseln, z.B. aus Manus, wo er eine Töpferin bei der Arbeit dokumentiert hat. Insgesamt gesehen, vermitteln zahlreiche Fotografien dieses jungen Mannes, der als Künstler und nicht als Ethnologe oder Anthropologe geschaut hat, den Eindruck, als habe er – vielleicht mit Ausnahme von Finsch - als einziger unter den frühen Fotografen in Melanesien seine Modelle nicht immer gestellt, schon gar nicht in einer Gruppe aufgereiht. Vielmehr sieht es so aus, als habe er sooft es ging das jeweilige Tun der Menschen, die er traf, erst einmal in Ruhe beobachtet, um sie im Foto dann so festzuhalten, wie sie sich selber gerade gaben, nicht wie er sie haben wollte. Das wird z.B. deutlich in einer Aufnahme, die er von zwei rauchenden Nakanai-Männern an der Nordküste Neupommerns gemacht hat. Die beiden kauern am Boden, wie sie es gewohnt sind, und zumindest einer von ihnen schaut nachdenklich vor sich hin – beim zweiten ist das Gesicht etwas unscharf und deshalb sein Ausdruck nicht genau zu deuten. Dieses Foto von Vogel ist eines der ganz frühen Bilder aus Melanesien, in denen ein Einheimischer als Mitmensch und nicht als Exot gesehen und wiedergegeben wird (Abb. 104).

Eine Randszene von einem Totenfest, dessen Zeugen die Mitglieder der Hamburger Südsee-Expedition am 25. Februar 1909 im Dorf Amge an der Südküste Neupommerns wurden, konnte ebenfalls von Hans Vogel festgehalten werden (Abb. 116). Die Szene zeigt zahlreiche Männer in ihren vollständigen Tanzkostümen, d.h. in den den Körper fast ganz verhüllenden Gewändern aus verschiedenen Blattstreifen und mit den aufgesetzten und farbig bemalten hölzernen Figuren, die nur teilweise Tiere, darüber hinaus aber auch andere eher abstrakt gestaltete Motive darstellen. Für den Ethnologen liegt der Wert dieser Aufnahme in erster Linie darin, daß sie erkennen läßt, in welcher Position die geschnitzten Maskenaufsätze getragen wurden, sind doch nur sie, nach fast hundert Jahren, noch im Museum vorhanden, während die Blättergewänder, sollten sie überhaupt von den Expeditionsmitgliedern erworben worden sein, längst zerbröselt sind. Ein weiterer Reiz des Fotos liegt darüber hinaus sicher auch in der stimmungsvollen Beleuchtung, die Vogel hier festgehalten hat, versetzt sie doch den Betrachter mitten hinein in einen tropischen Spätnachmittag.

Die meisten Aufnahmen während des ersten Jahres der Hamburger Südsee-Expedition hat deren Leiter, Friedrich Fülleborn, gemacht. Ihm verdanken wir neben Hunderten anderer aus allen während dieser Forschungsreise aufgesuchten Regionen stammenden Fotos auch zahlreiche Bilder der Tänzer des Kakadutanzes, der am 13. Dezember 1908 bei Mövehafen an der Südküste Neupommerns anläßlich eines Initiationsfestes aufgeführt wurde (Abb. 117). Wie Vogel kann auch Fülleborn die Tänzer nur stillstehend aufnehmen, die schnellen Bewegungen festzuhalten verboten die damals noch notwendigen langen Belichtungszeiten. Es gibt jedoch, ergänzend zu den Fotos, Beschreibungen von Vogel zur Choreographie des Tanzes sowie Kohlezeichnungen, in denen Vogel zumindest einige der Tanzbewegungen festzuhalten versucht hat.

Daß hin und wieder auch damals schon das Einfangen rascher Tanzschritte möglich war, beweist ein Bild des Expeditionsmitglieds Franz Emil Hellwig, der im ersten Jahr der Reise anscheinend nie eine Kamera bei sich trug, war er doch zu der Zeit hauptsächlich mit dem Ankauf von Ethnographika betraut. Aus dem zweiten Jahr der Forschungsreise sind jedoch von ihm Aufnahmen von den Karolinen erhalten, so das hier vorgestellte Bild, das eine Gruppe von Jugendlichen bei einem tänzerischen Spiel am Strand zeigt (Abb. 451). Durch die Art, wie es Hellwig gelungen ist, die schnellen Schritte der jungen Männer und Kinder im Bild zu bannen, fällt dieses Foto aus der Reihe der meisten anderen damals gemachten heraus.

Eine Fülle von anthropologischen Aufnahmen, „Typenbildern“, belegt, daß die Anthropologie auch gegen Ende des ersten Jahrzehnts des 20. Jahrhunderts immer noch ein dringendes Anliegen der Ethnologie war. Otto Reche hatte sich für die Hamburger Südsee-Expedition eigens um das Anfertigen von anthropologischen Fotos, um das Vermessen der Menschen und um den Erwerb von Totenschädeln zu kümmern. Immerhin belegen seine Aufnahmen, wie die einer Frau aus Manus, (Abb. 72 a/b), daß seine Modelle sich für seine Zwecke nicht mehr, wie etwa die von Kubary, entkleiden mußten, und er hatte sie wohl auch nicht direkt am Körper vermessen. Vielmehr diente ihm, wie auch früheren Fotografen schon, dazu die mit in das Bild integrierte Meßlatte.

Wie groß die Bedeutung der Anthropologie und mithin das Anfertigen anthropologischer Aufnahmen in der späten Kolonialzeit noch war, zeigt ein dreibändiges Werk des Berliner Arztes und Anthropologen Richard Neuhauß, der Deutsch-Neuguinea zur selben Zeit wie die Hamburger Südsee-Expedition zwischen 1908 und 1910 bereist hat. Auf dieser Reise hat er vermutlich weit über tausend Aufnahmen gemacht und insgesamt 764 von ihnen im zweiten Band seines Werkes abgedruckt, der außer einer kurzen Einleitung nur diese Bilder enthält. Die medizinisch orientierten Ethnologen jener Epoche waren wie Neuhauß der Überzeugung, die Zughörigkeit der Menschen der gesamten Region zwischen Indonesien und Australien zu bestimmten Völkern anhand von auf der Basis von Fotos vorzunehmenden Typenbildungen abklären zu können. Von dieser Sichtweise hat sich die Ethnologie inzwischen längst losgesagt.

Hunderte von Typenaufnahmen sind auch während der letzten wissenschaftlichen Expedition im Kolonialgebiet Deutsch-Neuguinea entstanden, und zwar während der hauptsächlich vom Reichskolonialamt ausgesandten Kaiserin-Augusta-Fluß-Expedition von 1912 bis 1913 – wie die Hamburger Südsee-Expedition ein interdisziplinäres Unternehmen, an dem zahlreiche Wissenschaftler teilnahmen. Die Typen freilich, die der Anthropologe dieser Forschungsreise, Alfred Roesicke, aufnahm, unterscheiden sich ganz wesentlich von jenen des Richard Neuhauß. Roesicke hat vorwiegend Männer fotografiert, weil die Frauen am Sepik wie überall in Melanesien gegenüber den europäischen Fremden sehr zurückhaltend auftraten; es sind Sepik-Männer in ihrer gewohnten Umgebung und voll bekleidet und geschmückt. Roesicke sieht die „Typen“ hier nicht mehr rein anthropologisch, sondern ethnographisch oder, wenn man so will, kulturell. Interessant werden seine Bilder vor allem durch die Tatsache, daß sie dem Betrachter wegen ihrer Fülle eine Menge an Vergleichsmöglichkeiten anbieten. Sie lassen einerseits zahlreiche Varianten an Männerkleidung und –schmuck erkennen, andererseits vermitteln sie den Eindruck einer großen individuellen Freiheit, die jedem einzelnen in ihrer Auswahl gegeben war. Inwieweit die Frage des sozialen Status, was zu vermuten ist, beim Schmuck eine Rolle spielt, zeigen die Aufnahmen für sich genommen erst einmal nicht. Aber durch ihre Fülle relativieren sie auf jeden Fall den optischen Eindruck, den der Betrachter dann gewinnen muß, wenn er nur einen Mann mit Peniskalebasse, diesem oder jenem Schmuckstück angetan oder mit einer bestimmten Haube auf dem Kopf sieht.

Drei Aufnahmen von Teilnehmern der Kaiserin-Augusta-Fluss-Expedition mögen als Beispiel für das Gesagte angeführt werden. Den Arzt und Zoologen Bürgers haben bei Abb. 35 wohl vor allem die kunstvoll angelegten Ziernarben auf dem Bauch eines Mannes interessiert. Gleichzeitig ist hier die Art und Weise zu erkennen, wie die Steindechsel, das Hauptwerkzeug der Männer, transportiert wurde. Richard Thurnwald (Abb. 173), der erst 1913 zu der Kaiserin-Augusta-Fluß-Expedition gestoßen ist und nach deren Abschluß seine Forschungen im Stromgebiet des Sepik allein weiter fortgesetzt hat, demonstriert mit seinem hier vorgestellten Foto (Abb. 45) vom unteren Keram, einem südlichen Nebenfluß des Sepik, anhand von nur vier Männern die große Spielbreite an Männerschmuck. Diese scheint allerdings besonders Roesicke interessiert zu haben, hat er doch die meisten Aufnahmen von „Männertypen“ angefertigt. Daß Roesicke sich auch um andere Motive bemüht und dabei versucht hat, Einzelheiten aus dem religiösen Leben der Sepikanrainer zu vermitteln, zeigt das Bild zweier Männer aus dem Dorf Kaulagu, das 1913 entstanden ist (Abb. 106). Die Männer führen das Blasen der heiligen Flöten vor, die immer paarweise gespielt werden müssen. Die hinter den Männern aufgestellten Palmblätter lassen vermuten, daß die heiligen Musikinstrumente für die Demonstration zwar aus dem Zeremonialhaus, wo sie normalerweise aufbewahrt werden, herausgenommen worden sind, daß sie aber nicht in aller Öffentlichkeit präsentiert wurden, sondern in einem Blätterverschlag der Art, wie er auch sonst dem Verbergen von Kultobjekten vor den Augen Nichteingeweihter dient.

 

 

Quellen und Literatur


Alle im Zusammenhang mit diesem Artikel publizierten Fotos stammen aus dem Fotoarchiv des Museums für Völkerkunde Hamburg. Einzige Ausnahme bilden jene Aufnahmen, bei denen in der Bildunterschrift vermerkt ist, daß sie einem Album von Johannes Jacobs entnommen sind. Diese Alben befinden sich in Privatbesitz. Die Autorin dankt den Erben von Johannes Jacobs für ihr großzügiges Entgegenkommen.

Fotos mit ethnographischem Inhalt aus aller Welt füllen seit Ende des 19. Jahrhunderts die Archive von Völkerkundemuseen, von ethnologischen Instituten an Universitäten, von Forschungsinstitutionen und von Missionsgesellschaften. Oft nur unzureichend gelagert und häufig nicht inventarisiert, dienten sie bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Wissenschaftlern zur Illustration von Artikeln und Büchern, in Museen zur Vermittlung der Lebensweise und Kultur von Menschen in fernen Ländern, ja, zu Anfang überhaupt zur Darstellung des Aussehens von Menschen in anderen Kontinenten. Erst nachdem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Fotografie als eigenständiger Kunstzweig stärker in den Mittelpunkt wissenschaftlicher Fragestellungen geraten war, besannen sich auch die Ethnologen, zunächst in den USA, auf den reichen Schatz an ethnographischen Aufnahmen, der in den relevanten Institutionen gelagert war, und begannen, ihn zum Gegenstand eigener Forschungen zu machen.

Ein bahnbrechendes Werk zur Geschichte der Fotografie ist eine bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts in den USA erschienene Publikation von Beaumont Newhall, die unter dem Titel Geschichte der Photographie auch in Deutschland mehrfach aufgelegt wurde und zuletzt in München 1998 erschienen ist. Unter den Veröffentlichungen, die zusammenfassend über die Bedeutung der Fotografie für die Ethnologie, die Archäologie und die Museumsarbeit schlechthin berichten, verdient der von Melissa Banta und Curtis M. Hinsley herausgegebene Sammelband From Site to Sight. Anthropology, Photography and the Power of Imagery, veröffentlicht von der Peabody Museum Press, Cambridge, Massachusetts 1986 als Begleitband zu einer Ausstellung besondere Beachtung. In Deutschland wurden zum 150-jährigen Jubiläum der Erfindung der Fotografie im Jahre 1839 gleich in mehreren Museen große Ausstellungen gezeigt, die den reichen Schatz an ethnographischen Fotografien erstmals zum eigenständigen Thema machten; d.h. die Aufnahmen dienten hier nicht zur Illustration von Texten bzw. als Hintergrundsinformation von Installationen mit Gegenständen, sondern waren selbst die zentralen Exponate. In den Begleitpublikationen zu diesen Ausstellungen wurden mithin auch Fragen etwa nach dem Zustandekommen dieser Fotografien, nach den Fotografen und den Zielen, die diese mit den Aufnahmen verbanden, nach ihrer Sichtweise auf das Fremde und nach der Bedeutung der Fotos für die Ethnologie ganz allgemein gestellt.

In Berlin wurde als Begleitpublikation zur Ausstellung Die ethnographische Linse. Photographien aus dem Museum für Völkerkunde Berlin 1989 ein gleichnamiger Band von Markus Schindlbeck herausgegeben. Er präsentiert Fotos aus allen Abteilungen des Museums. In ihren Artikeln schildern verschiedene Autoren einerseits Fotosammlungen, z.B. eine sehr bedeutende zur Indianerfotografie; andererseits werden aber auch Fragen zu den Bedingtheiten von Fotos angestellt, die während Hagenbecks Völkerschauen angefertigt worden sind, oder es werden Überlegungen zum Aufbau eines Fotoarchivs im Berliner Museum für Völkerkunde getroffen.

Sicherlich noch von weitreichenderer Resonanz, da sie in mehreren Museen gezeigt wurde, war die Ausstellung Der geraubte Schatten. Die Photographie als ethnographisches Dokument, zu der eine gleichnamige Publikation, herausgegeben von Thomas Theye in München 1989 erschienen ist. Die Ausstellung selbst wurde zunächst in München im Münchner Stadtmuseum, dann aber auch in Berlin im Haus der Kulturen der Welt und schließlich im Rautenstrauch-Joest-Museum in Köln vorgestellt. Diese Schau, so heißt es wörtlich in der Einleitung, „gibt für den deutschen Sprachraum zum ersten Mal einen umfassenden Überblick über die Art, Herkunft und Geschichte der Bildarchive in den Völkerkundemuseen und Missionsgesellschaften unter Einbeziehung bedeutender photogeschichtlicher Sammlungen“. Daneben widmet sich die Publikation, in der zahlreiche Autoren zu Wort kommen, auch der Frage, inwieweit Fotos als ethnographische Quellen dienen können. Dabei gehen die Autoren sehr kritisch vor. So wird unter anderem darauf verwiesen, daß in den frühen Zeiten der Fotografie, als die Fotografen noch eher unsensibel mit ihren Fotomodellen in fernen Ländern umgingen, für viele Menschen das Fotografiertwerden, da sie die Technik nicht verstanden, wie ein „Raub ihres Schattens“ gewirkt haben muß, d.h. wie die Bedrohung ihres eigenständigen Seins. Unter den zahlreichen Artikeln in diesem Werk widmet sich jener des Kölners Peter Mesenhöller mit dem Titel Kulturen zwischen Paradies und Hölle. Die Fotografie als Mittler zwischen den Welten den frühen Fotografien aus der Südsee, und stellt unter anderem fest, daß die Menschen im Pazifik den Europäern einerseits als „edle Wilde“ im Bild präsentiert wurden, wobei die sanfte Südseeschönheit besondere Aufmerksamkeit erlangte, daß sie andererseits aber auch als „Kannibalen“ vorgestellt werden konnten, ganz wie es das bereits in den Vorurteilen der Europäer existierende Bild von den Menschen in jener fernen Inselwelt wollte.

Auf einer Seminararbeit mit Studenten der Universität Tübingen fußte 1992 eine dort gezeigte Ausstellung mit dem Titel Südseebilder. In der gleichnamigen Begleitpublikation kommen wiederum zahlreiche Autorinnen und Autoren zu Wort, die sich aber in einem etwas breiter gespannten Rahmen der Fragestellung widmen. Das zentrale Thema der Ausstellung und Publikation sind Fotos des Südseeforschers Augustin Krämer und damit im Zusammenhang die Frage, inwieweit die persönliche Befindlichkeit eines Ethnologen wie Krämer im Feld die Art und Weise seiner Aufnahme- bzw. Sammeltätigkeit von Fotos – es gab damals dort auch schon Fotos in Ateliers zu kaufen – mitbestimmt hat. So wird von dem Autor des einleitenden Kapitels, Volkers Harms, festgestellt, daß Krämer, als er als Junggeselle einsam auf den Südseeinseln weilte, weit stärker erotische Frauenfotos aufgenommen und gesammelt hat als dies später der Fall war, als er in Begleitung seiner Ehefrau reiste. Es mag dahingestellt bleiben, ob Krämer tatsächlich beim Anblick von nur halb bekleideten jungen Mädchen erotischen Männerphantasien nachgehangen hat – für einen Bürger des wilhelminischen Deutschland eine durchaus denkbare Vorstellung – oder ob nur rein zufällig die überwiegende Zahl seiner späteren Frauenfotos nicht mehr die ohnehin nur von dem Autor unterstellte erotische Wirkung ausstrahlten.

Mit einer ähnlichen Fragestellung befaßt sich auch die in Köln 1995 als Begleitpublikation zu einer Ausstellung mit demselben Titel erschienene Veröffentlichung Bilder aus dem Paradies. Koloniale Fotografie aus Samoa 1875-1925, herausgegeben von Jutta B. Engelhard und Peter Mesenhöller. In ihren Beiträgen widmen sich verschiedene sachkundige Autoren, die sämtlich bereits vorher über den Komplex Ethnographie und Fotografie gearbeitet hatten, der kolonialzeitlichen Fotografie auf der Insel Samoa, die von 1875 an geradezu explosionsartig geblüht haben muß. Dabei spannt sich der Bogen der Fotomotive inhaltlich, wie einer der Autoren, Peter Mesenhöller, feststellt, wie in der Südseefotografie ganz allgemein, zwischen „Paradies und Hölle“. Die Bilder dienten entweder der Bestätigung des Stereotyps von den „Inseln der Seligen“, das in Europa und Nordamerika, auf die Südsee bezogen, verbreitet war, oder sie waren, ob des Zustands der Unzivilisiertheit der Menschen, die sie vermittelten, den Kolonialmächten eine Legitimation für die als notwendig erachtete Zivilisierung und Christianisierung der auf diesen Inseln lebenden Menschen.

Ebenfalls im Zusammenhang mit einer Ausstellung ist die beachtenswerte Publikation  Alles Wahrheit! Alles Lüge! Photographie und Wirklichkeit im 19. Jhdt. Die Sammlung Robert Lebeck, herausgegeben von Bodo von Dewitz und Roland Scotti in Köln 1997 entstanden. Sie war zu einer Schau im Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig erarbeitet worden, die vom Agfa Foto Historama für die Museen der Stadt Köln erstellt worden war. Die Autoren der verschiedenen Artikel beschäftigen sich zunächst allgemein mit der Entwicklung der Fotografie im 19. Jahrhundert, ihren Möglichkeiten und ihren Grenzen. Bilder mit ethnographischem Inhalt werden hier nicht direkt angesprochen. Kritische Artikel beschäftigen sich allerdings mit der frühen Reisefotografie, vor allem von Reisen nach Ägypten, China und Japan, aber auch nach Indien, nach Madagaskar und in den Westen der USA.

Ein kompletter Band mit über 600 Fotos von „Menschentypen“ ist der zweite Band des dreibändigen Werks von Richard Neuhauß, Deutsch-Neuguinea, das in Berlin 1911 erschienen ist. Während der erste Band Beobachtungen des Berliner Arztes zur Ethnographie enthält und im dritten Band sehr lesenswerte Darstellungen zur Ethnographie verschiedener Ethnien in Nordostneuguinea veröffentlicht werden, die von frühen Missionaren verfaßt worden sind, konzentriert sich der zweite Band auf diese Typenbilder, die sich freilich damals an Anthropologen gewandt haben und für Ethnologen heute kaum von Interesse sind.

Zur Geschichte des Museums Godeffroy ist 1985 in Hamburg eine spannend zu lesende Magisterarbeit mit dem Titel Die ethnographischen Unternehmungen des Hamburger Handelshauses Godeffroy, erarbeitet von Susanne Fülleborn, erschienen. Diese Hausarbeit enthält auch kurze Biographien der einzelnen für Godeffroy arbeitenden Reisenden, so auch über Johann Stanislaus Kubary. Vom Museum Godeffroy selbst herausgegeben wurde 1880 ein Verzeichniss der Photographien des Museum Godeffroy, welche Australien und die Südsee betreffen. Diese war offenbar von Besuchern käuflich zu erwerben. Es enthält nicht nur die durchnumerierten Bezeichnungen zu den Bildern, sondern meist auch Hinweise auf die Fotografen. Aus heutiger Sicht sehr hilfreich sind dabei viele ziemlich detaillierte Beschreibungen der Bildinhalte, die diese Fotosammlung, die zum großen Teil im Museum für Völkerkunde Hamburg erhalten geblieben ist, zu einer wichtigen ethnographischen Quelle machen.

Der allgemeinen Information über Planung, Durchführung und Verlauf der Hamburger Südsee-Expedition dient, zusammen mit zahlreichen Wiedergaben von Fotos, vor allem der erste Band mit dem Titel Allgemeines der von Georg Thilenius herausgegebenen Reihe Hamburgische Wissenschaftliche  Stiftung.  Ergebnisse der Südsee-Expedition 1908 –1910.  Die knapp 2000 Fotos von den beiden Jahren dieser Expedition lagern im Museum für Völkerkunde Hamburg und sind inzwischen zwar digitalisiert, aber noch nicht auf einer CD-ROM veröffentlicht worden.

Schließlich sei zur Hamburger Südsee-Expedition noch auf das Werk des im ersten Jahr mitreisenden Malers, Hans Vogel, verwiesen, der bereits 1911 die Reisebeschreibung Eine Forschungsreise im Bismarckarchipel herausgebracht hat. Sie ist deshalb so besonders bemerkenswert, weil Vogel in ihr zahlreiche Kohlezeichnungen und Farbzeichnungen publiziert, die er aufgrund seiner eigenen Fotografien aus dem Bismarck-Archipel angefertigt hat. Hans Vogel ist nicht nur mit seinen künstlerisch umgestalteten Bildern, sondern auch mit seinen Aufnahmen, vielleicht mit Ausnahme von Finsch und manchmal von Parkinson, der erste überhaupt, der einen vorurteilslosen, nicht eurozentrischen Blick auf die Menschen in Deutsch-Neuguinea geworfen und dieses auch nach Europa vermittelt hat.