ZUR EINLEITUNG:
DER HISTORIKER UND DER ZEITGEIST

Von Hermann Joseph Hiery

I

Der über das Englische in die Globalsprache eingegangene Begriff Zeitgeist ist eigentlich eine deutsche Entlehnung aus dem Lateinischen. In seinen "Kritischen Wäldern" polemisiert Johann Gottfried Herder 1769 heftig gegen den Philologen Christian Adolph Klotz. Herder richtet seine Kritik vor allem gegen dessen Versuch, in numismatisch-historischer Weise aus der Geschichte von Münzen auf den Volkscharakter zu schließen, und aus den Münzen gleichsam eine Geschichte des Geschmacks und der Künste zusammenzusetzen, und ihre Blüthe, oder ihren Verfall aus denselben zu beurtheilen."
Die Eigenheit einer besonderen Epoche mit Hilfe von zeitübergreifenden Instrumentarien und Meßkriterien aufzuspüren, war anscheinend ein besonderes Anliegen von Klotz. Hierzu hatte er ein größeres Werk, den "genius seculi" verfaßt. "Genius seculi" ist um 1760 in Altenburg erschienen und beschreibt in 190 Seiten genau das, was Herder als "Zeitgeist" begreift und was wir auch noch heute darunter verstehen. die Eigenart einer bestimmten Epoche, bzw. den Versuch, uns diese zu vergegenwärtigen.
Herder ist also nicht, wie es in nahezu allen ethymologischen Wörterbüchern deutscher Sprache behauptet wird, der Erfinder" des Begriffes. Herder hat das deutsche Wort geschaffen, die Idee aber hat er gestohlen eben von jenem, den er wegen seiner angeblich unselbständigen Kopiertätigkeit als Beispiel für unlauteres, unwissenschaftliches Arbeiten anprangerte: "jämmerlich geraubt, jämmerlich ... der kopirende Deutsche kopirt und kompilirt unordentlich, unbestimmt, mit schönem Non-sense durchstückt! 0 Ehre unsrer Nation und Zeiten!"
Dagegen ist die immer wieder ausgesprochene Vermutung, Herder habe mit dem Begriff Zeitgeist", den er häufig neben Wendungen wie "Zeitverfassung" und Zeitgeschmack" gebraucht, versucht, ein gängiges Fremdwort der Zeit, Mode nämlich, zu verdeutschen, so unrichtig. Das gilt erst recht für die Behauptung, die noch in den Lexika des ausgehenden 19. Jahrhunderts auftretende Bezeichnung "genius saeculi" sei nur als künstliche Rückübersetzung des ursprünglich Herderschen Begriffes zu verstehen, um ihm durch das Lateinische einen stärkeren Wissenschaftscharakter zu geben. Zwar hat es einen antiken "genius saeculi" im Gegensatz zum "genius loci" nicht gegeben, aber der Begriff ist in der Frühneuzeit fest etabliert, findet sich jedenfalls lange vor Klotz.

II

The Zeitgeist is a most dismal animal and I
wish to heaven one could escape its clutches
(Aldous Huxley, 1933)

Schon bei Herder ist der Zeitgeist negativ konnotiert. Der "bleierne Druck des Zeitgeistes" ist ein Phänomen, das sich bis in unsere Tage zieht, ja das sich in unserer Zeit eher noch zu verstärken scheint. Der europäische Mensch hat sich von seiner früheren Unselbständigkeit emanzipiert; er ist in sozialer und politischer Hinsicht viel unabhängiger geworden als seine Vorfahren. Er hat seine religiösen Bindungen nahezu vollständig abgelegt und selbst in wirtschaftlicher und medizinischer Hinsicht scheint er gegenüber den Härtefällen des Schicksals besser gerüstet zu sein. Hat aber der Einfluß des Einzelnen auf die Entwicklung des ihn umgebenen und umfassenden Größeren deshalb ebenso zugenommen?
Wir beobachten eine zunehmende Entindividualisierung der Welt. Die enge, nah-erfahrbare Welt früherer Jahrhunderte existiert nicht mehr. Mit dem Zusammenbruch der erfahrbaren und bekannten Grenzen schwindet auch Nähe, Vertrautheit, Gemütlichkeit. Die einschränkende und strukturell erzwungene Langsamkeit der früheren Welt erwies sich aber im Alltag, erst recht im historischen Vergleich, keineswegs nur als negativ. Demgegenüber steht jene haltlose Hast, die mit jeder Grenz-Überwindung hektischer und zielloser zu werden scheint. Aus dem Leibeigenen von einst ist ein Zeiteigener geworden, bei dem unklar bleibt, wem er was schuldet.
In dem Maße, in dem der Einzelne die Ereignisse der ihn umgebenden größer gewordenen Wirklichkeit immer weniger zu beeinflussen vermag, werden die Entwicklungen für ihn auch immer undurchschaubarer. Was das Verhalten seiner Welt prägt, hängt so offensichtlich vom Zeitgeist' ab, wie der Wandel von Verhaltensstandards und Verhaltensregeln beobachtbar bleibt, aber nicht gesagt werden kann, woher dieser kommt und wer oder was ihn bedingt. Und: Je größer diese neue Welt wird, desto anonymer wird der Einzelne. Klassenlos, konfessionslos, staatenlos wird der Mensch am Ende auch identitätslos. In der globalisierten Welt ist schließlich das Uniforme die Regel. Da werden die Nischen seltener und die Ausnahmen suspekt.
Der Zeitgeist, der von Anfang an ein Phänomen war, das Nonkonforme nicht nur genauer beschrieb, sondern auch als eine wirkliche oder angebliche Minderheit ausgrenzte, wird deshalb in unserer Zeit eher noch bleierner empfunden als früher. Es liegt etwas Totalitäres, Krakenhaftes in ihm. je stärker der Zeitgeist, desto schwächer, ja verwundbarer erscheint der einzelne Mensch. Gelegentlich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, als käme ,dem' Zeitgeist in Demokratien eine Art Totalitarismusersatz zu; als diene er als Vorwand und Ausrede für keineswegs unbestimmte und plötzlich entstehende allgemeine Tendenzen, sondern für durchaus zielgerichtete Bestrebungen, unpopuläre und nicht mehrheitsfähige Vorstellungen und Ideen durchsetzungsfähig zu machen. Die Frage nach den Ursachen und nach den Urhebern des jeweiligen Zeitgeistes gehört deshalb zu den Kardinalfragen einer Historiographie des Zeitgeistes einer bestimmten Epoche.
Zwar umfaßt der für jede Epoche charakteristische Zeitgeist mehr als nur den politischen Raum, weil er bis in intimste Bereiche des Einzelnen eindringt. Auch geht es nicht allein um äußere Erscheinungs- oder Ausdrucksformen (Moden, Sprachweisen). Aber der Anpassungsdruck, der durch den Zeitgeist befördert werden kann, stellt ihn zweifellos in eine gewisse Nähe zur sogenannten "political correctness" unserer Tage.

III

- überall Deutsche Geschichte: und jedesmal
der Geschichtsschreiber ein Hausgenosse,
ein Ministerial des Zeitgeistes

Wie frei ist der Historiker in seiner Arbeit? Zu seinem Bemühen, Vergangenes zu erfassen, zu beschreiben und zu erklären, gehört es selbstverständlich auch, den Geist einer anderen Zeit offenzulegen. Dabei ist der Historiker selbst ein Hausgenosse des Geistes seiner eigenen Zeit. Wenn er also den Versuch macht, einen vergangenen Zeitgeist der ihm gegenwärtigen Zeit näherzubringen, dann ist er in der Tat ein Ministerial, ein eigentlich Unfreier, der zu Diensten herangezogen wird, die ehrenvoll sein können. Es mag zweifelhaft sein, ob es dem Historiker gelingen kann, zu jenen wenigen Zeitgenossen zu gehören, die von einem archimedischen Punkt außerhalb der Vorgänge' aus die Dinge geistig zu überwinden'" suchen. Aber um den Zeitgeist einer bestimmten Epoche historisch verorten zu können, muß der Historiker sich doch darum bemühen, den Geist seiner eigenen Zeit dabei hinter sich zu lassen. Das ist manchen Historikern gut, manchen weniger gut gelungen.
Welchen Einfluß hatte der Zeitgeist auf die deutsche Geschichtsschreibung? Keine Frage, Wehler paßt zu den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts ebenso gut wie Treitschke zu den Achtzigern des vorvorigen. Und bei allen Gegensätzen im Einzelnen sind sie sich als bewußt politische Historiker einander sehr ähnlich: Ihr Bestreben, das Vergangene aus dem Gegenwärtigen erklären und beurteilen zu wollen, der missionarische Charakter ihrer Geschichtsschreibung", der grundsätzliche Unterschied zu ihren direkten Vorgängern und Lehrern bei formaler Beibehaltung derselben oder doch ähnlicher Forschungsschwerpunkte, ihr jeweiliger Einsatz für die Dominanz einer politischen Partei. Die Unfähigkeit des einen, sine ira et studio zu schreiben, demonstriert letztendlich die fehlende Bereitschaft hierzu hinreichend deutlich. Und die öffentlich deklarierte Unwilligkeit des Anderen kann über seine mangelnde Fähigkeit in gleicher Hinsicht am Ende auch nicht hinwegtäuschen.
Dabei ist das Eingeständnis des Historikers, sich nie völlig von dem Geist seiner eigenen Zeit lösen zu können, keineswegs ein Freibrief dafür, Geschichtsschreibung als Predigt und Geschichtsbücher als Kanzel zu gebrauchen. So wenig der Mensch an sich aus seiner Unvollkommenheit eine Rechtfertigung für kriminelles Verhalten ziehen kann, so wenig ist es dem Historiker gestattet, aus seiner Zeitgebundenheit eine Ausrede für nicht vorhandenes Bemühen um Objektivität zu konstruieren. Sicher, auch das Bemühen um Objektivität stellt diese nicht zwangsläufig her. Und es ist auch wahr, daß es endgültige historische Wahrheit nicht geben kann, weil - selbst bei bester Quellenlage - der Historiker wie alle Menschen zunächst einmal das Äußere erkennt und beurteilt, menschliche Hintergedanken sich aber einer wissenschaftlichen Analyse in der Regel verschließen. Ob das, was gelegentlich als "Gedanken' überliefert worden ist, auch jene wirklich reflektiert, muß offenbleiben.
Aber das Bemühen um die historisch möglichst genaue Erfassung der verschiedensten Facetten etwa des "Zeitgeistes" einer bestimmten Epoche ist doch etwas ganz Anderes als die bewußte Sichtung und Auswahl historischer Quellen nach der Vorgabe einseitiger, vorher feststehenden Theorien oder Maxime. Aber genau das war in der deutschen Geschichtsschreibung lange Zeit Brauch: nicht nur unter Nationalsozialisten und Kommunisten. So tendiert der wissenschaftliche Ertrag der aus dem Zeitgeist der 68er geschriebenen wissenschaftlichen Werke gegen Null. Historie schreibend, sind solche Historiker" selbst längst zur Historie geworden: Ein Musterbeispiel dafür, wie der Zeitgeist einer Epoche die Geschichtswissenschaft beeinflussen kann. Und damit werden sie nun selbst zum Studienobjekt. An diesem wenig schmeichelhaften Urteil kann auch weder die in jener Zeit praktizierte extensive Fachsprache, die dem Fach nie dienlich war, noch der für diese Werke charakteristische Wust an Anmerkungen, bei dem die Quantität die Qualität erdrückt, etwas ändern. Vielfach verbargen sich ohnehin unter dem Argument des "Konsens der Forschung" wissenschaftlich verbrämte Unterschriftensammlungen, die nur die gegen den Trend des Zeitgeistes Schreibenden als Sonderlinge, als "Streikbrecher", auszugrenzen suchten.
Aber, um bei den Beispielen zu bleiben, waren Treitschke und Wehler nun Repräsentanten oder Manipulatoren ihres jeweiligen Zeitgeistes? Wie entsteht der Geist, der für eine bestimmte Zeit in der Nachschau so typisch erscheint? Sind es Launen des Zufalls, denen der Historiker auch mit einer Chaostheorie wenig beikommen kann oder gibt es Kausalitäten, die, obgleich jeweils unterschiedlich zu verschiedenen Zeiten, am Ende doch historisch nachweisbar sind?
Wir stehen noch ganz am Anfang einer historischen Zeitgeistforschung. Die zunehmende Beschäftigung mit Mentalitäten öffnet für die Zukunft vielleicht Wege und Zugänge, die man momentan noch nicht überblicken kann. Der Versuch, den Zeitgeist allgemein zu fassen, hat sich in der Vergangenheit als ebenso unergiebig erwiesen wie das Bemühen, über die Beschäftigung mit dem Zeitgeist historische Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Fest steht nur, daß wie die Zeit selbst sich auch der Geist einer bestimmten Zeit wandelt. Auch können dominierende und weniger dominierende Zeitgeistströmungen und -phasen ausgemacht werden. Wo und inwieweit der Zeitgeist lokal und regional verschieden ist bzw. war, es also auch einen spezifischen "Ortsgeist" gibt, wie schon Jean Paul vermutet hat, bedarf einer genaueren Untersuchung. Bei einem allseits konformen Zeitgeist allerdings, der auch in Zeiten zunehmender Globalisierung der Ideen nur schwer vorstellbar erscheint, wäre der Höhepunkt der Entindividualisierung erreicht. Ob ein entmündigter Mensch noch Bedarf für Geschichte hat, die ihn doch immer wieder auf das Besondere und die Ausnahmen, auch das Besondere und die Ausnahmen des jeweiligen Zeitgeistes verweist, ist fraglich.