Das vorliegende Handbuch hat eine lange Geschichte. Es wurde ursprünglich
auf einer Zusammenkunft konzipiert, die im Zeichen der zusammenbrechenden
kommunistischen Gewaltherrschaft und des sich wiedervereinigenden Deutschland
Anfang 1990 in Marburg stattfand, und an der eine Reihe deutscher Wissenschaftler,
die sich in den verschiedensten Fächern mit der deutschen kolonialen
Vergangenheit in der Südsee beschäftigten, teilnahm. Die Kollegen
Horst Gründer und Gerd Hardach haben das Projekt von Anfang an mit
Rat und Tat begleitet, wofür der Herausgeber ihnen sehr zu Dank verpflichtet
ist. Beide sind mit eigenen Beiträgen in diesem Handbuch vertreten.
Über die Jahre ist dieses Handbuch gewachsen. Es hat unterwegs einige
Mitarbeiter verloren, viele neue sind dazugekommen. In den Jahren meiner
Tätigkeit am Deutschen Historischen Institut London gewann es seine
nähere Gestalt, aber endgültig gereift ist es und in seine jetzige
Form kam es erst hier, an der Universität Bayreuth, mit Hilfe der
Universität Bayreuth, für die ich auch an dieser Stelle herzlich
danken möchte. Die Tatsache, daß mein Deutsches Reich in der
Südsee relativ schnell vergriffen war, hat schließlich entscheidend
dazu beigetragen, das Handbuch in seiner jetzigen Form möglichst rasch
vorzulegen. Für die tatsächliche Umsetzung unserer Idee und die
wohlwollende und interessierte Begleitung, die das Handbuch in Entstehung
und Entwicklung durch den Verlag Ferdinand Schoeningh erfahren hat, möchte
ich dem Verlag und insbesondere seinem Lektor, Herrn Michael Werner, ganz
besonders danken.
Die ursprüngliche Idee war, ein Nachschlagewerk vorzulegen, das
zu allen Bereichen der ehemaligen deutschen Kolonien der Südsee einschlägige
Kapitel mit möglichst umfassenden Informationen anbietet. Unter der
Bezeichnung „deutsche Südsee" wird jener Teil der pazifischen Inselwelt
verstanden, der vor dem Ersten Weltkrieg unter deutscher Kolonialverwaltung
stand: Das nordöstliche Neuguinea, die Inseln des Bismarckarchipels,
die nördlichen Salomonen, die Marshallinseln mit Nauru, Palau, die
Karolinen und Marianen sowie das westliche Samoa mit den Inseln Upolu,
Savai’i, Manono und Apolima. Tonga und Hawai’i, die strenggenommen außerhalb
des deutschen Bereiches der Südsee lagen, sind durch zwei Beiträge
ebenfalls vertreten. In ihnen wird der ganz erhebliche deutsche Einfluß
auf diesen Inseln näher präzisiert und dargestellt. Der zeitliche
Rahmen reicht vom Beginn (1884/85) bis zum Ende der deutschen Kolonisationstätigkeit,
eine Folge der Entwicklungen und Auswirkungen des Ersten Weltkrieges, auf
die das Handbuch ausführlich eingeht.
Zu keiner der ehemaligen deutschen Kolonien existiert bislang ein vergleichbares
Nachschlagewerk. Daß es uns gelungen ist, ein solches Werk jetzt
gerade für die bislang eher im Windschatten des wissenschaftlichen
Interesses stehenden Südseekolonien des Deutschen Reiches zu präsentieren,
erfüllt uns mit einer gewissen Befriedigung. Wir hoffen auch, daß
dies ein Ansporn dafür sein könnte, für andere ehemalige
deutsche Kolonien Ähnliches in Angriff zu nehmen, so daß die
Forschung zur deutschen Kolonial- und Kontaktgeschichte möglichst
bald auf einen Fundus zusammenfassend publizierter Informationen und Fakten
zurückgreifen kann, der für die weitere wissenschaftliche Arbeiten
so unentbehrlich ist.
Leider konnten wir nicht zu allen Themen, an die wir ursprünglich
gedacht hatten, entsprechende Beiträge und dafür qualifizierte
Bearbeiter finden. Das hat zum einen damit zu tun, daß für viele,
uns wichtig scheinende Themen, bislang gar keine Spezialisten vorhanden,
und die entsprechenden Bereiche zum Teil noch nicht einmal im Ansatz eine
erste wissenschaftliche Bearbeitung gefunden haben. So konnten wir für
die Flora dieser Gebiete ebensowenig einen Mitarbeiter finden wie für
die Bereiche Bauten und Architektur, Finanzen, Geld- und Währungswesen.
Für die einheimische Polizei Mikronesiens und Samoas ist weit und
breit kein Bearbeiter in Sicht. Bezüglich Neuguineas gibt es zwar
in Papua-Neuguinea einen Spezialisten, dem allerdings der Zugang zu den
deutschen Quellen verschlossen ist. Deswegen mußte ein solcher Beitrag
leider entfallen. Für den Bereich des Gesundheitswesens, wo für
Mikronesien und Samoa ebenfalls keine Sachkenner zur Verfügung standen,
konnte immerhin mit Margrit Davies eine ausgewiesene Kennerin des Medizinalwesens
in Deutsch-Neuguinea gewonnen werden. Für andere wichtige Themen hatten
wir zwar Bearbeiter oder zumindest doch Kenntnis von und Zugang zu solchen.
Daß es am Ende, in einigen Fällen trotz verschiedener Anläufe
bei den unterschiedlichsten, als qualifiziert empfohlenen Personen, doch
zu keinem positiven Ergebnis kam, hat verschiedene Gründe, auf die
hier einzugehen unmöglich ist. Immerhin ist es gelungen, im Gegenzug
Mitarbeiter zu Themen zu gewinnen, deren Bearbeitung sich anfangs als unmöglich
darstellte. Der Beitrag zum Zeitverständnis der Melanesier fällt
dabei ein wenig aus dem Rahmen. Wir sind aber froh, daß wir durch
ihn auf die wichtige, differierende Auffassung von Zeit zwischen Europäern
und Melanesen hinweisen können, zumal mit dem Slowenen Borut Telban
ein bekannter Experte für dieses Thema gewonnen werden konnte.
Die nunmehr vorliegenden insgesamt 37 Beiträge stammen von 29
Mitarbeitern aus sieben Ländern. Es war von Anfang an fester Vorsatz,
das Handbuch in Deutsch erscheinen zu lassen. Wir wollten und wollen einen
deutlichen Kontrapunkt setzen zu einer Entwicklung, in der das Deutsche
als Wissenschaftssprache auch aus Bereichen verschwindet, in denen es früher
aus guten Gründen vorherrschend oder zumindest gleichberechtigt war
- nicht zuletzt, weil es Untersuchungsobjekte waren, die elementar mit
Deutschland, seiner Bevölkerung und ihrer spezifischen Geschichte
zusammenhingen. Die deutsche Kolonialtätigkeit ist ein solcher Fall.
Alle in diesem Handbuch präsentierten Beiträge sind Erstveröffentlichungen.
Das gilt auch und gerade für die Beiträge der anglophonen Mitarbeiter.
Der Herausgeber hat diese Beiträge, zusammen mit Karina Urbach, ins
Deutsche übertragen. Es versteht sich deshalb eigentlich von selbst,
daß eine durch Bürokraten am Reißbrett entworfene und
mit Mitteln autoritären Machtstaates durchgepaukte Sprach"reform"
in diesem Werk keinen Platz hat. Die Schreibung der Ortsnamen, die schon
in der Kolonialzeit außerordentlich umstritten war und die in vielen
Fällen noch während der deutschen Periode indigenisiert wurde
- auf diese Problematik geht das einführende Kapitel näher ein
-, richtet sich generell nach dem von Heinrich Schnee herausgegebenen Deutschen
Kolonial-Lexikon, das den letzten Stand der Namensgebung berücksichtigte.
Auch in diesem Lexikon gibt es einige offensichtliche Ungereimtheiten,
wie etwa die Schreibung von Hatzfeldhafen, statt des ansonsten gebräuchlichen
Hatzfeldthafen, aber der Herausgeber glaubte doch auch in dieser Frage
stringent und konsequent vorgehen zu müssen, wenn man sich schon einmal
der von Schnee vorgegebenen Schreibweise anschloß. Die Benennung
der verschiedenen Ethnien folgt den damals allgemein akzeptierten Schreibformen.
So gibt es in diesem Handbuch auch Melanesen und nicht nur Melanesier.
Auf Kunstwörter des Duden-Verlages, die keinen Bezug zur jetzigen
oder damaligen Realität hatten und haben (etwa „Tongaer"), wurde verzichtet.
Ein derart großes Projekt mit so vielen unterschiedlichen Mitarbeitern
und Meinungen zeigt naturgemäß eine gewisse Vielfalt, die sich
auch in den Beiträgen widerspiegelt. Auf größtmögliche
Kohärenz wurde ebenso Wert gelegt wie auf die Geschlossenheit des
Gesamtwerkes. Nichtsdestotrotz reflektiert auch das Handbuch die unterschiedlichen
Meinungen der verschiedenen Bearbeiter. Der aufmerksame Leser wird schnell
entdecken, daß zu einer ganzen Reihe von Fragen eben noch kein Konsens
der Forschung existiert. Es erschien uns aber zum einen aus Gründen
unseres wissenschaftlichen Selbstverständnisses heraus als unumgänglich,
diese Meinungsvielfalt nicht zu unterdrücken, zum anderen auch als
durchaus bedeutsam und interessant, der Öffentlichkeit die unterschiedlichen
Perspektiven der einzelnen Autoren nicht zu verbergen. Das schließt
gewisse Wiederholungen ein - aber nur dort, wo differierende Meinungen
deutlich hervortreten. Daß unterschiedliche Autoren auch unterschiedliches
Sprachgefühl besitzen, mußte der Herausgeber akzeptieren. Er
hofft allerdings, daß die Uniformität in der Gestaltung und
äußeren Form, um die er sich bemühte, am Ende auch erreicht
wurde.
Die Einteilung des Handbuches folgt der gängigen geographischen
Gliederung in Melanesien, Mikronesien und Polynesien. Daß diese Einteilung
durchaus umstritten ist - zu verweisen ist auf die grundlegende Kritik
von Jean Guiart -, ist dem Herausgeber bewußt. Er hat sich trotzdem
für die traditionelle Vorgehensweise entschieden, weil er glaubt,
daß diese Grobeinteilung auch durchaus eine wissenschaftliche Berechtigung
hat, wenn man sich der Problematik bewußt ist und auf Zusammenhänge
ebenso viel Wert legt wie auf Einzelheiten. Zudem sieht er als Historiker
keine wirklich überzeugende Alternative. Das, was vor einigen Jahren
in englischer Sprache als Übersichtsgeschichte des Pazifik vorgelegt
wurde und einen anderen Weg ging, konnte ihn nicht überzeugen. Nicht
zuletzt erleichtert die traditionelle Einteilung die Benutzung des Handbuches.
Innerhalb der nach diesen Großräumen geordneten Kapitel
folgen alle Beiträge einem für jede Region ähnlich strukturierten
Muster. Auch die einzelnen Beiträge selbst sind vergleichbar angeordnet.
Die die jeweiligen Beiträge abschließenden Literatur- und Quellenverweise
enthalten die Kommentare der Verfasser, sind deshalb voneinander im einzelnen
verschieden, in sich aber stringent. Für die Kommentare in ihrem Literaturanhang
tragen die einzelnen Bearbeiter ebenso wie für ihre Beiträge
selbst die wissenschaftliche Verantwortung. Die zur Illustration in viele
Beiträge eingefügten Quellendokumente - die meisten von ihnen
werden hier zum ersten Mal überhaupt veröffentlicht - wurden
vom Herausgeber erstellt. Das Handbuch soll so nicht nur zu einem Nachschlagewerk
für die Wissenschaft und eine möglichst breite Öffentlichkeit
werden, sondern auch zu einem Lesebuch, das dem Leser über die Beschäftigung
mit den Quellen den Zugang zu weiteren Abschnitten des Buches öffnet
und zum Verweilen in anderen Beiträgen anregt.
Daß dieses Handbuch auch beim Durchblättern zu einem Vergnügen
wird, dafür sollen nicht zuletzt auch die vielen fotografischen Abbildungen
sorgen, die der Herausgeber aus den unterschiedlichsten Sammlungen zusammengetragen
hat. Den Personen und Institutionen, die dem Herausgeber dabei Hilfe und
Unterstützung zukommen ließen, sei ganz besonders gedankt: Frau
Berta Anspach-Hahl (†), Herrn Theodor Hagedorn, der Marineschule in Mürwik,
der Steyler Mission, dem Linden-Museum Stuttgart, den Völkerkundemuseen
Berlin-Dahlem und Leipzig und ganz besonders Herrn Dieter Klein, der seine
eigene umfangreiche Sammlung uneigennützig zur Verfügung stellte.
Der Herausgeber möchte allen, die auch auf andere Weise zum Erscheinen
dieses Handbuches beigetragen haben, seinen herzlichen Dank aussprechen.
Das sind zunächst einmal die Autoren, ohne deren Wissen und die Bereitschaft
zur Mitarbeit das Handbuch gar nicht hätte erscheinen können.
Daß der Herausgeber manchen vielleicht manchmal zu sehr drängte,
vielleicht auch drängen mußte, andere, die schnell und bereitwillig
bei der Sache waren, eher um Geduld bitten mußte, da nur das Ganze
einen Wert haben konnte, dafür bittet er vielmals um Verständnis.
Er hofft, daß das nun vorliegende Werk das Vorgehen vielleicht nicht
rechtfertigt, aber doch entschuldigt. An der Endfassung haben Annette Biener,
Bernd Buchner, Bernd Leupold, Jörg Streller, Rabea Timmann und Karina
Urbach mitgewirkt. Auch ihnen gilt der Dank des Herausgebers. Vor allem
aber bedankt er sich bei Carola Friedel, ohne deren tatkräftige Hilfe
und Unterstützung das Projekt nicht das Licht der Öffentlichkeit
erblickt hätte.
Bayreuth, am 17. Mai 2000
Hermann Joseph Hiery
Verzeichnis der Abkürzungen
AAC Australian Archives Canberra
AKM Archiv der Kapuzinermission Münster
BA Bundesarchiv
BAM Bezirksamtmann
DHPG Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südsee-Inseln
zu Hamburg
KWL Kaiser-Wilhelmsland
ITC Innertropische Konvergenzzone
LMS London Missionary Society
M.S.C. Mission Sacré Coeur (Herz-Jesu-Mission)
NGK Neuguinea-Kompagnie
NML Nelson Memorial Library Apia
NZA National Archives of New Zealand Wellington
OFM Cap Kapuziner
OHL Oberste Heeresleitung
RKolA Reichskolonialamt
RMG Rheinische Missionsgesellschaft
RPA Reichspostamt
SJ Societas Jesu (Jesuiten)
SM Societas Mariae (Maristen)
SVD Societas Verbi Divini (Steyler Mission)
Verzeichnis der Abbildungen
Verzeichnis der Karten