Zur Einführung: Die Deutschen und die Südsee

Hermann Joseph Hiery
 

Die Beschäftigung der Deutschen mit dem Pazifik, oder wie er von ihnen bis heute vornehmlich genannt wird, der Südsee, hat eine lange Geschichte. Dies gilt sowohl für die breite Öffentlichkeit wie für die Wissenschaft. Für beide stehen am Anfang wohl die beiden Forster, Georg und Reinhold, deren Wirken bei der zweiten Expedition Cooks erst die Popularisierung der Südsee und deren Bevölkerung begründete. Die wissenschaftlichen Aufzeichnungen Georg Forsters sind bis heute eine Hauptquelle für die europäische Kontaktgeschichte mit dem Pazifik. Da es eine Reichsflotte im Heiligen Römischen Reich nicht gab, folgten andere an der Südsee interessierte Deutsche den Fußstapfen der Forsters in den Schiffen derjenigen europäischen Nationen, die über eine nationale Schiffahrt verfügten. Besonders populär bei den deutschen Reisenden waren im frühen 19. Jahrhundert die Schiffe der russischen Marine. Georg Heinrich von Langsdorff wäre hier zu nennen, der sich im Mai 1804 mit Krusenstern auf den Marquesas aufhielt und einen Monat später Hawai’i besuchte. Bleibende Spuren in der Ausprägung des deutschen Südseebildes hinterließ aber vor allem Adelbert von Chamisso, der als Teilnehmer der Kotze-bueschen Weltumsegelung nahezu den ganzen östlichen Teil des Pazifik durchsegelte. Seine Erlebnisse auf der Rurik in den Marshallinseln hat er ausführlich beschrieben. Die bislang unter den seefahrenden europäischen Völkern schon durchaus verbreitete Sicht des Südseeinsulaners als „edlen Wilden" wurde durch Chamissos Berichte in Deutschland endgültig verankert. Diese Perzeption hat maßgeblich dazu beigetragen, daß die Südsee auf viele Individuen der europäischen, und nicht zuletzt eben auch der deutschen Kultur, bis in unser Jahrhundert hinein eine starke Anziehungskraft ausübte. Selbst Goethe, der natürlich nie in der Südsee war, wurde davon erfaßt. Unter den so kritikbewußten 68ern unserer eigenen Zeit wurden die angeblichen zivilisationskritischen Reden des Samoanerhäuptlings Tuiavii sogar zum regelrechten Kultbuch. Allerdings hat diese Südseeschwärmerei auch dazu geführt, daß eine historische, kritisch-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Südsee und ihren Bewohnern lange Zeit gar nicht erfolgt ist, oder da, wo sie erfolgt ist, vielfach nicht zur Kenntnis genommen wurde bzw. auf Unverständnis, häufig sogar auf Widerstand bei einem durch Halbwahrheiten und Stereotypen „vorgebildeten" Publikum stieß.
Die ersten Deutschen, die in größerer Zahl, wenn auch immer noch als Einzelne die Südsee zu ihrem bleibenden Aufenthaltsort wählten, waren Matrosen, die in der Südsee desertiert waren. Viele ließen sich auf den kleinen Koralleninseln Mikronesiens nieder, und nicht wenige verschlug es auch nach Samoa. In den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts, also etwas mehr als eine Dekade bevor das Reich kolonisatorisch in diesem Raum tätig wurde, gab es bereits eine ganze Reihe deutscher Händler-Siedler auf diesen Inseln, die, meistens mit einheimischen Frauen verheiratet, europäisch-deutsche Vorstellungen und Praktiken vor Ort einführten und selbst doch auch einheimische Traditionen von Leben und Lebensformen übernahmen. Die Geschichte dieser deutschen beachcomber ist bislang noch nicht geschrieben. Obwohl fast alle formal ihre deutsche Staatsangehörigkeit (bzw. die Staatsangehörigkeit ihres deutschen Landes) lange verloren oder verwirkt hatten, agierten viele dieser Händler-Siedler doch nationalpolitisch-kolonisatorisch in deutschem Sinne. Ihre Existenz bildete jedenfalls eine wichtige Grundlage für die Beförderung des deutschen kolonialen Anspruchs.
Wirtschaftsunternehmungen aus Deutschland, vor allem aus den Hansestädten Norddeutschlands, waren seit der Mitte des 19. Jahrhunderts im Pazifik aktiv; zunächst am Walfang teilnehmend, waren sie später immer stärker am Handel im Hauptprodukt der Region, der Kokosnuß, beteiligt. Das bekannteste dieser Unternehmen war die Hamburger Firma Godeffroy. Vor Ort stützte sie sich auf das vorhandene Netzwerk der deutschen beachcomber. Mit Godeffroy und dessen Nachfolgeunternehmungen expandierte das, was man in der Zeit die deutschen Interessen in der Südsee nannte. Es ist deshalb kein Zufall, daß der Reichskanzler Bismarck, der keineswegs und schon gar nicht prinzipiell kolonialfeindlich eingestellt war, wie es eine einseitige Wissenschaft immer wieder unter Verweis auf die gleiche Quelle vorzumachen versucht hat, gerade unter Zuhilfenahme auf diese „deutschen Interessen" mit Beginn der achtziger Jahre eine aktive deutsche Kolonialpolitik in der Südsee in die Wege leitete. Dabei kam Bismarck die wirtschaftlich schwierige Lage der Godeffroyschen Nachfolgeunternehmungen eher zupaß, als daß sie ihn zu einer Entwicklung genötigt hätte, die er nur widerwillig aufzunehmen bereit gewesen wäre. Daß 1880 eine Mehrheit des Reichstags die von Bismarck initiierte, wenn auch krankheitshalber nur von seinem Vertreter Otto zu Stolberg - Wernigerode eingebrachte, sogenannte Samoavorlage abgelehnt hat, ist hinlänglich bekannt. Weniger bekannt ist, daß im Mai des gleichen Jahres der Reichskanzler selbst einen der Hauptrepräsentanten großen deutschen Finanz- und Kapitalbesitzes, Adolph von Hansemann, um eine konkrete Ausarbeitung möglicher kolonialer Ziele und deren Durchsetzung im Pazifik gebeten hat.

7. Das Deutsche Reich muß für seine Interessen in der Südsee eine feste Staatsordnung schaffen, die Fortsetzung seiner bisherigen Politik: die Unabhängigkeit der Inseln zu verteidigen, ist auf die Dauer unmöglich, denn wie früher in Fiji und jetzt in Samoa, wird diese Untätigkeit aus inneren Ursachen oder durch äußere Einwirkung stets erbitterte Parteikämpfe zur Folge haben, über welche die englische Politik durch Annection triumphirt, während die deutsche Politik auf dem bisherigen Wege zu keinem haltbaren Erfolge gelangen kann und dadurch nur an Ansehen einbüßen wird.
8. In dem Ringe, welcher durch die Samoa-Inseln, Ellice-Inseln, Gilbert-Inseln, Marshall-Inseln, Carolinen nebst den Palau-Inseln, Neu-Guinea, den Neu-Britannia-Archipel, Neu-Irland, die Solomon-Inseln, Neu-Hebriden, Fiji-Inseln und Tonga-Inseln gebildet wird, nehmen die Samoa-Inseln als Central-Punkt an der östlichen Seite eine so hervorragende Stelle ein, daß die Erwerbung für Deutschland von größter Wichtigkeit ist. Für ein deutsches Kolonial-Unternehmen in der Südsee, welches einer bedeutenden Entwicklung fähig sein soll, bedarf es jedoch außerdem eines Schwerpunktes an der westlichen Seite des bezeichneten Ringes, eines Landes mit weiterem Hintergrund, das nur Neu-Guinea sein kann. In der Hand einer kolonisationsfähigen Macht wird Neu-Guinea nicht allein in diesem Insel-Ringe, sondern auch nach Westen in dem naheliegenden malayischen Archipel eine einflußreiche Stellung gewinnen.
9. In dem westlichen, mittelbar unter holländischer Herrschaft stehenden Theil der Insel bis zum 141. Grad O.L. ist eine deutsche Niederlassung ausgeschlossen. Ebenso kann die in das Interessengebiet der Engländer fallende Südostküste von Neuguinea vom 141. Grad O.L. bis zum Ostcap nicht das Ziel einer deutschen Niederlassung sein, und nur auf die Nordostküste vom 141. Grad O.L. bis zum Ostcap kann ein deutsches Unternehmen gerichtet werden.
...
Für die Erwerbung und Befestigung von Kolonien in der Südsee ist die Verständigung mit der eingeborenen Bevölkerung ein unbedingtes Erforderniß. Der Handel hat bisher den Weg gebahnt und wird sich ferner am leichtesten Eingang verschaffen, zugleich muß jedoch, nach dem Vorbilde Englands, schon ehe die Besitzergreifung als Kolonie an die Reihe kommt, auch von Seiten Deutschlands die Missionsthätigkeit, die evangelische sowohl wie die katholische, zur sittlichen Erhebung der Eingeborenen eintreten; auch muß die Staatsgewalt mitwirken, um die Eingeborenen vor jeder Ungebühr von deutschen Unterthanen, insbesondere in der Behandlung der Arbeiterkontrakte zu schützen. Die Südsee zählt viele kräftige Stämme, welche keineswegs, wie manche Anthropologen behaupten, dem Aussterben entgegengehen, sondern an Lebensfähigkeit durch die Civilisation nur gewinnen können, wenn sie von der letzeren eine gerechte Behandlung erfahren. In dieser Hinsicht hat Sir Arthur Gordon durch das auf den Fiji-Inseln eingeführte Kultur- und Steuersystem wie überhaupt durch die Organisation der neuen englischen Kolonie ein beachtenswerthes Beispiel gegeben.
Adolph von Hansemann, Denkschrift über die Colonial-Bestrebungen in der Südsee vom 9. September 1880
BA: RKolA 2927
Zwar versetzte die abgelehnte Samoavolage auch den viel weiter gehenden Vorstellungen Hansemanns einen Todesstoß, doch war dieser, wie sich zeigen sollte, nur vorläufig. In der Tat wurden die Hansemannschen Vorschläge nur vier Jahre später in nahezu identischer Form wieder aufgenommen. Bemerkenswert ist, daß Hansemann schon 1880 präzisierte, was Bismarck 1884/85 umsetzen ließ, daß nämlich die Aufrichtung einer deutschen Kolonialherrschaft in Neuguinea sich sozusagen von Anfang an selbst beschränkte, indem das noch gar nicht von Großbritannien beanspruchte Gebiet im Südosten der Insel a priori als nicht von Deutschen zu kolonisieren ausgeschlossen wurde.
Seit Ende der siebziger Jahre griff das Reich auch militärpolitisch ein, um die deutschen Handelsinteressen zu schützen. Am 16. Juli 1878 besetzte der Kommandant der Ariadne, Karl Bartholomäus von Werner, Saluafata und Falealili in Samoa, und zwar ausdrücklich „im Namen des Reiches". Die faktische deutsche Okkupation eines Teiles von Samoa wurde erst rückgängig gemacht, als die indigene Oligarchie am 24. Januar 1879 dem Abschluß eines „Freundschaftsvertrages" mit Deutschland zustimmte. Werner war 1878 auch im Bismarckarchipel („Erwerbung" der Häfen Makadau und Mioko) und in den Marshallinseln aktiv. Am 29.11.1878 schloß er mit dem Oberhäuptling Kabua von Jaluit einen Vertrag, der dem Deutschen Reich eine Kohlenstation sicherte. Solche Verträge, wie sie erstmalig 1876 mit Tonga abgeschlossen worden waren, machten wenig Sinn, wenn Deutschland nicht mittelfristig den Aufbau eines Südsee-Imperiums bezweckte. Wie sehr man auf der Suche nach noch „freien" Territorien war, auf denen deutsche Handelsinteressen den Hintergrund für ein militärisches und politisches Vorpreschen abgeben konnten, zeigt auch der am 20. April 1879 vom Kommandanten der Bismarck, Carl Deinhard, und dem kaiserlich deutschen Konsul für die Südsee-Inseln, Gustav Godeffroy, mit der „Regierung" von Huahine abgeschlossene Freundschafts- und Handelsvertrag. Die drittgrößte der Gesellschaftsinseln war formal noch unabhängig. Sie gewährte Deutschland ein Ankerrecht in allen ihren Häfen, Handelsfreiheit für jeden deutschen Untertanen und die Meistbegünstigungsklausel. Wirtschaftlich gesehen hatte die Insel für das Reich einen Wert, der allenfalls gegen die zehnte Kommastelle hinter der Null tendierte.
Die aktive Kolonialpolitik des Reiches ab 1884 in der Südsee sprang also nicht aus einem nebulösen Nichts. Daß Neuguinea das erste Ziel einer deutschen kolonialen Expansion im Pazifik sein würde, stand spätestens seit 1880 fest. Verändert hatte sich 1884 allenfalls das Umfeld: eine andere Mehrheit im Reichstag, eine zunehmend kolonisationsfreundliche, ja kolonisations-en-thu-siastische veröffentlichte Meinung und - das hat möglicherweise den Ausschlag gegeben - eine merklich nationalistischere Politik der Engländer in ihren Südseekolonien, die den Handel der deutschen Händler-Siedler und der deutschen Firmen in wachsendem Maße behinderte - von Fidschi angefangen über Samoa bis Tonga. Als die noch nicht politisch vereinigten australischen Kolonien sich auch noch in die bislang ungeklärte politische Zukunft des östlichen Teiles von Neuguinea einzumischen versuchten, mußte der Kanzler handeln, wenn er nicht eine ähnliche Entwicklung wie in Fidschi und damit einen Aufschrei in der deutschen öffentlichen Meinung hinnehmen wollte. Wie ich bereits früher ausgeführt habe, spielten die privatrechtlichen Auseinandersetzungen, bei denen sich die deutschen Händler-Siedler auch zunehmend an deutsche Gerichte wandten, um ihre Ansprüche auf Land und Besitz in der Südsee durchzusetzen, eine nicht unwesentliche Rolle bei der Entscheidung Bismarcks, die Kolonialpolitik nunmehr aktiv in Angriff zu nehmen. Nachdem die „Intercolonial Convention" der australischen Kolonien Ende 1883 einen Antrag des britischen Gouverneurs von Fidschi, George William Des Voeux, angenommen hatte, der praktisch den deutschen Interessen im Bismarckarchipel den Krieg erklärte, machte die aufgebrachte Deutsche Handels- und Plantagen-Gesellschaft die Politik „auf die Gefahr aufmerksam ..., welcher bei einer Verwirklichung dieser Intentionen zunächst unser Besitzstand, Ländereien etc. in Neu Britannien und Umgegend ausgesetzt sein würde."

Samoa Apia 1857
 Le Utu Saa Vaa (Mulifanua) 1865
 Vailele 1867
Bismarckarchipel Pemé, Hermitinseln 1874
 Niata, Duke of York-Insel 1875
 Uruputput, Makada-Insel 1876
 Rolavio, Matupi-Insel 1877
 Nusa, Neu-Irland 1880
 Kapsu, Neu-Irland 1881
Mikronesien Rul und Nif, Jap 1874
 Jaluit, Marshallinseln 1876
 Oleai, Karolinen 1877

Die frühesten Handelsstationen und Pflanzungen der Deutschen Handels- und Plantagen-Gesellschaft der Südsee-Inseln bzw. der Firma Johan Cesar Godeffroy & Sohn
Deutsche Interessen in der Südsee, Reichstagsdrucksache Nr. 63 (1884)
Hinzu kamen auch humanitäre Erwägungen. Jedenfalls wurde in der deutschen Öffentlichkeit ausführlich über die Ausbeutung der Südseeinsulaner durch die erzwungene Rekrutierung einheimischer Arbeiter auf australische Plantagen berichtet. Diese Meldungen ließ der Reichskanzler durch eigens in die betreffende Gebiete abgeordnete Diplomaten nachprüfen (seit 1883 wirkte der aus Apia entsandte Gustav von Oertzen zunächst als Vizekonsul und dann als „Reichskommissar" in Matupi). Sie dienten ihm schließlich formal gegenüber Großbritannien als Argument dafür, daß Deutschland habe einschreiten müssen. Bei der Errichtung der deutschen Kolonialherrschaft über Neuguinea wurde deswegen von Anfang an die Anwerbung von Arbeitern außerhalb Neuguineas - soweit sie nicht bislang durch vertraglich abgemachte Rechte geschützt war - untersagt.

Es ist die hiesige Arbeiterrekrutirung vollständig verschieden von der seither auf andern Inselgruppen des südlichen Theils des Stillen Oceans betriebenen Anwerbung und würde, wenn die Thatsachen bekannt, ohne allen Zweifel von den englischen Kolonialregierungen nicht gestattet werden.
Ich habe die genauesten Erkundigungen eingezogen und bin zu dem Resultate gelangt, daß die erlassenen Gesetze, welche besonders für die von Fidji fahrenden Schiffe strenge sind, einfach umgangen werden, und daß die Arbeiteranwerbung in Neu-Britannien und Neu-Irland mit wenigen Ausnahmen der reine Sklavenhandel ist, wie derselbe nicht schlimmer in Afrika betrieben wurde.
Nur an wenigen Plätzen der so zu sagen schon civilisirten Blanche-Bucht finden die Schiffe Arbeiter, welche sich freiwillig anwerben lassen. Es sind dies „Alleinstehende", deren Familie gestorben, die ihr Land verkauft haben, die zu wenig Eigenthum besitzen um weiter zu kaufen, oder schließlich solche, die irgend etwas verbrochen haben und von ihrem Stamm geflohen sind. ...
Der Natur der Sache nach sind dies jedoch nur sehr wenige, lange nicht genug, um auch nur ein Einziges der sämmtlich zwischen 100 und 250 Arbeiter fassenden Schiffe zu füllen. ...
Sobald die Eingeborenen an Bord sind, werden sie streng bewacht; nichts destoweniger entweichen viele, was dann regelmäßig zu Gefechten zwischen der Schiffsmannschaft und dem betreffenden Stamme führt. ...
Jeder in Queensland eingeführte Eingeborene wird dem Eigner des Schiffes mit 22 Pfd. Sterl. bezahlt; hiervon erhält der Kapitän gewöhnlich 18 bis 20 Sh., der rekrutirende Steuermann 5 bis 10 Sh. pro Kopf. Alles Summen, groß genug, um solche Leute zu veranlassen alle Mittel anzuwenden, sich so rasch wie möglich eine große Anzahl Eingeborener zu verschaffen.
Als Hauptzahlungsmittel werden von allen Schiffen Feuerwaffen und Munition verwandt, und können durchschnittlich auf je 2 Arbeiter drei Gewehre gerechnet werden. ...

Aus dem Bericht des Kaiserlichen Konsuls für die Marshallinseln, Hernsheim, „Matupi, Neu-Britannien, den 29. Mai 1883
Deutsche Interessen in der Südsee, Reichstagsdrucksache Nr. 167 (1884/85)
Die Art und Weise, wie der Reichskanzler die deutsche Kolonialisierung in der Südsee voranzutreiben gedachte, stützte sich auf die Erfahrungen, die Großbritannien als wichtigste kolonisatorische europäische Macht in den vergangenen Jahrhunderten gemacht hatte. Deshalb waren es Kompanien, denen die Kolonisation Neuguineas und der Marshallinseln aufgegeben wurde. Nach dem Ende der Kanzlerschaft Bismarcks und dem anhaltenden Desaster, das die Neuguinea-Kompagnie in ihrem Schutzgebiet produzierte, wurde hier, kurz vor der Jahrhundertwende, eine direkte Kolonialverwaltung durch das Reich errichtet - nahezu zeitgleich mit dem Erwerb neuer Kolonien in Mikronesien und auf Samoa. Immerhin dauerte es bis 1906, ehe auch die Jaluit-Gesellschaft das von ihr verwaltete Territorium abgab, so daß auch über die Marshallinseln der Aufbau einer staatlichen Kolonialverwaltung möglich wurde.
Die Beurteilung der einheimischen Bevölkerung in deutschen Augen ist durch die direktere Auseinandersetzung in der Zeit der Kolonialverwaltung nur teilweise modifiziert worden. Die polynesische Bevölkerung Samoas wurde nahezu durchgehend immer noch mit dem Heiligenschein des „edlen Wilden" versehen. Dies hatte zweifellos auch direkte politische Konsequenzen.

Es dürfte einer der schönsten und eigenartigsten Eindrücke sein, die heutzutage geboten werden können, diese kräftigen und teilweise geradezu klassisch schön gewachsenen Menschen mit ihrer prachtvollen brauen Haut in ihren graziösen Tänzen zu bewundern. Es sollte auch weiterhin alles getan werden, um diese Sitten und Tanzgebräuche der Samoaner, als eines der interessantesten Naturvölker, erhalten zu helfen.

Die Eingeborenen des Bismarck-Archipels sind wohl der häßlichste Menschenschlag, den unsere Kolonie Neu-Guinea, vielleicht die Südsee überhaupt, aufzuweisen hat. Die fast tierischen Physiognomien, aus denen der noch lange nicht überwundene Kannibalismus zu sprechen scheint, der teilweise schlechte Ernährungszustand und die zahlreichen Hautkrankheiten wirken eigentlich abstoßend.

Kontreadmiral Gühler, am 07. und 15.09.1910 über die polynesische Bevölkerung Samoas und die melanesische des Bismarckarchipels
BA: RKolA 2654
So ist es dem Gouverneur Solf dadurch möglich gemacht worden, seine Kolonialpolitik, trotz heftiger Angriffe von seiten deutscher Siedler, mit ausdrücklicher Unterstützung hoher Marineoffiziere und des Kaisers unverändert umzusetzen. Das wichtigste Beispiel ist die Entscheidung des Gouverneurs, Samoaner von der Arbeitsleistung bei europäischen Unternehmen zu befreien, bzw. ihnen eine solche freizustellen. Samoa wurde auf diese Weise mit Hilfe einer verzerrten öffentlichen deutschen Perzeption seiner Einwohner zu einem quasi sakrosankten Gebiet, in der die deutsche Kolonialherrschaft einheimische Traditionen - soweit sie nicht der deutschen Verwaltung direkt entgegenstanden - zu konservieren suchte und sie wohl auch konserviert hat.
Über die Bewohner Neuguineas gab es geteilte Ansichten. Im Vergleich mit dem Polynesier sah der Melanesier buchstäblich schlecht aus. Die faktische Pflicht der einheimischen Männer, entweder ihre Arbeitskraft in den Dienst europäischer Firmen zu stellen oder aber dem kolonialen Staat durch ein jährlich festgesetztes Quantum Arbeit im Straßenwesen Tribut zu leisten, war eine direkte Folge der gegenüber Samoa unterschiedlichen Perspektive. Allerdings gab es auch hinsichtlich Neuguineas prominente und einflußreiche Stimmen, gerade auch aus dem wissenschaftlichen Lager, die die im Vergleich mit anderen Südseekulturen als primitiv gesehenen einheimischen Gesellschaften unter einen besonderen Schutz stellen wollten. Der Südsee-erfahrene deutsche Vizekonsul von Apia war einer der ersten, der die melanesische Bevölkerung relativ vorurteilsfrei und genau studierte. Von seiner ausführlichen Denkschrift nahm die Neuguinea-Kompagnie aber ausgerechnet nur eine Empfehlung an: In Neuguinea Tabak zu pflanzen.

Politische Verhältnisse.
Deutsch-Neu-Guinea ist vor einer Menge einzelner von einander grundverschiedener Stämme bewohnt, die eine ganz andere Sprache sprechen - nicht etwa nur verschiedene Dialecte - und sich feindlich gegenüberstehen. Ob in allen ein Häuptlingsregiment besteht, ist noch nicht festgestellt. In dem Districkt von Finschhafen ... besteht ein solches. Die Macht dieses Häuptling (Makiri) scheint allerdings nicht besonders groß zu sein. Wir haben dieselbe nur bei Festlichkeiten, wo ihm überall der Vorrang eingeräumt wurde, constatiren können. Über Privateigenthum hat er keine Befugnisse, auch nicht über die Person. Jedes einzelne Dorf hat außerdem noch eine Anzahl besonderer Häuptlinge - abumtau - so daß man auf die Vermuthung kommen kann, daß jedes Familienoberhaupt so bezeichnet wird. ...
Eigenthum an Grund und Boden ist bekannt ob nur, inwieweit derselbe bepflanzt oder bebaut ist, kann ich nicht behaupten. Die Eingeborenen pflegen allerdings dann und wann zu erzählen, daß die Weißen ein großes Stück Land eingetauscht haben und dabei bezeichnen sie die Grenze ganz genau, indem sie auch das Buschland mit einschließen. ...
Die Küstenstämme leben mit denen im Innern wie es scheint in ewiger Feindschaft. ... Die große Feindschaft ist nach meinem Dafürhalten auf Handelsinteressen zurückzuführen. Die Küstenbewohner bewahren sich ein strenges Monopol für alle Produkte des Meeres und des Strandes; namentlich die als Schmuckstücke so geschätzten Muscheln müssen mit Yam Taro und Schweinen theuer bezahlt werden.
Körpereigenschaften.
Wie die Sprache, so sind auch die Typen der einzelnen Stämme durchaus verschieden. Man findet zwischen einem Salomonsinsulaner und einem Neu-Mecklenburger einen geringeren Unterschied, als zwischen einem Mann aus Finschhafen und einem solchen von der Mündung des Augustaflusses. ...
Die Männer im Districkt des Makiri sind zum Teil recht stattlich, - von schokoladebrauner Farbe, der Gesichtsausdruck nichts weniger als wild, das Haar kraus, bei Manchen am äußeren Kopfrande ringsherum wegrasirt, das Auge dunkel und feurig.
Die Weiber sind größentheils unansehnlich, sehr klein und mager, viele sogar mißgestaltet, - wenigstens an den unteren Extremitäten.
Die Kinder sehen sehr niedlich aus, namentlich die Mädchen im Alter von etwa 10 Jahren. Leider herrschen viele Hautkrankheiten, vor allem der Ringwurm; ich führe diese Erscheinung auf große Unreinlichkeit zurück. Man wäscht sich nie. ... Die Unreinlichkeit wieder scheint eine Folge der Moskitoplage zu sein, die in ganz Kaiser Wilhelms-Land größer ist, als ich sie irgend wo gefunden habe. ...
Die [Eingeborenen] in Hatzfeldthafen dagegen und bis zum Augustaflusse hin sind von fast herkulischer Gestalt, muskulös, von rothbrauner Hautfarbe und geradezu semitischem Typus des Gesichts, der Ausdruck ist wild. Das Haar trägt man gewöhnlich durch einen Rohrgeflechtcylinder hindurchgezogen, den Bart durch Baumwachs in einzelne Quasten zusammengeklebt, die mit kleinen Muscheln verziert sind. Die Weiber sehen hier bedeutend besser aus. Von Hautkrankheiten war weniger zu bemerken.
Geistige und Charaktereigenschaften.
Die Durchschnittsmenschen im Kaiser Wilhelm-Land muß man als intelligent bezeichnen, sie begreifen sehr leicht, haben für Alles was man ihnen zeigt Verständniß und Interesse, geben auch jeder neuen Sache je nach der Ähnlichkeit mit ihnen Bekanntem sofort einen Namen. In der Unterhaltung hört das Fragen und Wiedererzählen des von anderen Weißen Gehörten gar nicht auf, sie sind keinen Augenblick still. Bei einem Fest hatte ich auch Gelegenheit die große Rednergabe der Häuptlinge kennen zu lernen. Man sprach sehr aufgeregt und lange. Gegenstand des Disputes war die Niederlassung der Weißen und die von ihnen mitgebrachten Tauschartikel.
Vom Charakter sind die Leute gutartig und untereinander freigebig, ein Stück Brod wandert von Einem zum Andern, nachdem Jeder einen Bissen genommen hat, ebenso eine Cigarre, von der sie nur einen Zug nehmen, um sie dann weiter zu geben.
Mit diesem Kommunismus steht vielleicht der Hang zum Stehlen in Verbindung. Hierin besonders sind sich alle Stämme gleich. Was sie irgend fassen können, nehmen sie mit. In Finschhafen sind einigermaßen sichere Zustände nur durch Bestrafungen herbeigeführt worden. Man hat die Diebe an einen Baum geschlossen und über Nacht stehen lassen, eine Maßregel, die immer große Aufregung verursachte; man glaubte, der Dieb sollte getödtet werden.
Der geschlechtliche Verkehr ist sehr raffinirt; sie haben besondere Steine mit denen sie sich aufregen, andere mit denen sie nach der That die Schläfen kühlen. Durch gewisse Kräuter, die sie einstreuen und andere an denen sie das Weib riechen lassen, versetzen sie dasselbe in eine Aufregung, die nach ihrer eigenen Schilderung die wunderbarsten Bewegungen zur Folge hat.
Kleidung.
Von der Kleidung ist nicht viel zu sagen; in Finschhafen tragen die Männer einen schmalen Streifen Zeug aus Baumfaser verfertigt um den Leib und binden damit den penis nach links aufwärts, die Hoden hängen herunter. Die Weiber tragen vorn und hinten einen ganz kleinen Grasschurz. Bei anderen Stämmen tragen die Männer gar nichts, oder einen etwas größeren Schurz als die Frauen. ...
Schmuck.
Im Finschhafendistrickt findet man nur wenig Tättowirte und zwar nur Weiber, denen dunkle Linien im Gesichte eingezeichnet sind. Diese Weiber scheinen eine besondere Bestimmung zu haben, hinter die aber noch Niemand gekommen ist.
Zwischen Hatzfeldthafen und dem Augustaflusse trafen wir Männer, welche reliefartige Arabesken auf Brust und beiden Oberarmen tragen. Diese Art des Tättowirens wird in der Weise hervorgebracht, daß Einschnitte in die Haut gemacht und die Heilung durch Einlegen von Holz oder dergleichen verzögert wird. Die Figuren sehen nicht geschmacklos aus.
Sonst bilden Muscheln oder Muschelstücke, Schweine- und Hundezähne, Schildpatt, Vogelfedern, Holz, Rohr, gedrehter Strick und Kuskusfelle das Hauptmaterial aus dem alle Arten von Schmuckgegenständen verfertigt werden. Es ist zu bewundern, wie es möglich ist, alle diese kunstfertig gearbeiteten Sachen mit den Werkzeugen herzustellen, die den Menschen bisher ausschließlich zu Gebote standen, das Stein- und Muschelbeil und aus demselben Material sowie aus Bambus gefertigte Messer. ...
Häuser und Hausgeräth.
... Die Weiber haben besondere Häuser, die mit Schnitzereien reich verziert sind, häufig wunderbare Scenen aus dem Geschlechtsleben darstellend. Jedes Dorf hat ein oder mehrere Häuser für die Junggesellen, die gleichzeitig der Aufnahme von Fremden dienen. ...
Familienleben.
Die Häuptlinge haben mehrere Frauen. Wie sie zu denselben kommen, ob durch Kauf oder sonst durch Vertrag habe ich nicht herausbringen können. Es ist Mangel an Weibern und sie wiesen deshalb alle Nachforschungen zurück in der Furcht, daß man ihnen ihre Weiber nehmen wolle, wenigstens beklagten sie sich bitter über die Chinesen, welche angeblich derartige Versuche gemacht hatten. Wer einmal die Frau eines Mannes ist, scheint es für immer zu bleiben. Die Familie hält sehr zusammen. ... Frauen und Kinder werden gut behandelt. Männer und Frauen sieht man selten zusammen. Dagegen begleitet die gewöhnlich in größerer Zahl auftretenden Weiber ein Bewaffneter, um sie zu schützen. ...
Ihre Todten begraben sie dicht bei den Häusern und verzieren das Grab mit Steinen. Beim Begräbniß scheinen große Leichenfeierlichkeiten im Gebrauch zu sein mit wunderbaren Ceremonien. Die Nachrichten beruhen aber nur auf Schilderungen der Eingeborenen - es ist noch kein Begräbniß von einem Weißen beobachtet worden - und deshalb unterlasse ich die Beschreibung, weil doch manches von mir mißverstanden sein könnte.
Religiöses Leben.
Auch von dem religiösen Leben ist noch wenig ermittelt; jedenfalls sind die geschnitzten Figuren, die man überall findet, keine Götzen, auch nicht Ahnenbilder, sondern einfach Puppen, die zur Verzierung hier und da angebracht werden. ... Außerdem erweisen sie denselben nicht die geringste Verehrung. Ob die nächtlichen Tänze, die sie mit äußerst melodischen Gesängen begleiten und zu denen sie sich ganz besonders schmücken, eine religiöse Bedeutung haben, weiß ich nicht.
Dasselbe muß ich von der Beschneidung sagen. Die letztere ist im Districkt Finschhafen allgemein; jeder Knabe von etwa 10 Jahren wird beschnitten und zwar in der Weise, daß mit einem Messer aus Bambus ein dreieckiges Stück aus der Vorhaut herausgeschnitten wird. ... Die Beschneidung wird von dem Häuptling Makiri immer bei Mehreren zugleich vorgenommen und zwar in einem bestimmten Hause eines bestimmten Dorfes. Dorthin müssen alle Knaben des Districkts gebracht werden. Selbstverständlich ist die Beschneidung Anlaß zur Feier großer und lange andauernder Feste.
Nahrungsmittel.
Ob die Papuaner Kannibalen sind, wage ich nicht zu entscheiden. Jedenfalls sind sie es gewesen. Sie weisen überall die Zumuthung mit aller Entschiedenheit von sich, jeder Districkt beschuldigt aber den anderen der Menschenfresserei, insbesondere werfen die Küstenbewohner es den Leuten im Innern vor und umgekehrt. Dies könnte zu der Annahme führen, daß man die Kriegsgefangenen zu verspeisen pflegt. Auch das Vorkommen von Menschenschädeln und Knochen in den Hütten deutet auf Kannibalismus; denn der Gesellschaftsarzt [der NGK] wurde allgemein als Menschenfresser verschrieen, als die Eingeborenen in seiner Wohnung einen Schädel bemerkt hatten. ...
Als Genußmittel sind überall der Taback und die Betelnuß in Gebrauch. Der erstere wird in Form von Cigaretten, als deren Deckblatt ein grünes Pfefferkrautblatt dient, geraucht. Die Betelnuß wird zusammen mit Kalk und einem grünen Pfefferkrautblatt gekaut. Man sieht selten Jemanden ohne Kalkflasche und Netz mit Betelnüssen. ...
42seitige Denkschrift des Vizekonsuls von Apia, Dr. Knappe, über die Ergebnisse einer Reise durch das Kaiser-Wilhelmsland vom 24.06.-23.08.1886, Brisbane, 04.09.1886 an Reichskanzler Bismarck
BA: RKolA 2977

Immerhin konnte Knappe die Forderung der Kompanie auf Einführung der Prügelstrafe als gerichtliche Strafe ausschließlich für Melanesen verhindern. Und tatsächlich hat auch der langjährige Gouverneur Hahl das relativ geringe Interesse der deutschen Öffentlichkeit an dieser „primitiven" und retardierten Kolonie dazu benutzt, ähnliche Vorstellungen wie die von Solf in Samoa auch in Neuguinea zu realisieren. Jedenfalls galt das „Primitive" als Entschuldigungsgrund dafür, modernen, europäisch geprägten Vorstellungen in dieser Kolonie nur zögerlich und behutsam zur Einführung zu verhelfen.
Mikronesien, das ja seit 1899 formal zu Neuguinea gehörte, jedenfalls von dort aus verwaltetet wurde, lag im Windschatten von Neuguinea und Samoa. Mangels Finanzen und vor allem fehlender Transportmöglichkeiten konnten viele Inseln nur sehr spät der deutschen Kolonialverwaltung realiter unterstellt werden. Die deutsche Sicht der einheimischen Bevölkerung ähnelte in vielem derjenigen, die sich über Samoa eingebürgert hatte: Die meisten Mikronesier waren zwar wild, aber doch irgendwie auch edel. Und sie hoben sich in jedem Falle positiv von den hierher gebrachten oder ansässigen Asiaten ab.

Der Charakter der Yaper zeigt außergewöhnlich viel gute Eigenschaften; mir ist neben den Bewohnern der Insel Nauru kein Volk bekannt, welches an edler Gesinnung mit ihnen wetteifern könnte. Sie sind freie und stolze Naturmenschen, sie sind feinfühlig und besitzen einen Herzenstakt, der über jedes Lob erhaben ist. ... Sie zeigten ein sehr feines Empfinden für das, was angenehm berührt, sie stellten keine Fragen, deren Beantwortung etwas Peinliches an sich getragen hätte, sie hielten Unangenehmes fern und waren stets höflich, gehorsam und bescheiden. Zu bewundern ist ihre würdige Haltung in der Häupterversammlung und vor Gericht. Heftige Redensweisen oder Beschuldigungen des Gegners der Lüge habe ich nie gehört. ... Gerade dem Fremden gegenüber zeigt sich der Yaper von seiner besten Seite; er ist entgegenkommend, hilfsbereit und duldsam gegen fremde Gewohnheiten, er überläßt, was man vielleicht nirgends wieder findet, dem Fremden alles weit billiger als seinen eigenen Landsleuten. Bei ausstehenden Forderungen drängt er nicht, es kommt ihm nicht darauf an, Zahlungsfristen auf Jahre hinaus zu bewilligen, dabei ist er ein ehrlicher Schuldenzahler. Es ist mir mehreremal vorgekommen, daß er seine Schuld als größer bezeichnete wie der Gläubiger. Die in die Polizeitruppe eingestellten jungen Männer haben sich pflichttreu, aufrichtig und verständnisvoll für ihre Aufgaben erwiesen; eifrig und selbstbewußt in ihrem Dienst, blieben sie doch immer höflich und rücksichtsvoll gegen jedermann. ...
Ihr Geschmack ist ein geklärter, das zeigt sich einmal bei dem Tanzschmuck, ... als besonders in der Anlage ihrer Anwesen. Jedes Haus, versteckt in lauschigem Grün, mit seiner sauberen Umgebung, den reizenden Anpflanzungen von Blüten- und Blattpflanzen, den natürlichen Zäunen und den kleinen Nebengebäuden, gibt dem Maler ein dankbares Motiv.
Arno Senfft „Ethnographische Beiträge über die Karolineninsel Yap", Petermanns Mitteilungen 49 (1903), 49-50

Die Farbigen werden als anstelliger und zuverlässiger gepriesen; sie bedienen nicht nur mit größter Aufmerksamkeit die Maschinen in der Werkstätten, sondern haben ihrer größeren Vorsicht und Gewissenhaftigkeit halber die Chinesen auch als Lokomotivführer und Heizer verdrängt. Bei dieser Sachlage und der Spielleidenschaft der Chinesen, der sie in der Nacht fröhnen [sic], um am nächsten Tag dann arbeitsunlustig zu sein, werden die Chinesen allmählich abgeschoben und durch die erwähnten Westkaroliner ersetzt werden.

Der Kommandant des Condor, Ahlert, in einem Bericht vom 02.02.1910, über die Phosphatarbeiter aus Jap und Palau auf Angaur
BA: RKolA 2654

Durch angeborene Geschicklichkeit und Scharfsinn sind besonders Japer und Palauer unersetzlich, sie sind dem Chinesen überlegen an gutem Willen und schneller Auffassung. Kaum der Zeit entwachsen, da die Muschelaxt das mühevolle Haupthandwerkzeug bildete, sieht man sie unter Anleitung deutscher Ingenieure technisch schwierige Werke errichten, z.B. den 120 m hohen Telefunkenmast in Jap. Sicher und stolz leitet der Japer in Angaur die Lokomotive des Phosphatzuges. Überall kann man sich über ihre Brauchbarkeit freuen, wo Aufmerksamkeit, Zuverlässigkeit, handliches Geschick verlangt werden. Ohne die Japarbeiter wäre die Einrichtung und Aufrechterhaltung des Angaur-Phosphatbetriebes schwierig gewesen.

Aufzeichnung des Regierungsarztes von Jap, Dr. Buse, o.D. [06.06.1918] über die Fähigkeiten einheimischer mikronesischer Arbeiter
BA: RKolA 5132
Die deutsche koloniale Verwaltung in der Südsee unterschied sich nicht zuletzt wegen der Perzeption der Südseeinsulaner als „edle Wilde" erheblich von derjenigen Afrikas. Dies läßt sich

Bei der großen Verschiedenheit in dem Charakter der Eingeborenen der Südsee und der afrikanischen Neger erscheint die Befürchtung nicht unbegründet, daß die für Ostafrika bestehende Verwendung des Halseisens den Südseeinsulanern als eine schwer erträgliche Verschärfung des Strafvollzugs erscheinen und geeignet sein möchte, die Eingeborenen dem Gouvernement zu entfremden.
Konzept einer Antwort der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes, Berlin 30.04.1900 an Gouverneur von Bennigsen in Herbertshöhe
BA: RKolA 4783
bis in einzelne Verordnungen hin nachweisen. Und wenn einmal die Lokalverwaltung von sich aus andere, „afrikanischere" Wege einschlagen wollte, so wurde sie vom Kolonialamt selbst zurückbeordert. So ist der von den Berliner Behörden abgelehnte Antrag des ersten Gouverneurs Deutsch-Neuguineas, von Bennigsen, auf Einführung des Halseisens in Neuguinea einer der ganz wenigen Vorschläge eines Gouverneurs aus der Südsee, die rundweg und umgehend abschlägig beschieden wurden. Bezeichnend ist auch, worauf ich schon an anderer Stelle hingewiesen habe, daß in der Südsee im Gegensatz zu Afrika die deutschen Adeligen, d.h. vor allem die ostelbischen Junker, zu denen auch von Bennigsen gehörte, kurz nach der Jahrhundertwende praktisch keine Rolle mehr spielten.
In die Peripherie der Südsee verirrten sich, relativ und im Vergleich mit Afrika gesehen, nur wenig Deutsche. Zur Siedlungskolonie ist keine der deutschen Territorien im Pazifik geworden. Die meisten Deutschen gab es noch in Neuguinea, doch dürfte die Gesamtzahl aller Deutschen, die sich dort nicht nur als Durchreisende aufgehalten haben, für den Zeitraum 1884 bis 1918 kaum über 3.800 Personen gelegen haben. In Mikronesien war es im gleichen Zeitraum nicht einmal die Einwohnerschaft eines kleinen deutschen Dorfes; 350 Personen ist bereits eine relativ hohe Schätzung, mit Sicherheit waren es nicht mehr als 400 Deutsche, die sich dort aufhielten. Bei einem gegenüber Neuguinea doch gesünderen Klima schreckten die mangelnden Erwerbsmöglichkeiten für Europäer potentielle deutsche Ansiedler ab. In den Marianen, die Einwanderern am ehesten eine Grundlage für eine Existenz in den Tropen hätten geben können, betrieb der langjährige Bezirksamtmann Georg Fritz eine Antieinwanderungspolitik. Fritz wollte keine deutschen Siedler; er sagte dies ganz offen, und jene, die sich an seinen Rat nicht gehalten hatten und doch nach Saipan oder Rota gekommen waren, ließ er buchstäblich am eigenen Leibe spüren, daß die deutsche Verwaltung nicht dazu da war, deutsche Siedler zu unterstützen.
Die Sicht, daß der Südseeinsulaner möglichst unbeeinflußt von fremden Zuwanderern, die doch nur Schaden anrichten konnten, in seiner Ursprünglichkeit geschützt und erhalten werden sollte, war das Leitmotiv der meisten deutschen Kolonialbeamten, erst recht der Ethnologen, die davon träumten, einzelne Inseln einschließlich ihrer Bewohner als „Naturschutzpark" dem verderblichen europäischen Einfluß zu entziehen und indigene Traditionen auf Dauer zu konservieren. Das so etwas unmöglich ist und natürlich auch Beamte und Wissenschaftler ihren Teil

Der Eingeborene ist über seine Kulturgüter äußerst eifersüchtig verschwiegen und hütet sie wie seinen Augapfel; dem Europäer sucht er zu imponieren und ist dann im Lügen und Dichten keineswegs verlegen; bei Unkenntnis der Sprache wird dies Fehlerhafte noch vielfach falsch verstanden. Er verallgemeinert gern, übertreibt mit Vorliebe und trägt urteilslos allen Schund zusammen, da er das Wesentliche, den Kern der Sache, vom Nebensächlichen nicht zu sondern versteht. Oft genug steht er auch dem Europäer Rede mit der vorgefaßten Absicht, ihn zu täuschen; er deutet stets mehr an, als er sagt, und vieles muß dann durch oftmaliges Nachprüfen und Nachfragen verbessert, umgeändert, ergänzt werden. Dazu hatte HAMBRUCH  in sechs Wochen wahrlich keine Zeit.
Ferner ist auf der Insel beinahe alles durch Patent rechtlich geschützt; nur sehr wenig ist Gemeingut. Eine jede Familie, ja einzelne Familienmitglieder haben ihre eigenen Patente auf Sagen, Erzählungen, Zauber- und Beschwörungsformeln, Methoden bei gewissen Beschäftigungen usw. Selbst ihren eigenen Landsleuten, manchmal den Angehören der eigenen Familie, geben sie ihre Geheimnisse nicht preis. ... HAMBRUCH  verstand von der so schwierigen Nauru-Sprache so viel wie gar nichts, was doch Vorbedingung sein mußte, um wissenschaftlich bei den unkultivierten Eingeborenen arbeiten und in ihre Psychologie eindringen zu können. Mißverständnisse waren da unvermeidlich, Nebensächliches wurde vielfach aufgebauscht, der Kern der Sache besonders in schwierigen Fragen (Zauberei usw.) nicht erfaßt. ...
Sehr ausführlich werden die Lebensabschnitte behandelt ... Geburt (Kindheit), Pubertät, Schwangerschaft, Verlobung, Heirat und Tod. Wir stoßen hier wiederum auf den Fehler , daß nur Männer zu Rate gezogen wurden. Die Männer kennen das Frauenleben doch nur vom Hörensagen; bei intimen Vorgängen wie Pubertät, sind sie durch tabu direkt ferngehalten. Der richtige Weg wäre gewesen, die eine oder andere Häuptlingsfrau ins Verhör zu nehmen, die alle diese Zeremonien und Maßnahmen der Zauberer und Zauberinnen über sich ergehen lassen mußte und so hätte HAMBRUCH zuverlässige Angaben über die persönlichen Angelegenheiten dieser Frau (aber auch nur dieser) bekommen können. Was Hambruch als Pubertätsfeier bringt, ist zusammengetragenes Material aus verschiedenen Familien, das nicht in einem Rahmen untergebracht werden darf. ... Dasselbe läßt sich sagen von den Feierlichkeiten während der Schwangerschaft. ...
Die Übersetzung des Textes der bei diesen Feierlichkeiten vorgetragenen Tänze ist überaus schwierig, ja beinahe unmöglich. Genaue Kenntnis der Umwandlung, die die Sprache im Laufe der Jahrzehnte durchgemacht, seitdem die Texte in Gebrauch sind, die Kenntnis der damaligen Sitten und Gebräuche und Anschauungen, historischer Fakta, Naturerscheinungen, Anspielungen, der Bildersprache in ihrer Verstümmelung, der im Texte zusammengetragenen fremdsprachlichen Ausdrücke usw. usw., machen heute eine genaue Übersetzung unmöglich Wenn HAMBRUCH sich die Übersetzung so vieler Tanztexte doch in sechs Wochen leisten konnte, dann möchte man beinahe gratulieren.
Aloysius Kayser, MSC, über die Vorgehensweise des Ethnologen Hambruch auf Nauru
Aloysius Kayser, „Die Eingeborenen von Nauru (Südsee)", Anthropos 12/13 (1917/18), 314-315 und 330-331
dazu beigetragen haben, westlich-europäische Vorstellungen im deutschen Gewand einzuführen und heimisch zu machen und damit die Globalisierung in die entlegensten Ecken der Südsee zu tragen, wurde, zumal in ihren Folgewirkungen, damals kaum gesehen.
Sicherlich muß der Versuch, einheimische Vorstellungen gegenüber hineindrängenden, häufig zwangsnivellierend erscheinenden europäischen Perzeptionen, erst einmal abzustützen, um ihnen in dieser Auseinandersetzung den ursprünglichen Standortvorteil, den sie verloren hatten, wieder zurückzugeben, positiv bewertet werden. Der Versuch, etwa von Solf, deutlich zu machen, daß Samoa zwar eine deutsche Kolonie, aber doch an erster Stelle die Heimat der einheimischen Samoaner war - und dies auch bleiben sollte -, dem sich die Anderen eben unterzuordnen hatten, ragte aus dem üblichen kolonialen Einheitsbrei heraus und erscheint uns auch heute noch als fortschrittlich und der damaligen Zeit voraus. Solf bewies bei der Um- und Durchsetzung seiner Überzeugungen sicherlich großen Mut. Seine Entscheidung, alle Nicht-Samoaner auch offiziell als „Fremde" zu titulieren und damit der einheimischen Bevölkerung sozusagen das Erstgeburtsrecht amtlich zu bescheinigen, traf nicht nur unter den deutschen Ansiedlern in Samoa auf erheblichen Widerspruch. Größen des Kolonialamts wie Seitz, Rose und Schmidt-Dargitz fanden den von Solf eingeführten Fremdenbegriff „unhaltbar" und „geschmacklos". „Sonst kommt man ja dazu, auch den Gouverneur als ‘Fremdling’ zu bezeichnen". Der Gouver-

Es bliebe die Gegenüberstellung von „Weisse" und „Farbige" übrig. Ich finde es nun meinerseits geschmacklos und dem Rassentakt wenig entsprechend, die Hautfarbe zum Kriterium eines Rechtsunterschiedes zu machen. Daneben fallen überdies unter die Weissen auch Farbige, so dass Chinesen, Japaner, Mischlinge und z.B. die Neger der Vereinigten Staaten von Amerika, von denen einige in Samoa leben, tatsächlich farbig, rechtlich aber weiss sind.
Die Gegenüberstellung von Native und Foreigner, zu deutsch „Eingeborene und Fremde" scheint mir richtig und unanfechtbar. Man ist nur nicht daran gewöhnt. In Samoa ist der Begriff eingebürgert.
Aufzeichnung Solfs vom 16.06.1906 Rose, Gerstmeyer und Schnee z.K.
BA: RKolA 2759
neur Samoas setzte sich aber mit seiner Vorstellung durch.
Negativ muß aber auch vermerkt werden, daß die Perzeption vom „edlen Wilden", dessen Existenzrecht gegen äußere Einflüsse zu verteidigen war, eine Einstellung miteinschloß, die man wohl nicht anders als rassistisch bezeichnen kann. Die vielen Verbindungen zwischen europäischen, vor allem deutschen Männern, mit einheimischen Frauen waren Solf ein Dorn im Auge. Europäische Siedler, bzw. wie Solf sich ausdrückte, „überhaupt die gesamte Kanaker- und Mischlingswirtschaft der aus der Hand zum Mund lebenden, oder besser: an der Grenze der colour line vegetierenden Kleinsiedler" (am 11.04.1910 geheim an den Staatssekretär des Reichskolonialamtes), verfolgte der Gouverneur von Samoa mit seiner ganz besonderen Ranküne. Daß sich als Folge des Kulturkontaktes zwischen einheimischer und fremder Bevölkerung auch Symbioten entwickeln konnten, nicht zuletzt auch menschlicher Natur, war für Solf eine Horrorvorstellung, die er zu unterbinden suchte. Als Kolonialstaatssekretär hat er deshalb alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Verbindungen zwischen Einheimischen und Fremden unmöglich zu machen. Rechtlich gesehen, ist ihm dies durch die sogenannten „Mischlingsverordnungen" gelungen.
Die Welt jener Deutscher, die sich an verantwortlicher Stelle für die „Rechte" der einheimischen Bevölkerung einsetzten, war häufig eine zweigeteilte, in der Europäer und Südseeinsulaner klar voneinander geschieden waren. Über diese Trennung hinweg Brücken bauen durfte in dieser Sicht nur der Kolonialbeamte oder die von ihm oder seinen Vorgesetzten zugelassenen Personen und Institutionen. Das war keineswegs typisch für die deutsche Kolonialverwaltung; im Gegenteil, wenn überhaupt, dann haben die Briten eine solche Politik als erste vorexerziert und salonfähig gemacht. Solf, der solche Ideen nicht zufällig aus Indien und Ostafrika mitbrachte, unterschied sich aber deswegen doch elementar von Hahl, dem bei allem Verständnis für einheimische Kulturen und Traditionen, das auch er besaß, doch genügend Menschenkenntnis und eine im bikonfessionellen Franken gereifte Toleranz zu eigen war, um nicht zum Ideologen zu werden. Der praxisnahe und flexible Hahl, nicht der dogmatisch erscheinende Solf, ist deshalb eigentlich Deutschlands fähigster Kolonialbeamter in der Südsee gewesen.
Die liberal geprägte deutsche Verwaltungselite in der Südsee war im Regelfalle anglophil und sah in der Vorgehensweise der Briten in ihren Kolonien das Vorbild, an dem man sich orientierte. In vielem ging aber die deutsche Kolonialverwaltung der Südsee über das, was die Briten taten, hinaus. Auf die Vermittlung einheimischer Traditionen auch durch die deutsche Regierungsschule ist an anderer Stelle des Handbuches Bezug genommen. Hier ist aber auf die seit 1910 rapide durchgeführte Indigenisierung der Ortsnamen besonders hinzuweisen.

Es geht nun seit längerer Zeit das Bestreben dahin, die bei der Erforschung des Landes meistens zu Ehren der Entdecker oder hochstehender Persönlichkeiten eingeführten Namen in geeigneten Fällen in die Eingeborenenbezeichnungen umzuwandeln.
Weller, Postamt Rabaul, am 06.02.1913 an das Reichspostamt zur beabsichtigten Gründung der Post-agentur Deulon am Alexishafen.
RPA: GA 5091
Zu Beginn der deutschen Kolonisation hatten einige „Entdecker" wie Otto Finsch, oder auch Händler-Siedler wie Richard Parkinson versucht, im neuen Territorium Neuguinea Persönlichkeiten der deutschen Geschichte und Politik geographisch zu verewigen. Zu den ohnehin durch Engländer und Franzosen bereits hinlänglich nach heimischen Vorbildern, Persönlichkeiten oder Entdeckern benannten Landschaften und Inseln Neuguineas und des Bismarckarchipels - New Britain (Dampier), New Hanover (Carteret), New Ireland (Carteret, ursprünglich Nova Hibernia), French Islands („Iles françaises", Entrecasteaux); Bougainville, Carteret Islands, Dampier Island, D’Entrecasteaux Islands, Shortland Islands, Simpson Harbour; Sir Charles Hardy’s Island, Lord Howe’s Group -, um nur einige zu nennen, traten nun die spezifisch deutschen Varianten: Friedrich-Wilhelmshafen (am 18.10.1884 von der Neuguinea-Kompagnie zu Ehren des deutschen Kronprinzen auf Vorschlag des „Entdeckers", Kapitän Dallmann, so genannt), Kaiserin-Augustafluß (1885 von Finsch so benannt), Kaiser-Wilhelmsland, Wilhelmsberg, Bismarckgebirge, Herbertshöhe (nach Herbert von Bismarck), Hansemannberg, Stephansort (nach Heinrich von Stephan); Berlinhafen, Potsdamhafen. Für New Britain und New Ireland, zunächst verdeutscht Neubritannien und Neuirland, waren ursprünglich einheimische Namen geplant. Wilhelm hatte wohl Ende März 1885 Birara für New Britain und Tombara für New Ireland schon genehmigt. Daß die beiden größten Inseln des am 5. September 1885 auf Vorschlag des Vizekonsuls von Oertzen so genannten Bismarckarchipel schließlich doch am 30.11.1885 doch nur in Neupommern und Neumecklenburg deutsch umgetauft wurden, hatte wohl damit zu tun, daß sich die vorgeschlagenen „Eingeborenennamen" nicht als solche erwiesen, ja ein einheitlich gebrauchter oder akzeptierter indigener Name für diese Inseln gar nicht existierte.

Da in Neu-Guinea eine so babylonische Sprachenverwirrung herrscht, so hat jeder Stamm für seine Nachbarn, die anderssprachig sind, einen anderen Namen, als diese selbst; dazu führen auch die Dörfer, Flüsse usw. andere Bezeichnungen. Da ist es oft riesenschwer, und kostet es bisweilen stundenlanges Bemühen, bis man einmal die richtigen, am Platze geschriebenen Namen niedergeschrieben hat, ganz abgesehen davon, dass man schon in etwa mit Land und Leuten und der Sprache bekannt sein muss, wenn man überhaupt die richtigen Bezeichnungen finden will. Um z.B. nur einen anzuführen, bedeutet der Name, den bis dato der Ottilienfluß führt, „Ramu", nichts weiter als „Wasser", und ich müsste mich überdies sehr täuschen, wenn es nicht „Ransu" heissen müsste.
Joseph Erdweg, svd, Steyl, 13.11.1908, an Dietrich Reimer, Berlin, über die Schwierigkeiten mit indigenen geographischen Namen in Neuguinea
BA: RKolA 2382
Am 2. Februar 1895 wies die Kolonialabteilung alle Gouverneure an, in Zukunft bei Neuanlagen von Stationen und Benennungen geographischer Orte „jederzeit die dort üblichen Bezeichnungen zu wählen". Auf Anregung des internationalen Geographenkongresses im gleichen Jahr bemühte man sich seit der Jahrhundertwende verstärkt darum, europäische Namen durch einheimische zu ersetzten. 1900 unternahm die Mannschaft des Vermessungsschiffs Möwe zum ersten Mal den systematischen Versuch, in den Admiralitätsinseln für bislang namenlose Inseln einheimische Bezeichnungen in Erfahrung zu bringen. Die ersten wirklichen Umbenennungen führte Bezirksamtmann Fritz auf den Marianen durch, als er am 23. September 1901 durch „Erlaß" die alten Chamorronamen der verschiedenen Inseln wiederherstellte. In Neuguinea dauerte es etwas länger, doch war die Umbenennung des bisherigen Simpsonhafen in Rabaul zeitgleich mit der Verlegung des Hauptsitzes der deutschen Verwaltung mehr als ein Symbol. Da, wo keine einheimischen Namen vorhanden waren, war man unter Umständen sogar bereit, die „alten", nichtdeutschen Namen wiederherzustellen. 1899 gab es ernsthafte Bestrebungen in der Kolonialabteilung, Neubritannien, Neuirland und Duke of York („Neulauenburg") wieder einzuführen. Die Restauration dieser Namen scheiterte letzten Endes nur daran, daß den deutschen Umbenennungen ein kaiserlicher Erlaß zu Grunde lag, der durch einen ebensolchen hätte geändert werden müssen. Daran wagte man sich dann doch nicht heran.
In Mikronesien gab es besondere Probleme, weil man über die genaue Schreibweise der längst indigen benannten Inseln nicht einig war. Saipan wurde zeitweise auch Seipan geschrieben, Jap auch Yap. Erst ab dem 11.11.1902 einigte man sich einheitlich auf Jap. Die Schreibweise Truk (anfänglich im amtlichen Verkehr auch Ruk genannt), Ponape und Palau blieb bis zuletzt kontrovers. Nahezu jeder deutsche Ethnologe trug seine Sicht der Dinge bei. Auf Ponape wurde im März 1907 eigens eine aus den geschäftsführenden Vizegouverneur, dem Re-

Kubary zitiert, wie der auf Aulong gestrandete Wilson die von ihm heimkehrenden Eingeborenen pelú sagen hörte, was er als Landesname deutete und woraus das englische Pelew entstanden sein soll. Neben pelú gibt es aber noch ein Wort pélau, die Bezeichnung für alles rote, vulkanische Land im Gegensatz zu den gehobenen Kalkfelsen, welche kogeáll genannt werden. Die Dörfer der Eingeborenen liegen beinahe alle auf vulkanischem Land, während die kogeáll unbewohnt sind, mit Ausnahme der beiden südlichsten Inseln Pelílyu und Ngeaur (Die neue Phosphatinsel a Nge&aur, richtiger nur Ngeaur genannt) und dem kleinen Atoll Ngeiangl im Norden. Wenn ein Pelauer von einem dieser drei Plätze nach Hause fährt, so pflegt er zu sagen, er fahre nach Pelau, kid a mor Pelau. Umgekehrt spricht man von den Kalkfelsen nur mit dem Worte Kogeáll. Da also das vulkanische Land nicht allein das weit größere, sondern auch das wichtigere Land ist, so besteht das Wort Pelau zu Recht und dürfte sich für die amtliche Einführung empfehlen. Fort mit Palau, Palaos, Pelew!
Woher das Wort stammt und wie es zu deuten ist, konnte ich nicht erfahren. Ich habe weit über ein dutzendmal an den verschiedensten Plätzen mit den alten Leuten konferiert, die nur darüber auszusagen vermochten: es sei ein altes Wort, man wisse nicht, was es heiße. Nur meine oben genannte Erklärung wurde von allen gleichmäßig und selbständig angegeben. Das weitere den Linguisten!
Augustin Krämer, „Pelau", Mitteilungen aus den Deutschen Schutzgebieten 21 (1908), 179-180

Den Namen Nauru (richtig Náo9ero=) zerlegt der Verfasser folgendermaßen: a##-nuau-a-a-ororo, mit der Bedeutung „Ich gehe zu Strand = Ich gehe an den Strand". ... Mir ist die Erforschung des Namens bis dahin noch nicht gelungen; sprachlich ist aber die Zerlegung und die Bedeutung des Namens nach HAMBRUCH’S Auffassung sicher falsch. „An den Strand gehen" heißt in der Nauru-Sprache ro=du aröüro=, ... Ein anderer Ausdruck besteht nicht. ... Mit Recht wird man hinter die HAMBRUCH’sche Zerlegung und Übersetzung des Namens Nauru ein großes Fragezeichen setzen dürfen.
Aloysius Kaiser, MSC, „Die Eingeborenen von Nauru (Südsee)", Anthropos 12/13 (1917/18) 315-316
gierungsarzt und je einem Vertreter der protestantischen und katholischen Mission bestehende Kommission eingesetzt, um über die „Schriftzeichen der Ponape-Sprache und Schreibweise de Ortsnamen in den Ostkarolinen" eine einheitliche Regelung zu finden. Nach fünf langen Sitzungen hatte man die gefundenen „Schriftzeichen zur Wiedergabe der Laute der Ponape-Sprache wenn auch nicht für erschöpfend, so doch in Berücksichtigung der dialektischen Abweichungen und der Schulzwecke für dem praktischen Bedürfnis entsprechend erachtet". Hinzuweisen ist noch auf die amtliche Schreibweise für die Kolonien als solche. Neuguinea hieß nach einer Entscheidung von Kolonialstaatssekretär Solf seit Anfang 1912 amtlich „Deutsch-Neuguinea"; Samoa durfte dagegen im amtlichen Sprachverkehr, auch dafür hatte Solf als Gouverneur gesorgt, keinesfalls Deutsch-Samoa genannt werden.
Das Bestreben der Deutschen, das „typisch" Indigene, das charakteristische Lokale, herauszuarbeiten, das bei der Ermittlung einheimischer Ortsnamen wie bei der Erkundung traditioneller Praktiken, Handlungs- und Verhaltensweisen durch Beamte, Missionare und Ethnologen zuweilen fast in Besessenheit ausartete, mag als „typisch" deutsche Vorgehensweise in den deutschen Südseekolonien angesehen werden. In den pazifischen Kolonien anderer europäischer Mächte gab es sicherlich auch ethnologische Arbeiten, und keineswegs von geringerem Wert, die Versuche der Beamten und Missionare, hier ethnologisch zu arbeiten, hielten sich allerdings in Grenzen, und den nichtdeutschen Ethnologen schien die Verbissenheit abzugehen, die bei den Deutschen so oft durchscheint.
Großbritannien hatte der einheimischen Bevölkerung, etwa auf Fidschi und in Neuseeland, größere Rechte an politischer Mitbestimmung gegeben, als Deutschland auf Samoa oder selbst in Saipan zu geben bereit war. Frankreich hatte Ähnliches wie England auf einem ganz anderen Wege getan, indem jenem Teil der einheimischen Bevölkerung, der sich hinreichend an das Französische assimiliert hatte, auch die französische Staatsangehörigkeit mit allen damit verbundenen Rechten verliehen wurde. Aber keine dieser beiden Mächte war derart dazu bereit, einheimische Vorstellungen und Traditionen zu konservieren und die einheimischen Kulturen so behutsam und vorsichtig wie möglich an die „Moderne", an eine globalisierende weltweite Entwicklung heranzuführen, wie es das Deutsche Reich in seinen Südseekolonien vorexerzierte. Darin liegt das eigentlich Besondere der deutschen Kolonisationserfahrung und -praxis in der

Ich ... schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden, daß ich Seine Majestät dem Deutschen Kaiser treu und gehorsam sein, meine Dienstpflichten nach Maßgabe der Gesetze und der mir zu erteilenden Instruktionen treu und gewissenhaft erfüllen und das Beste des Reiches und seiner Schutzgebiete fördern will, so wahr mir Gott helfe.
Diensteid der Beamten in den deutschen Schutzgebieten
Kaiserliche Verordnung vom 04.09.1892
Südsee. Sie hat einen erheblichen Anteil daran, daß im westlichen Samoa bis heute der Tradition und Geschichte größerer Stellenwert zukommt als in den meisten der benachbarten Inseln. Sie hat möglicherweise auch dazu beigetragen, daß Samoa seine politische Unabhängigkeit früher als andere pazifische Inselstaaten durchsetzte. Ähnlich konservierte traditionelle Verhaltensmuster lassen sich - trotz der ganz andersartig geführten japanischen und amerikanischen Kolonialherrschaft - auch noch auf einigen mikronesischen Inseln erkennen.
Der Kontakt, den Deutsche im Zeitraum von 1884 bis 1918 mit der Bevölkerung der Südsee hatten, war - quantitativ gesehen - minimal. Zu den oben erwähnten Zahlen für Neuguinea und Mikronesien kommen noch einmal 600, höchstens 800 Deutsche in Samoa. Das ergibt eine Gesamtzahl von maximal 5.000 Deutschen, die während der besagten Periode Kontakt zu einheimischen Kulturen und Personen hätten haben können. Zu berücksichtigen ist aber einerseits, daß auch die indigene Bevölkerung - sieht man einmal von Neuguinea ab - auf den meisten Inseln der Südsee ein überschaubares Größenverhältnis aufwies. Andererseits traten auch nur Teile der deutschen Siedler in wirklichen Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. Die rein deutschen Siedlerverbindungen auf Samoa etwa haben im Regelfalle Samoaner und ihre Lebensweise nur sehr oberflächlich wahrgenommen. Dagegen sind Beamte und Missionare, auch einige Händler-Siedler, in nahezu kontinuierlichem Kontakt mit einheimischen Männern und Frauen gestanden, haben einen überdimensionalen Einfluß ausgeübt und sind wohl auch selbst stärker als andere in ihren Entscheidungen und Handlungen von einheimischen Sichtweisen beeinflußt worden.
Festzuhalten aber bleibt, daß eine Kontaktbasis von maximal 5.000 Deutschen relativ klein war, gerade wenn man sie mit der Anzahl der potentiellen Kontaktpersonen in anderen Territo-rien unter deutscher Kontrolle vergleicht. Das den pazifischen Schutzgebieten am nächsten liegende Pachtgebiet Kiautschou hatte trotz der kürzeren Zeitspanne durch die stetig wechselnden Marinebesatzungen eine Kontaktbasis, die wahrscheinlich zehnmal höher lag als die der Südsee. Für Afrika dürfte die Südsee am ehesten noch mit Togo, vielleicht auch mit Kamerun, verglichen werden können. Jedenfalls galt die Aufmerksamkeit der deutschen Öffentlichkeit und der veröffentlichten Meinung schon vor dem Ausbruch des Weltkrieges viel stärker Afrika als dem Pazifik. Mit dem Krieg ebbte das letzte noch vorhandene Interesse fast schlagartig ab. Das durch den Ausgang des Krieges endgültig besiegelte Schicksal der ehemals deutschen Südsee reduzierte den Kreis der sich hierfür interessierenden Personen noch einmal, nun auf ein Minimum. Südsee-Deutsche gab es eigentlich nicht mehr, deutsche Verwaltungsbeamte schon gar nicht. Deutsche Wissenschaftler kamen zwar noch vereinzelt in die Südsee, aber die wenigen Unternehmungen nach 1918 stehen doch deutlich im Schatten der großen Expeditionen und Forschungen aus der Zeit von vor dem Kriege. Zwar haben - im Anschluß an Tendenzen der amerikanischen Ethnologie - auch deutsche Völkerkundler noch einmal in den siebziger und achtziger Jahren unseres Jahrhunderts den Weg in die Südsee, d.h. vor allem nach Neuguinea, gefunden, aber der früher fast an allen deutschen Universitäten mit einem Fach Völkerkunde vorhandene Schwerpunkt Pazifik ist nach 1945 fast gänzlich verschwunden. Die deutsche Wissenschaft und Forschung hat offensichtlich das in der Öffentlichkeit schon lange vor 1914 zu verspürende nachlassende Interesse für den pazifischen Raum zwar verspätet, aber doch genauso gründlich nachvollzogen. Die Erforschung Afrikas hat demgegenüber auffälligerweise unter dem Verlust der deutschen Kolonien bei weitem weniger „gelitten" als die Südsee. Was bis heute geblieben ist, sind deutsche Missionare. Sie finden sich auch am Ausgang des 20. Jahrhunderts noch in allen Teilen Neuguineas und auf vielen Inseln Mikronesiens.