Als erstes deutsches Südseeterritorium, ja als erstes deutsches
Gebiet während des Krieges überhaupt, wurde Samoa am 29. August
1914 von einer feindlichen Macht, hier einer australisch-neuseeländischen
Armada (die Australier stellten die Schiffe, die Neuseeländer die
Truppen, mit dabei waren auch 15 samoanische „Wegführer" der protestantischen
Mission in Fidschi), besetzt. Einen Tag später nahm Neuseeland offiziell
von der Insel Besitz. Vorausgegangen war die britische Forderung an Wellington,
die Funkenstation Apia auszuschalten. Ein solches offizielles Ersuchen
durch das Mutterland war seit langem fester Bestandteil der britischen
Planungen für den Kriegsfall. Die neuseeländische Regierung,
die, wie wir gesehen haben, die Teilung der Beute bereits sichergestellt
hatte, bevor irgendein Anlaß dafür gegeben war, wußte
also, was von ihr bei Ausbruch des Krieges erwartet wurde.
Die neue Funkenstation in Apia hatte rechtzeitig von der Zuspitzung
der europäischen Lage Nachricht erhalten. Eine offizielle Mitteilung
über den Eintritt des Kriegszustandes, gerade auch mit Großbritannien,
gelangte jedoch nie nach Samoa. Das bekannte Telegramm Solfs, das für
die Kolonien Entwarnung gemeldet hatte, war durch die Entwicklung längst
überholt, ohne daß neue Verhaltensregeln eingelaufen wären.
Ein von Gouverneur Schultz am 5. August 1914 einberufener erweiterter Gouvernementsrat
beschloß bei nur einer Gegenstimme, die als wahrscheinlich angesehene
militärische Besetzung Samoas widerstandslos hinzunehmen. Die britische
und kolonialbritische Bevölkerung der Inseln wurde gegen Ehrenwort
in Freiheit belassen und konnte ihre gewohnten Tätigkeiten fortsetzen.
Der britische Amtmann von Savai’i, Williams, mußte jetzt seine Stellung
zwar aufgeben, aber auch ihm wurden im persönlichen Bereich keine
Beschränkungen auferlegt. Ganz offensichtlich vertraute die deutsche
Regierung Samoas darauf, daß das bisher recht gut funktionierende
Zusammenspiel der verschiedenen Nationen auch in Zukunft unter anderen
Vorzeichen fortgesetzt werden könne. Eine Alternative zu dieser Vorgehensweise
gab es ohnehin nicht, wollte man nicht das Aufbrechen alter Wunden und
das Wiederaufleben der samoanischen Bürgerkriege riskieren.
Beim Eintreffen der Neuseeländer weilte Gouverneur Schultz mit
deutschen und samoanischen Beamten in Vaitele. Von dort aus führte
er die Verhandlungen mit dem Kommandeur der Besatzungstruppen, dem neuseeländisch-schottischen
Colonel Rober Logan, mittels Telefon. Eine förmliche Kapitulationsvereinbarung
gab es in Samoa nicht. Das brachte erhebliche Nachteile für die Deutschen
mit sich. Der deutsche Gouverneur wurde umgehend nach Auckland in Kriegsgefangenschaft
abgeführt und seit dem 17. September 1914 auf der Auckland vorgelagerten,
bisherigen Quarantäneinsel Motuihi festgehalten. Die ihm zugedachte
Behandlung war mehr als erniedrigend. Neuseeland war die erste britische
Kolonie, die deutsche Staatsangehörige internierte. Die Regierung
Neuseelands schien sich gegenüber dem kolonialen Mutterland als besonders
willfährig und strebsam erweisen zu wollen.
Zunächst wurde aber auch in Samoa von den neuen Machthabern die
Weitergeltung deutschen Rechts proklamiert und die Beibehaltung der deutschen
Beamten in ihren Stellungen bei vollem Gehalt zugesichert. Zwischen den
Deutschen und den Neuseeländern gab es aber früh Friktionen,
von denen uns heute in der Nachschau viele als läppisch erscheinen,
die aber damals die gegenseitig aggressive Stimmung stetig verschärften.
Zwischen dem 7. und 12. September 1914 legten alle deutschen Beamten ihr
Amt nieder, da sie sich nicht als „servants of the occupation forces" bezeichnen
wollten. Am 12. September wurden alle deutschen Beamten - wenn man einmal
davon absieht, daß ein letzter deutscher Beamter (Amtmann Osbahr
aus Südupolu, den man benötigte, um dort die lafoga/Kopfsteuer
der Samoaner einzusammeln) erst Ende 1915 deportiert werden konnte - wie
ihr Gouverneur nach Neuseeland in Kriegsgefangenschaft abgeführt.
Die meisten kamen nach Somes Island in die Bucht vor Wellington, wo auch
die verdächtig erscheinenden Neuseelanddeutschen untergebracht wurden.
Zu ihnen stießen immer mehr auch deutsche Zivilisten aus Samoa,
die zunehmend aus den unterschiedlichsten Gründen den wechselhaften
Launen des unberechenbar erscheinenden Oberst - sein Nachfolger Tate war
überzeugt, Logan habe unter Tropenkoller gelitten - zum Opfer gefallen
waren. Die Bedingungen auf Somes Island waren noch schlechter als in Motuihi.
Eine auf Antrag des Grafen Luckner - der selbst in Motuihi festgehalten
wurde - abgehaltene Untersuchung enthüllte nicht sehr erbauliche Zustände.
Die an die Tropenwärme Samoas gewöhnten Samoa-Deutschen wurden
gezwungen, in den klammen, im Winter eiskalten Räumen auf matschigem
Boden zu schlafen; Stroh war nur teilweise vorhanden. Knapp 300 Gefangene
(darunter 270 Deutsche, drei Russen, je ein Holländer, Schweizer [sic!]
und Mexikaner) waren den ständigen Schikanen des Wachpersonals ausgesetzt.
Deren Spezialität waren die von ihnen angeordneten „physical exercises".
Dabei mußten die Kriegsgefangenen rückwärts bückend
unter ausgestreckten Stöcken gehen, die je nach „Beliebtheit" des
Gefangenen höher oder niedriger gehalten wurden, Froschhüpfen
und im Kreis herumlaufen. Dabei wurden sie getreten, gestoßen und
geohrfeigt - „to make them move at the proper speed".
Zwei Tage nach der Wegführung der deutschen Beamten aus Samoa
tauchte Graf Spee mit der Scharnhorst und der Gneisenau vor Apia auf, verließ
die Insel aber noch am gleichen Tag, ohne, wie von den nervösen neuseeländischen
Besatzungstruppen befürchtet und von den jubilierenden deutschen Siedlern
erhofft, in das Geschehen einzugreifen. Die militärische Auseinandersetzung
mit der australischen Flotte, der Spee entgegengesehen hatte, fiel in Abwesenheit
der Australia und ihrer Geleitschiffe aus. Zu einer Besetzung Samoas aber
hatte Spee zu wenig Truppen und Munition; vor einer möglichen Beschießung
des Hafens schreckte er zurück, weil dadurch logischerweise auch deutsches
Eigentum hätte beeinträchtigen werden können. Wie die übrigen
deutschen Offiziere vor ihm, besaß auch Spee eine besondere Hochachtung
vor den Samoanern. An Stelle Apias attackierte er acht Tage später
Papeete.
Spätestens seit dem Untergang des deutschen Ostasiengeschwaders
lag Samoa im absoluten Windschatten des europäischen Krieges. Das
Verhältnis zwischen den deutschen und britischen Kolonisten war zwar
durch die Kriegsereignisse gewissen Spannungen ausgesetzt, im Prinzip hielten
aber die guten persönlichen Beziehungen auch dem Krieg stand. Die
Samoaner boten keinen Anlaß zur Beunruhigung. Ohne offiziellen Kapitulationsvertrag
waren die Beziehungen zwischen deutscher Zivilbevölkerung und den
Besatzungstruppen nur von den Richtlinien für die Militärverwaltung
eines besetzten Territoriums der Haager Konvention geregelt. Ihre Interpretation
durch den neuseeländischen Administrator war sehr eigenwillig. Die
Grundidee wurde immer mehr verwässert. Zuletzt blieb von der theoretischen
Weitergeltung deutschen Rechts nur noch das Eherecht. Ansonsten regierte
der Colonel mit Hilfe von Proklamationen, Militärverordnungen und
dem Kriegsgericht - außerordentlichen Zwangsmitteln, die ansonsten
nur aus dem direkten Kriegsgebiet bekannt sind. Alle Deutschen, auch jene,
die in den abgelegenen Teilen der Insel wohnten, unterlagen einer wöchentlichen
Meldepflicht und dem Verbot, zwischen 21 Uhr abends und sechs Uhr morgens
Licht zu machen. Für ganz Samoa war eine Ausgangssperre ab 18 Uhr
in Kraft. Der offizielle Postverkehr von und nach Deutschland kam nach
dem 6. November 1914 zum Stillstand. Selbst zensierte Briefe wurden nicht
weitergeleitet; die letzte deutsche Postsendung, die Samoa erreichte, wurde
vor den Augen der Deutschen verbrannt. Beschwerden gegen die unverhältnismäßige
Ausübung des Kriegsrechts auf Samoa beantwortete Colonel Logan damit,
im Vergleich zum deutschen Vorgehen in Belgien sei das alles gar nichts,
er könne aber auch jeden Deutschen mit seinem Revolver eigenhändig
erschießen. Gerichtsverhandlungen gegen deutsche Angeklagte waren
eine Farce. Es kam vor, daß der Administrator das Strafmaß
für eine Straftat im Anschluß an ein Verfahren per Proklamation
festsetzte.
Die deutschen Unternehmer hatten zunächst noch über die Ankunft
der Neuseeländer gejubelt. Dies sei „die Errettung von unabsehbaren
aus dem Kriegszustande resultierenden Kalamitäten", schrieb der Regionalvertreter
der Deutschen Samoagesellschaft, Marggraff, im Oktober 1914 an das Berliner
Stammhaus, deren Gründer und Mitbesitzer Deeken durch seine markigen
Worte und alldeutsche Propaganda der auf Ausgleich bedachten Kolonialverwaltung
in der Vergangenheit so viel Ärger bereitet hatte. Ein Verbleiben
bei Deutschland wäre angesichts der dann sicheren Abnabelung vom Weltverkehr
„verhängnisvoll" gewesen, seufzte auch die Firma Zuckschwerdt erleichtert.
Die Freude der deutschen Kolonialunternehmen währte allerdings
nicht lange. Mitte Dezember 1914 wurde ihnen das Import- und Exportgeschäft
untersagt. Alleinimporteur wurde auch hier Burns Philp. Am 26. April 1915
wurde die deutsche durch die britische Währung ersetzt, einen Tag
später eine Zweigstelle der Bank of New Zealand in Apia eröffnet.
Die aus dem Verkehr gezogenen deutschen Banknoten und Münzen im Wert
von insgesamt 1.507.837,45 Mark wurden auf dem Londoner Kapitalmarkt in
Pfund umgetauscht und der Betrag in neuseeländische Kriegsanleihen
investiert. Das Münzgeld allein hatte einen Nennwert von über
812.000 Mark und mußte in 92 Kisten nach Neuseeland transportiert
werden. An Bargeld hatte Neuseeland bereits 279.000 Mark von der deutschen
Verwaltung übernommen. Die aus Neuseeland eingeführten britischen
Geldscheine und Münzen wurden dem Landesetat Samoas in Rechnung gestellt
und Ende Juli 1917 von Samoa in voller Höhe an Neuseeland zurückerstattet.
Ab September 1915 wurden, beginnend mit der Deutschen Handels- und
Plantagengesellschaft, die deutschen Firmen unter Sequester gestellt. Am
25. April 1916 schloß die Militärregierung alle deutschen Geschäfte,
begann mit der Liquidation und auktionierte die Warenlager. Vorausgegangen
war eine Aufforderung Großbritanniens. Die Einnahmen aus der Aktion
sicherten Neuseeland den höchsten Etatüberschuß seiner
Geschichte. 1916 überwies Samoa 50.000, 1917 sogar 78.000 Pfund an
Neuseeland. Die entsprach einem Gegenwert von etwa 2,5 Millionen Mark.
Von 1916 an sollte Samoa Neuseeland alle Besatzungskosten einschließlich
aufgelaufenen Zinsen in einem Zeitraum von 15 bis 20 Jahren erstatten.
Mehrere Fliegen mit einer Klappe wurden erledigt, als Logan zum 1. April
1916 eine Exportsteuer für landwirtschaftliche Produkte einführte.
Die Gewinne der deutschen Pflanzungen konnten dadurch ebenso abgeschöpft
werden wie die Kaufkraft der Samoaner, war doch der Administration von
vornherein klar, daß die Samoaner als Hauptproduzenten der Kopra
den größten Teil der Zeche zu entrichten hatten.
Mit der Liquidation der deutschen Geschäfte schlug wieder einmal
die große Stunde für Burns Philp. Man sicherte sich das Gros
der Waren und die Nutzungsrechte an allen Gebäuden und Handelsstationen
der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft, ohne daß die australische
Firma bis Kriegsende einen Penny Pacht hätte entrichten müssen.
Irgendwie war es Burns Philp gelungen, auch in Samoa und Neuseeland die
richtigen Männer an den entscheidenden Stellen zu positionieren. Der
Liquidator der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft war ein Angestellter
von Burns Philp. Dann lief alles wie geschmiert. Was amtlich als Auktion
deklariert worden war, zeichnete sich durch wenige Anwesende und noch weniger
Bieter aus. So konnte Burns Philp auch die Läden und Geschäfte
der Firma Grevsmühl in bester Lage am Hafen, mit eigener Werft und
Gleisanschluß, für den Spottpreis von nicht einmal 2.000 Pfund
erwerben.
Da die Zahl der aus Samoa nach Neuseeland geschickten Kriegsgefangenen
ständig zunahm, lehnte die neuseeländische Regierung die Übernahme
weiterer Gefangener aus Samoa ab. In Samoa wurde deshalb ein eigenes Gefangenenlager
eingerichtet. Gegen Kriegsende eskalierte die Lage in Samoa immer mehr.
Ein mißglückter Versuch deutscher Kriegsgefangener, aus dem
Internierungslager Sogi zu entfliehen, gab Logan den Anlaß, eine
spezielle Anordnung zu erlassen, wonach alle Deutschen, einschließlich
der Kinder, ihre Häuser nicht mehr verlassen durften. Die Kriegsgefangenen
wollte er standrechtlich erschießen lassen. Auf die telegrafische
Anweisung aus Wellington, völkerrechtlich sei ein Fluchtversuch von
Kriegsgefangenen kein Straftatbestand, reagierte der neuseeländische
Administrator mit dem Entschluß, jetzt alle Deutschen Samoas ohne
jede Ausnahme internieren zu wollen. Auch die Samoaner deutscher Abstammung
sollten jetzt eingesperrt werden. Bevor Samoa zu einem riesigen Kriegsgefangenenlager
ausgebaut werden konnte, kam der Waffenstillstand in Europa.