Melanesische Arbeiter und chinesische Kulis

Neben den europäischen „Fremden" - dazu zählten auch Amerikaner mit schwarzer Hautfarbe, Japaner, Inder und ansässige Chinesen - gab es auch eine fremde farbige Bevölkerung auf Samoa. Zum Teil waren dies andere Pazifikinsulaner, die nach Samoa eingeheiratet hatten, dort

Die in Samoa seßhaft gewordenen nichteinheimischen Südseeinsulaner nach ihrer Herkunft
 

Herkunftsland 15.08.-15.10.1900 01.10.1906 01.10.1911
Amerikanisch-Samoa    56
Tonga   185  56
Fidschi  48  31  12
Niue  99  167  168
Salomonen   65  67
Uea und Futuna  35  27  28
Rotuma  13  34  14
Rarotonga   12  6
Tokelau   10  41
Ellice-Inseln   34  49
Gilbert-Inseln   16  4
Hawai’i    1  5
Tahiti   1  1
Fremde Südseeinsulaner insgesamt   195  583  507

Quellen: Amtliche Jahresberichte und NZA: AGCA 6051/0306
 

im Missionsdienst tätig waren, oder aber ursprünglich als Arbeiter ins Land gekommen und dann geblieben waren. Besondere Abmachungen gestatteten der DHPG seit Anfang der achtziger Jahre, regelmäßig Kontraktarbeiter aus den britischen, vor allem aber deutschen Salomonen nach Samoa zu transportieren. Die hauptsächlich auf den Pflanzungen der Gesellschaft eingesetzten Melanesier wurden von den Samoanern verachtet und litten häufig unter Krankheiten, die meist auf Vitaminmangel zurückzuführen waren. Ähnlich wie im deutschen Neuguinea besaß der Vertreter der DHPG in Apia Disziplinargewalt über die melanesischen Arbeiter, was bedeutete, daß sie für arbeitsrechtliche Vergehen körperlich gezüchtigt werden durften.
 

Melanesische Arbeiter der Deutschen Handels- und Plantagengesellschaft Samoa

Jahr Grundbestand Zugang Summe zurückgesandt gestorben Bestand Sterblichkeit i.v.H. 1

01.09.1883 1.152
1897 600 2 207 907 246 32 629 3,5
1898 629 209 838 231 41 566 5,0 (4,9)
1899 566 189 755 98 29 628 3,9 (3,8)
1900 628 219 (220) 847 128 66 653 7,8
1901 653 242 895 161 72 662 8,0
1902 662 335 997 124 73 800 7,3
1903 800 228 (256) 1.028 148 51 829 5,0
1904 829 154 (162) 983 173 28 782 2,8
1905 782 171 (180) 953 156 37 760 3,9
1906 760 363 (376) 1.123 281 56 [53] 886 5,0
1907 886 158 1.044 146 62 [63] 836 6,0 (5,9)
1908 836 167 (347) 3 1.003 129 54 [66] 820 5,3 (5,4)
1909 820 298 (300) 1.118 121 32 [30] 965 2,9
1910 965 345 (348) 1.310 304 20 [23] 1.086 1,6 (1,5)
1911 1.086 180 (184) 1.166 122 62 [67] 982 5,3
1912 982 180 1.162 87 93 [94] 982 8,0
1913 4 982 153 1.135  29  2,6
19144  160 915  5
 
Aufstellung des stellvertretenden Bezirksamtmanns von Apia, Schubert, Apia, 09.03.1914. Differierende Angaben des stellvertretenden Bezirksamtmannes Sperling, Apia, 10.10.1913, in runden Klammern, von Gouverneur Hahl, Rabaul, 09.03.1913, in eckigen Klammern.
NML: VIII.21 Bd.1. Für 1883 „Denkschrift betreffend die Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft zu Hamburg", Apia, 15.12.1883, in: Deutsche Interessen in der Südsee, Reichstagsdrucksache Nr. 63/1884
 
1 Richtiges, korrigiertes Ergebnis in Klammern.
2 Muß wohl richtig heißen: 700.
3 Davon 166 Malaita-Leute.
4 Nachtrag durch den Verf. auf der Grundlage zusätzlicher Angaben in NML:VIII.21 Bd.1.
5 Angaben im letzten ungedruckten Jahresbericht von 1913/14 zum 01.01.1914. Dazu kamen 52 Frauen und 18 Kinder; NZA:AGCA 6051/0306.
 

Noch schlimmer erging es den chinesischen Kulis, die seit Ende April 1903 ins Land geholt wurden, um als Ersatz für die von der Arbeit bei den Europäern befreiten Samoanern herzuhalten. Sie unterstanden einer restriktiven und teilweise äußerst drakonischen Kontrolle durch Firmenangestellte. Der von der deutschen Verwaltung eigens eingesetzte Chinesenkommisar Fries, ein Schweizer, trug wenig dazu bei, daß sich die Verhältnisse besserten. Zwar wurde die Prügelstrafe für chinesische Kontraktarbeiter nach mehrfachen Protesten der chinesischen Regierung und im Interesse des Erhalts der Anwerbung aus China im Dezember 1909 abgeschafft, aber

Wir Chinesen ziehen bei Klagen immer den Kürzeren. Wir werden mit Geld und Gefängnis bestraft und geschlagen, ganz nach Willen und Laune der Beamten, und haben niemand, der unser Schreien hört. Wir befühlen unser blutiges Fleisch und vergiessen Tränen. ...
Wir erklärten dem deutschen Vorarbeiter, der Lohn sei zu gering und nicht genügend für die Bedürfnisse. Dieser aber nahm sogleich sechs von uns fest. Sie wurden ins Gefängnis gebracht, in Ketten gelegt und erhielten unzählige Peitschenhiebe, sodass das Blut floss. Wir rufen den Himmel an, erhalten aber keine Antwort, wir flehen zur Erde, diese aber schweigt. Es ist unerträglich Unrecht und nur Höllenqualen zu erleiden und keinen gerechten Richter zu finden. So sitzen wir mutlos hier, keiner weiss einen Ausweg.

Bericht des chinesischen Kontraktarbeiters Cheng yao tung, Chung Wai Jih Pao vom 25.02.1907: „Brief aus Samoa". Undatiertes Schreiben chinesischer Arbeiter an den chinesischen Konsul in Honolulu
NML: VIII.14a
 

auch die Präsenz eines chinesischen Konsuls in Samoa seit diesem Jahr konnte die entwürdigende Behandlung der chinesischen Kulis  - sie erhielten bei der Ankunft eine Blechmarke und wurden mit der darauf registrierten Nummer gerufen - nur wenig verändern. Kurz vor Eintreffen des ersten Chinesentransports hatte der Gouverneur am 1. März 1903 allen neu einzutreffenden Chinesen in Samoa ein Bleiberecht verwehrt, den Handelsbetrieb und den Erwerb von Grundstücken verboten. Während Hahl in Neuguinea den Chinesen Niederlassungsfreiheit gewährte, gab es auf Samoa nur eine winzige Zahl chinesischer Siedler - ausschließlich Männer - aus der Zeit vor der Errichtung der deutschen Kolonialherrschaft. Die erste chinesische Frau traf erst zu-

Die Chinesen in Samoa

Datum der Zählung Ansässige 1 Kontraktarbeiter insgesamt
01.01.1902 13  13
01.01.1903 12  12
01.01.1906   770
01.01.1907   1.104
01.01.1908   1.050
01.01.1909   1.123
01.01.1910 15 1.338 1.353
01.01.1911 13 1.340 1.353
01.01.1912 12 1.613 1.625
01.01.1913 13 1.546 1.559
01.01.1914 17 2.083 2.100

1 Die ansässigen Chinesen wurden unter die weiße Bevölkerung gezählt. Quellen: Amtliche Jahresberichte. Für 1914: Jahresbericht 1913/14 in NZA: AGCA 6051/0306

sammen mit dem chinesischen Konsul 1909 in Samoa ein. Immerhin gelang es James Ah Sue, dem Sohn eines der ersten Chinesen in Samoa, der eine Samoanerin geheiratet hatte, 1914 Besitzer und Herausgeber der „Samoanischen Zeitung" zu werden.
Die relativ schlechten Bedingungen für chinesische Arbeiter in Samoa brachten es mit sich, daß mit jedem neuen Chinesentransport auch gewalttätigere Elemente mit ins Land kamen, die China verlassen hatten, weil sie es hatten verlassen müssen. Weil chinesische Arbeiter ohnehin wie Kriminelle behandelt wurden, kamen zunehmend tatsächlich Chinesen nach Samoa, die in ihrer chinesischen Heimat vorbestraft waren und die auf weitere Kontakte mit China keinen Wert legten. Nur so ist zu verstehen, daß im Jahre 1912 vom Gesamtlohn aller chinesischen Arbeiter auf Samoa (399.096 Mark) nicht einmal sieben Prozent (27.084 Mark) nach China geschickt wurden. Die Tatsache, daß der amtlich bestellte chinesische Regierungsdolmetscher seine Vertrauensstellung dazu benutzte, um durch illegale Aktivitäten persönlichen Reichtum anzuhäufen, trug nicht gerade dazu bei, die bestehenden Verhältnisse zu verbessern.
Der Nachfolger des am 3. Mai 1912 entlassenen Regierungsdolmetschers Wu Hui alias I-li, Tsêng Chao-lin, trat sofort in die Fußstapfen seines Vorgängers. So drehte sich die Spirale der Gewalt immer schneller. Die Samoaner, jedenfalls die Männer, haßten die Chinesen, die sie als

Die Strafjustiz im deutschen Samoa

Samoaner Europäer Chinesen

Zeitraum 01.04.1900-31.03.1914 01.04.1901-31-03.19141 01.04.1909-31.03.1911
und 06.01.1912-31.03.1914
Todesstrafe 3 - 4
Zuchthaus - 1 14
Gefängnis über ein Jahr 85 - 16
Gefängnis 6-12 Monate 166 - 28
Gefängnis unter 6 Monaten 1.073 20 1.602
Haft - 2 -
Geldstrafen 6.760 149 816
Prügelstrafe 4 - 396

1 Keine Angaben für 1900/01 und 1905/06. Quellen: Amtliche Jahresberichte; für 1913/14 NZA: AGCA 6051/0306
 

Eindringlinge in ihr Land betrachteten. Bezeichnend ist, daß die erste Todesstrafe, die ein deutsches (Schwur-)Gericht am 27. April 1901 in Samoa verhängte, einen Samoaner betraf, der beschuldigt worden war, Mitte Dezember 1900 einen der wenigen damals in Samoa lebenden Chinesen, Ah Loo, ermordet zu haben. Und der Amoklauf der vier samoanischen Polizisten im Februar 1914 führte nicht zufällig durch eine chinesische Spielhölle.