Hermann Joseph Hiery
Europäisches und pazifisches Wissen
Europäische Vorstellungen von Wissen und Bildung beruhen ganz elementar
auf der Schriftlichkeit, der Kenntnis und dem Gebrauch einer Schrift als
fast ausschließlichem Mittel zur Weitergabe und zur Anwendung von
Informationen. Mündliche Formen von Überlieferung und Wissensvermittlung
waren in nahezu allen europäischen Kulturen zu Beginn des 19. Jahrhunderts
endgültig durch schriftliche verdrängt worden. Dies galt in ganz
besonderem Maße für jene europäischen Völker, aus
deren Reihen sich jene Personen rekrutierten, die auch in der Südsee
den Kontakt mit den indigenen Populationen initiierten und perpetuierten.
Das an der Schriftlichkeit ausgerichtete europäische Modell förderte
die Herausbildung sprachlicher Fertigkeiten und des Denkens in abstrakten
Begriffen, das Kategorisieren und Schematisieren ähnlicher und verwandter
oder anscheinend ähnlicher und anscheinend verwandter Gegenstände
und Entwicklungen, Abläufe und Prozesse. Die unterschiedliche Fähigkeit
und Möglichkeit des Menschen, sich dieses Wissen anzueignen und es
auch umzusetzen bzw. anzuwenden, verstärkten noch die Bedeutung derjenigen,
die diese Kenntnisse vermittelten. Das Ansehen der Institution Schule und
der schulischen und hochschulmäßigen Bildung steigt wie das
der dort tätigen Wissensvermittler - der Lehrer und Hochschullehrer
- im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Gleichzeitig wird
aber auch die Abhängigkeit von dieser Form von Wissen, die den Zugang
zu Innovationen - dem „Fortschritt" - öffnet oder versperrt, immer
stärker. Die einseitige Ausrichtung von Wissen und Wissensvermittlung
stellt den Intellekt, den Verstand, viel stärker in den Mittelpunkt
menschlichen Handelns - stärker als je zuvor - zuungunsten emotionaler,
am Gefühl ausgerichteter Verhaltensweisen. Der von seiner Vernunft
und seinem vernünftigen Wesen und Handeln überzeugte intellektuelle
Mensch ist in seinen Planungen, Entscheidungen und Vorgehensweisen viel
dezidierter und determinierter als der unwägbaren und nicht beeinflußbaren
Risiken ausgesetzte, sich stets seiner Begrenztheit und Beschränktheit
bewußte emotionale Mensch.
Die Kulturen der Südsee waren im Gegensatz zu denjenigen Europas
geprägt von der Dominanz des emotionalen Menschen. Mit Ausnahme der
außer Gebrauch gekommenen Zeichen auf der Osterinsel und gewissen
Adaptionsversuchen auf einigen Inseln Zentralmikronesiens, die aber ihre
Entstehung dem Kulturkontakt erst verdanken, gab es im ganzen pazifischen
Raum keine Schriftlichkeit. Die Vermittlung von Wissen bezog sich zum einen
auf die Gewährleistung des Fort- und Überlebens der jeweiligen
sozialen Gruppe, und sie beruhte zum anderen auf der Weitergabe gesellschaftspolitisch
determinierter und organisierter Praktiken und Fertigkeiten. Die Vermittlung
dieses allgemeinen wie geschlechtsspezifischen Wissens erfolgte zum größten
Teil in der Gruppe, und sie geschah in der Regel auch durch die Gruppe
oder eine kleinere Gruppe von Wissenden. Dabei spielte das Alter für
die Auszubildenden wie die Ausbilder die ausschlaggebende Rolle. Für
die Schulung und die Schüler kam es weniger auf die intellektuelle,
als vielmehr auf die physische Reife an, die sich an äußerlichen
Körpermerkmalen feststellen ließ. Körperliche Unversehrtheit
war der Schlüssel zum Erfolg. Von den Europäern so genannte Initiationsriten
mögen sich in ihrer Vielfalt und Mannigfaltigkeit extrem voneinander
unterschieden haben, in nahezu allen Kulturen Polynesiens, Mikronesiens
und Melanesiens bildete jedoch die besondere Ausbildung der heranwachsenden
Jungen und Mädchen zu Männern und Frauen einen unumgänglichen
Bestandteil geforderter und erforderlicher Lernprozesse. Ein Anrecht, ohne
Ausbildung und Prüfung in die Gesellschaft der eingeweihten Erwachsenen
aufgenommen zu werden, war in den meisten Kulturen nicht vorhanden. Der
Zwang zur Ausbildung beinhaltete die Feststellung unterschiedlicher Fähigkeiten
und Leistungen, häufig in öffentlichen Prüfungen für
alle sichtbar gemacht. Schüler und Schülerinnen konnten gut,
mittelmäßig oder auch schlecht abschneiden und beurteilt werden.
Die Möglichkeit, nicht zu bestehen, war ebenso nicht ausgeschlossen
wie das Ablegen einer Wiederholungsprüfung, auch wenn die Quote der
tatsächlichen „Schulversager" eher gering anzuschlagen ist. Immerhin
mußten die männlichen Absolventen, deren Versagerquote bei einer
stärker individuell ausgerichteten und bewerteten Ausbildung in einigen
Kulturen, insbesondere Melanesiens, prinzipiell höher lag als die
der weiblichen, im Falle des Versagens vorübergehende oder gar permanente
Beeinträchtigungen der vom Mann erwarteten Fähigkeiten hinnehmen,
die im Extremfall bis zum Tode führen konnten. Unfähige oder
unwillige Schülerinnen hatten den bleibenden Verlust ihrer Weiblichkeit,
d.h. die Unfähigkeit, eine sexuelle Verbindung einzugehen, zu erwarten.
Bei beiden Geschlechtern war die Anwendung von physischen und psychischen
Straf- und Zuchtmitteln während der Ausbildung eher die Regel als
die Ausnahme. Die erfolgreiche Qualifikation wurde äußerlich
bestätigt und dokumentiert - meist durch Tätowierung - und durch
eine Feier von allen Verwandten gewürdigt.
Die Urkunde der Mann- bzw. Fraubarkeit war die conditio sine qua non
für die vollgültige Aufnahme in die Gesellschaft, für die
Akzeptanz und den Respekt der bereits Aufgenommenen. Grade des Bestehens
wurden aufmerksam registriert. Faule und Unfähige standen im Zentrum
von öffentlichem Hohn und Spott, fanden nur unter Schwierigkeiten
Ehepartner und mußten den gänzlichen Ausschluß von der
Gemeinschaft gewärtigen. Umgekehrt waren besonders erfolgreiche Schüler
und Schülerinnen auch besonders begehrt; ihnen stand der Aufstieg
von der Gruppe der Lernenden zur Gruppe der Lehrenden bevor.
Im Mittelpunkt der Lerninhalte standen Erwerb, Einübung, Verfeinerung
und Schärfung zumeist körperlicher und emotionaler (auch sexueller
und musischer) Fertigkeiten. Geschick, Tüchtigkeit und Fleiß,
Ausdauer, Mut und überhaupt besondere Verhaltensweisen und Techniken
spielten eine große Rolle. Imitation und Adaption und die durch Stetigkeit
gewonnene Erfahrung galten als fundamentale Kriterien für den Erfolg.
Charaktereigenschaften waren wichtiger als intellektuelle Leistungen. Spezielleres
Wissen konnte schon eher geistige Fähigkeiten voraussetzen und beanspruchen,
auch war die Vermittlung dieses Wissens stärker individuell geprägt.
Dies gilt zum einen für den Bereich der Magie, zum anderen für
die besonders in Mikronesien ausgeprägten nautischen Kenntnisse. Es
ist deshalb kein Zufall, daß sich europäische Gelehrte gerade
für diese, indigene Heilpraktiken und Kenntnisse von Pflanzen, wie
astronomische Beobachtungen und Erfahrungen, interessiert haben. Aber dem
Auge des im Entdecken von Gesetzmäßigkeiten geschulten Europäers
erschien das eben als die große Ausnahme. Zwar lebt der Mensch der
Südsee viel stärker als der Europäer des ausgehenden 19.
Jahrhundert in und von der Natur; aber er analysierte sie nicht und trachtete
viel weniger als der Europäer danach, die Natur auch seinem Wissen
zu unterwerfen und sie zu beherrschen.
Man kennt alles, was auf Jagd, Fischfang, Tierfang, auf Gewinnung von
Bau- und Werkzeugholz, von Waffen und Schmuck, also von Hölzern, Blättern,
Harzen, Muscheln, Steinen, Erden, Bezug hat, was mit den eßbaren
Tieren, ihren Federschmuck und Fell zusammenhängt, - wie auch wir
die Natur zunächst von der praktischen Seite zu erfassen streben und
immer wieder die Wissenschaft auf die praktischen Fragen des Tages gedrängt
wird, die bei uns nur sehr viel umfangreicher, weitläufiger und komplizierter
sind. So ist der Eingeborene zweifellos ein vorzüglicher Kenner seines
Landes, seiner Pflanzen und Tierwelt und aller Schätze, soweit er
sie vermöge seiner Technik zu nutzen versteht. Vieler Dinge Nutzen
hat er noch nicht kennen gelernt - auch wir wissen sicher manche Naturschätze
nicht zu nutzen.
Der Fundamentalunterschied zwischen ihnen und uns liegt auf einem anderen
Gebiet. Er liegt in der Kenntnis der Verkettungen. Hier schieden sich die
Wege. Die Objekte kennt der Eingeborene, er ist Sammler, aber nicht Denker.
Wie merkwürdig tief das reicht, mögen einige Beispiele erweisen.
Selbst in der Beobachtung und deren kombinatorischer Verarbeitung zum Zweck
der Erfahrung von so häufigen - allerdings weniger lebenswichtigen
- Erscheinungen wie dem Mondphänomen, sind die Erfahrungen der Eingeborenen
unsicher. So ist durchaus nicht bekannt, wieviele Tage der Mond zu seiner
Erneuerung braucht. Mir schien dieser Mangel anfangs um so unglaublicher,
als ja der Wechsel des Mondes die einzige Kerbe im Ablauf der Zeit bildet
und in der Tat nach Monden gerechnet wird. Dazu kommt, daß man seinen
Veränderungen - wie ich feststellte - Aufmerksamkeit schenkt und namentlich
das erste Neuerscheinen der kleinen Mondsichel in Buin jedesmal mit den
„Alarmsignal" auf den Holztrommeln und außerdem mit einem eigenartigen
Schnalzen des Mundes begrüßt wird. Ich unterhielt mich nun darüber
mit verschiedenen Leuten und bekam eine Antwort, die mich in ihrer Weise
bekehrte. Wir sind nämlich immer schematisierend, die Eingeborenen
phänomenologisch, sie verfahren erscheinungsgemäß. Wenn
Wolken am Himmel stehen, sieht man den Mond nicht. Daher kann er früher
verschwinden und später erst wieder sichtbar werden. Tatsächlich
ist der Himmel in diesem feuchtwarmen Klima immer mit „Himmelsbäumen"
- „Wolken" bedeckt, mitunter kann tagelang die Sonne durch die dicke Nebelschicht
nicht durchbrechen und ebensowenig des Nachts der Mond. Trotzdem wäre
natürlich eine genaue Berechnung der Nächte von Mondphase zu
Mondphase mit Hilfe der üblichen Knotenschnur möglich. Im Gefühl
hat man wohl, daß es ungefähr gleich lange dauert, ähnlich
wie wir im bürgerlichen Leben unsere verschieden langen Sonnenmonate
vereinfachend als gleich lang hinnehmen. Aber praktisch ist nirgends die
Notwendigkeit, die Dauer nach Tagen genau zu bestimmen.
Eine ähnliche Überraschung erlebte ich bezüglich eines
anderen Zusammenhanges. Man wußte wohl, daß aus der Puppe,
die man naheliegenderweise als „Ei" bezeichnet, Schmetterlinge werden.
Unbekannt aber war es, daß aus der Raupe die Puppe wird, oder daß
gar Raupe und Schmetterling ein Tier sind. Man lachte mich aus, als ich
das behauptete und war höchstens zu dem Zugeständnis bereit,
daß der weiße Mann das vielleicht zaubern könnte. Erscheinungsgemäß
handelt es sich ja um verschiedene Formen. Die Umwandlung ist für
die Leute mit einer solchen Diskrepanz verknüpft, wie für uns
etwa die Nahrung und der Mensch, der aus der Nahrung seinen Körper
aufbaut.
Aus: Richard Thurnwald, Ethno-psychologische Studien an Südseevölkern
auf dem Bismarck-Archipel und den Salomo-Inseln, Leipzig 1913, 104-106.
Wissensvermittlung durch christliche Missionare
Der erste Kontakt mit europäischen Vorstellungen von Wissen erfolgte
durch und über die christliche Mission. In der Art und Weise, wie
sie dabei vorgingen, unterschieden sich die einzelnen Missionen ebenso
voneinander wie in dem, was sie vermittelten. Im Gegensatz zu gängigen
Vorstellungen gab es zwar gewisse Ähnlichkeiten in Lehrtätigkeiten
und Lehrinhalten, aber auch erhebliche Unterschiede, die beileibe nicht
nur auf die Dichotomie Protestantismus/Ka-tho-lizismus zurückgeführt
werden können. Schon der vorgeblich gemeinsame Text, die Bibel, der
Anfang der Schriftlichkeit in der Südsee, lag in verschiedenen Versionen
und Übersetzungen vor, die sich im Laufe der Zeit noch verstärken
sollten. Erst recht gilt diese Divergenz für die darauf angewandten
Interpretationen und die daraus abgeleiteten Lehren, die den Kern der christlichen
Unterrichte ausmachten. In den Bereichen, die man mit Kulturanschauung
und Mentalität beschreiben kann, herrschte vollends wilde Verschiedenheit.
Demgemäß war auch der Umgang und die Auseinandersetzung
mit traditionellen insularen Vorgaben nicht einheitlich. Heute kann als
gesichert gelten, daß die Vorgehensweise der Methodisten und Kongregationalisten
den radikalsten Bruch mit der Vergangenheit bezweckte. In Samoa propagierte
die London Missionary Society nicht nur gegen die als sexuell anstößig
empfundenen Po-ola Nachttänze, sondern versuchte auch ein Verbot der
Tätowierung durchzusetzen. In Mikronesien kämpften der American
Board, in Neuguinea die australischen Wesleyaner besonders heftig gegen
die Polygamie. Die extreme Intoleranz der amerikanischen Puritaner zeigte
sich auch in ihrem unerbittlichen Feldzug gegen das Rauchen. Unter den
Katholiken war die Herz-Jesu-Mission einheimischen Vorstellungen und Praktiken
gegenüber am unduldsamsten. Die bei weitem größte Toleranz
übten die katholischen Steyler und die protestantische Neuendettelsauer
Mission in Neuguinea. Das mag damit zusammenhängen, daß beide
Missionsgesellschaften eine spezifisch deutsche Kulturtoleranz aufwiesen,
die sich von älteren spanisch-nationalistischen, britisch-jingoistischen
und französisch-chauvinistischen Rigorismen deutlich unterschied,
vielleicht aber noch mehr mit dem relativ späten Auftreten dieser
zwei Missionen erklärt werden kann, das bereits in die Zeit des anbrechenden
europäischen Kulturpessimismus fällt und von diesem nicht unbeeinflußt
gewesen sein mag. Auch fällt ins Auge, daß beide auf dem Festland
von Neuguinea aktiv waren, wo der Europäer-Kontakt erst spät
einsetzte und traditionelle Verhaltensweisen besonders stark verankert
waren.
Der Einfluß der Missionen auf das Schulwesen
Der Beginn des christlichen Unterrichts lag im ganzen deutschen Südseeraum zeitlich vor der Einführung des staatlichen Schulwesens. Auch danach blieb die staatlich kontrollierte Ausbildung regional begrenzt. Der ganz überwiegende Teil der einheimischen Schüler besuchte Missionsschulen (1911 über 97 Prozent!) und unterstand missionarischem Einfluß. Mit der dauerhaftesten, am weitesten verbreiteten und am häufigsten angenommenen - und demzufolge prägendsten - Form der Erziehung bestimmten die Missionen die Leitlinien europäischer Ausbildung der einheimischen Bevölkerung. Die Einwirkungsmöglichkeiten der Regierung auf den durch Missionare abgehaltenen Unterricht waren marginal. Nur gelegentlich vorkommende staatliche Schulinspektionen fielen meist katastrophal aus, konnten aber wenig bewirken, weil sich die Kirchen generell Eingriffe in das ihnen unterstehende Schulwesen verbaten. Auch waren staatliche Schulinspektoren christlichen Erziehungsanstalten und deren Unterricht gegenüber besonders kritisch eingestellt. Die Missionen wachten deshalb auch mit Argusaugen über die Einführung staatlicher Regierungsschulen, sahen sie diese doch als unerwünschte Konkurrenz im Ringen um die einheimische Jugend. In einigen Regionen (etwa Samoa) gab es erhebliche Friktionen zwischen Mission und Verwaltung wegen der Abhaltung eines staatlichen Unterrichts, in
Auf Verfügung Ew. Exzellenz habe ich im Monat Juni und Anfang Juli
die Maristen-Brüderschule inspiziert, und ich erlaube mir, gehorsamst
nachstehendes Material zu unterbreiten.
Die Schule steht unter der Leitung des Bruders Anthony und hat an weiteren
Lehrkräften die Brüder Paul, Athanasius und Alfred. In 3 Klassen,
die wiederum in je 2 Abteilungen zerfallen, wurden 180 Kinder unterrichtet.
...
Klasse III.1
Wöchentliche Stundenzahl in den einzelnen Fächern: Lesen
= 2 Std., Rechnen = 3 Std., Buchstabieren und Diktat =2 3 Std., Schreiben
= 3 Std., Sprechunterricht = 5 Std., Singen = 1 Std., Religion = 2 ½
Std. Zusammen 22 ½ Std. Unterricht in 5 Tagen der Woche. Der Sonnabend
ist schulfrei.
1. Lesen. ...
Bruder Alfred, der Ordinarius dieser Klasse, unterrichtete nach der
Buchstabiermethode. Diese Methode ist in Preußen bereits durch die
Allgemeine Bestimmung im Jahre 1872 verboten worden. Schwierig, unzuverlässig,
mechanisch und geisttötend, das sind die Eigenschaften dieser Methode
und die Leistungen der Kinder waren auch entsprechend. Die kleinen Absätze
von Wörtern und Sätzchen waren auswendig gelernt und wurden maschinenmäßig
herunter geleiert. Etwaige Fehler konnten von den Kindern nicht selbst
verbessert werden. Es fehlte ihnen das Können, aus den Lauten oder
Buchstaben verständnismäßig das Wort zu bilden. Die Aussprache
des Schülers und auch die des Lehrers war sehr mangelhaft. Dieses
Lesen war nicht der Erfolg eines Unterrichts, sonder der einer Dressur.
...
Der Schreibunterricht - nach dem Stundenplan nur 3 Stunden wöchentlich
- bestand übrigens darin, daß die Kinder versuchten, die im
ersten Teil der Fibel vorhandene Schreibschrift nachzumalen, ohne die Buchstaben
und Wörter vorher gelesen zu haben.
Anschauungs- und Sprachunterricht ist im Stundenplan mit 5 wöchentlichen
Stunden vertreten. Pädagogisch ist ein Anschauen ohne Sprechen, oder
ein Sprechen ohne Anschauen eine Unmöglichkeit. Da aber der Unterricht
in der Maristen-Brüderschule mit Pädagogik nicht zu tun hat,
so findet sich hier ein Sprachunterricht, der dieses Kunststück zustande
bringt. Die Grundlage für diesen Unterricht bildet das „Deutsch-Samoanische
Konversationsbuch" von H. Neffgen. Das Deutsche sowohl wie das Samoanische
dieses Buches wimmelt von Fehlern. Ungefähr 20 Phrasen dieses Buches
werden für jeden Monat zum Auswendiglernen festgesetzt. Die Unterrichtsmethode
ist folgende: der Lehrer liest aus dem Buche die samoanische Phrase vor,
und der Schüler gibt die im Buche festgelegte Antwort, oder umgekehrt.
Bei den Schülern werden weder Verständnis, noch Richtigkeit,
noch Gewandtheit in der deutschen Sprache angebahnt oder erreicht. Auf
die Frage des Lehrers: Pe i ai ni Pepe e tele ma ni Lelefua i Samoa? (Gibt
es viele Schmetterlinge und Käfer in Samoa?) erfolgt von einem Kinde
die deutsche Antwort: Ja, es gibt einen Weg über die Berge. ...
Diese Unterrichtsmethode gehört in die Zeit vor Comenius, und
selbst zu dieser Zeit hätte sie in ihrer Art gerügt werden müssen.
Englisch, obgleich nicht im Stundenplan angeführt, wird wöchentlich
½ Std. gelehrt. Einige Kinder besaßen den Royal Infant-Reader
No. 1 und lasen einige englische Sätze in sehr mangelhafter Aussprache.
... In dieser Form hätte das Lehren der griechischen Sprache denselben
Erfolg und denselben Zweck; nämlich gar keinen. ...
Klasse I.3
Wöchentliche Unterrichtsstunden: Lesen, Buchstabieren und Grammatik
= 4 Std., Anschauungs- und Sprechunterricht = 2 ½ Std., Religion
= 2 ½ Std., Raumlehre = ½ Std., Aufsatz = 3 Std., Geschichte
= ¾ Std., Singen = 1 Std., Geographie = ¾ Std., Zeichnen
= ½ Std., Diktat = ½ Std., Englisch = 2 Std., Rechnen = 3
½ Std., Schreiben = 1 Std. Zusammen 22 ½ Std. ...
Deutsch - Lesen.
Das Buch der Schüler ist F. Hirth’s Lesebuch für katholische
Schulen. ... holperiges, tastendes Lesen. ... ein schreiendes, hartes Herableiern
von Wörtern. ...
Sprechübungen. ... dasselbe wie in den anderen Klassen. Nur etwas
sicherer, da die Schüler im Besitz des Lesebuches waren. Kein Erzählen,
kein logisches Fragen und Antworten, nur das Abschnurren der gelernten
Phrasen.
Aufsatz. Ich ließ den im vorigen Monat behandelten Aufsatz: „Die
beiden Knaben" von jedem Knaben auf der Tafel aufschreiben. Alle Arbeiten
stimmten wörtlich überein. ...
Geometrie. Die Leistungen waren nur gering, genügen aber für
die Schule. ... Der Lehrer zeichnet ein Viereck an die Wandtafel. Frage:
Ist das ein Dreieck? Antwort: Weil es vier Eckkanten hat. Verbessert vom
Lehrer: Weil es kein Dreieck ist. Das ist die Art des Unterrichtens an
der Brüderschule. Daß dabei die Kinder überhaupt noch etwas
lernen, spricht für die Güte des Schülermaterials. ...
An Lehrmitteln besitzt die Schule so gut wie gar nichts. Der ganze
Bestand sind zwei oder drei Landkarten und eine Tafel für die verschiedenen
Maße und Gewichte. Weitere Lehrmittel wären aber auch nutzlos
in der Hand dieser Lehrer. ... Sie sind geblieben, was sie waren: Gevatter
Schneider und Handschuhmacher. ...
Jede samoanische Dorfschule wird so viel oder nicht weniger pädagogische
Arbeit leisten als diese Schule. Kein Kind, das diese Schule absolviert
hat, kann eine für die einfachsten Verhältnisse genügende
Ausbildung und Schulung aufweisen. ...
Von den 180 Schülern der Brüderschule sind 100-110 Angehörige
der protestantischen Kirche. Dieser starke Besuch der Protestanten erklärt
sich daraus, daß die in Apia und Umgebung wohnenden Samoaner den
Wunsch haben, ihre Kinder möchten eine fremde Sprache lernen; dadurch
werden sie befähigt, später als Bootsmann oder Diener, oder Führer
und Kutscher praktische Vorteile erhalten. Eine andere Schule, die den
Samoanern die Möglichkeit der Erlernung des Deutschen gibt, existiert
nicht. ...
Die evangelischen Kinder bleiben während des Religionsunterrichtes
der katholischen Kinder im selben Zimmer. Direkt nehmen sie allerdings
nicht an dem Unterricht teil. ... Zu Beginn und am Schluß des Unterrichts,
sowie auch während der Unterrichtes bei bestimmten Glockenzeichen
wird das Ave Maria gebetet und zwar von allen Kindern. Dazu gehört
auch das allgemeine Bekreuzigen. ...
Osbahr, Apia, 22. Juli 1909
NML: XV.2
1 Nach unserer heutigen Zählung 1. (unterste) Klasse.
2 Fehlt offensichtlich: jeweils
3 D.h. die oberste, 3. Klasse der Schule.
anderen Gebieten (Marshallinseln) torpedierte die Mission erfolgreich die Gründung von Regierungsschulen. In nahezu allen Fällen gab die Kolonialregierung nach, weil sie die über das Zentrum weitergetragene Auseinandersetzung im Reichstag fürchtete. Zu sehr standen die lebenswichtigen staatlichen Zuschüsse für die Kolonialverwaltung auf dem Spiel. Der Widerstand der christlichen Missionsgesellschaften verhinderte nicht nur einen schnelleren und flächendeckenderen Aufbau staatlicher Schulen, er machte auch die Einführung der allgemeinen Schulpflicht selbst für Kinder der europäischen Siedler unmöglich. Ein in Anlehnung an die südwestafrikanische Gouverneursverordnung vom 20. Oktober 1906 entworfener Erlaß, der in Samoa ab 1910 zumindest für die Kinder europäischer Eltern im Alter von sechs bis 14 Jahren die allgemeine Schulpflicht vorsah, mußte vom Gouverneur zurückgezogen werden.
Mit Rücksicht auf die gegenwärtige Spannung zwischen Gouvernement
und katholischer Mission, soll mit dem Erlaß dieser an sich wünschenswerten
Verordnung gewartet werden.
Solf 3.11. [1909]
NML: XV.2
So beschränkte sich das Eingreifen der Regierung auf positive Anreize. Zu den wichtigsten gehörten finanzielle Unterstützungen des Staates für die Abhaltung eines deutschsprachigen Unterrichts. Die ganz überwiegende Mehrzahl der Missionsschulen in der „deutschen" Südsee unterstanden Missionsgesellschaften, die ihren Sitz außerhalb des Deutschen Reiches besaßen und die als Lehrer nichtdeutsches Personal einsetzten. In Samoa dominierten Briten und Franzosen, im Osten Mikronesiens Amerikaner und im Bismarckarchipel Australier. Nur im Kaiser-Wilhelmsland, auf den Marianen und im westlichen Mikronesien überwogen deutsche Missionsgesellschaften. 1911 erhielten in den deutschen Südseebesitzungen 72,5 Prozent aller einheimischen Schüler - also nahezu drei Viertel - ihren Unterricht in Schulen, deren Leitung und Personal nicht von Deutschen ausgewählt worden war.
Die Schulsprache
Der Schulunterricht der Mission wurde üblicherweise in der Lokalsprache abgehalten. Um die Schwierigkeiten, die sich aus der starken ethnischen Zersplitterung und der damit zusammenhängenden extremen linguistischen Diversifikation Neuguineas ergaben, zumindest halbwegs in den Griff zu bekommen, hatten einige Missionen mehr oder weniger willkürlich ausgewählte Dialekte in ihrem Unterricht zur lingua franca gemacht; die Neuendettelsauer favorisierten die Sprache der Jabim (Yabem) und Kâte, die Steyler die Boikensprache, die Methodisten im Bismarckarchipel das Kuanua der Tolai. Zur Förderung des Deutschunterrichts konnten die Missionen aus einem Fonds „zur Verbreitung der deutschen Sprache" finanzielle Unterstützung von der Kolonialverwaltung erhalten, eine Möglichkeit, von der sie rege Gebrauch machten. Der Löwenanteil dieser staatlichen Finanzhilfen ging an die Missionen. Regierungsschulen, denen es oft an Geldern mangelte, wurden auffälligerweise dagegen lange eher stiefmütterlich behandelt. Immerhin wurden 1914 Deutsch-Neuguinea insgesamt 20.000 Mark (d.h. soviel wie Deutsch-Ostafrika) zur Verfügung gestellt, ein Betrag, der hauptsächlich dazu verwendet werden sollte, das staatliche Schulwesen auszuweiten. Ob die Missionen, vor allem die ausländischen unter ihnen, tatsächlich die ihnen von der Kolonialregierung bewilligten Subventionen für die
Es muß jeden guten Deutschen traurig berühren, wenn ihm auf
den meisten Marschallinseln auf Schritt und Tritt unter den Eingeborenen
die englische Sprache begegnet. Auf Ebon z.B. sprachen fast alle erwachsenen
Eingeborenen ein geradezu tadelloses Englisch. Aber auch nicht ein Einziger
verstand ein Wort Deutsch. ...
Ja selbst die deutschen Beamten, die wegen der Kürze ihrer Stationierung
auf Jaluit sich selten um die Erlernung der Landessprache bemühen,
sprechen mit den Eingeborenen Englisch und verkehren mit den Häuptlingen
durch englischsprechende Dolmetscher. Jetzt kommt durch die melanesischen
Polizeisoldaten noch das scheußliche Pidginenglisch ins Land, das
bisher hier glücklicherweise gar nicht verstanden wurde.
Regierungsarzt Dr. Walter Born, Das Deutschtum auf den Marschallinseln,
undatiert (1915)
BA: RKolA 2762
zugedachten Zwecke einsetzten, ist mehr als zweifelhaft. Insbesondere
die australischen Methodisten und amerikanischen Kongregationalisten sahen
lange Zeit überhaupt keinen Anlaß, in einer deutschen Kolonie
auch die deutsche Sprache zu vermitteln. Das gilt erst recht für die
London Missionary Society auf Samoa. Sehr wohl aber förderten alle
diese Missionen in ihrem
Gouverneur Hahl:
Die Missionen bemühen sich, der Sprache der Blanchebucht zum Leben
zu verhelfen, um eine ordentliche Verständigung mit den Eingeborenen
herbeizuführen. Das Pidgeonenglisch, das seitens der Kolonisten im
Verkehr mit den Eingeborenen angewendet wird, gestattet es nicht, eine
allgemeine Verständigung mit den Eingeborenen herbeizuführen.
Es ist wohl möglich, in dieser Sprache kurze Befehle zu geben, es
ist aber nicht möglich, in eine allgemeine Verständigung mit
den Eingeborenen einzutreten. Auch ist es ohne Kenntnis der Sprache der
Eingeborenen nicht möglich, ihren Sitten oder Anschauungen näher
zu treten. Man könnte ferner Verhandlungen mit den Eingeborenen nicht
aufnehmen, ihnen keine Rechte klarmachen und vor allen Dingen könnte
man in einen schriftlichen Verkehr mit ihnen nicht eintreten. Auch das
in nächster Zeit einzurichtende Telephonwesen verlange die Kenntniss
[sic] der Eingeborenensprache. Dem Pidgeonenglisch fehlen die verschiedensten
Ausdrücke, es muss daher ein Sprache gewählt werden, die eine
vollkommene Verständigung mit den Eingeborenen möglich macht.
Zu diesem Zwecke können wir uns der Sprache einer fremden Nation nicht
bedienen. Es ist sogar politisch sehr bedenklich, dass das Englische bei
der Nähe von Australien zur Verkehrssprache erhoben wird. Mir sagte
einst ein Herr englischer Nation dass wir es den Engländern im Falle
eines Ueberganges der Kolonie an England sehr leicht gemacht hätten.
Es wäre nur die Flagge aufzupflanzen, die englische Sprache bestehe
bereits. Zu einem geschlossenen wirtschaftlichen einheitlichen Aufbau der
Kolonie ist daher die Kenntniss [sic] der Eingeborenensprache durchaus
notwendig. Ich bringe daher für den Bismarck-Archipel die Einführung
der Sprache der Blanchebucht für den Verkehr der Kolonisten mit den
Eingeborenen in Vorschlag.
Thiel: Soll die Eingeborenensprache als gesetzliche Sprache eingeführt
werden, so dass dann diese Sprache gesprochen werden muss? Wäre es
nicht das Beste die Deutsche Sprache als Verkehrssprache zu wählen.
Dr. Hahl: Ohne Gesetz soll die Eingeborenensprache eingeführt
werden. Der gute Wille eines jeden soll zur Einführung verhelfen.
Die Deutsche Sprache ist zur Einführung zu schwierig und dann soll
stets eine leichte Mittelsprache den Uebergang zu einer schwereren bewerkstelligen.
Es muss eine einfache Sprache gewählt werden und die Sprache der Blanchebucht
ist eine solche.
Kolbe: Ich halte es für unmöglich, eine einheitliche Sprache
für die Kolonie einzuführen, da die Neu Pommern Sprache von Warangoi
bis nach Bainingen reicht. Mit dem Pidgeonenglisch sind wir bisher sehr
gut ausgekommen. In jedem Dorfe sprechen 1 oder 2 Eingeborene diese Sprache.
Soll nun eine andere Sprache eingeführt werden, so bringe ich das
Deutsche in Vorschlag. Das Deutsche könnte sich vielleicht durch eine
Art Pigeondeutsch mit der Zeit herausbilden und die Einführung dieses
Pigeondeutsch empfehle ich. Die die Sprache der Blanchebucht nicht beherrschenden
Kolonisten sollen den Eingeborenen, die nicht aus der Blanchebucht kommen,
eine Sprache beibringen, die sie selbst nicht verstehen. Das Deutsche wird
sich um so leichter einführen lassen, als doch später Regierungslehrer
herauskommen werden, die die Eingeborenen das Deutsche lehren.
Geisler: Ich kann mich der Ansicht meines Herrn Vorredners nur anschliessen.
Der Leiter eines grossen Betriebes wird nicht die Zeit finden, mit den
Eingeborenen Sprachstudien zu treiben. ... Die Deutsche Sprache kann ja
in den einfachsten Formen gesprochen werden. Auch weiss ich dass die Eingeborenen
recht gern das Deutsche lernen wollen. Die Bukaleute weigern sich kanakisch
zu lernen. ...
Dr. Hahl: Es wird übersehen, dass es mit der deutschen Sprache
nie möglich ist zu einer Organisation zu schreiten. Unmöglich
ist es auf Grund einer mangelhaften Sprache dauernde Einrichtungen aufzubauen.
Wir müssen dem Beispiel grosser Nationen folgen, wie den Holländern
und Engländern, die die Eingeborenensprache überall in ihren
Kolonien eingeführt haben. ... Ist die Eingeborenensprache Gemeingut
geworden, so wird die Wirkung eine ganz andere sein, als die durch eine
unverständliche europäische Sprache erzielte. Man wird die Anschauungsweise
der Eingeborenen kennen lernen, da man eben dem Eingeborenen alles in seiner
Sprache vorführt. Die Eingeborenensprache ist sehr einfach und sie
ist ein Gebot der Klugheit, für die Verwaltung ein Gebot der Notwendigkeit.
Wenn wir organisiren [sic] wollen, so müssen wir uns von einer schlecht
gesprochenen europäischen Sprache abwenden und die Sprache der Eingeborenen
annehmen und diese zur Verkehrssprache erheben. Ein Gesetz kann nicht geschaffen
werden. Zur Abstimmung kann auch nicht geschritten werden. Der freie Wille
eines Jeden soll das sein was ihn zur Erlernung des Kanakischen antreibt.
Fehlt dieser Wille so ist auch mit einem Gesetz nichts auszurichten. ...
Thiel: Die Eingeborenensprache mag in der Verwaltung überall eingeführt
werden.
Geisler: Die Einführung des Kanakischen ist in einer Pflanzung
unmöglich, weil die Leute fortwährend wechseln. Soll der Pflanzer
den Leuten diese Sprache immer von Neuem beibringen? ...
Guyot: Praktisch unterschätzt der Herr Gouverneur die Sachlage
vollkommen. Die Durchführung ist in grossen Pflanzungen und in Matupi
einfach unmöglich, denn der Wechsel der Eurpäer [sic] und der
Eingeborenen ist ein zu grosser. Es wäre doch praktischer neben dem
Pidgeonenglisch das Deutsche einzuführen, das schon deshalb sich zur
Einführung besser eignet, weil das Kanakische sich nur auf einen kleinen
Komplex beschränkt. ...
Dr. Hahl: ... Ich sehe mein Vorschlag scheitert, die Einsicht fehlt.
Ein Machtwort kann nicht helfen. Ich verzichte auf Abstimmung.
Kolbe: Wie lange dürfte die Einführung der Kanakensprache
dauern.
Dr. Hahl: Man kann die Sprache in 3 Monaten auch in schon in 1 Monat
beherrschen.
Thiel: Der Herr Gouverneur hat Sprachtalent und hat daher die Sprache
sehr leicht gelernt. Die Erlernung der Sprache wird meines Erachtens länger
als 3 Monate dauern.
Dr. Hahl: ... Ich sehe die Aussichtslosigkeit der Sache ein und verzichte
auf Abstimmung. Wir werden dahin treiben, eine australische Kolonie zu
werden.
Protokoll einer Versammlung von Siedlern mit Gouverneur Dr. Hahl vom
26. Juni 1903 über die Sprachenfrage in Deutsch-Neuguinea
BA: RKolA 3133
Unterricht den Gebrauch des Englischen - zunehmend auch unter bewußter
Inkaufnahme der Zurückdrängung einheimischer Sprachen. Die deutsche
Kolonialverwaltung vor Ort hat diesen an sich unhaltbaren Zustand ebenso
lange mit einem Achselzucken hingenommen. Von in der Literatur immer wieder
behaupteten Germanisierungsversuchen der deutschen Kolonialverwaltung in
der Sprachenfrage kann absolut keine Rede sein. Tatsache ist, daß
es lange Zeit, in Neuguinea bis kurz vor Ausbruch des Krieges, überhaupt
keine Sprachenpolitik gab. Gegenteilige Behauptungen gehen im Kern auf
die Weltkriegspropaganda der Australier und Neuseeländer zurück
und gehören zum festen Repertoire der durch diese Propaganda entstandenen
verzerrten Sichtweise deutscher kolonialer Südseepolitik vor 1914,
die zum Teil bis heute auch von Wissenschaftlern ungeprüft übernommen
und stereotyp wiederholt wird.
Eine der die Zukunft des Schutzgebietes auf’s Tiefste beruehrenden Angelegenheiten
ist die Regelung der Sprachenfrage. Sie hat einen doppelten Inhalt: Verkehrssprache
mit und unter den Eingeborenen und Verkehrssprache unter den Europaeern;
sie ist fuer den Archipel anders gelagert als fuer Kaiser-Wilhelmsland.
... Die zur Zeit herrschende Verkehrssprache ist das Pigeon Englisch. Neben
diesem hat sich unter dem Einfluss der beiden Missionen und der Verwaltung
die Sprache der Blanchebucht ein weites Geltungsgebiet verschafft: Ueber
den ganzen Norden der Gazellehalbinsel, den Westen der Bainingberge, die
Neu Lauenburggruppe, das Rosselgebirge. Sie waere in dem Augenblicke die
herrschende, in dem Pflanzer und Kaufleute sich ihrer bedienen wollten.
Die Sprache ist voellig durchgearbeitet; schriftlich fuer Deutsche und
Englaender dargestellt, wohlklingend, leicht zu erlernen, eine melanesische
Ufersprache, im System durch die Forschungen der Wissenschaft (von der
Gabelentz, Codrington, Kern u. A.) festgelegt. Der einzige Englaender,
der der Versammlung beiwohnte, war im Interesse seiner Mission einer der
besten Foerderer der Sache, die an dem Widerstande der deutschen Pflanzer
und Kaufleute scheiterte. Die Gegenvorschlaege sind unhaltbar. Selbst wenn
der gute Wille vorhanden sein sollte, die deutsche Sprache zur Verkehrssprache
zu erheben, so kann sie als die schwierigere gegen das Pigeon-Englisch
nicht durchdringen. Malayisch waere an sich sehr schoen. Im ganzen Bismarckarchipel
gibt es aber nur 3 Europaeer, die ueber eine Kenntnis dieser Sprache verfuegen,
den Eingeborenen ist sie voellig fremd. Malayisch wuerde als Sprache des
Islamismus in Niederlaendisch Indien auf den Widerstand der Mission stossen.
Die deutsche Gesellschaft hat sich aber, und das ist weit ernster noch
zu nehmen nicht als faehig erwiesen, das Englische als Gesellschaftssprache
zu beseitigen oder zu ueberholen. ... Die Bekaempfung des Englischen von
mir frueher schon in die Wege geleitet und mit meiner Abwesenheit stets
wieder unterbrochen, ist eine Aufgabe der Selbsterhaltung. Die Vereinigten
Staaten von Australien liegen so nahe, dass es keiner besonderen Voraussicht
in die Zukunft bedarf, um zu dem Schlusse zu kommen, dass die englisch
sprechende deutsche Kolonie fuer den Anschluss dorthin stimmen wird, sobald
einmal mit der finanziellen Unabhaengigkeit vom Mutterlande eine eigene
Politik getrieben werden wird.
Mit der Ausbreitung des Handels und der Anwerbung hat das Pigeonenglisch
auch an der Kueste von Kaiser Wilhelmsland festen Fuss gefasst. Die Verkehrssprache
unter den Europaeern ist aber deutsch. Das englische Bevoelkerungselement
fehlt. ...
Die katholische Mission in Tumleo hat weiterhin an der Kuste [sic],
wo Englisch noch nicht gangbar war, deutsch eingesetzt. Durch das Pigeon
Englisch scheint ihr aber die Weiterarbeit unmoeglich gemacht zu werden.
Bei gutem Willen der deutschen Pflanzer und Missionen laesst sich für
Kaiser Wilhelmsland deutsch als Verkehrssprache einfuehren und festhalten,
da es ein fremdes europaeisches Bevoelkerungselement dort nicht gibt. Im
Bismarckarchipel muss gegen eine schon fertige anglisirte Kultur angegangen
werden; es bedarf dem Eingeborenen gegenueber einer leicht zu erlernenden
Zwischensprache, in der Gesellschaft eines festen Zusammenstehens des deutschen
Elementes.
Ich lege Wert darauf und bitte darum, dass seitens des Auswaertigen
Amts die Vorstaende der Missionen und deutschen Unternehmungen angegangen
werden, ihre Angehoerigen anzuweisen durch eigenes entsprechendes Verhalten
das Bestreben des Gouvernements zu unterstuetzen, im Bismarckarchipel im
Verkehr mit Arbeitern und Eingeborenen der Sprache der Blanchebucht sich
allgemein zu bedienen, im Kaiser Wilhelmsland die deutsche Sprache allgemein
im Verkehr mit den Eingeborenen anzuwenden. ... Die Anwendung gesetzlich
festgelegter Zwangsmaasregeln [sic] erscheint bei der Art des Gegenstandes
nach meiner Meinung ausgeschlossen.
Der Kaiserliche Gouverneur
Hahl
Gouverneur Albert Hahl am 10. August 1903 aus Herbertshöhe an
die Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts im Anschluß an die
Europäerversammlung zur Sprachenfrage in Deutsch-Neuguinea
BA: RKolA 3133
Eine der passiven Haltung der Verwaltung gegenläufige Tendenz entwickelte
sich erst langsam unter zunehmendem Druck der Diskussion in der Heimat.
Einflußreicher als erregte Kommentare unzufriedener, weil erfolgloser
Kolonisten, die ihr Versagen vor Ort nur zu häufig mit chauvinistischen
Ausbrüchen in der Deutschen Kolonialzeitung überdecken wollten,
war aber die wachsende Verweigerungsfront der vielen privaten Geldgeber,
auf die alle Missionen angewiesen waren. Politisch motiviertes und begründetes
negatives Spendenverhalten ermöglichte es erst Berlin, auf ausländische
Missionsgesellschaften stärkeren Druck in der Sprachenfrage auszuüben,
das letztendlich in der Anstellung deutscher oder deutschsprachiger Lehrer,
wie im Bismarckarchipel unter den australischen Methodisten und in Samoa
unter der London Missionary Society, oder aber in der Überlassung
von Missionsgebieten an befreundete deutsche Missionsgesellschaften, wie
in Zentralmikronesien durch den American Board an die Liebenzeller Mission,
endete. Auf den letzteren Fall, der für die amerikanische Mission
eine erhebliche finanzielle Erleichterung bedeutete, die eine Intensivierung
ihrer Tätigkeit im östlichen Mikronesien überhaupt erst
ermöglichte, wird an anderer Stelle in diesem Handbuch ausführlicher
eingegangen. Nicht zu vergessen ist auch das überaus erfolgreiche
Wirken der deutschen Regierungsschule auf Saipan, das konkret bewies, daß
die immer wieder vorgebrachte Behauptung, die deutsche Sprache sei für
die einheimische Bevölkerung zu schwierig zu erlernen, Unfug war,
und damit jene unter Zugzwang setzte, die aus Bequemlichkeit oder anderen
Gründen am liebsten am alten Status quo nicht rütteln wollten.
In Neuguinea waren es insbesondere die Neuendettelsauer und die Steyler
Mission, die ab der Mitte der ersten Dekade des neuen Jahrhunderts das
Deutsche stärker in das Zentrum ihres Schulunterrichtes stellten.
In Samoa diente die ultimative Anweisung von Gouverneur Solf, die Missionen
müßten ab 1. Juli 1901 die samoanische Sprache zur Unterrichtssprache
machen, dem Schutz des Samoanischen, das durch die Vorgehensweise der angelsächsischen
Missionen unter der Jugend immer stärker in Verfall gekommen war.
Der an sich anglophile Solf - seine offizielle Abschiedsrede von Samoa
hielt er ganz bewußt auf Englisch - stoppte damit eine Entwicklung,
die ansonsten ziemlich sicher dazu geführt hätte, daß man
auch im westlichen Samoa das Samoanische so gesprochen hätte, wie
das heute im amerikanischen Samoa der Fall ist, wenn auch mit eher britischem
Akzent in seiner „down-under"-Variante.
Lehr- und Unterrichtsfächer
An modernen Fremdsprachen wurden neben Englisch und Deutsch gelegentlich
auch Französisch unterrichtet. Die französischen Maristenmissionare
in den nördlichen Salomonen und auf Samoa hatten es ebenso in ihrem
Lehrprogramm wie die Herz-Jesu-Missionare in ihrem Mädcheninternat
auf Jaluit (auffälligerweise jedoch nicht in ihrem dortigen Jungeninternat).
An klassischen Sprachen vermittelten die meisten katholischen Missionen
auch gewisse Einblicke in das Lateinische, ob dies jedoch über die
Erlernung einiger, in der Messe gebräuchlicher Ausdrücke hinausging,
darf bezweifelt werden. Zum Grundkanon des Lehrangebotes gehörten
immer Religionsunterricht, Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen. In Gebrauch
waren einesteils deutsche Fibeln und Lehrbücher, bei den Protestanten
Luthers Katechismus, bei den Katholiken das Hirthsche Lesebuch für
Katholische Schulen, vor allem aber Lieder-, Lese- und Rechenbücher
in einheimischer Sprache, die von den Missionaren selbst erstellt und übersetzt
worden waren. Dazu kamen die bereits vorliegenden Bibelauszüge in
einheimischer Sprache, vor allem aus dem Alten Testament und dem Lukas-
und Markusevangelium. Wieviel davon und was darüber hinaus unterrichtet
wurde, variierte stark und hing nicht nur von der jeweiligen Missionsgesellschaft,
sondern auch von den örtlichen Gegebenheiten und nicht zuletzt vom
individuellen Lehrer ab. Die wenigsten Lehrer hatten eine pädagogische
Ausbildung erhalten. In den katholischen Missionen unterrichteten vor allem
die Brüder und Schwestern; die akademisch gebildeten Priester beschränkten
sich normalerweise auf den Religionsunterricht. Die protestantischen Lehrer
und Lehrerinnen dürften in der Regel eher über eine theoretische
Vorbildung verfügt haben. Bei großen Unterschieden im Einzelnen
kann jedoch festgestellt werden, daß die Elementarausbildung der
Missionen das Rechnen und teilweise auch das Schreiben eher vernachlässigte.
Der Unterricht in den höheren Klassen oder in dem, was gehobene Schulen
genannt wurde - zumeist handelte es sich um Seminare, in denen der eigenen
Nachwuchs aus der einheimischen Bevölkerung herangezogen wurde -,
brachte eine deutliche Erweiterung des Fächerkanons: Erdkunde, Biologie,
Geschichte, Geometrie, Zeichnen und Sport, manchmal auch Physik und Gesundheitslehre,
wurden in den meisten Fällen jetzt ebenfalls unterrichtet. Der musischen
Komponente kam insgesamt herausgehobene Bedeutung zu. Teilweise wurde sogar
Klavier- und Violinunterricht angeboten (so von Herz-Jesu-Missionaren in
Vunapope und Jaluit). Auffällig ist, daß offiziell die Vermittlung
von Verhaltensweisen und -normen nicht auf dem Stundenplan stand. Dabei
wäre es interessant zu wissen, was für Werte neben dem in allen
Schulen erwarteten und propagierten Benehmen - Pünktlichkeit, Disziplin,
Fleiß - weitergegeben wurden. Ein eigenes Fach „Anstandslehre" existierte
nur in Vunapope.
Nahezu alle Missionsschulen legten Wert auf praktische Ausbildung.
In dieser Haltung wurden sie von der Kolonialverwaltung nachdrücklich
unterstützt. Im Gegensatz zum theoretischen Unterricht, der häufig
- für viele notgedrungen - koedukativ durchgeführt werden mußte,
erfolgte hier immer eine Trennung nach Geschlechtern. Während die
Mädchen hauptsächlich Handarbeitsunterricht - Nähen und
Stricken, Bedienen der Nähmaschine, europäisches Kochen - erhielten
und zumeist auch in Kinderpflege unterrichtet wurden, umfaßte die
Ausbildung der Jungen fast immer Garten- und Pflanzungsbau. Dazu kamen
Instruktionen in Tierzucht und Anleitung in der Handhabung von (vor allem
landwirtschaftlichen) Maschinen. Viele Schüler konnten in der Mission
ein Handwerk erlernen: Drucker, Schlosser, Schmied, Schuster, Schneider,
Tischler, Möbelschreiner, Bauzimmerer, Maurer, Bootsbauer und -führer
und ähnliche Berufe. Bei der Herz-Jesu-Mission auf Jaluit konnte man
sich auch zum Bäcker ausbilden lassen. Hier erhielten alle Lehrlinge
von der Mission 25 Mark im Monat - relativ viel, wenn man bedenkt, daß
die Regierung ihren einheimischen Lehrern 35 bis 55 Mark monatlich bezahlte
(und die Missionen, weil die Lehrtätigkeit als Teil der Missionsaufgabe
angesehen wurde, noch weniger). Auch andere Missionsgesellschaften entlohnten
ihre Lehrlinge.
Die Schüler
Die ganz überwiegende Mehrheit der Schüler war männlich.
Nur in Mikronesien war das Verhältnis der Geschlechter in den Schulen
etwas ausgeglichener. Die Zurückhaltung und das Mißtrauen männerorientierter
Kulturen gegenüber dem potentiellen Einfluß der Fremdkulturinstitution
Schule auf ihre Frauen und die weibliche Jugend mag dabei eine nicht zu
unterschätzende Rolle gespielt haben, zumal in nicht wenigen Fällen
Mädchen den traditionellen Vorstellungen insbesondere hinsichtlich
der Eheschließung durch Entlaufen in das „Refugium" Mission zu entkommen
suchten. Dagegen läßt sich eine Präferenz der Missionsschulen
für die männliche Jugend nicht nachweisen. Das wird auch durch
den stärkeren Anteil des weiblichen Geschlechts in Mikronesien, wo
die einheimischen Kulturen weit weniger männerorientiert waren als
in Melanesien und auch auf Samoa, unterstrichen. Das Alter der Schüler
und Schülerinnen schwankte stark. Während die Regierungsschule
auf den Marianen am ehesten deutsche Verhältnisse zugrundelegte und
ein Schulalter von sechs bis 13 oder 14 Jahren durchsetzte, wurden anderswo
auch schon jüngere Kinder unterrichtet. In Vunapope unterhielt die
Herz-Jesu-Mission eine eigene Vorschule, die vor allem Mischlingskinder
im Alter von ein bis sechs Jahren besuchten. Nach oben schien dem Schulalter
keine Grenze gesetzt. In gehobenen und praktischen Schulen waren 15-jährige
eher die Ausnahme, das durchschnittliche Alter der Schüler lag hier
bei etwa 18 bis 25 Jahren. Noch ältere Schüler waren durchaus
keine Seltenheit. Selbst in den Elementarschulen kam es vor, daß
30-jährige die Schulbank drückten. Zum einen findet dies seine
Begründung in der hohen Zahl der Analphabeten, zum anderen führte
das immer wieder erweiterte und ergänzte Lehrangebot dazu, daß
selbst auf Samoa, wo die London Missionary Society bereits seit 1830 regelmäßig
Unterricht abhielt und es nahezu keine Analphabeten mehr gab, erwachsene
Männer hinreichende Gründe sahen, sich zu Jüngeren zu setzen,
um von den Fremden zu lernen.
Für die Samoaner und auch die Chamorro der Marianen, die von den
Spaniern missioniert und scholarisiert worden waren, war der Schulbesuch
etwas Selbstverständliches. In Neuguinea und auch in Teilen Mikronesiens
mußte die Jugend erst dazu gebracht werden, die Schule zu besuchen.
Dies gelang im Regelfall durch „Bezahlung" der Eltern. Die Eltern der Kinder
erhielten Geschenke, wenn sie ihre Kinder in die Schule schickten. Als
Hauptanreiz galt die Vergabe von Tabak und so war es - zumindest in der
Anfangszeit - nichts Ungewöhnliches, in den Missionsschulen Neuguineas
rauchende Schüler und Schülerinnen anzutreffen. Zwangsmittel,
um die Kinder zu einem dauernden Schulbesuch anzuhalten, gab es dagegen
nicht und so war der Schulbesuch auch ein nur sehr unregelmäßiger.
Fernbleiben kam häufig vor und stellte den Erfolg des Unterrichts
in Frage. Zeugnisse wurden auch aus diesem Grund in den meisten Missionsschulen
nicht ausgestellt. In einer ganzen Reihe von Kulturen Neuguineas besaßen
die leiblichen Eltern ohnehin kein Erziehungsrecht über ihre Kinder
- hier erfolgte die Erziehung durch andere Personen und zumeist nicht individuell
- wie es die von europäischen Vorbildern geprägten Missionare
voraussetzten und erwarteten. Der Besuch der Schulen besserte sich erst,
als der praktische Nutzen, den das Erlernen europäischer Techniken
und das durch Europäer vermittelte Wissen hervorbrachte, auch von
einheimischen Gesellschaften immer deutlicher erkannt wurde. So organisierten
die melanesischen Arbeiter auf Samoa für ihre Kinder, die weder in
den samoanischen Missionsschulen noch in den Regierungsschulen unterkamen,
im Melanesendorf Sinamona bei Apia einen eigenen Unterricht (im Kaufladen).
Ein Schulgeld wurde jedenfalls für den Besuch der Elementarschulen
nicht erhoben - es wäre auch kaum durchsetzbar gewesen. Die Missionen
halfen sich damit, daß die Schüler einmal oder mehrmals wöchentlich
kostenlos zur Arbeit herangezogen wurden - eine Tradition, die auch außerhalb
der deutschen Südseebesitzungen praktiziert wurde und die bis heute
anhält.
Die Leistungen der Schüler wurden unterschiedlich kommentiert.
Einige Lehrer hielten geschlechtsspezifische Unterschiede fest - die Mädchen
hielt man zumeist für begabter -, andere betonten eher regionale und
ethnische Differenzen. In Aufnahmevermögen und Intellekt waren generell
kaum Unterschiede zu europäischen Schülern feststellbar - gelobt
wurde immer wieder eine weit verbreitete schnelle Auffassungsgabe und ausgezeichnete
Gedächtnisleistungen -, bemängelt wurden ebenso häufig fehlende
Stetigkeit in Leistung und Leistungsbereitschaft. Einer allen Südseevölkern
- außer den Bewohnern Naurus - unterstellten besonderen musikalischen
Begabung wurde mangelndes abstraktes Denken entgegengehalten, was sich
insbesondere in Mathematik negativ bemerkbar machte. Auf begriffliche Wahrnehmungsunterschiede
zwischen Europäern und den Menschen der Südsee wurde eingangs
bereits hingewiesen. Erschwerend kam hinzu, daß viele einheimische
Sprachen gar nicht über ein dem europäisch-mathematischen Denken
äquivalentes, d.h. adäquates Zahlensystem verfügten.
Abgesehen von manchen, die in ihren alten Schlendrian wieder zurücksinken,
bilden sich die meisten noch weiter. Für solche ist hier Gelegenheit
in einer Art Fortbildungsschule geschaffen. Sie teilen ihre religiösen
Kenntnisse ihren Volksgenossen mit, pflegen auch Korrespondenz mit ihren
Eltern und auswärts arbeitenden Freunden, legen Wege an und bauen
bessere Häuser. Sie sind geweckter und der Belehrung immer zugänglich.
Neuendettelsauer Mission, Kap Arcona, Kaiser-Wilhelmsland
Je mehr unserer Kolonie aus den Kinderschuhen kommt, umsomehr werden
die Eingeborenen dahin kommen, daß sie ihre in der Schule erworbenen
Kenntnisse schätzen und verwenden lernen. Die die Schule besuchten,
sind meist intelligenter, treten freier auf und sind meist die begehrtesten
zu Hausjungen, Polizeisoldaten usw.
Rheinische Missionsgesellschaft, Ragetta, Kaiser-Wilhelmsland
Sie unterhalten durch Lesen in den Schulbüchern die erworbenen
Kenntnisse, können den Inhalt der von der Regierung an die Eingeborenen
gerichteten Schreiben verstehen und den übrigen mitteilen, können
selbst Schreiben an die Regierung richten und unterhalten Briefwechsel,
sind fähiger im Handel mit Weißen und Chinesen, sind fähiger
zu besseren Posten im Dienst der Weißen und werden von den übrigen
Eingeborenen höher geachtet.
Herz-Jesu-Mission, St. Paul, Bismarckarchipel
Mit Ausnahme des Religionsunterrichtes ist alles Gelernte bald vergessen,
so daß die Schüler sich in nichts von den anderen Eingeborenen
unterscheiden. Sie verkehren leichter mit den Weißen und betragen
sich weniger schüchtern und tölpelhaft.
Herz-Jesu-Mission, Neumecklenburg
Sie benutzen die erworbenen Kenntnisse, indem sie als Hilfslehrer auf
Außenposten gehen, ihre Landsleute in Religion, Lesen, Schreiben
und Gesang unterrichten und so zur christlichen Kultur erziehen. Sie üben
ferner einen wohltuenden erzieherischen Einfluß aus auf die Eingeborenen
durch ihr ganzes Verhalten und ihre gesittete Lebensweise.
Katechistenschule der Herz-Jesu-Mission, Vunapope, Bismarckarchipel
Viele besuchen die Schule nur in der Absicht, sich die notwendigen
Kenntnisse zu erwerben, um bei einem Europäer in den Dienst treten
zu können.
Kapuzinermission Jap
Die zu Lehrern und Predigern Ausgebildeten versuchen ihr Volk auf eine
sittlich höhere Stufe zu bringen. Andere treiben ihre Arbeit mit mehr
Berechnung. Viele benutzen ihre Weisheit, um ihren Nächsten zu übervorteilen.
Liebenzeller Mission Oa (Ponape)
Die meisten Schüler benutzen die erworbenen Kenntnisse in ihrem
täglichen Leben und im Verkehr mit der Station, nur wenige können
sich Stellen als Verkäufer, Lehrer, Schreiber, Dolmetscher, Lazarettgehilfen,
Hausjungen erwerben. Die Schüler sind anstelliger, gewissenhafter,
reinlicher als solche Eingeborene, die keine Schule besuchten.
Regierungsschule Saipan
Die meisten entlassenen Schüler, wenn sie nicht Söhne eines
Häuptlings sind oder auch von einem solchen nicht zu bestimmten Arbeiten
verpflichtet werden, widmen sich dem Seemannsleben und sind schon wegen
der guten Kenntnisse der deutschen Sprache auf den hier in der Marshall-Gruppe
verkehrenden Kauffarteischiffen gern gesehene Matrosen und bringen es leicht
bis zum Bootsmann.
Herz-Jesu-Mission Arno, Ine (Marshallinseln)
Zusammengestellt aus Schlunk (1914)
Das Schulwesen in der deutschen Südsee am 01.06.1911
I. Theoretischer Unterricht
Elementar-schulen Lehrpersonal Schüler gehobene Schulen
Lehrpersonal Schüler
Schulträger Europäer davon Frauen Ein-heimische davon
Frauen Jungen Mädchen insgesamt Europäer davon Frauen Ein-heimische
davon Frauen Jungen Mädchen insgesamt
Neuendettelsauer Mission 13 18 1 7 - 469 235 704 2 2 - - 22 -
22
Rheinische Missionsgesellschaft 7 8 - 3 - 206 82 288
Steyler Mission 12 17 1 6 1 621 430 1.2632
Kaiser-Wilhelmsland 32 43 1 16 - 1.2962 7472 2.255 2 2 - - 22
- 22
Regierung 1 2 - -3 - 60 - 60
Australische Methodisten 191 5 5 192 2 4.059 2.752 6.811 8 8 - 3 -
185 2 187
Herz-Jesu-Mission 85 43 15 100 41 2.330 2.030 4.360 2 6 4 3 - 84 13
97
Bismarckarchipel 277 50 20 292 43 6.449 4.782 11.231 10 14 4 6 - 269
15 284
Maristen4 8 1 1 1 1 1 1 257 1
Nordsalomonen4 8 1 1 1 1 1 1 257 1
Kapuziner 3 5 2 1 - 169 104 273
Palauinseln 3 5 2 1 - 169 104 273 -
Kapuziner 8 6 2 3 - 292 131 423
Westkarolinen 8 6 2 3 - 292 131 423 -
American Board 1 1 - 3 - 1 1 165 1 1 1 - - 31 31
Kapuziner 4 4 - 1 1 111 109 220
Liebenzeller Mission 25 5 2 54 24 702 651 1.528 3 6 3 - 42 38
80
Ostkarolinen 30 10 2 58 25 8135 7605 1.913 4 7 4 - 42 69 111
Regierung 1 1 - 4 - 207 181 388
Kapuziner 1 1 - - 35 40 75
Marianen 2 2 - 4 - 242 221 463 -
American Board 35 1 - 34 - 1 1 1.479 1 2 1 1 - 18 11 29
Herz-Jesu-Mission 3 7 4 - 42 37 79 2 6 2 - 22 30 52
Marshallinseln 38 8 4 34 - 426 376 1.558 3 8 3 1 - 40 41 81
American Board 1 1 1 1 1 1 1 1
Herz-Jesu-Mission 2 4 2 - 59 44 103
Nauru 3 47 27 -7 -7 597 447 1037 -
Regierung 1 1 - 2 - 60 - 60
Australische Methodisten 65 - 65 -7 4988 4438 1.543 5 4 1 7 -
157 26 183
London Missionary Society 158 - 325 155 3.057 2.831 5.888 11
11 5 18 5 455 154 609
Maristen4 76 - 76 - 995 - 995 7 21 13 7 7 320 262 582
Samoa 300 1 - 468 1557 4.6108 3.2748 8.486 23 36 19 32 12 932 442 1.374
Deutsche Südsee insgesamt 701 1297 337 8767 2237 13.9727 10.1007
26.9627 427 677 307 397 127 1.3057 5677 1.8727
1 Keine Angaben.2 Keine Angaben über das Geschlecht der Schulkinder
für 3 Schulen mit 212 Schülern.3 Zwei Schulgehilfen.4 Stand Ende
1911.5 Keine Angaben über das Geschlecht der Schulkinder für
1 Schule mit 165 Schülern.6 Keine Angaben über das Geschlecht
der Schulkinder für 35 Schulen mit 1.479 Schülern.7 Angaben unvollständig.8
Keine Angaben über das Geschlecht der Schulkinder für 36 Schulen
mit 602 Schülern.
II. Praktischer Unterricht
praktische Schulen Lehrpersonal Schüler Art der Schule
Schulort
Schulträger Europäer davon Frauen Ein-heimische davon
Frauen Jungen Mädchen insgesamt
Neuendettelsauer Mission 2 12 -- -- 3113 -- 3113 Druckereischule
Landwirtschaftsschule LogauengSalankaua
Rheinische Missionsgesellschaft 1 1 - - 30 - 30 Landwirtschaftsschule
Nagada
Steyler Mission 1 3 - - 12 - 12 Handwerkerschule St. Michael
Alexishafen
Kaiser-Wilhelmsland 4 7 - - 158 - 158
Regierung 1 2 - - 42 - 42 Druckerei- und Handwerkerschule
Namanula
Australische Methodisten 2 11 -- 1- - 1105 -- 1105 LandwirtschaftsschuleHandwerkerschule
UluUlu
Herz-Jesu-Mission 2 33 -3 -- 8- -5 85 HandwerkerschuleHaushaltungsschule
VunapopeVunapope
Bismarckarchipel 5 10 3 1 - 165 5 170
Herz-Jesu-Mission 2 43 -3 -- 3- -10 310 Handwerker- und BäckereischuleHaushaltungsschule
JaluitJaluit
Marshallinseln 2 7 3 - 3 10 13
Regierung 1 1 - - 60 - 60 Handwerker- und Landwirtschaftsschule
Malifa
London Missionary Society 2 11 -- -2 - 18100 -- 18100 DruckereischuleLandwirtschafts-
und Handwerkerschule MaluaLeulumoega
Samoa 3 3 - 2 - 178 - 178
Deutsche Südsee insgesamt 14 27 6 3 - 504 15 519
Zusammengestellt aus Schlunk (1914)
Die Regierungsschule auf Saipan (Marianen)
Für das Schulwesen der verschiedenen Missionsgesellschaften kann
im einzelnen auf die entsprechenden Beiträge in diesem Handbuch verwiesen
werden. Ausführlichere Beachtung soll im folgenden den drei Regierungsschulen
zukommen.
Die Regierungsschule Saipan verdankt ihre Entstehung dem persönlichen
Einsatz und der Initiative des Bezirksamtmanns der Marianen, Georg Fritz.
In spanischer Zeit hatte es auf Saipan zwei (Gárapan und Tanápag)
Schulen und auf Rota eine Schule gegeben. In der Schule Gárapan
unterrichteten zwei Chamorrolehrer, auf Rota ein Chamorrolehrer und eine
Chamorrolehrerin. In Tanápag wurde die Schule von einem spanischen
Pater geleitet. Die spanische Kolonialregierung hatte den Schulzwang eingeführt.
Als Lehrmittel dienten spanische Fibeln. Die Besoldung der Lehrer erfolgte
durch die Zentrale Guam. Mit der amerikanischen Besetzung Guams entfielen
die staatlichen Mittel. Zunächst konnte man vor Ort mit eigenen Mitteln
den Unterricht noch fortführen. Mitte 1899 war auch das nicht mehr
möglich, und die Schulen lösten sich auf.
Fritz führte per Bekanntmachung vom 2. März 1900 den obligatorischen
Schulunterricht für Kinder im Alter von sechs bis zwölf „und
für die älteren, welche weder lesen noch schreiben können,
bis zu 15 Jahren" ab 1. April 1900 wieder ein. Für das Fehlen ihrer
Kinder wurden die Eltern haftbar gemacht. Für jede Stunde Abwesenheit
mußte eine Geldstrafe von 10 Pfennig entrichtet werden. Paragraph
5 der Bekanntmachung „betreffend die Schulen von Gárapan, Tanápag
und Rota" bestimmte das Chamorro als Unterrichtssprache. Da es keine Chamorrofibeln
gab, wurden vorläufig in Lesen und Schreiben die spanischen Schulbücher
weiterverwendet, die spanische Sprache also nach wie vor unterrichtet.
Da die spanischen Patres die von Fritz angebotene Mitwirkung ablehnten,
standen die wiedereröffneten Schulen ganz unter einheimischer Leitung.
Unterrichtet wurde morgens von sieben bis zehn Uhr Lesen, Schreiben und
Rechnen. In Gárapan lehrten 1900 zwei Lehrer 151 Kinder. In Tanápag
unterrichtete zur gleichen Zeit ein Chamorrolehrer 43 Kinder, und auf Rota
kamen 113 Kinder auf einen Lehrer und eine Lehrerin.
Der Bitte um Entsendung zweier deutscher Elementarlehrer kam das Auswärtige
Amt zunächst nicht nach. Man hielt die Entsendung deutscher Lehrer
„für die wenigen hundert Eingeborenen der Marianen" für zu teuer.
Ausschlaggebend für die Blockade der Berliner Kolonialabteilung war
aber auch eine gewisse konfessionelle Beschränktheit. Fritz hatte
aus Rücksicht auf den Glauben der Chamorro explizit um katholische
Lehrer gebeten. Für Geheimrat Rose, den Leiter des ersten Referates
in der Kolonialbehörde, kam die Entsendung eines katholischen Lehrers
aber „in absehbarer Zeit" nicht in Frage, „weshalb das Interesse ... an
der Sache nahezu verschwindend ist."
Die Benachteiligung Saipans zeigte sich auch deutlich bei der Verteilung
der vorhandenen staatlichen Mittel für den Schulunterricht. 1902 erhielt
das Inselgebiet zum erstem Male Gelder aus einem Fonds „zur Verbreitung
der deutschen Sprache im Schutzgebiet". 3.500 Mark flossen ausgerechnet
an die Kapuzinermission in Ponape, die noch unter der Leitung eines spanischen
Superiors, Pater Luis de Valencia, stand, und die einen Unterricht in deutscher
Sprache nach eigenen Aussagen erst „vorbereitete". Die Regierungsschule
Saipan scheint gar nichts erhalten zu haben. Seit 1903 wurden im Etat für
das Inselgebiet jährlich 10.000 Mark, die direkt aus dem Fonds überwiesen
wurden, für Ausbildungszwecke eingestellt. Die Missionen, stärker
noch die katholische als die protestantische, erhielten davon je 4.500
für Ponape und Jap. Die Regierungsschule Saipan mußte sich mit
1.000 Mark begnügen. Anfang 1905 lehnte die Kolonialabteilung einen
Antrag von Fritz, aus dem Fonds 3.000 Mark zu erhalten, um damit begabte
Chamorrokinder nach Tsingtau zur Erlernung eines Handwerkes zu senden,
erneut ab. 1908 entschied Hahl, vom bisherigen Prinzip der Verteilung nach
Regionen abzugehen und statt dessen den Missionen die Unterstützung
direkt, und zwar den katholischen Kapuzinern 5.000 Mark, den Herz-Jesu-Missionaren
(für ihre Schulen in den Marshallinseln) 2.500 Mark und den protestantischen
Liebenzellern ebenfalls 2.500 Mark zukommen zu lassen. Auf einen Protest
von Fritz, auch die Regierungsschule Saipan habe Anrecht auf diesen Fonds,
mußten die Kapuziner 2.000 Mark zugunsten der Regierungsschule abtreten.
Aber noch 1908 verfügte das Reichskolonialamt, keinen besonderen Fonds
für die Regierungsschule Saipan in den Etat einzufügen, „wegen
der Geringfügigkeit der hierfür benötigten Mittel".
Auch von seinen Kollegen auf den anderen Inseln, die allesamt die Einführung
der deutschen Sprache unter der einheimischen Bevölkerung für
unmöglich hielten, wurde Fritz eher bespöttelt. Die Gouverneure,
zunächst Benningsen, dann Hahl, begrüßten zwar seine Anträge,
behandelten sie aber doch eher dilatorisch, als daß sie sich wirklich
für Fritz und sein Schulprojekt einsetzten. Hahl hatte von seiner
Tätigkeit als Vizegouverneur in Ponape die Überzeugung mitgebracht,
indigenen Gesellschaften ließe sich das Deutsche nicht vermitteln.
Als alle Vorschläge nichts fruchteten und der Unterricht der nicht
qualifizierten einheimischen Lehrkräfte in einer Sackgasse zu enden
schien, nahm Fritz die Sache in eigene Hände. Seit dem 1. März
1902 unterrichtete der Bezirksamtmann persönlich täglich eineinhalb
Stunden Deutsch und Rechnen. Die erst durch seinen Einsatz ins Leben gerufene
deutsche Schule Gárapan war mit zunächst 25 Schülern die
Wiege der späteren Regierungsschule. Von Anfang an förderte Fritz
besonders den musischen Unterricht. Dabei unterstütze ihn ein einheimischer
Violinspieler. Auf Rota, wo vorübergehend eine eigene Regierungsstation
bestand, folgte Stationsleiter Reichel dem Vorbild des Bezirksamtmannes
und unterrichtete die Elementarfächer einschließlich Deutsch.
Der Unterricht war allerdings nur fakultativ. Auf freiwilliger Basis und
außerhalb einer regulären Regierungsschule arbeiteten dort weiter
einheimische Chamorrolehrer - zunächst Antonio Barcinas, dann Jose
Taitano - in einer Art Gemeindeschule.
Mit dem Eintreffen eines deutschen Lehrers konnte die deutsche Regierungsschule
Saipan am 1. April 1905 den Unterricht aufnehmen. Einziger Lehrer und gleichzeitig
Direktor der Regierungsschule war Dr. Dwucet. Dwucet war sicherlich eine
geeigneter und fähiger Pä-dagoge; zuvor hatte er die deutsche
Schule Havanna geleitet. Allerdings lag von Anfang Zündstoff in seiner
Ernennung, war er doch - früher katholisch - jetzt protestantischer
Konvertit. Unter Dr. Dwucet und seinem Nachfolger Höfer, einem gebürtigen
Ungarndeutschen, entwickelte sich die deutsche Regierungsschule Saipan
stetig. Ihre Bedeutung liegt zum einen darin,
Die deutsche Regierungsschule Saipan
Schuljahr Anzahl der Schüler Jungen Mädchen Nationalität
der Schüler Konfession der Schüler
01.04.1905 190 112 78 118 C, 72 K
1905/06 171
1906/07 254 141 113 179 C, 74 K, 1 Sp
1907/08 214
1908/09 255 185 C, 68 K, 2 Sp
1909/10 324
1910/11 3501 1812 1652 224 C, 119 K, 3 Sa2
1911/12 390
1912/13 385 200 185 260 C, 121 K, 3 Sa, 1 Sp 364 rk, 3 P, 18 H
1913/14 5173 300 217 310 C, 201 K, 3 Sa, 2 M, 1 Sp 475 rk, 13 P, 29
H
1 Zu Schulbeginn 346, zu Schulende 336 Schüler. Angegeben ist
die Gesamtzahl der eingeschriebenen Schüler.2 Am Schuljahrsbeginn.3
Davon 461 in der Volksschule (422 in Gárapan, 39 in der Zweigschule
Tanápag), 32 in der Fortbildungsschule und 24 in der Dolmetscherschule.C
= Chamorro, K = Karoliner, M = Marshallinsulaner, Sa = Samoaner, Sp = Spanier;
rk = katholisch, P = protestantisch, H = „Heide".Quellen: Siehe Angaben
im Abschnitt Quellen und Literatur
daß Fritz sehr schnell nachweisen konnte, daß die deutsche
Sprache, entgegen allen Annahmen der ihm vorgesetzten Kolonialbehörden
und einer häufig geäußerten apodiktischen Meinung, durchaus
der einheimischen Jugend zu vermitteln war. Mit relativ geringen Mitteln
setzte sich die deutsche Sprache in Saipan überraschend schnell durch.
Am 19. Juli 1906 konnte Fritz durch Bekanntmachung Deutsch als Geschäftssprache
im Dienstverkehr mit der einheimischen Bevölkerung einführen.
1914 war Saipan das einzige Gebiet innerhalb der deutschen Südseekolonien,
in dem die Zivilbevölkerung nicht nur Deutsch verstand, sondern zunehmend
auch die deutsche Sprache im privaten Verkehr benutzte.
Auf die Entwicklung in Neuguinea und den Entschluß des Gouvernements,
auch dort eine Regierungsschule für die eingeborene Bevölkerung
zu errichten, übte die erste deutsche Regierungsschule in der Südsee
einen nicht zu überschätzenden Einfluß aus. Ihre Bedeutung
reicht aber weit über die Südsee hinaus. Saipan blieb bis 1914
die einzige deutsche Regierungsschule für Eingeborene, in der nicht
nur Jungen, sondern auch Mädchen regelmäßig unterrichtet
wurden. Zudem wurden Jungen und Mädchen mit Ausnahme der obersten
Klasse koedukativ unterrichtet. Eine eigene Europäerschule hat es
in Saipan nie gegeben; die wenigen nach 1898 noch in Saipan verbliebenen
Spanier sandten ihre Kinder ebenfalls in die Regierungsschule für
Eingeborene.
Von Anfang an unterrichteten in den unteren Klassen deutschsprechende
Chamorro-Hilfslehrer. Hier fand der Unterricht noch weitgehend in Chamorro
statt. Erst ab den mittleren Klassen wurde der Lehrstoff ausschließlich
in Deutsch vermittelt. Eine beträchtliche Zahl von Schülern und
Schülerinnen waren Karoliner, die mit dem Erlernen von zwei Fremdsprachen
- Chamorro und Deutsch - überfordert waren. Ab dem Schuljahr 1909/1910
wurden deshalb eigene Karoliner-Hilfslehrer eingestellt und besondere Karolinerklassen
gebildet. In der obersten Klasse fand der Unterricht gemeinsam statt.
Der deutschen Regierungsschule Saipan ist aus bescheidenen Anfängen
tatsächlich der Aufbau zu einer der allgemeinen deutschen Volksschule
vergleichbaren Einrichtung gelungen. Seit 1908 war sie vierstufig. Damals
schwankte der wöchentliche Unterricht in den unteren Klassen zwischen
zwölf und 18 Stunden; in den beiden oberen Klassenstufen waren es
immerhin 30 Stunden wöchentlich. Später lag die wöchentliche
Stundenzahl zwischen 14 Stunden in der untersten (IV.) Klassenstufe, über
22 (III.) und 24 (II.) Stunden in den beiden mittleren Stufen, bis zu 28
Stunden in der obersten (I.) Klassenstufe. Die Nachfrage wuchs beständig.
Wegen ungenügender Ausstattung und zu wenig Personal mußten
im Schuljahr 1911/12 18 eigentlich noch schulpflichtige Mädchen aus
der obersten Klasse vorzeitig entlassen werden. Die verbliebenen 50 Mädchen
konnten weiterhin mit 28 Stunden wöchentlich unterrichtet werden.
Die oberste Jungenklasse wurde nicht reduziert, aber bei 67 Knaben blieb
nichts anderes übrig, als die Stundenzahl radikal auf 22 Wochenstunden
zu kürzen.
Mit dem Eintreffen des zweiten deutschen Lehrers Vogt 1913 entspannte
sich die Lage etwas. Im letzten Schuljahr vor dem Ausbruch des Krieges
waren zwei deutsche Lehrer - Höfer (Dolmetscherschule) und Vogt (oberste
Klasse) - sowie sechs mikronesische Hilfslehrer - die Chamorro Santos,
Josef (Unterstufe) und Gregor Sablan (Mittelstufe) und die Karoliner Moses,
Itibos (Unterstufe) und Rapaito (Mittelstufe) - an der Schule beschäftigt.
Da die vorhandenen drei Klassenräume nicht mehr ausreichten, wurde
in Gárapan ein Chamorrohaus gemietet und dort eine neue Schule eingerichtet.
In Tanápag bestand eine Zweigschule, in der der (aus seiner Heimat
verbannte) Samoanerhäuptling I’iga Pisa den Unterricht leitete.
Der Lehrplan entsprach im wesentlichen dem der einklassigen deutschen
Volksschule. Unterrichtet wurden neben den Elementarfächern - eine
besondere mathematische Begabung der Chamorro fiel den Lehrkräften
immer wieder auf - Sport (auch Schwimmen), Musik (in den oberen Klassen
auch Violinspielen), Zeichnen, Naturlehre, Naturgeschichte, Geographie
und Geschichte. Deutsche Geschichte und deutsche Geographie wurden allerdings
weit weniger behandelt als in Deutschland üblich; statt dessen stellte
man die regionale Einbindung Saipans in den pazifischen Raum heraus. Auf
regionale Besonderheiten und vor allem auf die Vermittlung der Heimatkunde
wurde besonderer Wert gelegt.
II. Klasse
1. Deutsch
Märchen, Erzählungen und Gedichte des Lesebuches. Tagesereignisse
und Erlebnisse. Der Verkehr mit der Station. Etwa 15 Aufsätze oder
Diktate. ...
2. Heimatkunde
a) Das Dorf ... b) Die Insel Saipan. Der Stoff wird auf verschiedenen
Schulgängen gewonnen. c) Die Nachbar Insel Tinian. d) Die südlichen
und nördlichen Marianen. e) Die Karolinen- und Marshallinseln. f)
Neu-Guinea. Samoa ...
3. Naturgeschichte
a) Das Meer (Hai, Rochen, Seestern, Seewalze). b) Das Feld (Süsskartoffel,
Taro, Banane, Apfelsine, Zitrone, Anone, Brotfrucht, fliegender Hund, Schmetterling).
c) Das Haus (Schwein, Hund, Katze, Huhn). ...
I. Mädchenklasse
In der I. Klasse sollen die Kinder für ihren späteren Beruf
vorbereitet werden, deshalb wird nur das im Lehrplan aufgenommen, was sie
voraussichtlich später brauchen werden. Die bessere Heranschulung
der Mädchen wird für die kulturelle Hebung des Volkes von unschätzbarem
Einfluss und Werte sein. Vor allem sollen die Mädchen tüchtig
gemacht werden für die Aufgaben des Hauses. Das wichtigste Erziehungsmittel
ist hierzu die Selbsttätigkeit. ... In der Haushaltungskunde und Gesundheitslehre
erhalten die Mädchen die notwendigsten Belehrungen über Ernährung,
Kleidung und Wohnung. Bei der Ernährung wird berücksichtigt:
Der Mensch, die Nahrungsmittel, die Genussmittel, die Giftpflanzen, das
Aufbewahren der Nahrungsmittel. Bei der Kleidung und Wohnung kommen zu
Behandlung: Die Kleiderstoffe, das Reinigen und Plätten der Kleider,
die Reinigung der Wohnung, die Einrichtung der Wohnung, die Beleuchtung
etc. In der Gesundheitslehre wird das Verhalten bei den verschiedenen Krankheiten
besprochen und zugleich der Aberglaube bekämpft. ...
I. Knabenklasse
1. Deutsch
... Die Robinsonerzählungen nach dem eingeführten Lesebuch.
Ereignisse, Bekanntmachungen und Verordnungen der Station. Briefe und Bestellungen.
Aufsätze und Diktate. ...
2. Geschichte
Die Heimatgeschichte der Marianen und zwar: a) Die Entdeckung der Marianen.
b) Das alte Chamorrohaus. c) Die frühere Kleidung. d) Das Leben der
alten Chamorro (Arbeit, Stände, Sitten). e) Die Waffen. f) Der Kampf
mit den Spaniern. g) Die Ansiedlung der Karoliner. h) Das Empörblichen
[sic!] Saipans unter deutscher Herrschaft. Das Deutsche Kaiserhaus. Deutschland
als Weltmacht.
3. Geographie
1. Jahreskursus: a) Deutschland (Reise nach Deutschland, Hafenstädte,
Norddeutsche Ebene, Ackerbau, Bergbau, Industrie. Süddeutschland.
München. Zeppelin. Berlin. Deutschlands Land- und Seemacht. b) Die
Nachbarländer Deutschlands. c) Die übrigen Länder Europas.
2. Jahreskursus: a) Asien. (Japan, China, Kiautschau). b) Australien.
c) Amerika. d) Afrika. Die Deutschen Kolonien.
4. Naturgeschichte
1. Jahreskursus: a) Das Meer (die wichtigsten Fische, Schildkröte).
b) Das Feld (Kokos-, Betelpalme, Kokoskrebs, Krabbe, Yam, Haie, Ratte,
Kaffee, Kakao). c) Der Mensch.
2.Jahreskursus: a) Das Meer (Korallen, Riff, Muräne, Salz). b)
Feld und Wald (Zuckerrohr, Tabak, Arrowroot, Maniok, Ananas, Mango, Kamatschile).
c) Das Haus (Ziege, Rind, Biene, Moskito). ...
Die Fortbildungsschule
Der Unterricht der Fortbildungsschule erstreckt sich auf Volkswirtschaft
und Deutsch. Zur Behandlung gelangen: Die Gemeindekasse zu Saipan. Zoll.
Steuer. Das Feld (Längen und Flächenmasse, Gesuch um Überlassung
eines Grundstückes). Kokospalme.(Kopratrocknung, Kopraverkauf, Gewichte,
Seifenfabrikation). Die Verkehrswege in der Südsee, Briefe. Führung
einfacher Geschäftsbücher und Tagebücher.
Aus dem Lehrplan der deutschen Regierungsschule Saipan; AAC: G 2 - Z
14; BAP: RKolA 6520
Religionsunterricht wurde in den Räumen der Regierungsschule nur
zeitweise gelehrt. Im ersten Schuljahr unterrichtete Pater Francisco Resano
kurze Zeit in der Regierungsschule Religion in der Chamorrosprache. Auch
für 1912/13 ist nachweisbar, daß katholischer Religionsunterricht
von den Kapuzinern in der Schule selbst unterrichtet worden ist. Normalerweise
fand dieser Unterricht aber in der katholischen Kirche neben der Schule
statt. Wie in Deutschland auch, war andererseits „Biblische Geschichte"
integraler Bestandteil des Schulunterrichts. Als Lehrmittel war in den
unteren Klassen der „Kinderfreund", die Fibel des Herzogtums Sachsen-Meiningen
in Gebrauch. Dazu kamen in den mittleren Klassen das Märchenlesebuch
und in den oberen Klassen das Robinson-Lesebuch sowie Wandtafeln und Wandkarten
für den Naturkunde- und Geographieunterricht (Schreibers Wandtafeln
für den Anschauungsunterricht, Hirts Anschauungsbilder, Meinholds
Märchenbilder; Charakterbilder von Lehmann, Kolonialbilder von Wünsche,
Städtebilder, Technologische Tafeln von Eschner, schließlich
Schreibers Wandtafeln für den naturkundlichen Unterricht). Es bestand
Unterrichts- und Lernmittelfreiheit.
Viel Wert wurde auf praktische Arbeit und die Vorbereitung auf den
zukünftigen Beruf gelegt. Zu den eher ausgefallenen Fächern gehörte
die Ausbildung in Bienenzucht, die von der deutschen Verwaltung eingeführt
worden war. Solange es die bereits von Fritz 1900 konzipierte Handwerkerschule
nicht gab, wurden einheimische Schüler regelmäßig zur Werft
nach Tsingtau gesandt, um sich dort in einem selbst gewählten Handwerk
ausbilden zu lassen. Den Anfang machten im zweiten Schuljahr drei Chamorrojungen.
Ihrem Beispiel folgten 1909 drei weitere Chamorro. Einen Teil der Kosten
übernahm die von Fritz initiierte Spar- und Leihkasse der Chamorro,
deren Satzung ausdrücklich vorsah, daß Überschüsse
zu kulturellen Zwecken eingesetzt werden konnten. Anfang 1910 fuhren auch
die ersten sieben Japleute nach Tsingtau. Immer deutlicher zeigte sich,
daß Saipan ein Beispiel setzte, dem sich das restliche Mikronesien
früher oder später anschloß. Der praktische Unterricht
für die Mädchen wurde in Ermangelung einer Regierungslehrerin
von der Gattin des Regierungslehrers geleitet. Gelegentlich halfen auch
die Ehefrauen der wenigen deutschen Ansiedler aus (Ende 1908 etwa die Frau
des Siedlers Ernst Kusserow). Am Unterricht teilnehmen durften auch junge
Frauen, die nicht die Regierungsschule besuchten. Trotz der erheblichen
Auslastung der Lehrer wurde versucht, den Interessen der erwachsenen Bevölkerung
dadurch nachzukommen, daß für sie zusätzliche Unterrichtsstunden
angeboten wurden. Dies wurde verbunden mit einem speziellen Unterricht
für bessere und ältere Schüler. So gab es von Anfang an
eine Präparandenklasse, in der zukünftige einheimische Lehrer,
Lokal- und Unterbeamte besonders geschult wurden. 1910 wurde eine Fortbildungsschule,
deren Niveau deutlich über dem einer deutschen Volksschule liegen
sollte, eingerichtet. Der Besuch sollte für alle Absolventen der obersten
Klasse der Regierungsschule obligatorisch sein. Da es aber auch jetzt noch
keine Lehrerin gab, war der Unterricht nur für die Jungen verbindlich.
Auch erwachsene Männer durften auf freiwilliger Basis am Unterricht
teilnehmen, in dem gehobeneres Deutsch, Wirtschaftsbetrieb und Gesundheitslehre
vermittelt wurden. Die Fortbildungsschule war eine reine Sonntagsschule.
Unterrichtet wurden im ersten Jahr 32 Schüler, 27 Chamorro und fünf
Karoliner, jeden Sonntag morgen von 6.30 Uhr bis 8 Uhr. Im Schuljahr 1912/13
wurde der Regierungsschule, die durch die Fortbildungsschule (1912/13 27
Schüler) fünfstufig geworden war, auch noch eine Dolmetscherschule
(30 Schüler) angegliedert. In ihr wurden neben der jungen einheimischen
Elite der Marianen vor allem jene Mikronesier geschult, die von abgelegenen
und schwer erreichbaren Atollinseln stammten. Im Schuljahr 1911/12 waren
zum ersten Mal vier Jungen aus Ponape und neun aus Jap in die reguläre
Schule aufgenommen worden. Im Anschluß an ihre Ausbildung sollten
sie in ihre Heimat zurückkehren, um dort ihren Häuptlingen als
sprachkundige Übersetzer und Kenner der Vorgehensweise der Regierung
helfend beizustehen. Deshalb erhielten sie auch eine zusätzliche Einführung
und Ausbildung in den Grundlagen der Medizin durch den Regierungsarzt Dr.
Salecker.
Durch ihre rasante Entwicklung in den letzten Jahren vor dem Kriege
verlor die deutsche Regierungsschule Saipan immer stärker ihren ursprünglichen
Charakter als Volksschule der Marianen. Aus ihr wurde zunehmend eine Anstalt
mit mittelschulähnlichen Elementen, deren Entwicklung sich nicht auf
Saipan beschränkte, sondern auf das ganze Mikronesien ausstrahlte.
Die Regierungsschule in Namanula (Rabaul)
Die Regierungsschule für Eingeborene in Namanula geht auf eine Konzeption Gouverneur Hahls vom Oktober 1904 zurück. Damals plante Hahl allerdings die Errichtung einer Eingeborenenschule erst im Anschluß an eine Europäerschule. Im Februar 1905 wurde die Idee der Gründung einer Eingeborenenschule im Gouvernementsrat vorgestellt. Sie traf dort auf ein positives Echo. Ende 1905 gründete sich in Herbertshöhe ein Schulverein, der die Gründung einer Eingeborenenschule in Rabaul weiter vorantrieb. Am 16. September 1907 konnte die Schule unweit der Gouverneursresidenz offiziell eröffnet werden. Das Schulgebäude bestand aus einem neu erbauten zweistöckigen Haus. Im Obergeschoß befanden sich die Schlafräume für die von auswärts kommenden Internatsschüler; im Erdgeschoß wurde der eigentliche Unterricht abgehalten. Aufgenommen wurden 27 Kinder, die alle in Dörfern der näheren Umgebung zu Hause waren. Zwar gab es bereits zu Anfang Bewerbungen von auswärts, vor allem von Bougainville, die jedoch aus Rücksicht auf die mangelnden Kapazitäten zurückgewiesen werden mußten. Immerhin konnten bereits im Oktober 13 weitere Schüler aufgenommen werden. Von ihrer Entstehung an war die Regierungsschule eine Schule ausschließlich für Jungen. Unterrichtet wurde ausschließlich in der Sprache der Tolai, Kuanua, - eine Lieblingsidee des Gouverneurs, der - darauf deutet alles hin - langfristig darauf abzielte, die Sprache der Tolai zur Nationalsprache der
Die Regierungsschule für Eingeborene in Namanula
Schuljahr Anzahl der Schüler Am Schulanfang Am Schulende regionale
Herkunft der Schüler
1907/08 27 27 40 Blanchebucht
1908/09 60 30 G, 22 S, 5 NH, 1 NM, 2 MC
1909/10 60
1910/11 60 30 G, 22 S, 5 NH, 1 NM, 2 MC
1911/12 60 71
1912/13 71 92 41 NP, 23 KWL, 10 S, 8 NM, 5 AI, 3 NH, 2 MC
1913/14 92 120 59 KWL, 26 NM, 15 AI, 10 NP, 6 S, 2 NL, 1 NH,
1 NN
AI: Admiralitätsinseln; G: Gazellehalbinsel; KWL: Kaiser-Wilhelmsland;
MC: Malay-Chinesen; NH: Neuhannover; NL: Neulauenburg; NM: Neumecklenburg;
NN Niederländisch-Neuguinea, NP: Neupommern, S: deutsche Salomonen.Quellen:
Siehe Angaben im Abschnitt Quellen und Literatur
Kolonie zu machen. Die Schule war dreistufig. Erst im dritten, im letzten
Schuljahr sollte Deutsch als Lehrfach, jedoch keineswegs als Unterrichtssprache,
hinzutreten. Auch zu Beginn des zweiten Schuljahres am 7. September 1908
mußten Zurückweisungen vorgenommen werden. Immerhin konnten
jetzt Schüler aus dem ganzen Bismarckarchipel aufgenommen werden.
Vor allem unter der Jugend der deutschen Salomonen fand die Schule großen
Anklang (17 Schüler aus Bougainville, fünf aus Buka). Es zeigte
sich aber sehr schnell, daß die Befürchtungen der erfahreneren
deutschen Siedler, die Sprache der Blanchebucht sei zu schwierig, um sich
als allgemeine Verkehrssprache durchzusetzen, so unbegründet nicht
waren. Die Schüler aus Neuhannover und den nördlichen Salomonen
hatten erhebliche Schwierigkeiten beim Erlernen der Unterrichtssprache,
so daß es nicht mehr recht voranging. Für sie mußte ab
dem 1. Januar 1909 deshalb zusätzlich zum regulären Unterricht,
der vormittags von sieben bis elf Uhr stattfand, ein Nachhilfeunterricht
an vier Nachmittagen der Woche angeboten werden. Von 14 bis 15 Uhr wurde
für die „fremdsprachlichen" Schüler, also jene, für die
das Kuanua keine Muttersprache war, ein einstündiger Förderunterricht
in der Unterrichtssprache angeboten. Von 15 bis 16 Uhr wurde der Stoff
des Vormittagsunterrichtes wiederholt. Dabei wirkten zwei ältere Schüler
von der Gazellehalbinsel als Unterrichtshelfer. 1910 wurde der Nachmittagsunterricht
für alle obligatorisch. Im Anschluß an diesen Unterricht mußten
alle Schüler Gartenarbeiten verrichten.
Weil außerordentlich viel Zeit auf die Erlernung der Unterrichtssprache
aufgewendet werden mußte, blieb neben Rechnen kaum noch Zeit für
die Vermittlung anderer Fächer. Zunächst konnten deshalb nur
die älteren Schüler von der Blanchebucht in Heimat-, Pflanzen-
und Tierkunde (im Gebrauch waren die üblichen Wandtafeln wie „Unsere
Haustiere" vom Verlag Lutz) unterwiesen werden. Deutsch wurde, wie erwähnt,
zunächst überhaupt nicht gelehrt. Das „deutsche" Element beschränkte
sich auf das Erlernen einiger weniger deutscher Volkslieder - wenn man
nicht die praktische Wertevermittlung - Sauberkeit, Ordnung, Pünktlichkeit,
Gehorsam - als „typisch deutsch" ansehen möchte.
Die von Anfang an vorgesehene Ausbildung in praktischen Berufen setzte
zu Beginn des Jahres 1909 ein. Zwölf der fortgeschrittensten Schüler
betätigten sich als Drucker und Setzer. Ihre Mitarbeit ermöglichte
die Herausgabe des Amtsblattes für Deutsch-Neuguinea, das am 15. Ja-nuar
1909 zum ersten Mal erschien und das in der Folge von den Schülern
der Regierungsschule gesetzt und gedruckt wurde. Im Schuljahr 1911/12 konnte
der Schule eine eigene Handwerkerabteilung angegliedert werden. Der Unterricht
umfaßte neben Drucken und Setzen auch Buchbinderlehre, Tischlerei-
und Schlossereiwesen.
Im Oktober 1911 wurden zum ersten Mal 16 Jungen aus Kaiser-Wilhelmsland
in die Schule aufgenommen. Dahinter stand das Bestreben des Gouverneurs,
Namanula endgültig als Regierungsschule für das ganze Schutzgebiet
Deutsch-Neuguinea auszubauen, in der neben einem gehobenen theoretischen
Unterricht ein besonderer Schwerpunkt in der praktischen Berufsausbildung
gesetzt wurde, um dadurch eine einheimische Elite heranzuziehen und für
die deutsche Verwaltung zu gewinnen. Mit der Aufnahme der Neuguineajungen
wurde allerdings sein Versuch, im Schutzgebiet über die Regierungsschule
das Kuanua mehrheitsfähig zu machen, endgültig hinfällig.
Schüler aus Neuguinea begannen sofort mit Deutsch als Unterrichtssprache.
Und ähnlich wie in Saipan zeigte sich auch in Namanula sehr schnell,
daß dem Erlernen der deutschen Sprache unter der indigenen Jugend
durchaus nicht die befürchteten Hindernisse entgegenstanden. Jedenfalls
ließ sich Deutsch - gelehrt wurde zunächst nur die lateinische
Schreibschrift (Kolonialstaatssekretär Lindequist hatte die Entscheidung,
in Regierungsschulen eventuell nur die lateinische Schrift zu unterrichten,
am 12.08.1911 den Gouverneuren überlassen) - den melanesischen Jungen
schneller und besser vermitteln als die Sprache der Tolai. Auch in der
ersten und zweiten Abteilung sollte jetzt Deutsch zur Unterrichtssprache
werden. Ab dem Schuljahr 1912/13 wurde auf die Erlernung der deutschen
Sprache besonderer Nachdruck gelegt. Hahl hatte eingesehen, daß sein
langjähriger Kampf für eine einheimische nationale Verkehrssprache
einer einzigen bevorzugten Ethnie (der Tolai) im vielsprachigen und polykulturellen
Neuguinea einfach nicht durchzusetzen war. Auch und gerade die einheimische
Bevölkerung wollte keinesfalls die Muttersprache lediglich einer,
in ihren Augen dadurch privilegierten Volksgruppe übernehmen. Eher
noch war man bereit, die Sprache der Kolonialverwaltung anzunehmen. Folgerichtig
schlug der Gouverneur dem Reichskolonialamt in der, von ihm kurz vor seiner
Rückkehr nach Deutschland aufgestellten Schulordnung für das
ganze Schutzgebiet vor, daß in Eingeborenenschulen „neben der am
Schulorte herrschenden Eingeborenensprache" nur Deutsch gelehrt werden
dürfe. Dies war der Standpunkt, den Solf in Samoa bereits seit Jahren
praktizierte. Der elementare Unterschied zu der Schulpraxis in den Kolonien
anderer europäischer Mächte sollte deutlich herausgestellt werden:
In den deutschen Südseekolonien waren die einheimischen Sprachen und
das Deutsche gleichberechtigt. In den nichtdeutschen Kolonien wurde die
indigene Muttersprache allenfalls recht und schlecht hingenommen, keineswegs
aber toleriert. Üblicherweise war ihr Gebrauch in der Schule verboten;
im öffentlich-kolonialen Raum wurde alles unternommen, um die einheimischen
Sprachen zugunsten der Kolonialsprache zu verdrängen. Und gar nicht
selten nahm diese Sprachenpolitik Züge einer kreuzzugsähnlichen
Ausrottungskampagne an.
Wie in Saipan (und auf Samoa) wurde auch in Rabaul besonderer Wert
auf den Heimatkundeunterricht gelegt. In den höheren Jahrgangsstufen
standen die geographische Einbindung Neuguineas im pazifischen Raum und
die „Wechselbeziehungen zwischen Kolonie und Mutterland" im Mittelpunkt
des Interesses. Die Geschichte, so sie keinen Bezug zur deutschen Vergangenheit
Neuguineas aufwies, wurde in der Regierungsschule nicht gelehrt. Damit
wurden nicht nur die Germanenkämpfe und das deutsche Mittelalter,
denen in den Schulen daheim eine überdimensionale Rolle zukam, ausgeblendet,
sondern die deutsche Geschichte vor 1884 fand in Neuguinea überhaupt
nicht statt, weil sie für die einheimische Bevölkerung irrelevant
war. Statt dessen standen Eingeborenensagen auf dem Lehrprogramm. Bezeichnend
ist auch, daß die Regierungsschüler zum „Deutschland, Deutschland,
über alles" einen leicht abgewandelten Text lernten. In Namanula sang
man in der zweiten Strophe die „Deutsche Sitten, deutscher Mut" statt „Deutsche
Frauen, deutsche Treue" - mit dem man in der Südsee absolut nichts
anzufangen wußte.
Deutsch.
A. Anschauungsunterricht.
Im Mittelpunkt des Deutschunterrichtes im 1. und 2. Jahrgang steht der
Anschauungsunterricht.
I. Jahrgang.
(Stoff in Anschauungskreisen)
1. Die Schule (Die Tafel, Bank, Tisch)
2. Das Wohnhaus. Eingeb. Hütte, Wohnh. der Weissen, Hausgegenstände.
(Bett, Schrank, Lampe). Hausbau.
3. Essen und Trinken (Küche). Körperteile und Kleidung.
4. Haustiere. (Hund, Schwein, Hühner.).
5. Werkzeuge und Geräte.
6. Der Garten. Pflanzung. Gartenarbeiten. Gartengeräte. (Papaia,
Pflanzung der Weissen. Schmetterling. Kokospalme).
7. Der Wald. Waldbäume. (Rotang. Schlingpflanzen. Fliegd. Hund.
Papagai. Kaukau.)
8. Am Strand. Fischfang. Kanu. Boot. (Dampfer. Landungsbrücke.
Kriegsschiff).
9. Der Himmel (Wetter. Regenzeit).
10. Die Zeit. Sonne. (Uhr. Mond. Monat.)
11. Geld. Ein-u. Verkauf. Verkaufsladen. Markt. Markthalle.
12. Krankheiten. Krankenpflege.
13. Spiel. Musik.Tanz.
II. Jahrgang.
Erster und zweiter Jahrgang werden gemeinschaftlich in einer Klasse
unterrichtet. Am Stoff des I. Jahrgangs nimmt der II. Jahrgang zur Wiederholung
teil. ...
Erläuterungsvermerk: Ziel des Anschauungsunterrichts.
Einführung der Schüler in die Elemente der deutschen
Sprache nach naturgemäss anschaulicher Methode.
Der Schüler muss am Schluss des Anschauungsunterrichts imstande
sein, in einfacher Form über die Dinge und das Gesehene seiner Umgebung
Aufschluss zu geben. Wohl ist dabei stets und ständig auf die Einhaltung
der richtigen Form zu achten, das Hauptgewicht ist jedoch auf die Erfassung
der sachlichen Begriffe zu legen. Auf dieser Stufe geht Inhalt vor der
Form. Der Schüler muss nach Verlauf von 2 Jahren soweit gefördert
sein, dass er einfache Fragen verstehen und beantworten kann sowie über
die verschiedensten Lebenskreise Bescheid zu geben vermag. ... Um methodischen
Forderungen dabei gerecht zu bleiben sei darauf hingewiesen, dass der Stoff
ausschliesslich aus der Heimat und zwar hauptsächlich der Natur derselben
genommen werde.
In der Regierungsschule werden bei wöchentlich 20 Stunden
Unterricht 5 Stunden Anschauungsunterricht erteilt.
B. Lesen.
1. Jahrgang. Schreiblesen.
(Unterrichtsmittel z.Zt. Grimmersche Fibel in Lateinschrift.) ...
2. Jahrgang.
Lesen.
Kleine Lesestücke. Erlernung der deutschen Druckschrift.
Eingehende Erklärung und Besprechung der Lesestoffe.
3. - 6. Jahrgang.
Erzielung eines fliessenden, verständigen und schönen Lesens.
(Als Unterrichtsmittel z.Zt. Deutsches Lesebuch von Nohl und Ullmann. Die
Ausarbeitung eines neuen Lesebuches für Südseeverhältnisse
ist in Vorbereitung.)
Heimatkunde.
Der Unterricht in der Heimatkunde tritt im 3. Jahrgang auf. ... Zur
Behandlung kommen:
1. Schulzimmer: Grundriss, Massstab, ... Himmelsgegenden und Orientierung
nach denselben.
2. Schulhaus und Umgebung.
3. Wohnort. Plan des Wohnortes (Namanula), (Rabaul). ...
4. Allgemeine Begriffe: Berg, Tal, Schlucht, Wasserscheid, u.s.w.
5. Weitere Umgebung des Wohnortes. (Kraterhalbinsel, Vulkanische Erscheinungen),
Boden, Witterung, Bodenerzeugnisse, Bevölkerung, Wohnstätten.
6. Blanchebucht in gleicher Behandlung.
7. Nordküste.
8. Toma und Varzinberg.
Geographie.
4. Jahrgang.
In der Fortsetzung des Heimatunterrichtes beginnt mit dem 4. Jahrgang
der Unterricht in Geographie. Stoff:
Deutsche Schutzgebiete in der Südsee - Schutzgebiete anderer Nationen
in der Südsee.
1. Neupommern
Gazellehalbinsel, bes. Baining (St. Paul) Podo, Torinu, Varagoi, das
übrige Neupommern, Nakanai.
2. Neulauenburg.
3. Neumecklenburg und vorgelagerte Inseln.
4. Neuhannover.
5. Salomo-Inseln (auch engl. Teil) und Nachbarinselgruppen.
6. Vitu-Inseln
7. Admiralitäts-Inseln, St. Mathias.
8. Kaiser-Wilhelmsland. (engl. und holl. Teil).
9. Inselgebiet.
10. Samoa.
5. Jahrgang.
Stoff: Deutschland und seine Kolonien.
Ziel: Klarlegung der Wechselbeziehungen zwischen Kolonie und Mutterland.
Anknüpfend an die Deutschen in der Kolonie (Siedler, Kaufleute,
Verwaltung, Missionen) wird behandelt:
1. Allgemeines über Lage, Grösse, Grenzen, Bevölkerung
Deutschlands. Grössere Städte und deren Beschreibung. Verwaltung
und Konfessionen in Deutschland.
2.a. Ausfuhrprodukte des Schutzgebietes, deren Verarbeitung und Verwertung
in Deutschland:
Kopra: Fettgewinnung (Viehzucht und Ackerbau, hauptsächlichste
landwirtschaftliche Gebiete).
Kakao-Chokolade. Kautschuk Verwertung. ...
Anschliessend an unsere Schiffe:
3. Deutschlands Handel. ...
4. Kriegsmarine. ...
5. Schönheit deutscher Landschaften. ...
6. Im Wechsel der Jahreszeiten. ...
7. die afrikanischen deutschen Kolonien.
6. Jahrgang.
Stoff: die Nachbargebiete unseres Schutzgebietes in ihrem geographischen,
besonders aber wirtschaftlichen Zusammenhang mit ihm.
Australien: Sydney, Brisbane, Blaue Berge, Queensland-Farmer, Philippinen.
China: Hongkong. Kanton, Shanghai, (Kiautschou,) Sibirische Bahn.
Japan. Holländisch-Indien.
Etwas über die wichtigsten Kolonialvölker und deren Heimat,
doch nur soweit es im Zusammenhang der obig angeführten zur Behandlung
kommenden geographischen Stoffe erforderlich oder wünschenswert erscheint.
Im Anschluss an den Nachweis der Möglichkeit, Deutschland
sowohl bei östlicher als auch bei westlicher Fahrt zu erreichen ist
etwas von der Kugelgestalt der Erde zu sagen. Vom Mond.
Von der Sonne als der Lebensspenderin, dem Quell von Licht, Wärme
und Leben. ...
Geschichte.
Ein gesonderter Geschichtsunterricht wird nicht erteilt. Die geschichtlichen
beziehungsweise vaterländischen Stoffe werden dem Geographieunterricht
angeschlossen.
Stoff: In Zusammenhang mit der Heimatkunde werden einige Eingeborenensagen
behandelt. Desgleichen bei der Landeskunde des Schutzgebietes die Geschichte
desselben.
Im Zusammenhang mit dem geographischen Unterricht Deutschlands sind
folgende Gesichtspunkte besonders zu berücksichtigen:
Die kolonialen Bestrebungen Deutschlands.
Deutschlands Handel,
´´ Flotte,
´´ Heer,
Deutschlands Kaiser und grossen Staatsmänner. (seit 1884).
Gesundheitslehre.
Stoff für 4. bis 6. Jahrgang.
4. Jahrgang.
1. Haut, Hauttätigkeit, Reinlichkeit.
2. Atmung, Atmungsorgane, Luft, Erkältung, andere Krankheiten
der Atmungswerkzeuge.
3. Essen und Trinken, Reinlichkeit dabei, Wurmkrankheiten, Kauen, Verdauen,
Zähne, Verdauungsorgane, Unmässigkeit.
4. Arbeit, Muskel, Bewegung, ruhe.
5. Verwundungen, Reinigen und Reinhalten der Wunde, Verband.
6. Erste Hilfe bei Unglücksfällen. Starke Blutungen, Knochenbrüche,
Hitzschlag.
7. Kleidung.
8. Wohnung.
5. Jahrgang
1. Malaria, Wesen und Bekämpfung. Hausbau.
2.Hautkrankheiten. Im besonderen Kaskas, Ringwurm.
3. Augenkrankheiten
4. Dysenterie.
6. Jahrgang.
Für das 6. Jahr ist Wiederholung des Stoffes und wo angängig
Erweiterung und Vertiefung vorgesehen.
Naturgeschichte.
Mit dem naturgeschichtlichen Unterricht wird im 5. Jahrgang begonnen.
Der Stoff wird in Lebensgemeinschaften geboten und auf ein Jahr verteilt.
...
1. Pflanzungen.
a. der Eingeborenen
Taro, Jams, Süsskartoffeln, Mais, Zuckerrohr, Gemüse, Bananen,
Betelnuss, Kokosnuss, Papaia.
b. der Europäer.
Kokosnuss: Schädlinge, Kokosnusskäfer, Schildlaus, Heuschrecke
...
Andere Kulturen.
Kautschuk. Kakao. Baumwolle, Kapok. Tee, Kaffee, Tabak.
2. Das Haus.
Haustiere: Schwein, Hund, Katze, Hühner, Enten, Pferd und Rind.
Moskiten, Spinnen, Ameisen, (weisse). Ratten und Mäuse.
3. Der Busch.
Brotfruchtbaum. Galip, Pau, Strandmandel. Pandanus. Bambus. Rotang.
Kanuhölzer. Alanggras. Ma
laienapfel.
Fliegender Hund, Eichhörnchen, Papageien, Wildtauben, Kasuar,
Nashornvogel, Schlangen, Eidechsen, Schmetterlinge. Andere Vögel.
4. Am Strande.
Fischerei. Riff, Fische, Muscheln, Seegurke, Schnecken, Schildkröte,
Krokodil, Haifisch, Korallen, (Betelkalk), Tambu und andere Muschelgeldarten.
5. Aus der Naturlehre. ...
Zeichnen
1. und 2. Jahrgang.
Zeichnen von Dingen aus dem Anschauungsunterricht und in Verbindung
mit diesem.
(Kanu, Haus, Ruder, Hammer, Hut, Tisch u.a.m.)
3. und 4. Jahrgang.
Zeichnen flacher Gegenstände.
Blätter, Zifferblatt der Uhr. Plan von Schulzimmer und Haus. Ornamentieren
im Anschluss an Eingeborenen-Zeichnungen. ...
5. und 6. Jahrgang.
Ornamentieren schwierigerer Muster.
Körperzeichnen. Einführung in das im Handwerk gebräuchliche
Liniearzeichnen.
Vermerk.
Der Zeichenunterricht hat neben seiner Bedeutung als wichtiges Erziehungsmittel
den Zweck, die von den Schülern mitgebrachten zeichnerischen Fähigkeiten
festzuhalten, weiter auszubilden und ihre Anwendung anzubahnen (Verzierungen
an Kanu, Rudern, Häusern, Kirchen).
Aus dem Lehrplan der dreiklassigen Eingeborenenschule in Namanula
BA: RKolA 2756
Und ähnlich wie in Saipan wurde in Namanula (ab der 4. Jahrgangsstufe)
Gesundheitslehre vermittelt. Und auch hier fand seit den Anfängen
ein „freiwilliger" Religionsunterricht statt, den Herz-Jesu-Missionare
zweimal wöchentlich in den Schulräumen abhalten durften. Auch
hier gab es erhebliche Konflikte um diesen Unterricht. Zeitweilig wurde
den Missionaren die Unterrichtserlaubnis entzogen, weil sich Protestanten
und „Heiden" über katholische Mis-sions-versuche beschwerten.
Am Ende des sechsten Schuljahres (1913) konnten die ersten 23 Schüler
der Regierungsschule entlassen werden. Alle fanden als Arbeiter und Angestellte
beim Gouvernement Anstellung: neun als Setzer, sechs als Handwerker, fünf
als Hilfsschreiber und drei als Hilfslehrer. Ohne Zweifel hat die Regierungsschule
für Eingeborene zur Verbreitung europäisch-deutscher Wertvorstellungen
in Neuguinea beigetragen. Ebenso sicher läßt sich aber sagen,
daß dadurch die Indigenisierung der Kolonialverwaltung vorangetrieben
wurde. Dieses Experiment wurde durch den Ausbruch des Weltkrieges und eine
völlig andere Politik der Australier jäh und radikal abgebrochen.
Wenige Monate vor dem Aufflackern des europäischen Krieges begleiteten
Gouverneur Hahl bei seiner Rückreise nach Deutschland zwei Abgänger
der Regierungsschule Namanula. Sie sollten auf der Kolonialschule in Witzenhausen
eine weitere kolonialspezifische Ausbildung erhalten. Mitte April 1914
ging auch der langjährige Leiter der Regierungsschule, Paul Barschdorff.
Er wurde durch den bisherigen Lehrer Stephan Leist ersetzt. Zuletzt lehrten
an der Eingeborenenschule drei deutsche Lehrer (neben Leist der Brandenburger
Ernst König und der Niederschlesier Martin Wagner) und drei einheimische
Hilfslehrer. Sie unterrichteten 121 (Höchststand) melanesische Jungen
aus allen Teilen der Kolonie Deutsch-Neuguinea. Sogar aus dem niederländischen
Teil des Landes kam ein Schüler eigens in die Regierungsschule nach
Rabaul.
Neben der Regierungsschule für Eingeborene existierte seit dem
19. April 1909 auch eine Schule für Europäerkinder. Der Unterricht
fand im gleichen Schulgebäude statt. Entgegen den ursprünglichen
Plänen wurde die Schule für Europäerkinder erst nach der
Eingeborenenschule eröffnet und ihr scheint überhaupt auch nur
eine nachgeordnete Stellung zugekommen zu sein. Die Europäer-Schule
konnte erst eröffnet werden, nachdem im März 1909 ein zweiter
deutscher Lehrer in Neuguinea eingetroffen war. Als im April 1910 noch
eine Lehrerin (E. Medenwaldt) im Schutzgebiet angekommen war, wurde diese
der Europäerschule zugeordnet, während beide Lehrer hauptamtlich
in der Eingeborenenschule unterrichteten.
Unterrichtet wurden wöchentlich 30 Stunden: Deutsch, Rechnen,
Geschichte, Erdkunde, Naturkunde, Zeichnen, Turnen, Singen sowie Anschauungs-
und Heimatkunde. Religion war integraler Bestandteil des Curriculums. Neun
Stunden wöchentlich halfen die beiden Lehrer der Eingeborenenschule
in der Europäerschule mit aus.
Die Schule war als vierstufige Volksschule gedacht, doch war der Schülerbestand
nur gering; er überstieg zu keinem Zeitpunkt 15 Jungen und Mädchen.
Ein Versuch des Gouverneurs, während eines Besuchs in der Marshallgruppe
die dortigen deutschen Siedler im Herbst 1911 dazu zu überreden, ihre
(meist Mischlings-)Kinder nach Rabaul in die Europäerschule zu schicken,
schlug fehl. Er dürften weniger die 600 Mark jährlichen Kosten
für das Internat in Namanula gewesen sein, die die deutschen Männer
in den Marshallinseln schreckten, als vielmehr ihr mangelnder Glaube, daß
die Europäerschule in Rabaul qualitativ wirklich so viel besser war
als die Missionsschulen vor Ort. Der jahrzehntelange Streit um die fehlende
Regierungsschule für die Marshallinseln, die vor allem von den Protestanten
unter den deutschen Siedlern als Gegengewicht zur katholischen Missionsschule
vehement gefordert worden war, hatte nach Auflösung eines eigenen
Verwaltungsgebietes die ursprüngliche Schärfe längst verloren.
Wahrscheinlich hätte die „Europäerschule" ohnehin nicht existieren
können, wenn sie nur von Europäerkindern besucht worden wäre.
Ein Foto im Kolonial-Kalender von 1911 (:133) zeigt die 13 Schüler
und Schülerinnen der „Europäerschule". Auf den ersten Blick fallen
sechs von ihnen, also nahezu die Hälfte, als Chinesenkinder auf. Daß
die Kinder der chinesischen Bevölkerungsgruppe die Europäerschule
der Kolonie besuchten (und besuchen durften), mag auf den ersten Blick
erstaunen. Chinesen waren - im Gegensatz zu den Japanern - den Europäern
rechtlich nicht gleichgestellt. Aber offensichtlich wurden in der Realität
des kolonialen Alltags die Rassenunterschiede weniger scharf praktiziert
als auf dem Papier der Kolonialtheoretiker und ihrer Gläubiger.
Die deutsche Schule und die Regierungsschule für Eingeborene in Apia
Die deutsche Schule Apia war die älteste deutsche Schule in der
Südsee. Sie wurde am 2. August 1888 in einem Holzgebäude am Hafen
in Savalalo eröffnet. In der Nähe befanden sich später,
während der Zeit der deutschen Kolonialverwaltung, das Zollgebäude
und die Hafenhandwerksstätten. Vor 1906 waren bis zu fünf Klassen
in insgesamt drei Schulräumen untergebracht. Im Juli 1905 wurde mit
einem steinernen Neubau begonnen, der die Schüler aus dem lebhaften
Hafenviertel in eine ruhigere Stadtrandlage verbringen sollte. Am 1.Mai
1906 wurde das neue Schulgebäude an der Ifi-Ifi-Straße feierlich
in Betrieb genommen. Zwei einstöckige Gebäude im Pavillonsystem
mit je zwei Klassenzimmern waren durch einen zwischen ihnen liegenden Spielplatz
miteinander verbunden. Für die Schüler waren zweisitzige Bänke
bereitgestellt. Mitte November 1913 wurde auch eine Turnhalle errichtet.
Die deutsche Schule war zunächst ein Privatschule, die von einem
Verein deutscher Siedler (Grunow, Höflich, Rosenberg, Gebauer) getragen
wurde und die sowohl aus dem Schulfonds des Auswärtigen Amtes wie
von der Deutschen Kolonialgesellschaft einen jährlichen Zuschuß
erhielt. Nach der Übernahme Samoas durch das Reich und einem befürwortenden
Antrag des Gouverneurs war sie seit Juli 1903 eine Regierungsschule. Sie
hieß dann „Regierungsschule für Europäer", war aber faktisch
eine Schule für Mischlingskinder, vornehmlich deutscher Väter
und samoanischer Mütter. 1902/03 waren nur sieben von 62 Schülern
Europäer; 1910/11 waren es 14 von 141. Neben deutsch-samoanischen
Mischlingskindern gab es Schüler aus britisch-samoanischen, amerikanisch-samoanischen
und skandinavisch-samoanischen Verbindungen. Dem Reisenden Siegfried Genthe
fiel Ende 1899 der Sohn eines amerikanischen Negers und einer Samoanerin,
der „rascher als alle anderen das Deutsche gelernt hat", als besonders
geweckt auf, sowie ein Suahelijunge, den der Präsident des Munizipalrates,
Wilhelm Solf, aus Deutsch-Ostafrika mitgebracht hatte. Für alle diese
Kinder gab es nur eine Schule in Samoa - eben die „deutsche" Schule. Bis
zur Gründung einer eigenen Regierungsschule für Samoaner besuchten
immer auch einige Samoanerkinder die „Regierungsschule für Europäer".
Die deutsche Schule Apia
Anzahl der Schüler
Schuljahr Anfang Ende Durch-schnitt Höchst-stand Jungen Mädchen
Nationalität Konfessionszugehörigkeit
1888 19
1894/95 65
1895/96 40 52 42 59 18 24
1901/02 64 9 S
1902/03 48 62 30 32 36 D, 6 S, 6 GB
1903/04 50 49 65 33 32 43 D, 6 S, 7 GB 58 P,
7 rk
1904/05 63 76 31 32 48 D, 2 S, 7 GB 58 P,
5 rk
1905/06 68 78 80 87 43 37 57 D, 1 S, 14 GB 69 P,
8 rk, 3 u
1906/07 73 93 110 64 46 63 D, 1 S, 26 GB 95 P, 15
rk
1907/08 99 91 126 74 52 58 D, 1 S, 47 GB 100 P, 26 rk
1908/09 97 82 113 66 47 52 D, 39 GB 87 P, 26 rk
1909/10 136 64 72
1910/11 103 141 62 79 57 D
1911/12 111 124 53 71 55 D
1912/13 89 80 102 31 49 45 D
1913/14 97 90 41 49 49 D, 21 GB 71 P, 15 rk,
2A, 2M
D = Deutsch, S = Samoaner, GB = Britisch; A = Adventisten, M = Mormonen,
P = protestantisch, rk = katholisch, u = unbestimmtQuellen: siehe Angaben
im Abschnitt Quellen und Literatur
Die Schule war koedukativ. Das durchschnittliche Alter der Schüler
betrug im Januar 1905 etwas über elf Jahre. Zu diesem Zeitpunkt gab
es drei Siebenjährige und einen 16jährigen. Der Schule war ein
Kindergarten vorgeschaltet, der von der Samoanerin Telesa geleitet wurde.
Hier sprachen die Kinder nur Samoanisch. Deutsch spielte in der „deutschen"
Schule Apia lange Zeit eine nur untergeordnete Rolle. Im Jahr der Gründung
fand der Unterricht „vorläufig" in englischer Sprache statt. Die Kinder
der deutschen Siedler beherrschten ihre „Vatersprache" nur unzulänglich.
Dies galt - zumindest teilweise - selbst für das Lehrpersonal. Neben
dem einzigen deutschen Lehrer, Dr. Otto Sierich, arbeitete eine schwedische
Lehrerin - „hinlänglich des Deutschen mächtig". 1895 wurden „bedenkliche
Mängel" im Deutschen festgestellt, der Vertrag mit Sierich, der im
März 1896 ablief, nicht mehr verlängert. Sierichs Nachfolger
war seit September 1896 ein ordinierter protestantischer Theologe, Otto
Margraf. Er hielt am 1. November 1896 den ersten deutschen protestantischen
Gottesdienst auf Samoa in der deutschen Schule. Aber auch Margraf hielt
sich nicht lange. Seine Predigten entzweiten die kleine deutsche Gemeinde
Apias. Vom deutschen Arzt Schwesinger ließ er sich eine tropenbedingte
Nervosität bescheinigen und kündigte seinen Vertrag vorzeitig.
Am 11. August 1899 kehrte er Samoa den Rücken und reiste nach Deutschland
zurück. Auch Margrafs Nachfolger, der Provinzialvikar Holzhausen,
der erste leitende Lehrer der deutschen Schule Apia, der vom Auswärtigen
Amt angestellt wurde, traf nicht den Ton, den die Deutschen Samoas erwarteten.
Er erschien ihnen zu „orthodox", und als er im liberalen Samoa sich auch
noch den faux pas erlaubte, die Kinder zu mißhandeln, war es endgültig
aus. Holzhausen erhielt ebenfalls ein ärztliches Attest, das ihm eine
vorzeitige Entlassung zum 1. August 1902 ermöglichte. Danach nahm
der Gouverneur die Schulangelegenheiten in die eigenen Hände und es
kehrte Ruhe - so weit man unter den Europäern auf Samoa überhaupt
von Ruhe sprechen kann - ein.
1914 besaß die dreistufige Regierungsvolksschule einen Rektor
(zunächst Otto Damm, Absolvent des Seminars in Mettmann 1893/1895,
1897-1899 Deutschlehrer in Rumänien, seit 1899 an der Deutschen Schule
Apia, 1903 Rektor der Regierungsschule, nach seiner Versetzung nach Deutsch-Südwestafrika
zunächst vom 09.08.1909 - Juni 1912 Mäcke, dann Osbahr), zwei
deutsche Lehrer, Hoerning und Michael, und eine deutsche Lehrerin, Ludovica
Schultze, die als ehemalige Leiterin des Kindergartens von März bis
September 1896 schon einmal die Schule interimistisch geführt hatte.
Ihre Schwester, Valesca Schultze, war die Leiterin der Höheren Mädchenschule
für Pastoren- und Häuptlingstöchter der LMS in Papauta.
1895/1896 wurde das Lehrangebot in Geographie und Geschichte von zwei
auf vier Stunden erhöht. Auch Deutsch wurde mit acht Wochenstunden
stärker unterrichtet. Englisch, damals fünf Wochenstunden, blieb
bis zum Kriegsausbruch eines der wichtigeren Fächer. Zu den übrigen
Schulfächern gehörte Rechnen, Raumlehre, Geschichte (keine griechische,
römische und germanische Geschichte; wohl aber „Landesgeschichte"),
Erdkunde, Naturlehre und Naturgeschichte, Zeichnen, Singen, Turnen und
Handarbeit. Benotet wurden, wie in Deutschland auch, Betragen, „Fleiß
und Aufmerksamkeit", Ordnungsliebe, „Denken und Urteilen". Der Schulbesuch
wurde im Zeugnis festgehalten. In der untersten Stufe wurden 20, in der
mittleren Stufe 26 und in der obersten Stufe 28 Stunden wöchentlich
unterrichtet. Die großen Ferien (Anfang April bis Mitte Mai) wurden
seit 1911 in die heiße Regenzeit (01.02. - 15.03.) verlegt. Daneben
gab es Ferien im (europäischen) Herbst (Mitte September bis Anfang
Oktober) und über Weihnachten (Heiligabend bis nach Dreikönig)
und Ostern.
Das aus der Zeit der Privatschule stammende Schulgeld (60 Mark jährlich)
wurde zum 1. April 1909 abgeschafft. Es bestand allerdings in der Europäerschule
keine Lernmittelfreiheit. Immerhin betrugen die Schulkosten für die
Regierung knapp 392 Mark pro Schüler und Jahr (1912). Den geplanten
Ausbau der Volksschule zu einer Mittelschule, den Gouverneur Schultz
Ausgaben der deutschen Kolonialregierung in Samoa für das Schulwesen
(in Mark)
1910 1911 1912 1914
Regierungsschule für Europäer 31.023,25 38.026,20 40.586,29
51.565
Regierungsschule für Samoaner 17.088,75 15.318,70 16.250,48 19.020
Regierungszuschuß für Missionsschulen 1.500 1.600 1.800
1.800
Ende September 1913 beim Reichskolonialamt mit der Anforderung eines
zusätzlichen Lehrers mit Rektorexamen in Französisch und Englisch
gefordert hatte, verhinderte der Krieg.
Als die Nachricht von der Landung der neuseeländischen Soldaten
durchdrang, stimmte die langjährige Lehrerin Ludovica Schultze den
Choral „Ach, bleib’ mit Deinem Schutze bei uns, Du starker Held" an und
entließ die Schüler in die Ferien. Von den Neuseeländern
wurde das Schulgebäude als Kaserne benutzt. Der Schulunterricht wurde
deshalb nach dem Ende der Ferien von den Lehrern Pfeil, Michael, Horning
und Schultze in ihren Privatwohnungen erteilt. Walter Michael und Franz
Pfeil wurden kurz nach Wiederaufnahme des Schulunterrichtes nach Neuseeland
deportiert, Pfeil zudem am 7. November 1914 zu einer dreijährigen
Gefängnisstrafe verurteilt. Bis zuletzt, d.h. November 1915, unterrichteten
noch Horning und Schultze.
1908 wurde in Malifa eine Regierungsschule für Samoaner errichtet.
Das aus Zement erbaute Schulhaus mit Internat wurde aus besonderen Beiträgen
der Samoaner finanziert. Von 140 Kan-
Ein Volk, das solche Opfer für die Erziehung seiner Kinder bringt,
dessen gesamte Jugend lesen, schreiben und rechnen lernt, ein Volk, das
ohne obrigkeitliche Anordnung freiwillig den Schulzwang eingeführt
hat und 25 % der gesamten Bevölkerungsziffer Schulbesucher aufweist,
ein solches Volk berechtigt zu den schönsten Hoffnungen und darf nicht
als quantité négligeable auf den Aussterbe-Etat gesetzt werden.
Hier ist der Punkt, wo die deutsche Regierung den Missionen Samoas und
in erster Linie der Londoner-Mission zu danken hat.
Gouverneur Wilhelm Solf über „Das Schulwesen" Samoas in seinem
Decennial-Programm von 1909
NML: XV.2
didaten, die eine Aufnahmeprüfung ablegten, wurden bei Eröffnung
der Schule am 01. Mai 1909 60 angenommen. Diese Schülerzahl - die
Schule war eine reine Jungenschule - wurde auch in den folgenden Jahren
konstant gehalten. Das Alter der Schüler war relativ hoch. Auf die
Wünsche der traditionellen samoanischen Oligaschu wurde besondere
Rücksicht genommen (das war mit ein Grund, warum keine Mädchen
aufgenommen wurden). Neben den Söhnen der Oberhäuptlinge Tamasese
und Malietoa Tanumafili saßen Familienväter von über 40
Jahren. Zwölfjährige waren eher die Ausnahme. Im August 1912
waren von 60 Schülern alle über 17 Jahre alt. Die Schüler
waren fast ausschließlich protestantisch. Mit der katholischen Kirche
- um ihre eigene Ausbildung besorgt - hatte das Gouvernement erhebliche
Schwierigkeiten. Bischof Broyer drohte den Samoanern, die ihre Söhne
auf die Regierungsschule schicken wollten, mit Verweigerung der Absolution.
Unterrichtet wurden drei Klassen in fünf Stufen insgesamt 23 Wochenstunden
lang. Deutsch (neun Stunden), Samoanisch, Rechnen und Raumlehre, Naturgeschichte,
Geographie, samoani-
Es soll dafür Sorge getragen werden, daß die Kinder der deutschen
Schule auf Wunsch ihrer Eltern Uebung im Sprechen der guten samoanischen
Sprache erhalten können. Deshalb gestatte ich, daß Schüler
der deutschen Regierungsschule an dem Unterricht in der samoanischen Regierungsschule
teilnehmen dürfen.
Notiz Solf, 15.11.1909
NML: XV.3
sche Geschichte, Verwaltungslehre, Gesang und Sport, den die Samoaner
mit Hilfe eines ehemaligen samoanischen Unteroffiziers der Polizeitruppe
in „Militärunterricht" umwandelten. Dagegen dominierte auf der „deutschen
Schule" für Europäer- und Mischlingskinder im Turnunterricht
das volkstümliche Spiel. Im Prinzip war ansonsten der Unterricht ähnlich
wie der einer deutschen Volksschule, aber mit einer starken samoanischen
Note. Deutsch war und blieb nur eine Fremdsprache. Zum Schulvorstand gehörten
neben dem Gründer und Leiter der Schule, dem Lübecker Wilhelm
Osbahr (seit 09.09.1903 in Samoa), auch zwei samoanische matai, Faletoese
und Asiata Niko. Seit dem 1. Februar 1914 lag die Leitung der Schule in
den Händen von Regierungslehrer Franz Pfeil (12.02.1911 an Samoa).
Die Ernährung für die Schüler wurde zunächst von
samoanischen Dorfschaften abwechselnd geliefert, ab dem Schuljahr 1911/12
versorgten die Schulpflanzungen, in denen die Schüler an drei Tagen
in der Woche arbeiten mußten, die Schule mit genügend Nahrungsmitteln.
Der Schulbesuch an sich war kostenfrei.
Der Schule war von Anfang an eine Handwerkerschule angegliedert, in
der ein deutscher Handwerkmeister und ein Pflanzungssachverständiger
die Schüler praktisch unterrichteten. Seit 1910 wurden auch hier regelmäßig
zwei Schüler zu einer einjährigen Ausbildung auf die Werft nach
Tsingtau geschickt. Die ersten Samoaner wurden dort zu Schlossern und Tischlern
ausgebildet.
1914 konnte der erste Schuljahrgang entlassen werden. Die Absolventen
traten als Hilfsschreiber, Polizisten, Heilgehilfen, Postgehilfen, Telefonvermittler
und Handwerker in den Dienst des Gouvernements. Im neuen Schuljahr wurden
wiederum 60 samoanische Jungen im Alter von 14 bis 16 Jahren in das Internat
aufgenommen. Da das begrenzte Schulangebot seit Jahren die Nachfrage nicht
mehr decken konnte, begann man im Januar 1914 mit der Errichtung eines
Erweiterungsbaues aus Beton. Auch gab es jetzt eine einklassige Tagesschule
für samoanische Kinder, Jungen und Mädchen im Alter von sechs
bis 14 Jahren. Die dafür benötigten Gelder wurden von der samoanischen
Bevölkerung aus Apia und Umgebung aufgebracht. Der Einmarsch der Neuseeländer
beendete die Regierungsschule für Samoaner noch abrupter als die Europäerschule,
da die Militärverwaltung jeden Versuch eines privaten Unterrichtes
für Samoaner durch ehemalige Regierungslehrer von Anfang an rigoros
untersagte.
Der Ausbau des staatlichen deutschen Schulwesens in der Südsee
Kurz vor Ausbruch des Europäischen Krieges hatten die drei deutschen
Regierungsschulen für Eingeborene ihr erste Bewährungsprobe bestanden.
Sowohl in Mikronesien, wie in Neuguinea und Samoa stand eine junge einheimische
Elite bereit, die Deutsch verstand und sprach und
Mit der Einführung der deutschen Sprache im Verkehr mit den Eingeborenen,
insbesondere den Polizeisoldaten, sind bessere Erfahrungen gemacht worden,
als von vielen Seiten vorausgesagt wurde.
Der Bezirksamtmann von Friedrich-Wilhelmshafen in seinem letzten Jahresbericht
am 27.04.1914
BA: RKolA 6598
die der Lokal- und Regionalverwaltung zunehmend einen besonderen indigenen
Stempel aufdrückte. Während Gouverneur Schultz im Verein mit
der traditionellen einheimischen Elite den Einfluß dieser jungen,
europäisch gebildeten indigenen Elite eher mit Sorge betrachtete,
wollte Hahl in Neuguinea das staatliche Schulwesen weiter ausbauen. In
einem seiner letzten Berichte vor seiner Abreise nach Deutschland beantragte
er am 8. Januar 1914 beim Reichskolonialamt das „alsbaldige Inkrafttreten"
einer an die Verhältnisse in Kamerun angelegten Schulverordnung. Zukünftig
sollte das Grundschulwesen ganz von den Missionen besorgt werden, während
die Regierung sich besonders der höheren und praktisch-technischen
Ausbildung widmen wollte. Hierzu sollten auch staatliche Lehrerseminare
gegründet werden. Die dort von deutschen Regierungslehrern in einer
dreijährigen Schulzeit in Unterrichts-, Erziehungslehre und Deutsch
- anschließend eine ebenfalls dreijährige berufliche Ausbildung
- ausgebildeten einheimischen Lehrer sollten dann als „die Kulturvermittler
für ihr Volk" ein weiteres Standbein der Indigenisierung der
Lokalverwaltung darstellen. Das andere Standbein, Bürogehilfen, Aufseher,
Handwerker, sollte in ebenfalls dreijähriger Schulzeit in Fortbildungsschulen
und Lehrwerkstätten unterrichtet werden. Der vom Kolonialamt am 23.
Juni 1914 grundsätzlich genehmigte Entwurf, der staatliche „Musterschulen
großen Stiles" in allen Regierungsstationen, schnellstens aber in
Käwieng und Friedrich-Wilhelmshafen vorgesehen hatte, konnte nicht
mehr ausgeführt werden. Für Mikronesien war eine zentrale Berufs-
und Fortbildungsschule für das gesamte Inselgebiet in Ponape vorgesehen.
Daran sollte eine Landwirtschafts-, Navigations- und Dolmetscherschule
angegliedert werden. Schulsprache sollte zuerst Ponapesisch, dann Deutsch
sein. Im Etat 1914 waren hierfür 18.000 Mark eingestellt. Die Regierungsschule
in Saipan (Etat 1914: 5.000 Mark) sollte erhalten, aber auf die Marianen
begrenzt werden. In Truk sollte mit 9.000 Mark ebenfalls eine neue Regierungsschule
entstehen. Alle diese Pläne vereitelte der Krieg.
Quellen und Literatur
Zu den unveröffentlichten Quellen gehören die noch vorhandenen
Schulakten im Bundesarchiv Bestand Reichskolonialamt (2756: Deutsch-Neuguinea
einschließlich Saipan, 2757: Karolinen, 2758-2760: Samoa, 2761-2762
Marshallinseln; 6520: Lehrplan der Regierungsschule Saipan. Der letzte
Jahresbericht dieser Schule in 6598. 2627: Ludovica Schultze, Schulbericht
über die Besetzung des deutschen Schutzgebietes Samoa). Dazu kommen
einige noch erhaltene Provinzialakten (AAC: G 2-S 1 - Jaluit -, S 25 -
Ostkarolinen -, und S 26 sowie G 2-Z 14 für Saipan; NML: XV.2-4 für
Samoa; NML: IA 2, IA 81, IA 87 und IA 117, Personalakten für Damm,
Mäcke, Esser und Hoerning; NZA: AGCA 6051/0140, 0141, 0155 und 0156,
Personalakten für Osbahr, Schultze, Pfeil und Michael; die beiden
letzten Schulberichte vom 15.05.1914 in NZA: AGCA 6051/0306) und Unterlagen
in den Missionsarchiven (vor allem das Archiv der Karolinenmission im Kapuzinerarchiv
in Münster, AKM: B 29 - Das Schulwesen in den deutschen Kolonien,
110 - Dr. Dwucet, Aus den ersten Lebensjahren der Regierungsschule Gárapan
auf Saipan, D 126 - Schularbeiten aus Palau und Ponape). An veröffentlichten
Quellen sind an erster Stelle die amtlichen Jahresberichte zu nennen. Sie
werden ergänzt durch die Amtsblätter für Neuguinea und Samoa.
In der zeitgenössischen Literatur findet sich bei Siegfried Genthe,
Samoa. Reiseschilderungen, hrsg. von Georg Wegener, Berlin: Allgemeiner
Verein für Deutsche Literatur 21908, ein aufschlußreiches Kapitel
über die Deutsche Schule Apia in der Zeit vor der deutschen Flaggenhissung.
Nur wenige Hinweise zu den Missionsschulen in der Südsee bringt Carl
Mirbt, Mission und Kolonialpolitik in den deutschen Schutzgebieten, Tübingen
1910 (130-131, 134-135, 140, 156). Besser ist Ludwig Weichert, Das Schulwesen
deutscher evangelischer Missionsgesellschaften in den deutschen Kolonien,
Berlin 1914, (41-49). Gustav Lenz, „Die Regierungsschulen in den deutschen
Schutzgebieten", Programm des Neuen Gymnasiums Darmstadt 1900, No. 680,
bietet eine sehr gute Übersicht über die deutschen Regierungsschulen
(einschließlich ihrer Lehrer). Nur fehlen Angaben zur Südsee,
weil zu dieser Zeit dort noch keine Regierungsschulen existierten. Ergänzend
können herangezogen werden Chr. G. Barth, „Ueber das Schulwesen unserer
Schutzgebiete", Deutsche Kolonialzeitung 1911, 85-86 (Neuguinea einschließlich
Saipan, Samoa) und (Bernhard) von König, „Die Eingeborenen-Schulen
in den Deutschen Kolonien Afrikas und der Südsee", Koloniale Rundschau
1912, 721-732 (Südsee); für Saipan auch: (Gustav) Lenz, „Die
deutsche Schule in Saipan (Marianen)", Deutsche Kolonialzeitung 1905, 427-428.
Am ergiebigsten ist zweifellos die Arbeit des Hamburger Missionsinspektors
der Leipziger Missions-Gesellschaft: Martin Schlunk, Die Schulen für
Eingeborene in den deutschen Schutzgebieten am 1. Juni 1911, Hamburg: L.
Friederichsen & Co. 1914, das auf einer Umfrageauswertung von 2.258
ausgefüllten Fragebögen beruht. Zeitgleich erschien von demselben
Verfasser: Mar-tin Schlunk, Das Schulwesen in den deutschen Schutzgebieten,
das als Einführung zum Haupt-werk zu lesen ist.
Die Sekundärliteratur zum Thema ist zum Teil abenteuerlich. Vor
allem die englischsprachige Literatur gefällt sich in der Wiederholung
ewig ungeprüfter Behauptungen. Eine zusammenfassende Darstellung existiert
bislang nicht. Am besten sind wir noch über die Schule in Saipan informiert.
Gerd Hardach, König Kopra, Wiesbaden 1990, 173-179, enthält vor
allem zum Streit um den Religionsunterricht noch weiterführende Angaben.
Christian Demleitner, „Das Schul- und Erziehungswesen in West-Samoa unter
Einbeziehung des beruflichen Aspektes. Ein Beitrag zur vergleichenden Pädagogik",
Diss. phil. München 1980, enthält drei Seiten nähere Angaben
zu unserem Thema. Aufschlußreicher ist eine sehr gute Hamburger Magisterarbeit:
Heide Otto, „Deutsches Lehngut im Samoanischen und Sprachunterricht auf
Samoa zur deutschen Kolonialzeit", M.A. Hamburg 1989. Der Vollständigkeit
halber sollen auch noch genannt werden: Bernhard Lang, „Missionsschulen
auf Samoa. Geschichte der Erziehungssysteme der Londoner Missionsgesellschaft
auf Samoa zwischen 1836 und 1880", M.A. Tübingen 1987, und Susanne
Piegsda, „Das Bildungswesen in Papua-Neuguinea, 1884-1994. Die Entwicklung
vom kolonialen zum nationalen Bildungssystem", M.A. Freiburg i.Br. 1994.