Mikronesien

Als Gültigkeitsbereich des Kapitulationsvertrages vom 17. September 1914 war ausdrücklich ganz Deutsch-Neuguinea mit allen Gebieten, die von Rabaul aus verwaltet worden waren, spezifiziert worden. Das schloß Mikronesien mit ein. Am gleichen Tag als eine erste australische Vorhut in den Blanchebucht eintraf, hatten die britischen Panzerkreuzer Hampshire und Mino-taur die Funkenstation Jap beschossen (12.08.1914) und deren Turm zerstört. Auch die Funkenstation Nauru wurde am 9. September durch den australischen Kreuzer Melbourne zerstört. Eine Besetzung der Inseln war allerdings in beiden Fällen ausgeblieben. Die britische Regierung drängte auch eine möglichst schnellte Okkupation von Nauru und Angaur, den beiden Phos-phat-inseln im deutschen Herrschaftsbereich. Die Wirtschaftslobby in London und Sydney erwartete ungeduldig die Herstellung vollendeter Tatsachen. Die australischen Maßnahmen kamen aber nicht voran. Schuld daran war das deutsche Ostasiengeschwader. Es kreuzte immer noch unbehelligt in der Südsee. Über eine Woche nach der offiziellen Kapitulation Rabauls kam der australische Kreuzer Sydney endlich nach Angaur (26.09.1914). Kapitän John Glossop sandte eine Abteilung Marinesoldaten an Land, die auch hier die Funkenstation unbrauchbar machen sollten. Weil der deutsche Funker bis zuletzt Überfallsignale ausgesendet hatte, zogen die Engländer, die offensichtlich ein schnelles Erscheinen der deutschen Flotte befürchteten, aber in solcher Hast wieder ab, daß das Kommando einen Teil der mitgenommenen Empfangsapparate unterwegs verlor. Man hatte nicht einmal Zeit, die verlorenen Gegenstände wieder zurückzuholen. Da der Funkenmast unberührt gelassen worden war, war eine Reservestation ab dem 2. Oktober wieder funktionstüchtig. Die von Glossop hinterlassene Notiz, Angaur sei militärisch besetzt, blieb ohne Folgen.
In dieser Situation ließ sich das Eingreifen Japans nicht mehr verhindern. Die britische Regierung hatte bislang mit allen Mitteln versucht, die verbündeten Japaner vor einer Intervention in Mikronesien abzuhalten und stattdessen die japanischen Aktivitäten auf Tsingtau zu begrenzen. Unter der Vorgabe, das deutsche Geschwader aufspüren zu wollen, besetzte die japanische Flotte - die schon 1884 kurzfristig auf einem kleinen Atoll in den Marshallinseln die Flagge gehißt hatte - zwischen dem 29. September und 21. Oktober 1914 alle Inseln des deutschen Mikronesien. An Widerstand war hier noch weniger zu denken als in Neuguinea. Bis auf den Vertreter des auf Urlaub in Deutschland weilenden Bezirksamtmannes Kersting von Ponape, Assessor Josef Köhler, der sich mit seiner kleinen Truppe von 50 melanesischen Polizisten in den Busch zurückzog und dort herummarschierte, bis er die Aussichtslosigkeit seiner Lage einsah, ergaben sich die deutschen Beamten sofort und ohne Widerstand. Ein Hilfsangebot des letzten spanischen Gouverneurs der Karolinen, Eugenio Blanco, 5.000 ausgebildete philippinische Freiwillige ohne Sold und bei eigener Verpflegung zur Verfügung zu stellen, wurde vom Auswärtigen Amt und dem Admiralstab der Marine abgeschlagen. Daß die Amerikaner über die imminenten Aktionen der Japaner im Pazifik hochgradig erregt waren, ist seit längerem bekannt. Nicht auszuschließen ist deshalb, daß die Vereinigten Staaten nach einer Möglichkeit suchten, ohne direkte Eigenbeteiligung den japanischen Vormarsch zu stoppen. Blanco schien dafür genau der richtige Mann. Er war ein eigenartiger Sonderling, dessen Eskapaden und Brutalität berüchtigt waren (und den man dadurch jederzeit fallen lassen konnte), dabei jedoch ein Haudegen, ein forscher Draufgänger, dem Wagemut und Kühnheit keineswegs abgingen. Im Auswärtigen Amt bekam man aber genau aus dem Grunde, weil die Philippinen unter amerikanischer Verwaltung standen, kalte Füße. Man befürchtete, Deutschland könne dadurch in Gegensatz zu den (noch) neutralen Vereinigten Staaten geraten und lehnte das Angebot Blancos ab.
Das japanische Vorgehen in Mikronesien ist ein Musterbeispiel für die erfolgreiche Verbindung von vorsichtigem Taktieren mit schnellem und hartem Zupacken, wenn sich die Gelegenheit bot. Zunächst wurde die von Japan am weitesten entfernte Insel, Jaluit, besetzt (29. September). Dort, in den Marshallinseln, war der australische Einfluß am stärksten. Das Japan am nächsten liegende Rota wurde dagegen zuletzt okkupiert (21. Oktober). Die Besetzung erfolgte in verschiedenen Schritten. Auf Jaluit teilte man dem deutschen Stationsleiter Merz am 29. September zunächst mit, Japan habe beschlossen, die Insel solange unter japanische Verwaltung zu stellen, wie die deutsche Flotte im Fernen Osten präsent sei. Abends fuhren die Japaner wieder ab. Ein paar Tage später (3. Oktober) landete man erneut und erklärte nun, „daß die japanische Regierung anders beschlossen habe". Erst jetzt wurde die japanische Flagge gehißt und die Insel offiziell in Besitz genommen.
Ganz offensichtlich preschte Tokio erst einmal vor, ging aber nur bis zu einem gewissen Punkt, von dem man ohne allzuviel Gesichtsverlust wieder zurückweichen konnte. Andererseits hielt man sich alle Optionen bewußt offen. Über eine Woche war seit der Besetzung von Jaluit vergangen, ohne daß die Japaner weitere Aktionen in die Wege geleitet hätten. Als England, dessen Reaktion man wohl abgewartet hatte, durch sein Stillschweigen Einverständnis erkennen ließ, und ein Eingreifen der australischen Flotte immer noch nicht erkennbar war, wurden vollendete Tatsachen geschaffen. Am 7. Oktober besetzte man zeitgleich Ponape (1. japanisches Südseegeschwader unter Vizeadmiral Yamaya Tanin), das Verwaltungszentrum des östlichen, und Jap (2. japanisches Südseegeschwader unter Konteradmiral Matsumura Tatsuo), den Sitz des westlichen Mikronesien. Danach ging alles Schlag auf Schlag. Palau folgte am 8., die benachbarte Phosphatinsel Angaur am 9. Oktober 1914. Truk wurde am 12., Saipan am 14. und Rota am 21. Oktober 1914 besetzt. Aber auch jetzt verhielt man sich noch äußerst vorsichtig. In Ponape etwa fuhr das japanische Geschwader nach der Übergabe der Insel durch Assessor Köhler am 9. Oktober wieder ab. Auf Truk, wo die Verhandlungen zwischen Japanern und Deutschen in der Truksprache geführt wurden (im Amtsbüro machte Vizeadmiral Yamaya vor dem Bild Kaiser Wilhelms II. eine tiefe Verbeugung), konnten der Stationsleiter und Regierungsarzt bis zum 7. November völlig unbehelligt ihren Geschäften nachgehen. Am sonderbarsten war das japanische Vorgehen auf Jap. Nach übereinstimmenden Aussagen deutscher Augenzeugen hißten die Japaner dort zeitgleich die japanische und die britische Fahne. Erst später zog man den Union Jack wieder herunter und danach flatterte nur noch die japanische Kriegssonne über Jap.
Jap kam als Zentrum eines internationalen Kabels besondere Bedeutung zu. Die Kabelgesellschaft war ein deutsch-niederländisches Gemeinschaftsunternehmen, involvierte also auch die Regierung eines im Krieg neutralen Staates. Die Anwesenheit der beiden britischen Kreuzer am 12. August dürfte bei der japanischen Regierung für zusätzliche Vorsicht gesorgt haben. Aber die Australier kamen und kamen nicht voran. Als schließlich ein zweites Expeditionskorps für Mikronesien auf die Beine gestellt war, befand sich der deutsche Teil Mikronesiens fest in japanischer Hand.
Es blieb nur noch Nauru, das am 6. November aus Rabaul durch den Administrator Holmes besetzt wurde. Da der Phosphatreichtum der Insel auch das Interesse Großbritanniens geweckt hatte, entwickelte sich faktisch ein britisch-australisches Kondominium. Die Zivilverwaltung der Insel unterstand dem britischen Hochkommissar in Suva (Fidschi), in militärischen Fragen aber war Nauru von Rabaul abhängig. Eine Aufforderung an London, die von Holmes als Besatzungstruppe zurückgelassene Garnison von 52 Mann unter Captain E.C. Norrie wieder abzuziehen, lehnte die australische Regierung kategorisch ab - schließlich sei die Insel mehrere hundert Millionen Pfund wert. London konnte sich in dieser Frage nicht durchsetzen. Auf der anderen Seite mußte die australische Militärregierung in Neuguinea auf britischen Druck eine Proklamation über Post- und Quarantänebestimmungen wieder zurückziehen, in die man Nauru mit einbezogen hatte. Jede Seite war eifersüchtig auf die Wahrung ihrer jeweiligen Rechte bedacht.
Um unliebsame deutsche Beobachter beim bald wieder auf Hochtouren laufenden Phosphat-abbau von vornherein auszuschließen, wurde auf Betreiben der Pacific Phosphate Company und auf direkte Anweisung der britischen und australischen Regierung schon am 8. November

Der Phoshatabbau auf Nauru zur Zeit der Militärverwaltung (1914-1921)
 Kalenderjahr exportierte Menge Phosphat in brit. tons
 1914  53.740
 1915  85.808
 1916 105.012
 1917 101.267
 1918  76.440
 1919  69.336
 1920 bis 30.06.1921 364.424
Quelle: Annual Report Nauru 1916; ANL: G 21152. Report on the Administration of Nauru during the Military Occupation and until 17th December 1920; AAC: A 2219 - 22. 1920/21: AAC: A 6661-396
1914 unter offensichtlicher Mißachtung der auch für Nauru gültigen Kapitulationsbestimmungen die deutsche Zivilbevölkerung nach Australien deportiert. Unter strenger Bewachung und in geschlossener Kolonne wurden die Deutschen von der Insel weggebracht. Um die Nauruer zu beruhigen, hatten australische Offiziere über die Häuptlinge mitteilen lasen, die Deutschen kämen nach drei Monaten wieder nach Nauru zurück. Die zunächst noch unbehelligten Missionare, ein Pater und vier Nonnen, wurden ein Jahr später, am 1. November 1915, ebenfalls auf Anordnung des Kolonialstaatssekretärs „and at the expressed desire of the Company" ausgewiesen. Sehr früh zeigte sich auch in Nauru, daß private wirtschaftliche Interessen mit Hilfe der großen Politik in London und Melbourne durchgesetzt werden sollten.
Die Japaner hatten auf den von ihnen besetzten Inseln Mikronesiens Bekanntmachungen veröffentlicht, die ähnlich wie der deutsch-australische Kapitulationsvertrag ein prinzipielles Bleiberecht der Deutschen und eine Garantie ihres Privatbesitzes beinhalteten. „Es würde ... alles beim Alten bleiben", hatte der japanische Kommandant am 8. Oktober in Deutsch der Kapuzinermission versichert, nachdem die Japaner den Regierungssitz des deutschen Mikronesien besetzt hatten. Auch hier hatte man auf allen größeren Inseln die deutschen Beamten gebeten, gegen Bezahlung ihre Geschäfte in japanischen Diensten weiterzuführen. Daher erscheint es kein Zufall, daß genau eine Woche nach der Deportation der deutschen Angestellten der Pacific Phosphate Company von Nauru auch die Deutschen der Phosphatinsel Angaur die ultimative Aufforderung bekamen, die Insel zu verlassen. Dieses Mal waren die Japaner an der Reihe, ihre früheren Versprechungen zu brechen. Offensichtlich hatten die Japaner erst das australisch-britische Verhalten abgewartet, bevor sie vergleichbare Maßnahmen durchführten. Am 16. November 1914 wurden die Deutschen von Angaur aus auf der Kagoshima Maru nach Japan gebracht. Die Wiederaufnahme des Phosphatbetriebes auf Angaur (Mitte Juni 1915) dauerte allerdings erheblich länger als auf Nauru. Ähnlich wie in Neuguinea die australische Firma Burns Philp mit offizieller Deckung durch die hohe Politik vom Ende der deutschen Verwaltungstätigkeit profitierte, so zog in Mikronesien die japanische Südseehandelsgesellschaft Nan’yo Boeki Kaisha den größten Vorteil aus der neuen Situation.
Auf den übrigen Inseln Mikronesiens außerhalb Angaurs wurde den Deutschen zunächst freigestellt, ob sie über Japan nach Deutschland zurückkehren, oder in Mikronesien bleiben wollten. Aus Palau reisten bereits am 1. November 1914 alle deutschen Beamten ab. Darunter waren neben Stationschef Winkler und seiner einheimischen Frau Ngeribongel auch der Maler Max Pechstein nebst Frau. Diese Gruppe traf einen Tag später in Jap ein, wo genau 15 Jahre nach der deutschen Flaggenhissung (2. November 1899) die deutschen Siedler und Beamten bereits warteten, um ebenfalls über Nagasaki in die Heimat zurückzukehren. Insgesamt 34 Personen einschließlich eines englischen Ehepaares schifften sich auf der Kamakura Maru ein und verließen am 3. November 1914 die westlichen Karolinen. Die abreisewilligen deutschen Beamten und Siedler der Marshallinseln verließen Jaluit am 18. November. Von Ponape waren die deutschen Beamten bereits am 21. Oktober abgereist. Stationsleiter Ueberhorst, Regierungsarzt Dr. Mayer und Sanitätsgehilfe und Postagent Nusser verließen Truk mit der Totorei Maru am 3. Dezember über Saipan, wo der Arzt und die beiden Lehrer der Regierungsschule mit ihren Familien am 5. zustiegen. Die Mikronesiendeutschen gelangten relativ unbehelligt von Japan mit Hilfe des amerikanischen Konsuls über die Vereinigten Staaten zurück nach Deutschland. Dem Regierungsarzt von Jap, Dr. Ludwig Kohl (-Larsen), gelang es sogar, den größten Teil der Stationskasse von Jap, 25.000 Mark, zu retten.
Zurück blieben einige wenige deutsche Beamte, Siedler, Händler und vor allem die katholischen und protestantischen Missionare. Diesen, allen voran den Händlern der Jaluit-Ge-sell-schaft, wurde aber das Leben zunehmend schwergemacht. Am 31. März 1915 wurden die Läden der Jaluit-Gesellschaft endgültig geschlossen und den Deutschen jeder Handel verboten. Bereits ab Anfang Januar 1915 hatten die meisten der übrig gebliebenen Deutschen Ausweisungsbefehle erhalten. Realisiert wurden sie wegen der schwierigen Transportverhältnisse zu unterschiedlichen Zeiten. Die letzten deutschen Beamten (Krümling 9. Juni, Böhme 30. Juni 1915), wurden im Juni 1915 aus den Marshallinseln und Marianen expediert.
Von den Missionaren wurde den katholischen Missionaren in den Palauinseln am übelsten mitgespielt. Die Patres wurden getreten und zusammengeschlagen; die Schwestern von den japanischen Soldaten belästigt. Nach einem Schauprozeß wurden auch sie unter Androhung von Gewalt Ende November 1915 aus Palau weggeführt. Ursache des japanischen Verhaltens war das Verstecken der Amtsgelder in der Mission. Da man sie hinter dem Altar in der Kirche eingemauert hatte, konnten die Japaner sie trotz mehrfachen Suchens nicht finden und ließen ihre Wut am Missionspersonal ab. Im März 1916 wurden auch die Kapuziner von Saipan deportiert; die Zahl der deutschen protestantischen und katholischen Missionare auf Truk wurde zeitgleich erheblich vermindert. Truk wurde zum Hauptquartier der Japaner ausgebaut; in Saipan war die japanische Einwanderung besonders stark. Ganz offensichtlich wollten die Japaner dort keine ungebetenen deutschen Zaungäste.
Bis zum Ende des Krieges verblieben deutsche Missionare auf Ponape und Jap, sowie einigen kleineren Inseln. Auch eine kleine Anzahl deutscher Siedler war zurückgeblieben. Der Verkehr und jede Kommunikation zwischen den einzelnen Inseln war streng untersagt. Ein Briefkontakt mit der Heimat war seit Dezember 1914 gleichfalls fast unmöglich. Gelegentlich kamen Sendungen aus Mikronesien auf irgendwelchen wundersamen Wegen in Deutschland an; der umgekehrte Weg war hingegen blockiert. Mit Sondererlaubnis konnten sowohl Protestanten wie Katholiken über Amerika die zur Weiterarbeit dringend benötigten finanziellen Mittel erhalten. Dem apostolischen Vikar von Ponape wurde dafür sogar eine Amerikareise genehmigt.