Der Erste Weltkrieg und das Ende des
deutschen Einflusses in der Südsee

Hermann Joseph Hiery
 

Ein Krieg stand nicht auf der Tagesordnung der deutschen Südseekolonien. Marinestationen waren nicht errichtet worden, eine Schutztruppe existierte weder in Neuguinea noch auf Samoa. Die einzige Schutzanlage, die vorhanden gewesen war (Kolonia auf Ponape) und in die sich die Spanier bei kriegerischen Auseinandersetzungen mit der einheimischen Bevölkerung immer wieder zurückgezogen hatten, wurde umgehend nach der Übernahme Ponapes durch das Deutsche Reich geschleift. Feste Geschütze, so es sie denn gab, waren zur Verteidigung wertlos. Da man sie in der Vergangenheit ausschließlich zu Salutzwecken eingesetzt hatte, war scharfe Munition für ihre militärische Verwendung nicht vorhanden. An eine Zivilverteidigung oder eine kampffähige Reserve für den Fall einer Invasion hatte man nicht gedacht. Dem Militär standen die meisten Deutschen in der Südsee ohnehin - ganz anders als in Afrika - eher skeptisch gegenüber. Mancher hatte sich seiner Militärpflicht in der Heimat durch das Kolonistendasein bewußt entzogen. Und in der Verwaltung legte man ganz und gar keinen Wert auf militärische Traditionen, Voraussetzungen oder Umgangsformen. So etwas schreckte nur ab und diente eher als warnendes Beispiel; der Gouverneur Samoas und der geschäftsführende Gouverneur Neuguineas hatten nicht einmal „gedient." Die Südsee unter deutscher Verwaltung - das war die Peripherie, die Ausnahmen und Sonder-entwicklungen ermöglichte, deren Garanten und Nutznießer vor Ort nichts weniger wünschten als sich von „ militärischen" Zwängen und Pressionen fremdbestimmen zu lassen.
Es blieben das ostasiatische Kreuzgeschwader in Kiautschou und die einheimische Polizei in den Kolonien. Für die Besatzung der Kriegsschiffe aus Tsingtau dienten die mehr oder weniger regelmäßigen Aufenthalte in der Südsee allerdings mehr der Entspannung und dem Erholungsurlaub als daß ihrer Präsenz eine wirkliche militärische Bedeutung zugekommen wäre. Militärische Lorbeeren waren im Pazifik nicht zu erringen. Im Kriegsfall sollte die deutsche Auslandflotte sich darauf konzentrieren, feindliche Handelsrouten nach Europa zu unterbrechen. Es fehlte ein wirklicher Verteidigungsplan für den Eventualfall. Jedem strategisch und militärisch auch nur halb Gebildeten mußte klar sein, daß die deutschen Südseekolonien bei ihrer weiten Entfernung vom Mutterland, der Zerstreut- und Isoliertheit der einzelnen Inselgruppen und ihrer faktischen Abhängigkeit von Einfuhren aus Asien, vor allem aber aus Australien und Neuseeland, im Kriegsfall nicht zu verteidigen waren.
Daß Berlin von sich aus nichts unternahm, um die Südseekolonien in die Lage zu versetzen, sich zumindest gegen Angriffe von außen zur Wehr setzen zu können, ist ein deutlicher Beleg dafür, daß man letztendlich den eigenen Besitzungen in der Südsee nicht den Stellenwert beimaß, den man immer wieder nach außen proklamierte. Alles Gerede vom ökonomischen oder strategischen Wert der Inseln hielt schon in der Zeit genauerer Überprüfung nicht stand. In wirtschaftlicher Hinsicht waren die Inseln kurz- und mittelfristig eine Belastung, für die der deutsche Steuerzahler- zunehmend widerwillig - aufkommen mußte. Langfristig bot allenfalls Neuguinea prosperierende Perspektiven. Aber auch hier ist es bezeichnend, daß der positiv-hoffnungsvolle, letzte ordentliche Bericht des zur Nachfolge Hahls ausersehenen Bauingenieurs Haber über die tatsächlich vorhandenen „enormen" Goldvorkommen im Morobegebiet - Haber fand auf einen Kubikmeter durchschnittlich 200 Milligramm Gold - im Reichskolonialamt, wo man in dieser Hinsicht jahrzehntelange und hinreichend Erfahrung mit Falschmeldungen, imaginären Entdeckungen, wirklichkeitsfremden Traumwelten und kolonialen Luftschlössern besaß, auf fast widerwillige Ablehnung traf („können aber zugleich sehr arm sein, was wahrscheinlich ist! Vgl. den Rheinsand!"). Neuguinea mochte nicht mehr die malariaverseuchte Kolonie von einst sein - daß es von allen deutschen Kolonien tatsächlich genau über jenes Potential verfügte, das die Kolonialschwärmer von jeder überseeischen Erwerbung für Deutschland vorausgesagt hatten, schien den direkt dafür verantwortlichen Stellen nach drei Jahrzehnten enttäuschter Hoffnungen und verlorener Reichszuschüsse nun, mit Ausbruch des Krieges, doch zu unglaublich und als zu offensichtliche Eigenpropaganda.
Strategisch waren die Südseekolonien ohnehin nur eine Hypothek, banden sie doch einen Teil der deutschen Flotte, der im Ernstfall abgeschnitten von der Heimat dieser wenig nützen konnte, zugleich aber zu schwach war, um die eigenen Besitzungen effektiv verteidigen zu können. Weil Deutschland schon vor 1914 gar nicht in der Lage war, dem Anspruch, eine Weltmacht zu sein, mit allen daraus folgenden Implikationen auch realiter umzusetzen, war die militärische Zurückhaltung im Pazifik in gewisser Weise sogar konsequent. Eine solche Einstellung beinhaltete zugleich aber auch geradezu zwangsläufig eine Art Appeasementpolitik gegenüber dem wahrscheinlichsten Aggressor. Wie wir heute wissen, hatte man schon bei den ersten Plänen einer deutschen Erwerbung Neuguineas behutsam auf mögliche Expansionsbestrebungen Australiens Rücksicht genommen. Der Queensländer Firma Burns Philp, die sich heftig gegen das wirtschaftliche Monopol der Jaluit-Gesellschaft in einer deutschen Kolonie wehrte und dafür das Parlament in London mobilisierte, zahlte das Reich eine erhebliche finanzielle Entschädigung (insgesamt 82.000 Mark). An der australischen Herausforderung der deutschen Aktivitäten im Pazifik konnte für jeden Beobachter dennoch kein Zweifel bestehen. Pressekampagnen gegen die deutsche Präsenz im Pazifik und für eine eigene Annexionspolitik waren vor 1914 in Australien und Neuseeland eine regelmäßige Erscheinung, an der sich nicht selten auch in Regierungsverantwortung stehende Politiker beteiligten. Nach der Gründung des australischen Bundesstaates wurden die Töne immer schärfer und die Forderungen immer radikaler. Die „Brisbane Daily Mail" ging in ihrem Ruf nach der Annexion Deutsch-Neuguineas so weit, den Ausbruch eines europäischen Krieges dafür bewußt in Kauf zu nehmen („Annexing New Guinea", 12.11.1903).
Die deutschen Generalkonsuln in Sydney warnten beständig vor einem militanten australischen Subimperialismus. Aber selbst Irmer und Buri konnten nicht wissen, daß ein Anfang Oktober 1912 von Militärkommandanten Neuseelands, Generalmajor Godley, erarbeitetes Memorandum die Inbesitznahme der deutschen Kolonien Samoa und Neuguinea bereits ausdrücklich vorsah.
Ganz realistisch urteilte Godley, daß die Eroberung der deutschen Südseekolonien angesichts ihrer geographischen Nähe und den völlig unzulänglichen Mitteln zur Verteidigung auch bei einem großen europäischen Krieg in einem „Nebenfeldzug" unter Einsatz einer relativ geringen Zahl von Soldaten möglich sei. Bei einer Zusammenkunft mit seinem australischen Kollegen, Brigadegeneral Gordon, wurde im November 1912 definitiv vereinbart, in einem (als wahrscheinlich angesehenen) Krieg zwischen Deutschland und Großbritannien die deutschen Südseekolonien zwischen Australien und Neuseeland aufzuteilen. Als Grenzlinie der gegenseitigen Interessenszonen wurde der 170. Längengrad festgelegt. Westlich davon sollte Australien militärisch eingreifen, östlich davon Neuseeland. Demnach würde Neuguinea Australien, Samoa Neuseeland zufallen. Dies entsprach exakt den langjährigen subimperialistischen Ambitionen der beiden angelsächsischen Dominions. Mit diesem Plan ausgerüstet ging der neuseeländische Verteidigungsminister Allen nach London und holte sich im Frühjahr 1913 im War Office die offizielle Zustimmung der Generäle John French, Henry Wilson und Launcelot Edward Kiggell. French war Chief of Imperial General Staff und seit 1913 Feldmarschall. Im August 1914 sollte er die britische Expeditionsarmee in Frankreich leiten. Wilson, ein enger Freund Marschall Fochs, war der Hauptexponent einer engen militärischen Kooperation mit Frankreich, und Kiggell führte als Kommandeur das Staff College.
Auch wenn man in Berlin von diesen bedrohlichen Entwicklungen nichts ahnte, waren die Anzeichen einer zunehmenden militärischen Eskalation selbst im Pazifik unübersehbar. Während der Agadirkrise 1911 drang das britische Kriegsschiff Challenger nachts und ohne Vorankündigung in den Hafen Apias ein. Die ganzen Begleitumstände des Vorfalls - alle Lichter waren ausgeschaltet, die Vorschrift, einen Lotsen an Bord zu nehmen, wurde bewußt mißachtet - deuteten darauf hin, daß in dem sich schnell verbreitenden Gerücht, die Besatzung der Challenger habe Anweisung bekommen, Samoa beim Kriegsausbruch in Europa zu besetzen, mehr als ein Körnchen Wahrheit lag. Bei Ankunft des britischen Kriegsschiffs hatte sich der englische Bevölkerungsteil Samoas am Hafen versammelt, während deutsche Siedler panikartig in den Busch geflohen waren. Um der australischen Regierung und Öffentlichkeit nur ja keinen Anlaß zu zusätzlicher Kritik zu geben, drängte das Reichskolonialamt noch im September 1913 das Gouvernement Deutsch-Neuguinea, bei der wegen der bevorstehenden Aufschließung des Inneren Neuguineas notwendig gewordenen Vergrößerung der melanesischen Polizeitruppe in allen Maßnahmen deutlich zu machen, daß es sich dabei um eine lokale Polizei, nicht um Vorbereitungen zum Aufbau einer Schutztruppe handele.
Diese einheimische Polizei war alles, was es an militärischem Rückhalt gab. Aber auch jene war auf Samoa im Januar 1914 aufgelöst worden. In Deutsch-Neuguinea waren die melanesischen „Polizeisoldaten" auf den Ernstfall eines militärischen Angriffs von außen nicht vorbereitet. Mit veralteten Mausergewehren denkbar schlecht ausgerüstet, war ihr Einsatz auf die Befriedung Melanesiens und die Aufrechterhaltung der Ordnung in Mikronesien begrenzt. Alles, wozu man sich nach den im Anschluß an die Marrokokrise zunehmenden Spannungen in Europa aufraffen konnte, war der Aufbau eines die deutsche Südsee untereinander und mit der Heimat verbindenden Netzes von Funkverbindungen. Im Sommer 1914 waren die Arbeiten daran im Gange, als der Krieg ausbrach.