Die einheimische Bevölkerung und der Krieg

Der Ausbruch des europäischen Krieges machte auf einen Schlag deutlich, wo die Schwachstellen des Kolonialsystems lagen und wo es den Deutschen gelungen war, die einheimische Bevölkerung zur Mitarbeit zu gewinnen. Der Krieg wirkte auf das Verhältnis zwischen indigener Bevölkerung und europäischer Administration wie ein Vergrößerungsglas; die Einstellung der Einheimischen zur deutschen Kolonialverwaltung trat jetzt schärfer zutage als zuvor. Die Bereitwilligkeit, den Deutschen zu Hilfe zu kommen, war am deutlichsten dort, wo deutsche Beamte den Grundstein für eine Entwicklung gelegt hatten, die, über eine reine Koexistenz hinaus, zu einer Symbiose neuer Verhaltensweisen geführt hatte, und die für beide Gruppen ersprießlich war. So war es eben kein Zufall, daß gerade auf den Marianen, wo der langjährige Bezirksamtmann Fritz ein besonders enges Verhältnis zu den Chamorro und Karolinern aufgebaut hatte, und auf Samoa ein Teil der einheimischen Bevölkerung bereit war, ungefragt zu den Waffen zu greifen, um die Deutschen und ihre Verwaltung zu schützen und zu verteidigen.

Ich habe gehört, daß viele Häuptlinge unserer Kolonie aus Patriotismus und Liebe für den Kaiser angeboten haben, in den Krieg zu ziehen. Deutsche und samoanische Sitten hinsichtlich Vaterlandsliebe und Zuneigung unterscheiden sich nicht. ...
Tagaloa, Richter, Saluafata, 6. August 1914

Ich schreibe mit Kummer und Liebe, nachdem ich Ihr Rundschreiben an die Samoaner gelesen habe.
14 Jahre sind vergangen seit die Fahne hier aufgezogen wurde und Ihr habt dafür Sorge getragen, daß das Blut der Samoaner nicht vergossen wurde - bis auf den heutigen Tag.
Oi! Herz und Blut [wörtlich: Fleisch] schreien in Sympathie für die Kaiserliche Regierung.
Oi! Wer würde nicht weinen aus Liebe zu ihr. ...
Aber laßt uns zuversichtlich auf den Allmächtigen vertrauen. Er möge den Kaiser, die Kaiserliche Regierung und die Soldaten segnen. Er möge die sich jetzt abzeichnenden Gefahren abmildern und die Regierung segnen, daß sie ihre Feinde überwältige. ...
Amitua, Apia, 9. August 1914

Eines ist uns Samoanern klar: Daß die Länder Europas darauf aus sind, Deutschland zu überfallen. ... Wenn versucht würde, dieses Verbrechen zu vertuschen, dann schreit das Blut Abels auf von der Erde: das reine Blut des Großen Häuptlings von Österreich. Ohne jeden Zweifel - dieses Blut wird gegen sie aufschreien. Serbien nahm offensichtlich teil an diesem Verbrechen und außerdem zeugt ihr böser Wille und ihr Neid gegenüber der großen Macht Deutschland. ... Vertrauen wir Gott. Möge er Seine Majestät den Kaiser und die deutsche Regierung lieben und segnen und ihnen einen starken Willen und weise Pläne geben; möge er die Soldaten stärken sich im Krieg durch Treue und Tapferkeit auszuzeichnen. Laßt uns um diesen Segen Gottes beten; daß unsere Regierung siege. ...
Die Faipule von Manono, 25. August 1914

Europa hat sich entschlossen, unsere Regierung zu bekriegen. Aber vertrauen wir in unseren gütigen Vater den Allmächtigen, daß Er unsere Armee beschütze. ...
Deutsche fürchten nichts außer Gott. ... Schultz! ... Mögen Deine Pläne erfolgreich sein und die zugkräftigen Einrichtungen, die Du begründet hast, von Dauer sein. Was ich sage, ist die reine Wahrheit - genau das, was Ruth zu Naomi gesagt hat: „Dein Land ist mein Land; Dein Gott soll mein Gott sein. Wo du stirbst, da will auch ich sterben." Ich werde der deutschen Regierung treu sein alle Tage meines Lebens. ...
Aiono (Siatiu), Fasito’oúta, 22. August 1914

Deutschland kämpft, Samoa betet. Wir hoffen, daß Gott dem Kaiser in dieser Notlage beisteht. Denn nur so wird der Feind den kürzeren ziehen. Wie der Psalmist sagt: „Wenn Gott mit uns ist, wer kann gegen uns sein?"
Aiono (Toalepai), Fasito’oúta, 13. August 1914

Aus Sympathiebriefen von Samoanern an Gouverneur Dr. Schultz nach Bekanntgabe des Kriegszustandes in Europa
NZA: IT A3 No. 30
Umgekehrt zeigte sich, als der äußere Druck wegfiel, wo und in welchen Bereichen man deutsche Vorgaben eben nicht internalisiert hatte, und wo die Schwach- und Bruchstellen des kolonialen Systems lagen. Es ist bezeichnend, daß die ersten und auffälligsten Probleme mit den Arbeitern der großen Pflanzungen auftraten. Auch in Mikronesien war eine veränderte Haltung gegenüber den Deutschen am auffälligsten dort, wo die Einbeziehung in die koloniale Arbeitsordnung das traditionelle Gefüge am nachhaltigsten verändert und erschüttert hatte. Noch stärker als die Arbeiter waren die Polizisten vom Zusammenbruch der bisherigen Ordnung betroffen.

Gleich nach Eintreffen der „Coblenz" [13.08.1914] hatten die Eingeborenen von dem Kriegsausbruch erfahren. Sie nahmen plötzlich instinctiv eine eigentümliche Haltung den Beamten gegenüber ein wie nie zuvor, besonders auf den Inseln Wela und Uman, als wenn sie sagen wollten „jetzt kommt lange Zeit kein Schiff mehr, jetzt ist die Regierung für uns Luft, sie kann uns mit ihren 12 Polizeisoldaten, unseren Landsleuten, doch nichts machen. .. In einem ... Falle leistete ein Eingeborener meinem Befehle erst dann Folge, als ich meinen Karabiner herbeiholte und ihn lud. Die Ende August mit dem Anwerbedampfer „Wiegand" der deutschen Südseephosphat-Aktiengesellschaft in Angaur zurückgebrachten Trukarbeiter, die wegen Typhusverdachts auf eine Außenriffinsel in Quarantäne gebracht werden sollten, verließen trotz meines Befehls das Schiff und gingen zu ihren Angehörigen. Sie konnten erst nach und nach wieder zusammengebracht werden. ...
Die Eingeborenen sammelten sich am Abend des 11. Oktober und am Morgen des 12. Oktober scharenweise auf den Veranden der Beamtenhäuser an, um dort nach Herzenslust zu nehmen, was sie fanden. ... Heimlich schlachteten sie amtliche Schweine und Ziegen ab. ... Die 12 Truk-Polizeisoldaten ließen sich nicht sehen, um die Beamten gegen die Eingeborenen zu unterstützen. Am 12. Oktober Vormittags erschienen ca. 200 Eingeborene, bewaffnet mit langen Buschmessern, auf Eten, in der Absicht, den Laden der Jaluitgesellschaft zu stürmen. ... Die Angestellten der Jaluitgesellschaft verhinderten das Vorhaben der Eingeborenen. Diese waren der Meinung, die Japaner würden jetzt alle Deutschen ohne weiteres erschiessen, zum mindesten aber schlagen und ins Gefängnis werfen, und fragten ganz erstaunt, wie das nicht geschah, warum die Japaner den Deutschen nichts täten.
Der Stationsleiter von Truk, August Ueberhorst, am 19.01.1915 aus San Francisco über den Zusammenbruch der deutschen Ordnung auf Truk
BA: RKolA 2622

Die Polizeisoldaten und die jüngeren Leute hielten zur deutschen Regierung, einige der älteren Leute, in erster Linie die Häuptlinge von Koreor, Airai und Aimeliik, zum Gegner. Auch ein ehemaliger Unteroffizier, ein zukünftiger Häuptling von Koreor, hielt zu den Japanern, und er war es wohl, der ihnen alle Mitteilungen über Geld und unserer Tätigkeit machte.

Leider mußten wir schon am nächsten Tage die schmerzliche Erfahrung machen, dass die Palaueingeborenen, besonders die ältere Generation, sich rückhaltlos den Eroberern auf die Seite stellten. Die Jugend, soweit sie in der Missionsschule erzogen war und Deutsch sprach, sowie ein Teil der Polizeisoldaten blieb treu. Mir war der Gesinnungswechsel der Leute keine Überraschung. ... Die Spanier hatten sich niemals viel um die Inseln gekümmert, die spanische Kapuzinermission hatte gar keinen Einfluss erlangt, dann kamen die Deutschen und die deutsche Mission. Die Freiheit des Daseins für die Palauer nach ihren alten ungeschriebenen Volksgesetzen war nun dahin. Das paradiesische Genussleben mit den Armongols, ausgesucht hübschen, jungen Mädchen in den „Bais", den Klubhäusern, hörte auf. ... Das Klubhaus mit seinem fröhlichen Leben und Treiben, besonders am Abend, war für den Palauer der Inbegriff aller leiblichen und geistigen Lebensgenüsse. Als diese Sitte auf einmal mit Stumpf und Stil ausgerottet wurde, nahm man dem Volke alles, was das Leben ihm bisher lebenswert gemacht hatte, ohne ihm etwas anderes dafür zu geben.
Stationsleiter Winkler und Regierungsarzt Dr. Born über das Verhalten der Bevölkerung Palaus
BA: RKolA 2622
Sie, die ihre herausgehobene Stellung alleine diesem System verdankten, verloren mit einem Schlag ihre Existenzberechtigung. Die Enttäuschung über den radikalen Verlust an Prestige und die plötzlich möglich gewordene Auflehnung gegen die gerade bei der Polizei bislang praktizierten brutalen Unterdrückungsmethoden schufen ein explosives Gemisch, das sich erstaunlicherweise nur selten entlud. Immerhin brach lange und mühsam aufgestauter Haß sich jetzt Bahn. Als in Friedrich-Wilhelmshafen mit der Ankunft der Australier neue Verhältnisse eingetreten waren, spuckte der melanesische Unteroffizier vor seinem deutschen Polizeimeister aus.
Insgesamt gesehen, ist es aber doch auffällig, wie wenig in der deutschen Südsee der Ausbruch des europäischen Krieges und die dadurch offenbar gewordene Zwangslage der Deutschen zu einer Störung des Verhältnisses zwischen einheimischer und deutscher Bevölkerung führte. Im Gegensatz zu Teilen des deutschen Afrika, wo - wie in Kamerun - der Kriegsbeginn regional bestehende Spannungen zwischen der indigenen Bevölkerung und den Deutschen verschärfte, bot die Nachricht vom Ausbruch eines Kriegs unter den Europäern den Völkern der deutschen Südsee nirgendwo Anlaß zu einer Erhebung gegen die Deutschen. Selbst auf Ponape blieb es ruhig. Sogar letzte Steuerschulden wurden nach Bekanntgabe der Kriegsnachricht noch anstandslos bezahlt und eingesammelt, konnten aber nicht mehr ordentlich verbucht werden (Neuguinea Kopfsteuer 1914 ca. 313.000 Mark). Dies kann, gerade weil die Lage der Deutschen im Pazifik völlig ungeschützt war und angesichts ihrer geringen Zahl ihr Überleben allein von der Duldung durch die einheimische Bevölkerung abhing, nicht genug betont werden. Auf Palau richtete sich der Volkszorn eher gegen die Japaner, die bislang den Handel dominiert hatten. Angesichts eher entgegengesetzter Entwicklungen in der nichtdeutschen Südsee - auf Fidschi erregte Ratu Sailose Aufsehen mit der Behauptung, Deutschland werde Großbritannien unterwerfen und Fidschi danach wieder frei; in Neuseeland wurde der Maori-Prophet Rua Kenana gar verdächtigt, seinen Stamm der Tuhoe zu bewaffnen, um auf Seiten Deutschlands in den Krieg einzutreten; auf Neukaledonien brach eine Rebellion aus - reflektiert die relative Ruhe in den deutschen Südseebesitzungen wohl doch ein einigermaßen entspanntes Verhältnis zwischen der deutschen Verwaltung und der einheimischen Bevölkerung.
In allen Teilen der ehemaligen deutschen Südsee führte der Krieg zu einschneidenden Änderungen im Verhältnis zwischen indigener und kolonialer Bevölkerung. In Neuguinea resultierte das Fehlen einer koordinierten australischen Eingeborenenpolitik, der ständige Wechsel der Beamten, deren Tätigkeit kaum einer Führung oder Kontrolle unterstand, und die Unkenntnis der bisherigen kolonialen Verwaltungspraxis in einer Willkürherrschaft, bei der spätestens nach dem Tode Pethebridges alles drunter und drüber ging. Durch die in Teilen gewollte und beförderte Aufgabe, teilweise auch situationsbedingt eher zufällige Nichtfortführung deutscher Verwaltungsmaximen, schuf die Militärverwaltung vollendete Tatsachen, die das koloniale Gesicht Neuguineas tiefgreifend umgestalteten und die australische Kolonialpolitik noch bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bestimmten. Dazu gehörten die Abschaffung des Gouvernementsrates - das Ende lokaler Mitbestimmungsmöglichkeiten und die Durchsetzung rein autoritärer Entscheidungsstrukturen in der Kolonialpolitik -, die Auflösung des staatlichen Schulwesens für die einheimische Bevölkerung - „education, as far as teaching the Natives to read and write, is a waste of time" (so der leitende australische Beamte für Eingeborenenfragen, Captain Tennent) - und die zunehmende Entwertung der bislang durch die Kolonialmacht offiziell akkreditierten internen melanesischen Schlichtung. Diesem Grundpfeiler der deutschen Politik, durch den es gelungen war, die meisten innermelanesischen Streitigkeiten ohne Eingreifen (und Kenntnis) der Kolonialverwaltung einer indigenen Lösung zuzuführen, standen die Australier vollkommen verständnislos gegenüber. Die Umwandlung der verächtlich Loo Loo Eyes („Kloaugen") und Tool Tools („Handlanger") genannten einheimischen Entscheidungsträger in reine Polizeibüttel führte nicht nur zum Verlust des wichtigsten Reservatbereiches melanesischer Rechtsautonomie, sie förderte auch eine unter den Australiern sich ohnehin stärker abzeichnende Tendenz zur Bürokratisierung und zum Eurozentrismus.
Vor allem aber geriet das zuvor mit der Autorität der Verwaltung durch den melanesischen „Richter" dauernd erneuerte, wiederhergestellte und abgesicherte System sozialer Interaktion in eine bleibende Schieflage mit schwer abschätzbaren Folgen. Für die gegenüber der deutschen Zeit prinzipiell andere Sichtweite der australischen Verwaltung ist mit Sicherheit auch ein spezifisch australischer Rassismus mitverantwortlich. Zur Verteidigung der Prügelstrafe führte Administrator Johnston etwa aus:
It must be remembered that
1. The native is a primitive being, with no well developed sense of duty or responsibility. ... With a native as with an animal - correction must be of a deterrent nature. Would a man imprison his horse for offering to bite him?
Neuguinea blieb auch nach 1914 eine Prügelkolonie. In deutscher Zeit war die Prügelstrafe als eine Disziplinarstrafe hauptsächlich gegen einheimische Arbeiter in Verwendung gekommen, als Mittel der Strafjustiz existierte sie dagegen nicht. Als integraler Bestandteil der kolonialen Strafjustiz wurde die Prügelstrafe durch die Militärverwaltung neu eingeführt. Die Form der Strafjustiz mittels der Prügelstrafe hat sogar den zweiten Weltkrieg überdauert; noch Mitte der fünfziger Jahre verhängten australische Richter im damaligen Mandatsgebiet Papua und Neuguinea die Prügelstrafe in Strafverfahren. Die Prügelstrafe als Disziplinarmaßnahme wurde von der australischen Regierung zwar formal im Frühjahr 1919 abgeschafft, faktisch aber änderte sich dadurch wenig an ihrer ubiquitären Verwendung. Es gibt massenhaft Belege für ein Fortexistieren der Prügelstrafe als „Vorzugsstrafrecht" der weißen Kolonialbevölkerung gegenüber der von ihr abhängigen melanesischen Bevölkerung auch im australischen Neuguinea. Der einzige Unterschied zwischen der deutschen und der australischen Methode war der, daß zu deutscher Zeit „offiziell" geprügelt werden durfte, und der Historiker demgemäß die offiziell verordnete und genehmigte Brutalität an den amtlich zu führenden Prügelstatistiken genau ablesen kann. Da die disziplinarisch verhängte Prügelstrafe seit 1919 offiziell nicht mehr existierte, gibt es für die australische Zeit naturgemäß auch keine Statistiken. Anstelle der deutschen Manie, die Brutalität behördlich zu reglementieren, trat die australische Heuchelei, nach außen den Schein der Humanität aufrecht zu erhalten, aber vor Ort das brutale Vergehen selbst zu dulden und zu decken. Der Grad und die Häufigkeit der praktizierten Brutalität waren jetzt der persönlichen Einstellung des jeweiligen district officer überlassen. Dies war ein weiteres Element, das den Eindruck der Willkürherrschaft verstärkte.
In der sozialen Frage galt kurzfristig zumindest theoretisch jener Zustand, den Gouverneur Hahl seit langem angestrebt hatte. Am 15. Juli 1915 trat eine neue Arbeiterverordnung in Kraft, die faktisch die Inkraftsetzung der deutschen Arbeiterverordnung bedeutete, die Gouverneur Hahl am 5. März 1914 dem Gouvernementsrat vorgelegt hatte und die zum 1. Januar 1915 in Kraft hätte treten sollen. Die von Hahl angestrebte Reform hatte beabsichtigt, erhebliche Schwachstellen der Arbeiterverordnung vom 4. März 1909 und der in dieser noch übernommenen Bestimmung vom 31. Juli 1901 endlich auszumerzen. Zu den längst überfälligen neuen Vorschriften gehörten die Einführung des Barlohnes und das Verbot der Warenentlohnung, das Verbot, wie bisher üblich einen Teil des Lohnes für Tabak und Lendentuch einzubehalten und einen anderen Teil bis zum Ablauf des Arbeitsvertrages zurückzuhalten, die Begrenzung des Arbeitstages auf neun (statt zehn) Stunden täglich, schließlich verschiedene Schutzbestimmungen für die Arbeiter, die insbesondere die zahlreichen Übergriffe der Anwerber in Zukunft ausschließen sollten. Die Anwerbung von Melanesen nach außerhalb der Kolonie sollte ganz untersagt werden, die Privilegien der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft in Samoa sollten ein Ende haben. Mit der australischen Entscheidung vom 15. Juli 1915 erlangten die meisten dieser Richtlinien Gesetzeskraft. Ob sich bei einer ungehinderten Fortsetzung der deutschen Kolonialherrschaft dieses Ziel hätte erreichen lassen, kann bezweifelt werden. Sehr bald zeigte sich aber, daß die australische Militärverwaltung nicht in der Lage und auch nicht mehr willens war, den fortschrittlichen Bestimmungen ihrer Arbeiterverordnung Beachtung zu verleihen. Bereits im Oktober 1915 erfolgte die erste Abschwächung der Verordnung und im August 1917 wurde die Juli-Verordnung vom 1915 vollends durch eine neue, sehr viel auslegungsfähigere Verfügung ersetzt. Auch damit war noch kein Ende beim Herumexperimentieren und Anpassen an die Realitäten des kolonialen Alltags erreicht. Bis April 1921, dem Ende der Militärverwaltung, gab es noch eine weitere Totalrevision, dazu insgesamt 17 Änderungs-, Ergänzungs- und Ausführungsbestimmungen. Faktisch bedeutete das, daß in zunehmendem Maße die alten Schutzbestimmungen immer mehr verwässert wurden, bis am Ende ein Zustand erreicht war, der noch weit hinter dem Status vom September 1914, also dem Ende der deutschen Verwaltung, zurücklag.
Verschiedene Gründe waren für diese Entwicklung verantwortlich. Da war einmal des Druck des Faktischen, der sich in einer generellen Mißachtung und einem Boykott der Arbeiterverordnung durch fast alle europäischen Arbeitgeber in der Kolonie (einschließlich der Missionen) manifestierte. Der Militärverwaltung fehlten aber sowohl Personal wie Mittel, um ihren ursprünglichen Standpunkt auch in die Tat umsetzen zu können. Die wesentliche Erfahrung, wie eine Kolonialverwaltung ihre Ziele im Zusammenwirken mit den Kolonisten, dabei durchaus gegen deren primäre Interessen, durchsetzen konnte, ging ihr ab. Die wichtigste Institution, die früher der Kolonialregierung hierbei zur Seite stand, der Gouvernementsrat Deutsch-Neuguineas, war nach der Besetzung durch die Australier aufgelöst worden. Zum anderen aber brach sich ein immer stärker werdender Rassismus seine Bahn und nahm mehr und mehr Einfluß auf die Entscheidungen der australischen Militäradministration. Auch wirkte sich die politische Vorgabe des australischen Mutterlandes aus, die Kolonie müsse sich selbst finanzieren können und dürfe sich nicht auf Zuschüsse aus Australien verlassen. Wenn die Kolonie aber Profite machen sollte, die Australien nach dem Friedensschluß zugute kommen sollten, wie es alle Administratoren erhofften, dann konnte man keine große Rücksicht auf angebliche oder wirkliche Mißstände im Verhältnis zwischen europäischem Unternehmer und melanesischem Arbeiter nehmen, insbesondere wenn eine Änderung in einer Profitminimierung resultieren konnte. Im Januar 1919, als zum wiederholten Male eine neue Arbeiterverordnung erlassen worden war, war die Lohnauszahlung in Waren und die weitgehende Entlohnung erst bei Vertragsablauf längst wieder Bestandteil der gültigen Rechtsordnung. Und wie vor der Interven-tion der Australier wurden einem entlaufenen Arbeiter nach dem Einfangen die Kosten dieser Prozedur vom Lohn abgezogen und die Dauer der außerdem verhängten Gefängnisstrafe an die Arbeitszeit angehängt. Die rechtliche Situation der melanesischen Arbeiter hatte sich nun gegenüber der deutschen Zeit sogar noch verschlechtert. Damals lag der monatliche Durchschnittslohn der Plantagenarbeiter bei fünf Mark. 1919 war eine Summe von fünf Shilling (die Mark zum Shilling im Verhältnis 1:1) gesetzlich als Höchstlohn festgesetzt worden. Auch wurde der Arbeiter nach dem Ablauf seines zweiten Arbeitsvertrages von drei Jahren nicht mehr wie in der deutschen Zeit automatisch nach Hause geschickt, sondern man konnte jetzt einen dritten Vertrag abschließen, der ihn auf Lebenszeit an seinen bisherigen Arbeitgeber band.
Am schlimmsten hatte sich die Situation beim „Anwerben" der Arbeiter entwickelt. Die Auswüchse des sogenannten „Arbeiterrekrutierens" waren von der deutschen Verwaltung bis 1914 nicht vollständig abgestellt worden. Im Schutz der unübersichtlichen Kriegsverhältnisse, der mangelnden Verwaltungspräsenz der Militäradministration vor Ort, ihrer fehlenden kolonialen Erfahrung und der starken Fluktuation der „District Officers", wohl auch begünstigt durch die Bereitschaft nicht weniger Militärbeamten, gegen eine „Aufmerksamkeit" ein Auge zuzudrücken, aber eskalierte das Verfahren in ein quasi-anarchischen Zustand, bei dem das Gewehr und die Rücksichtslosigkeit des Rekrutierers im Wettlauf mit der Fähigkeit der Melanesen, rechtzeitig das Weite zu suchen, die einzigen Konstanten bildeten. Die Beschaffung von melanesischen Arbeitern hatte sich von den bestehenden gesetzlichen Richtlinien völlig gelöst und ein Eigenleben gezeugt, das nicht mehr kontrolliert wurde, wohl auch nicht mehr (jedenfalls mit den bestehenden Mitteln) zu kontrollieren war. Jene Überzeugung, die Gouverneur Hahl bis zuletzt erfolgreich bekämpft hatte, daß nämlich die Melanesier dazu gezwungen werden müßten, Arbeiter für die europäischen Plantagen zu stellen, fand jetzt in der Militärverwaltung einflußreiche Fürsprecher. Unverheiratete Frauen, deren Anwerbung wegen des nur zu offensichtlich zutage getretenen Mißbrauchs die deutsche Verwaltung verboten hatte, wurden jetzt ebenso anstandslos rekrutiert, wie minderjährige Kinder.
Es gab eine Art von innerem Zwang, welcher dazu führte, daß die „Rekrutierer" in steigendem Maße in bisher unbekannte Regionen Neuguineas vordrangen, um erfolgreich zurückzukehren. Jene Melanesier, denen das Verhalten der Anwerbertruppen bekannt war oder die deren Methoden erlebt hatten, hüteten sich, noch einmal in Kontakt mit diesen zu geraten und verließen fluchtartig ihre Dörfer, wenn der zu diesem Zwecke aufgestellte Posten ihnen die Ankunft der Rekrutierer meldete. So drangen die Arbeiteranwerber immer tiefer in abgeschiedene und bisher von Europäerkontakt unberührte Gebiete. Gewalttätige Auseinandersetzungen waren dann die automatische Folge. Einheimische Männer wurden getötet, Frauen vergewaltigt, Kinder von ihren Eltern entführt, das komplette Szenario antiker und moderner Sklavenjagden schien wieder auferstanden. Ganze Gegenden waren in Aufruhr. Berichte über die Unruhen, die die einheimische Bevölkerung als Konsequenz der ungehemmten Aktionen der Rekrutierer erfaßte, gibt es aus allen Teilen des besetzten Deutsch-Melanesien. Unter Pethebridge hielten sich die Ausschreitungen noch einigermaßen in Grenzen. In der Übergangszeit nach seinem Tod, vor allem aber unter Pethebridges Nachfolger Johnston, gingen die letzten Restriktionen verloren. Alles und Jeder schien jetzt seinen Anteil am Rekrutierungsgeschäft haben zu wollen. Neben der Paradiesvogeljagd, die die Australier wieder freigegeben hatten, wurde das Einfangen von schwarzen Arbeitern zum einträglichsten Geschäft in der besetzten Kolonie. Plötzlich schien der Krieg der Europäer im Verhältnis zwischen Deutschen und Australiern keine Rolle mehr zu spielen. Die schlimmsten deutschen und australischen Charaktere fanden sich zusammen; ohne Bedenken kooperierten deutsche Pflanzer mit australischen Soldaten und umgekehrt. Überall in Neuguinea, vor allem aber in Kaiser-Wilhelmsland, herrschte Goldgräberstimmung.
Angaben über die Gesamtzahl der melanesischen Arbeiter unter der australischen Militärverwaltung liegen nicht vor, doch belegen die Statistiken über die Zahl der Plantagenarbeiter den großen Zuwachs in den letzten Jahren der Militäradministration. 1919 war die Zahl der melanesischen Plantagenarbeiter auf 22.622 gestiegen, ein Zuwachs um 29 Prozent gegenüber 1914. Die Anzahl der bei der Regierung angestellten Arbeiter und Polizisten stieg von 1913 bis 1919 sogar von 1.040 auf 2.819 Personen, d.h. um 171 Prozent! Am letzten Tag der Militärverwaltung, dem 9. Mai 1921, wurden 27.428 Melanesier und Melanesierinnen gezählt, die unter den Klauseln eines Arbeitsvertrages europäischen Pflanzern Folge leisteten. Das waren fast 10.000 mehr als 1914.

Melanesier auf europäischen Pflanzungen in Deutsch-Neuguinea (1910 - 1921)
Stichtag Anzahl der Pflanzungsarbeiter insgesamt Zunahme gegenüber der letzten Zählung i.v.H.
01.01.1910 8.311
01.01.1911 10.984 32,16
01.01.1912 13.632 24,11
01.01.1913 14.990 9,96
01.01.1914 17.529 16,94
31.12.1914 18.200 3,83
31.12.1915 19.775 8,65
1919 22.622 14,40
09.05.1921 27.428 21,24
 
Zunahme während der australischen Militärverwaltung 56,47
Angaben für das „alte" Schutzgebiet (ohne Mikronesien)
Quellen: Gouverneur Hahl, Bericht Nr. 368 an das RKolA; AAC: AA 1963/83 Bun 205. Rabaul Record Nr. 7 v. 01.09.1916, 8. Tafel in AAC: A 1 - 23/18422. Bericht des Managers der Commonwaelth Bank Rabaul, T.H. Slayter, 21.09.1916 an den Direktor der Commonwealth Bank von Australien; AAC: CP 78/34/1-6. Major T.L. McAdam, O.C. Native Affairs, Rabaul, 10.10.1919 an A. Hunt; AAC: CP 661/15/1. Staatssekretär der Abteilung des Premierministers, Melbourne, 12.02.1923 an den Administrator von Neuguinea; AAC:A 1 - 23/18422
Hahl hatte intendiert, die Rekrutierung der Arbeiter stärker zu reglementieren und die Mißbräuche abzuschaffen, weil er vom Zusammenhang zwischen der übermäßigen Heranziehung der Melanesier zum Arbeitsdienst bei den Europäern und der in vielen Teilen des Schutzgebiets auffälligen Bevölkerungsabnahme überzeugt war. Nach dem mißglückten Vorstoß Pethebridges, Hahls Pläne zu implementieren, hatte sich das Rekrutierungswesen in Neuguinea verselbständigt und war völlig außer Kontrolle geraten. Die deutschen Pflanzer und Siedler, die von der Kolonialverwaltung unter Hahl mühsam zurückgehalten worden waren, sahen plötzlich eine Möglichkeit, ihre nie gebrochene Vorstellung von Neuguinea als einer Kolonie exklusiv zu ihrem persönlichen Nutzen und von dem Melanesier als einem ihnen zur Erreichung dieses Zweckes zur freien Verfügung stehenden Objektes, um- und durchzusetzen. Faktisch wurde Neuguinea nach 1914 eine andere Kolonie. Es war ein Kolonie, in der der Primat des ökonomischen Erfolges fast sämtliche Schranken, die zwischen 1900 und 1914 zum Schutz der einheimischen Bevölkerung errichtet worden waren, wegspülte. Das Charakteristikum der deutschen Kolonialverwaltung, das planmäßige, aber behutsame Ausweiten jener Zone, in der europäische Axiome Priorität genossen, ging im Ansturm der losgelassenen Rekrutierer unter. Im Windschatten des Krieges und im Schutz der australischen Pressezensur wandelte sich das besetzte Deutsch-Neuguinea immer mehr in eine Kolonie, in der den Interessen der Pflanzer und Kolonialunternehmen jene Priorität zugemessen wurde, die sie vor September 1914 zwar immer wieder eingefordert, aber nie hatten durchsetzen können.
Japans Herrschaftsstil im militärisch besetzten Deutsch-Mikronesien sticht deutlich von jenem der Angelsachsen in Neuguinea und Samoa ab. Wirtschaft und Infrastruktur wurden in einem Maße und in einem Tempo vorangetrieben, wie es selbst zur deutschen Zeit undenkbar gewesen wäre. Zur „geistigen" Gewinnung der Mikronesier wurden viel größere Anstrengungen unternommen als von allen europäischen Kolonialmächten im Pazifik vor 1918. Das staatliche Schulwesen wurde ab Oktober 1915 großflächig ausgebaut. Ende 1918 gab es im japanischen Bereich Mikronesiens immerhin schon zwölf Schulen mit 1.370 einheimischen Schülern und Schülerinnen. Zwei Jahre später, gegen Ende der Militärherrschaft, war die Anzahl der Schulen auf 17, die Zahl der Schüler auf etwa 2.000 gestiegen. Der Schulunterricht in der kogakko, der Eingeborenenschule, beschränkte sich auf die Vermittlung der elementarsten Dinge und war normalerweise in drei Jahren abgeschlossen. Ausnahmen waren jedoch nicht unbekannt. Es gab vereinzelt Mikronesier, die die shogakko-Schule für japanische Kinder besuchen durften. Der qualitativ größte Unterschied zum früheren deutschen System lag in der gänzlichen Ausrichtung des Unterrichtes auf die Kultur- und Werteideale des Mutterlandes. Im eindimensionalen, totalitären japanischen System gab es keinen Platz für so etwas wie „Heimatkunde", war doch - sowohl in wie außerhalb der Schule - schon der Gebrauch der Muttersprache der einheimischen Jugend unter strenger Strafandrohung verboten.
Zur Vertiefung der Lehre von der überlegenen japanischen Kultur wurden ab Juli 1915 Vertreter der einheimischen Oligarchie - Männer wie Frauen - regelmäßig in ausgewählten Gruppen nach Japan gebracht. Diese kanko dan genannten Besichtigungstouren japanischer Errungenschaften - Tempel und Sehenswürdigkeiten gleichermaßen wie Industrie- und Militäranlagen -, wiederholten sich jährlich und wurden ein fester Bestandteil japanischer Kolonisationspolitik in Mikronesien. Ergänzt wurden die Propagandafahrten der Mikronesier durch ein ebenso planmäßig in die Wege geleitetes „Austauschprogramm" für Japaner. Während die ersten mikronesischen Häuptlinge Japan bereisten, tourten Abgeordnete des japanischen Oberhauses durch Mikronesien. Einen Monat später folgte ihnen die erste Gruppe japanischer Gymnasiasten.
Die eigentliche „Japanisierung" der Inseln aber lag im demographischen Bereich. Während die demographische Verbindung mit Neuguinea durch die Rückführung der melanesischen Polizei nach Rabaul am 28. Mai 1915 abbrach, wurde der japanische Charakter Mikronesiens auch äußerlich immer deutlicher. Mikronesische Frauen wurden von amtlichen japanischen Stellen ausdrücklich ermutigt, mit japanischen Männern sexuelle Beziehungen einzugehen. Der auf einer Reihe von mikronesischen Inseln vorhandene Brauch, den sozialen Status der eigenen Gruppe durch die Verbindung einer dem Clan zugehörigen Frau mit einem ranghöheren Mann anzuheben, beförderte diese sexuellen Kontakte, auch wenn sie nur außerehelicher Natur waren. Dabei nahm die Zahl der Japaner, d.h. vor allem der japanischen Männer, in Mikronesien ständig zu. Eine japanische Studienkommission hatte 1915 unter anderem vorgeschlagen, die ökonomische Effizienz Mikronesiens könne durch eine planmäßige Ansiedlung japanischer Kolonisten und asiatischer Hilfsarbeiter gesteigert werden. Schon die ersten Jahre der japanischen Militärherrschaft belegen einen stetig wachsenden Strom japanischer Einwanderer. Über die aus dem japanischen Staatshaushalt subventionierte Nishimura Kolonisierungsgesellschaft wurden seit 1918 vor allem Kleinbauern aus Kiuschu und Hachijojima, dazu Fischer aus Okinawa und Hilfsarbeiter aus Korea nach Mikronesien gebracht. 1920 waren bereits über sechs Prozent der mikronesischen Gesamtbevölkerung Japaner. Über 3.000 Japaner machten sich unter einer Bevölkerung von nicht viel mehr als 50.000 Personen durchaus bemerkbar. In Saipan gab es 28 Prozent Japaner und über fünf Prozent Koreaner. Hier fand eine Umwälzung statt, die weit tiefer griff als alle anderen japanischen Kolonialmaßnahmen, so sehr sich diese auch von denen anderer Staaten in der Region abhoben. Mikronesien fing an, eine japanische Siedlungskolonie zu werden.
In Samoa war die Abteilung Schulwesen beim Gouvernement vom neuseeländischen Administrator im September 1914 abgeschafft worden; die deutsche Regierungsschule für Samoaner wurde geschlossen. Ähnlich wie die Australier in Neuguinea legten auch die Neuseeländer in Samoa wenig Wert auf eine schulische Aus- und Weiterbildung der einheimischen Bevölkerung. Und analog zum australischen Vorgehen führte auch die Ankunft der Neuseeländer auf Samoa zu einer Welle der Bürokratisierung, einem Aufblähen des Verwaltungsapparates und einer Zurückdrängung autonomer Rechte zugunsten europäischer Maximen und eurozentrischer Perspektiven, die nur deshalb ihre potentielle Explosivität nicht entfalten konnten, weil die Ausnahmesituation des Krieges vorerst ihre Umsetzung in die koloniale Praxis verhinderte. Die Mehrheit der Samoaner konnte der neuseeländisch-schottische Oberst Logan mit seiner bewußt puritanischen Note in der Kolonialpolitik - etwa bei der staatlichen Festlegung und Durchsetzung der Heiligung des Sabbat - durchaus für sich einnehmen. Auch das einem eigenen neuseeländischen Rassismus entsprungene verschärfte Vorgehen gegen die Chinesen auf Samoa fand die Billigung vieler Samoaner. Das Verhalten gegenüber den im Lande verbliebenen Deutschen wurde dadurch nicht notwendigerweise schlechter. Tamasese ließ beim Kaisergeburtstag 1915 wie eh und je die deutsche Flagge aufziehen (auch am chinesischen Konsulat wurde die gelbe Fahne des noch neutralen China wie an Nationalfeiertagen gehißt). Zu den Kriegsverlierern gehörten dagegen eindeutig die melanesischen Kontraktarbeiter. Am Weihnachtstag 1914 zogen auch sie die deutsche Flagge an ihrem Arbeiterhaus hoch, um gegen das, was als Nachlässigkeit der Neuseeländer angesehen wurde, deutsche Vertragszusagen einzuhalten, ihren Protest zu demonstrieren. Als Neuseeland Samoa besetzte, gab es dort 877 melanesische Arbeiter. Nur einmal wurden knapp 200 von ihnen nach Vertragsablauf in ihre Heimat zurückbefördert. Dem Rest wurden neue Arbeitsverträge oktroyiert. Es kam mehrfach zu Streiks und Unruhen, weil die Melanesen immer wieder forderten, nach Hause gebracht zu werden. Sie wurden ebenso regelmäßig blutig unterdrückt. Nach Ende des Krieges forderten alle ihre Heimkehr, aber jetzt ging es Neuseeland darum, so viele Arbeitskräfte als möglich für die von den Deutschen übernommenen Pflanzungen zu behalten. Im Mai 1952, als nach einem zweiten europäischen Krieg die Verwandten aus Neuguinea wiederholt anfragten, was denn aus ihren wantoks geworden sei, die man seit über 40 Jahren nicht gesehen habe, waren noch 18 Melanesier am Leben. Sie wollten oder konnten jetzt nicht mehr nach Neuguinea zurück. Mit den samoanischen Nachbarn hatte man sich inzwischen arrangiert.
Mit dem Ende des Großen Europäischen Krieges kam der Tod nach Samoa. Die Schrecken der im Sommer und Herbst 1918 sich über die ganze Welt ausbreitenden Epidemie, die spanische Influenza genannt wurde, erreichten Samoa mit der regelmäßigen Schiffsverbindung aus Neuseeland, der Talune, am 7. November 1918. Da trotz augenscheinlich mehrerer schwerkranker Passagiere das Schiff nicht unter Quarantäne gestellt wurde, breitete sich die Krankheit rasend schnell aus. Jede samoanische Familie und jedes samoanische Dorf bis in die abgelegensten Landschaften hinein wurde über kurz oder lang mit der Seuche konfrontiert. Bezeichnenderweise entging nur die isolierte Leprastation dem Schrecken der Epidemie. Die Mortalität war beängstigend hoch: Mit insgesamt etwa 9.000 Toten waren ca. ein Viertel der samonaischen Gesamtbevölkerung der Krankheit zum Opfer gefallen. Gerechnet auf die Gesamtzahl einer Bevölkerung gilt die Influenzaepidemie in Samoa bis heute unter Medizinhistorikern als die größte seuchenmäßige Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Ursächlich für die außerordentlich hohe Mortalität war die während der Epidemie deutlich zutage getretene administrative Unfähigkeit der neuseeländischen Militärverwaltung mit dem Administrator an der Spitze. Einigermaßen Zugriff auf medizinische Unterstützung hatten nur Samoaner in der unmittelbaren Umgebung von Apia; im Landesinneren wurde die samoanische Bevölkerung völlig ihrem Schicksal überlassen (der Regierungsarzt auf Savai'i sperrte sich ein und war für niemanden mehr zu sprechen). Als am 19. November 1918 die Todesfälle im Kernbereich Apias so zahlreich waren, daß die Militärregierung nicht einmal mehr die rechtzeitige Beisetzung der Toten organisieren konnte, bat Logan telegrafisch die Regierung Neuseelands um Hilfe. Sie wurde umgehend mit der Begründung abgelehnt, Neuseeland könne keine Ärzte schicken, weil es diese selber benötige. Ein Hilfsangebot der Amerikaner aus dem benachbarten Tutuila ließ der neuseeländisch-schottische Oberst unbeantwortet. Stattdessen brach er den Funkverkehr mit Amerikanisch-Samoa ab.
Die Influenza hinterließ die samoanische Bevölkerung in einem Zustand körperlicher Schwächung und seelischen Schocks. An dem Ausmaß der Katastrophe sei die einheimische Bevölkerung selber Schuld, weil sie sich völlig falsch verhalten habe, argumentierte der Militärgouverneur. Ihnen müsse gezeigt werden, daß sie kein Recht besitze, sich zu beschweren; die jetzige Situation sei aber eine günstige Gelegenheit, die aus der deutschen Tätigkeit überkommenen autonomen Strukturen Samoas gründlich zu reformieren. Die Reservatrechte der samoanischen Selbstverwaltung sollten vollständig zugunsten des Gouvernements beseitigt werden; das deutsch-samoanische Landrecht sollte aufgegeben werden, um Europäern den Erwerb bisher samoanischer Grundstücke zu ermöglichen. Gerade in dem Augenblick, als über die staatsrechtliche Zukunft der deutschen Kolonien entschieden werden sollte, schien in Samoa eine Konfrontation mit Neuseeland unausweichlich.